Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Zielgerade | Juni 2010
Getankt?
von Gisela Reuter

„Klar, habe ich getankt“, beteuere ich mit Nachdruck der Stimme am anderen Ende der Leitung und tippe mir mit dem Zeigefinger an die Stirn.
Ich bin doch nicht blöd. Wieso fragen die Leute vom ADAC, ob ich getankt habe? Aber immerhin schicken sie jemanden vorbei.

Felder, Wiesen, Landstraße. Und ein kaputter Motor. Ich hasse es, wenn Autos nicht fahren. Wenn sie einfach ungefragt ausgehen und nicht mehr anspringen. Und noch mehr hasse ich es, wenn ich nicht weiß, wie man die Motorhaube öffnet und einfach nur hilflos meinem Schicksal überlassen bin. Oder wenn man mir blöde Fragen stellt. Ob ich getankt habe, zum Beispiel. Klar, hab ich getankt. Das heißt, ich selber habe natürlich nicht getankt, aber als ich den Wagen eben abgeholt habe, bin ich natürlich davon ausgegangen, dass der Autoverkäufer ihn vollgetankt hat. Autoverkäufer tanken immer voll. Das gehört sich so, wenn man einen Gebrauchtwagen verkauft.

Ich kann nicht gleich in der ersten halben Stunde alle Funktionen ablesen. Wasserstand, Kühlung, Öl und was da sonst noch alles leuchtet oder nicht leuchtet. Eine Tankanzeige habe ich nicht gesehen. Vielleicht hat der Wagen gar keine? Bestimmt hat er keine. Also konnte ich sie auch nicht sehen.
Um mir die Wartezeit zu vertreiben, greife ich die Bedienungsanleitung aus dem Handschuhfach. Beim Rumblättern stoße ich zufällig auf das Wort Lichtmaschine. Aha! Lichtmaschine! Die war neulich beim Auto meines Chefs kaputt. Wieso bin ich da nicht gleich drauf gekommen? Natürlich ist es die Lichtmaschine. Das geht ja schon gut los. Mist, hätte ich eben am Telefon bereits sagen sollen, dann hätten sie gleich eine neue mitbringen können. Aber vielleicht haben sie sowieso eine dabei.
Von wegen, kein Sprit. Erleichtert atme ich aus und klettere aus dem Wagen.

Ein Motorradfahrer kommt angebraust und bremst so scharf vor mir, dass sich die Gabel nach unten biegt. Während er Anstalten macht, von seinem Sitz zu klettern, um mir womöglich ungefragt helfen zu wollen, rufe ich ihm eilig zu, dass ich keine Hilfe brauche und der ADAC bereits mit einer neuen Lichtmaschine unterwegs sei. „Aha!“, ruft er beruhigt zurück, „und ich dachte schon, Sie hätten keinen Sprit mehr!“
Wie bitte?
Während der Motorradfahrer davonbrettert, kommt aus einem Feldweg ein riesiger Traktor herangeknattert. „Kann ich helfen, Frollein?“, brüllt der Bauer von seinem Trecker zu mir herunter.
„Nein danke“, schreie ich zurück.
„Brauchense Sprit?“, erschallt es von hoch oben.
„Neeiiin!“, rufe ich und gebe ihm hastig ein Zeichen, er solle weiterfahren.

Jetzt könnte mal langsam der ADAC eintreffen. Ich atme tief durch, schaue genervt auf die Uhr und sehe statt des gelben Wagens einen Spaziergänger mit Stock und Hut auf mich zukommen. Da ich keine Chance habe, ihm zu entrinnen, schaue ich demonstrativ in eine andere Richtung.
„Goohdn Doooch,“ spricht er mich unbeeindruckt von hinten an, „Is iä Auhdo liehchn gebliehbn? Sprängd dor net ohhh?“
Ich stelle mich taub.
„Unn? Hobn Se schonemohl weeschn demm Sprid gschauhd?“
Nee, du Schlauberger!
Ich will jetzt nicht über Sprit reden und ich will mich auch nicht umdrehen.
„Eechnsinnche Weibbsbildä!“, schimpft er und stampft erbost davon.

