Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Zielgerade | Juni 2010
Neuem Leben entgegen
von Farida e Gianpaolo

Er war auf dem Weg, frei wie noch nie! Er steigerte sich in dieses triumphale Gefühl seiner kraftvollen Schwanzbewegungen. Sie trieben ihn voran und er spürte, dass er genau den richtigen Rhythmus entwickelt hatte und er nun die anstrengenden ersten Stöße hinter sich gelassen hatte. Er schwelgte in der Vollkommenheit seiner Bewegungsdynamik.

Er hatte lange auf diesen Moment gehofft. Die letzte Zeit war qualvoll gewesen. Ihr Heim war immer enger geworden, seine Brüder immer zahlreicher, und zuletzt gab es diese Spannung zwischen ihnen, diese explosive Atmosphäre, die einen nie zur Ruhe kommen ließ, diese Grundstimmung von Aggression. Sie fand ihren Höhepunkt, kurz bevor es geschah.

Ganz plötzlich war es losgegangen. Ein Schwindelgefühl hatte ihn ergriffen, während er aus dieser Enge herauskatapultiert wurde. Er war von einer wilden Strömung erfasst worden, die ihn von der Nähe seiner Brüder befreite. Atemberaubend war die Geschwindigkeit, zu der ihm dieses Element verhalf. Er nahm wahr, wie einige seiner Brüder ganz augenfällig von einem Moment der Panik ergriffen wurden. Das brachte ihn zu der blitzartigen Einsicht, dass er ihnen etwas voraushatte. Er hatte nach diesem Augenblick gelechzt und jetzt, da dieser eingetreten war, fasste er sich ohne Zögern und fing an, sich aus eigener Kraft zu bewegen. Er erprobte die ersten Schwanzschläge, die sich in dieser urplötzlichen Freiheit noch ungewohnt anfühlten. Dann begann er zu spüren, dass enorme Kraftreserven in ihm wohnten, die gerade aufzubrechen begannen. Er fühlte sich überwältigt von seiner Vollkommenheit und diese Euphorie übersetzte sich in gut gezielte Bewegungen. Je stärker und präziser seine Bewegungsabläufe sich zu akzentuieren begannen, umso leichter kam er voran.

Als plötzlich seine Umgebung sich veränderte, hatte er bereits einen Rhythmus gefunden, der ihn keine Anstrengung mehr empfinden ließ. Das Kreisen seines Schwanzes lief wie von selbst. Hier war alles anders. Die reißende Strömung hatte in diesem wesentlich breiteren Kanal nachgelassen, obwohl sich auch hier die Gangwände deutlich im Wechsel verengten und wieder erweiterten. Er fühlte es und war sich doch nicht ganz sicher, ob es in diesem Augenblick der Strom oder vielmehr ein Sog war, der ihn in seiner Reise begünstigte. Der Gang endete in einer Art Trichter, auf den er sich instinktiv und zielsicher zubewegte, noch immer von Sog und Strömung unterstützt. Das Trichterende mündetet in einen riesigen Raum, der wie eine Kathedrale oder ein Tempel anmutete. Als er den Durchgang passierte, herrschte hier eine sonderbare Atmosphäre. Sie vermittelte ihm den Eindruck, hier habe noch vor wenigen Augenblicken Aufruhr geherrscht, der aber ganz plötzlich durch eine heilige Stille abgelöst worden sein musste. Nur der Klang rhyhtmischer Ströme war hier wahrzunehmen, ansonsten überwog an diesem Ort die Stille. Das Sanktuarium war von einer gedämpften rötlichen Beleuchtung durchdrungen und eine ihm vollkommen unbekannte Energie herrschte hier.

Er hatte das Gefühl, man habe ihn erwartet, die Ahnung, man habe hier ein Fest für ihn bereitet. Und doch begegnete er an dieser heiligen Stätte niemandem. Während seiner Betrachtungen hatte er selbstvergessen sein Tempo deutlich verlangsamt, bis er plötzlich Bewegung am Eingang des Tempels bemerkte. Er erwachte aus dieser Anwandlung von Lähmung, die jene Energie, von der seine Umgebung durchdrungen war, auf ihn ausgeübt hatte. Ganz plötzlich wurde er gewahr, dass einer seiner Brüder die Schwelle übertreten hatte und zum Glück auf genau dieselbe Weise auf die Ehrfurcht gebietende Umgebung reagierte, wie nur kurz zuvor er selbst. Er rief sich zur Ordnung und straffte sich. Mit einigen Schwanzstößen hatte er seine Geschwindigkeit wiedergewonnen und durchquerte zielgerichtet das imposante Gewölbe.

