Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Zielgerade | Juni 2010
Tag im Juni
von Martina Kurz

„Das konnte ja heiter werden.“ Energisch drückte Nina auf den Türöffner, strich sich eine widerspenstige Locke aus der Stirn und zog vorsichtig die Tür auf. Ihr Blick wanderte von den abenteuerlich aufgetürmten Kisten zu ihrer Linken hin zu den welken Kräuterresten in den Tontöpfen auf dem Fensterbrett der kleinen Küche – und blieb im Treppenhaus hängen. „Hi, ich bin Mäx. Sind Sie die Chefin?“ „Hi. Nina, komm rein. Du bist der erste.“ Sie versuchte, den jungen Mann nicht zu auffällig zu mustern: circa 1,90 groß, Typ Bohnenstange, schwarze, wellige Haare, ungefähr kinnlang, Raverbärtchen oder eher -flaum. Dunkelblaues Kapuzenshirt, löchrige Jeans, Hosenboden auf Kniehöhe, schmuddelige Chucks, Ursprungsfarbe unbekannt. „Okay, wir warten wohl am besten noch auf die anderen. Hier ist noch ein Rest Kaffee, in der Kiste unter dem Tisch steht eine Kiste Wasser, Fanta und Cola findest du in dem Korb daneben zwischen den Brötchen.“
Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Oder vielmehr, was hatte Hannes sich dabei gedacht, als sie gemeinsam vor drei Monaten diesen Umzug in ihre neue Wohnung planten? „Haben wir doch sonst auch immer alleine mit Freunden hinbekommen“, war Hannes lapidare Antwort auf ihren Vorschlag, vielleicht mal an ein Umzugsunternehmen oder wenigstens zwei bis drei zupackende kräftige Jungs zu denken, die sie einfach für ihre Arbeit bezahlten. Obwohl sie weder schwere antike Möbel noch eine komplette Einbauküche besaßen, war der Hausstand doch in den letzten zwei Jahren gemeinsamen Zusammenlebens um diversen Krimskrams angewachsen – ein ganz normaler Zustand bei einem Dreipersonenhaushalt. Hannes achtjähriger Sohn Flo lebte zwar abwechselnd bei ihnen und bei seiner Mutter, Carerabahn, seine umfangreiche Sammlung an Matchboxautos, Laserschwertern und Fuß- und sonstiger Bälle war jedoch Papaspielzeug und deshalb beständig bei Hannes und Nina eingezogen.
„In Ordnung. Ich verstehe ja deine Bedenken. Vielleicht ist es ja wirklich besser, wir bezahlen ein paar kräftige Jungs für den Umzug. Da wissen wir wenigstens, dass die nicht im letzten Moment wegen einer dringenden Zahn-OP abspringen oder am Tag X unbedingt mal wieder ihre Mutter besuchen müssen, die sie seit einem halben Jahr nicht gesehen haben. Ich frage mal Sanne, die hat ihre tatkräftige Unterstützung ja bereits fest zugesagt.“
Nina zuckte. Ausgerechnet Sanne. Nicht, dass sie Hannes 19-jährige Tochter nicht mochte. Im Gegenteil, sie verstanden sich prima und sie musste immer schmunzeln, wenn Sanne, die einen guten Kopf kleiner als sie war, von ihren Zukunftsplänen erzählte, die innerhalb der nächsten drei Tage – oder auch Stunden – zuverlässig über den Haufen geworfen wurden. Dabei knibbelte sie aufgeregt an ihren Fingernägeln, je nach Tagesform grellorange oder lila lackiert, fuhr sich durch den rotgefärbten Schopf und drehte an ihrem Oberlippenpiercing – ihre neueste Errungenschaft, für drei Arbeitstage bei Mäkkes und unter Schmerzen erstanden.
