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Zielgerade | Juni 2010
Ein Weg am Fluss
von Johanna Sibera

„Komm“, flüstert er, leise und sanft, aber eindringlich, „ein Stück noch, ein ganz kleines Stückchen!“
Ich hänge an seinem Hals, die Arme irgendwie um ihn gewickelt, die Augen wende ich nicht von seinem Gesicht; der tiefere Sinn dieser rührenden Vorstellung ist, dass ich auf diese Weise nicht den Weg anschauen muss, diesen furchtbaren, endlosen, schrecklichen Weg. Der Weg führt die Donau entlang und bekanntlich entspringt dieser Strom im Schwarzwald, mündet ins Schwarze Meer und misst zweitausendachthundertachtundachtzig Kilometer. Und genau diese Entfernung zwischen Quelle und Mündung habe ich gefühlter Maßen heute schon hinter mich gebracht. Natürlich ist das nicht richtig, anscheinend sind wir nur durch halb Niederösterreich marschiert, ja, auch das ist freilich nicht korrekt, es waren vielleicht zwölf Kilometer oder nicht einmal so viel, wir wollen ja ehrlich bleiben, aber zehn waren es sicher. Aber ob zehn oder zwölf, egal – die Frage ist, wie komme ich dazu, das heißt vielmehr, wie kommt er dazu, dieser schreckliche Mann, mich hier mit sich herum zu schleppen, in dieser sengenden Hitze, auf diesem lehmigen Trampelpfad. Na ja, vielleicht ist die Hitze ja nicht so furchtbar, aber achtundzwanzig Grad zeigt das Thermometer sicher an, viel zu heiß zum Wandern, meiner Ansicht nach. Und der Pfad ist auch nicht so sehr lehmig, eher staubig, aber bei Regen möchte ich ihn nicht erleben, da watet man wohl knöcheltief im Morast. Und diese Schwalben, die einem andauernd um die Köpfe herum flitzen, wieso segeln die so knapp über dem Boden? Der schreckliche Mann weiß auf alles eine Antwort – vermutlich werden am Abend die lange versprochenen Niederschläge kommen, da fliegen die Mücken tief und die Mücken sind die Nahrung dieser Schwalben, bei denen es sich übrigens nicht um Seeschwalben handelt, wie man wegen des vielen Wassers ja leicht glauben könnte. Meinetwegen, keine Seeschwalben, sondern andere gabelschwänzige Sperlingsvögel, auch gut, es ist mir egal. Mir ist heiß, meine Füße schmerzen und ich möchte mich eigentlich nur mehr irgendwo hinlegen, lang ausgestreckt und Beine hoch. Dieser Schinder an meiner Seite, der mich zu dieser Wanderung überredet hat, kann ruhig neben mir liegen, ich würde sowieso sofort einschlafen, da kann er dabei sein oder nicht, ich merke es dann ohnehin nicht. Stimmt aber schon wieder nicht ganz, weil ich dann doch die zärtliche Hand erfühle, die sich zu mir herüber streckt, diese kleine, aber so bestimmende Geste, der ich einfach nicht widerstehen kann.

„Gleich sind wir bei der Fähre, gleich haben wir es geschafft, freu dich doch, unser Ziel ist praktisch schon in Sichtweite!“

Kann schon sein. Wie hochtrabend das klingt – das Ziel! Der Treppelweg am Fluss verläuft in großen Biegungen, also ist es wirklich möglich, dass die Anlegestelle der Fähre gleich auftauchen wird. Aber was heißt schon gleich? Immerhin erzählt er mir von diesem baldigen Auftauchen schon seit geraumer Zeit. Meine Vorfreude ist jedenfalls geschürt, sie steht in hellen Flammen. Allein die Vorstellung, mich niedersetzen zu können und den kühlen Fahrtwind auf der heißen Stirn zu fühlen, hat etwas Erfrischendes an sich.