In einiger Entfernung, im hinteren Teil des geheimnisvollen Gewölbes entdeckte er zwei Öffnungen, sich genau gegenüberliegend. Sie schienen in eine Art Tunnel zu führen. Er brauchte nicht einmal seine Geschwindigkeit zu drosseln, um sich bewusst zu werden, welchen der beiden Eingänge er nehmen musste. Er hielt rechter Hand auf den dunklen Gang zu. Er spürte, dass es dort war, dieses Etwas, das auf ihn wartete und nur auf ihn. Als er sich an das rötliche, warme Dunkel gewöhnt hatte, zog ihn diese Energie stärker denn je an. Im Vergleich zu dem, was er kannte, war sie so völlig andersgeartet. Sie fühlte sich so gegensätzlich an und schien doch auf geheimnisvolle Weise zu ihm zu gehören. Er sehnte sich danach, sie war seine Bestimmung, er verspürte die Gewissheit, dass seiner dort im Dunkeln die Erfüllung harrte.

Dieses Drängen und Sehnen steigerte sich noch, während er dem Tunnel folgte. Es verwandelte sich in ein beinahe schmerzhaftes Ziehen, das jede Faser seines Körper erfasste. Die Spannkraft und Dynamik seiner Körperlichkeit drang mit seinem Vordringen in den Tunnel immer stärker in sein Bewusstsein.

Er registrierte, dass der Gang leicht abzufallen begann. Sich das Gefälle zu Nutze machend, konnte er jetzt mühelos seine Fahrt zusätzlich beschleunigen.

Und dann, ganz unverhofft, begann sich am Horizont eine Halbkugel abzuzeichnen, die sich beim Vorwärtsstreben als eine perfekte Kugel entpuppte und, einem Vollmond ähnlich, das Firmament erklomm, je mehr er ihr zustrebte.

Das war die Wesenheit, Objekt seiner Bestrebungen und seines Begehrens! Er wusste es sofort und spürte es deutlich. Diese vollkommene Rundung, dieser im ständigen Farbwechsel begriffene Mond, der da vor ihm aufging, war das Ziel seiner perfekt gebündelten Energien. Er empfand eine unerträgliche Spannung, die seinen geschmeidigen Körper durchdrang.

Da! Nun schien sie zu schweben, diese Sphäre, die von zartem Dunkelrosa bis zu wollüstigem Rot vor ihm in einer Bündelung von Lebensenergie zu pulsieren und zu pochen schien, während ein ständig wachsendes Drängen ihn vorwärts trieb.

Es trennten ihn nur noch wenige Schwanzlängen von diesem perfekten Wesen, das dort auf ihn wartete, prächtig, groß, vollendet rund, vibrierend, pochend, pulsierend, momentweise zum Bersten prall und dann doch auch weich, zart, samtig, wechselhaft von rosig bis purpur. Er drosselte nur geringfügig seinen Antrieb, weil die äußere Erscheinung ihn im Zweifel darüber ließ, welche Beschaffenheit sie haben mochte. Als die überraschende Straffheit der Oberfläche ihn abprallen ließ, wusste er, er konnte sich seiner ganzen Heftigkeit hingeben; ihre Zerbrechlichkeit war nur Schein. Er nahm einen zweiten Anlauf und wurde gewahr, dass sein Aufprall auf ihrer Hülle zuerst einen subtilen Schauder und dann elektrische Stromstöße zu verursachen schien. Auch die vermutete Widerstandsfähigkeit musste nur augenscheinlich sein, denn er verspürte eine nachgiebige Zartheit, die ihm das Durchdringen beim dritten Stoß erlaubte.

Er tauchte hinein und wurde von einem gierigen Saugen aufgenommen. Es umschloss ihn, er gab sein Bewusstsein und die Grenzen seiner Körperlichkeit auf. Mit der letzten ihm verbliebenen Willenskraft besann er sich auf seinen Wunsch. Der fremdartige Teil, den er in sich trug und den er dennoch nie bewusst gelebt hatte, sollte in ihrer Verschmelzung dominieren. Dann, während ihre Essenz sich miteinander verband, gab es nur noch ... Extase...

Als sie sich ineinander verschlangen und miteinander verschmolzen, entstand ein Licht, das Wunder neuen Lebens. Neun Monde sollten verstreichen bis Shalila das Licht der
Welt erblickte.

Letzte Aktualisierung: 13.06.2010 - 10.38 Uhr
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