„Ein paar von Sannes Mitbewohnern haben gerade ihr Abi gemacht, haben Zeit und könnten ein bisschen Geld gebrauchen. Das wäre doch prima. Wir haben zuverlässige Hilfe – und die Jungs könnten sich was nebenbei verdienen.“ Nina schätzte durchaus Hannes soziale Ader – und vielleicht könnte das Ganze ja sogar gut ausgehen. Langsam ließ sie noch mal ihren letzten gemeinsamen Besuch in Sannes derzeitiger WG Revue passieren: das angeschimmelte Muffinsblech unter der improvisierten Spüle, eine wohl sortierte Auswahl an leeren Flaschen, die irgendjemand in einem Anflug an Ordnung auf diverse Plastiktüten verteilt hatte, Zeitschriften türmten sich auf Küchentisch und Fußboden – und zwischen ihnen lugten mehr oder weniger gefüllte Aschenbecher hervor. „Gemütlich habt ihrs hier“, entfuhr es Nina und zog angewidert ihren Schuh aus einer undefinierbaren klebrigen Masse zwischen mehreren Lagen Packpapier mit Farbklecksen, die Teile des Bodens bedeckten.
Nach und nach füllte sich die kleine Gemeinschaftsküche: Sannes Mitbewohner waren wirklich liebenswerte Jungs. Wenn sie nachmittags aus ihren Betten und Zimmern krochen, drehte sich so ziemlich alles um Playstation und Co. Ihr sportlicher Ehrgeiz war damit hinreichend erschöpft. Also die optimale Voraussetzung, um den Umzug eines Dreipersonenhaushalts vom dritten Stock, Altbau ohne Aufzug in den zweiten Stock, Altbau ohne Aufzug, entspannt an einem Tag zu meistern.
Immerhin waren sie motiviert und freuten sich auf ein wenig Abwechslung und Selbstverdientes. Und sie kamen gut voran. „Erstaunlich, hätte ich den fünfen gar nicht zugetraut.“ Ninas Sorgenfalte auf der Stirn verschwand fast völlig während die jungen Männer bereits beim Keller angelangt waren, selbständig den Lkw beluden – und Hannes in aller Seelenruhe seine letzten beiden Regale auseinander schraubte. „Was hatte der eigentlich in der ganzen letzten Woche gemacht?“ Nina zog hörbar die Luft ein, entschloss sich jedoch, besser den Mund zu halten. Nicht jetzt auch noch streiten.
Gegen zwei Uhr nachmittags starteten sie zur neuen Wohnung durch. Zum Glück dauerte die Fahrt nur zehn Minuten, ein Vorteil, wenn man nur das Viertel wechselte und nicht in eine neue Stadt zog. Hannes zückte zufrieden den Haustürschlüssel, die Hälfte war geschafft – die Jungs leider auch. Nina hätte am liebsten einfach alles hingeworfen, als sie Sanne und die fünf auf dem Balkon sitzen sah, schweißgebadet, mit roten Gesichtern, jedoch noch durchaus in der Lage, sich ihre letzten Zigaretten zu teilen.
„Hannes, mach irgendetwas. Die können nicht mehr – und wir müssen heute Abend bis 24.00 Uhr den Lkw zurückbringen und vorher noch die alte Wohnung übergeben.“ Nina hatte jetzt endgültig genug von der ganzen Aktion. Sollte doch Hannes seine tolle Idee alleine ausbaden, sie würde ihm bestimmt nicht dabei helfen, die Waschmaschine zu schleppen – und dann noch den ganzen Rest, der sich sorgfältig gestapelt im Lkw befand.
„Okay, Jungs. Lasst mich bitte jetzt nicht im Stich. Wenn wir uns alle ein bisschen zusammenreißen, dann geht da doch noch was. Seht das mal ein bisschen sportlich. Joschi, wir beide die Waschmaschine?“ Hannes pickte sich den zierlichen Joschi heraus, der von allen noch am fittesten aussah. Das zog und die anderen, einschließlich der ächzenden Sanne starteten erneut durch. Kurz nach 24.00 Uhr fielen Hannes und Nina erschöpft auf die große Luftmatratze, die sie eigentlich immer zum Zelten mitnahmen. „Versprich mir, dass das das letzte Mal war. Der nächte Umzug nur noch mit einem professionellen Team. Ich möchte nicht selbst Motivationstrainerin spielen und eine müde Mannschaft ins Ziel tragen.“ Hannes kuschelte sich an ihren Bauch: „Versprochen. Aber für die Jungs war das doch eine tolle Herausforderung. Das werden sie so schnell nicht vergessen.“ Nina seufzte leise. „Schlaf gut.“

Letzte Aktualisierung: 11.06.2010 - 00.01 Uhr
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