Langsam werde ich unsicher. Alle reden vom Tanken. Von Zweifeln geplagt, steige ich wieder ins Auto und schalte nun doch vorsichtshalber die Zündung ein. Bevor ich von den zahlreichen Anzeigen auch nur irgendetwas deuten kann, klopft jemand an meine Scheibe.
Ich zucke zusammen und sehe einen behelmten Rennradfahrer. Seinem Gesichtsausdruck entnehme ich messerscharf, was er mich jetzt fragen wird.
Meine Nackenhaare richten sich bedrohlich auf.
„Nein!“, brülle ich. „Ich brauche keinen Sprit!“
Er zuckt und starrt mich entgeistert an. Ich starre böse zurück. Eingeschüchtert tritt er in die Pedale. Doch offensichtlich hat er einen zu hohen Gang drin. Das Vorderrad neigt sich nach links, er reißt es nach rechts und ‚plop’ liegt er samt Rennrad neben meinem Auto.
Die nächsten zehn Minuten verbringe ich damit, mich von meinem Lachanfall zu erholen. Als mir dies gelungen ist, naht auch bereits die Erlösung. Die Frage nach der Tankfüllung bleibt mir diesmal erspart, dafür erkundigt sich der gelbe Engel kurz und knapp, wo denn mein Warndreieck sei.
„Vermutlich im Kofferraum!“, antworte ich zackig.
„Und wieso haben Sie es nicht aufgestellt?“
„Weil ständig jemand vorbeikommt und mich fragt, ob ich getankt habe.“

Der Mechaniker fordert mich auf, die Motorhaube zu öffnen, und mein Blutdruck erhöht sich kurzfristig um das Dreifache. Kleinlaut gestehe ich, dass ich den Wagen gerade eben erst gekauft habe und kopfschüttelnd betätigt er selber einen Hebel irgendwo im Fußraum.
Mit einem galanten „Na, dann woll’n wir mal“ klappt er schwungvoll die Haube auf, und nach einigen „Aha’s und Soso’s“ befiehlt er mir, die Zündung zu betätigen. „Und vorher den Gang raus!“, brüllt er warnend unter der Haube hervor.
Natürlich!
Artig drehe ich den Schlüssel herum. Leider war der Gang doch noch drin und mein Wagen macht einen Satz nach vorn. Bevor die Motorhaube krachend zuklappt, katapultiert’s den Mechaniker kurzerhand in den Straßengraben. Erschrocken springe ich heraus und laufe zu ihm. Er atmet. Ein Glück. Er ist also nur bewusstlos. Mit einem Sprung bin ich wieder beim Auto und rufe einen Krankenwagen.
Und dann kommt mir eine grandiose Idee. Ich öffne den Kofferraum des ADAC-Wagens und hole den Ersatzkanister raus.

Ich schicke ein Stoßgebet in den Himmel und starte meinen Wagen.
Er springt an.
Er fährt.
Juchhuu!
Mit Blaulicht kommt mir der Rettungswagen entgegen. Ich trete auf die Bremse, kurbele schnell die Scheibe herunter und rufe den Sanitätern zu, dass der Mann im Graben liegt. Sie bedanken sich bei mir und ich gebe Gas.
Die nächste Tankstelle erreiche ich nach ungefähr dreißig Kilometern. Der Sprit hat genau bis hierher gereicht. Fröhlich springe ich aus meinem Auto.
Wobei ich mir allerdings noch während des Sprungs überlege, ob es nicht besser gewesen wäre, unterwegs erneut liegen zu bleiben oder mich am besten komplett in Luft aufzulösen.

Denn hinter der Zapfsäule stehen zwei Herren in adretten grünen Uniformen, die mich offensichtlich bereits erwarten.

Letzte Aktualisierung: 19.06.2010 - 18.27 Uhr
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