Aber ich bin ja selber schuld. Wieso habe ich mich auf das alles eingelassen? Und damit meine ich nicht nur diesen Ausflug, sondern viel mehr als das, nämlich den ganzen Mann schlechthin, der mich da verschleppt hat. Wieso bin ich in den hinein gekippt wie ein hitziges Nilpferd in einen erfrischenden Wasserlauf irgendwo in Afrika? War das wirklich notwendig? Leider ja, ist die Antwort, es war wohl notwendig, unumgänglich notwendig, diese Sachen stoßen einem nicht einfach so zu, da rennt man darauf los, ohne es recht zu merken, und schon ist man mitten drin in einem anderen Leben. Zunächst lässt man sich ködern, mit netten Komplimenten, mit prallen, schönen Worten, die einer da plötzlich zu einem sagt. Aber eines steht fest: So jung hat er mich gar nicht schätzen können, ehrlich gemeint oder einfach höflich, dass ich gleich alt wie er geworden wäre. Selbst wenn er mir zehn Jahre locker abgezogen hat, so wäre ich mit diesem neuen Alter trotzdem nicht gleichzeitig mit ihm in der Grundschule gewesen. Vielmehr hätte er noch im Kindergarten gespielt, während ich schon in die höhere Schule marschiert wäre. Aber es ist müßig, darüber nachzudenken. Vermutlich ist es auch nicht wirklich wichtig – Liebe kommt und Liebe geht, und beides oft ganz überraschend. Das habe ich jetzt ja selbst erlebt, am eigenen Leib, obwohl ich mit diesen seltsamen zwischenmenschlichen Beziehungen eigentlich nichts mehr zu tun hatte haben wollen. Mit diesem Geplänkel, diesem Hin und Her, diesem langsamen Kennenlernen, Wort für Wort, Geste für Geste, diesem – ja unbestritten - wunderschönen aufeinander Zugehen, dem sich schließlich im anderen Wiederfinden, na und so weiter und so fort. Schließlich hat man einander entdeckt und in stundenlangen Gesprächen diesen spannenden Menschen, den man plötzlich neben sich hat, erkundet und dabei festgestellt, dass man selbst auch mit einem Mal wieder spannend ist, für eben diesen anderen. Tage, Nächte und Wochen werden miteinander verbracht und eines Sonntagsmorgens wacht man auf, blinzelt einander verschlafen zu und fragt sich, was man heute unternehmen wird. Aber ich habe es ohnehin schon gewusst: Der da, der neue Mann in meinem Leben, ist keiner, mit dem man am Sonntag faul im Schatten liegt, Bücher und Zeitungen neben sich gestapelt; der Mann da läuft den Halbmarathon ohne Probleme und ist im Begriff, die kompletten zweiundvierzig Kilometer anzusteuern, der neue Mann an meiner Seite turnt am Morgen und joggt am Abend, dazwischen geht er im Winter Schifahren und im Sommer schwimmen. Was mache ich da eigentlich in diesem Szenarium? Ganz einfach beantwortet – verliebt sein, das mache ich, wenn man das überhaupt als Beschäftigung bezeichnen kann.

Nun wird kein Sonntag ausgelassen, der sich dazu eignet, durch die Gegend zu laufen. Wandern heißt das, ja, das geht, da bin ich, natürlich unter ziemlichen Qualen, dabei. Schwimmen kann ich natürlich auch und irgendwo im Keller lehnen noch meine alten Skier. Werden einmal schauen, was da noch werden kann. Schön ist es aber dann auch immer, irgendwie. Und darum hänge ich jetzt an dieser noch immer ziemlich neuen Schulter dieses noch immer ziemlich neuen Mannes, an einem strahlenden Sonnentag neben der Donau, unter Schwalben und dem weißen Wollregen, den die Weidenbäume fallen lassen, schnurstracks auf unser Ziel gerichtet.

Und nach der nächsten Wegbiegung, die sich unter den Weiden und lichten Pappeln des Auwaldes öffnet, da ist die Anlegestelle der Fähre. Und dieses kleine nützliche Schiff wartet auf uns, schaukelt dann bald auf den Wellen einer silbrig schimmernden Donau, jetzt sind es keine Schwalben mehr, die über uns schwirren, nun sind es Möwen; der Fahrtwind mäßigt die Sonnenhitze und kühlt während der kurzen Reise zum anderen Ufer unsere heißen Gesichter, diese immer noch Wange an Wange, beinahe Mund an Mund. Das Schiffchen bringt uns heim, nach Hause.

Letzte Aktualisierung: 22.06.2010 - 08.48 Uhr
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