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Zielgerade | Juni 2010
Büßerhemd in Rosa
von Harry Michael Liedtke

Er biss! Sowohl auf die Zähne als auch sich im übertragenen Sinne in den Arsch. Es lief nicht rund. Oder besser: Er rollte nicht rund. In Schlangenlinien kroch er schneckengleich vorwärts. Seine Beine schmerzten, der Schweiß tropfte ihm unablässig in die Augen und sein Keuchen war lauter als das Schnauben eines asthmatischen Rhinozerosses. Verfluchter Mist. Er war an einem Berg zerschellt.
Wie tanzende Schatten nahm Henrik die am Streckenrand aufgereihten Fans wahr, die inbrünstig die einzelnen Pedaleure anfeuerten. Dumpf drang das vielstimmige „Hopp, hopp, hopp“ in sein Bewusstsein, wie durch eine dicke Watteschicht spürte er die aufmunternden Klapse, die auf seinen gebuckelten Rücken prasselten. Den ganzen Tag Spitzengruppe mit 4300 Höhenmetern und 23 Kilometern Schlussanstieg, da jault nicht bloß der innere Schweinehund.
Verdammt, es hätte so schön sein können. Henrik schniefte. Er hatte es vermasselt, war zu gierig gewesen. Heißhungrig, aber eben nicht esslustig. Er hatte sich zu viel zugetraut und in seinem Erfolgshunger vergessen zu futtern. Nichts im Magen, nichts im Kopf, lautet eine Redensart unter Radrennfahrern. Als es drauf ankam, war ihm die Kraft ausgegangen. Die Kohlenhydratreserven seines Körpers waren aufgebraucht, weil er es versäumt hatte, einen Energievorrat anzulegen. Die Folge: Ein akuter Leistungsabfall mitten im Wettkampf. Ein Hungerast!
Henrik ächzte laut. Jetzt hing er verschmachtet im Berg. Nicht nur, dass er den Sieg verschenkt hatte, alle würden überdies wegen seiner Dummheit über ihn lachen. „Der Grünschnabel hat das Maul nicht voll genug genommen.“ So oder so ähnlich würden die Kommentare lauten.
Es war aber auch wie verhext. Alles hatte sich gegen ihn verschworen. Erst waren zwei seiner Edeldomestiken verletzungsbedingt früh aus der Etappe ausgestiegen, dann hatte sich bei einem Massensturz sein Funkkopfhörer in Elektronikschrott verwandelt. Danach war der Versorgungswagen mit einem Motorschaden liegengeblieben. Zu schlechter Letzt hatte es den mit der Übergabe der Verpflegungsbeutel betrauten Wasserträger erwischt. Auf regennasser Straße war sein Sekundant mitsamt der Fresspakete in die Böschung geschlittert, sodass die so wichtigen Energiegels und -riegel nun irgendwo im Matsch versanken. Und das vor dem entscheidenden Anstieg!
Henriks Frust saß tief. Als Nobody hatte er beim Giro d’Italia für Furore gesorgt. Zum Star war er geworden, von jetzt auf gleich. Quasi im Handstreich hatte er auf der 9. Etappe die Führung in der Gesamtwertung übernommen und sie seitdem nicht mehr hergegeben. Für anderthalb Wochen war er die absolute Sensation gewesen. Auf jeder Etappe voll da, und in den anschließenden Interviewmarathons stets souverän. Zu Tausenden hatten die Fans während seiner Teufelsfahrten jauchzend Spalier gestanden. Die Bilder von ihm im Rosa Trikot des Gesamtführenden waren um die Welt gegangen. Heute war der Traum zu Ende und das Märchen vorbei. Auf der letzten Hochgebirgsetappe, am letzten Berg, war er eingebrochen. Verhungert. Wie ein blutiger Anfänger!
"Wer falsch isst oder trinkt, hat schon verloren", so lautet das Credo der Teamärzte. Recht haben sie. Während so einer dreiwöchigen Tour verbrennt ein Fahrer rund 130.000 Kalorien. Umgerechnet macht dies zwischen 25 und 30 Kalorien pro Minute. Das schafft keine Diät der Welt. Eine schwere Etappe wie die heutige bringt etwa zwei bis drei Kilo Körpergewichtsverlust. Da muss man regelmäßig für Nachschub sorgen, auch wenn es im Gefechtseifer schwerfällt.
Nun, Henrik hatte nichts gegessen. Wie auch? Er hatte ja nichts gehabt. Wieder und wieder war die Übergabe der Essensrationen wegen der Pannenserie gescheitert. Als sich dann seine ärgsten Konkurrenten um den Sieg auf und davon machen wollten, hatte ihn die Geduld verlassen. Hätte er abreißen lassen sollen? Spontan hatte er eine Entscheidung getroffen. Im Nachhinein betrachtet, die falsche. Er hatte sich an die Hinterräder der Rivalen geklemmt. Doch diesmal waren die anderen davongeflogen. Kraftlos hatte er sie beim Anstieg ziehen lassen müssen. Ihm war das Sportbenzin ausgegangen, um es mal salopp auszudrücken.
Jetzt quälte er sich mit steifen Beinen und flatternder Lunge den Berg hoch. Er wusste, dass er sogar Gefahr lief, das Zeitlimit zu überschreiten. Fahrer, die dieses elende Schicksal erleiden, werden gemeinhin von der Rennleitung ungerührt aus dem Wettbewerb genommen. Was für eine Schmach. Natürlich war ihm der Gedanke gekommen, einfach aufzugeben. Aber das kam für ihn nicht in Frage. Er war ein Kämpfer. Auch in aussichtslosen Lagen stand er seinen Mann. Außerdem: Man streicht nicht einfach so die Segel, wenn man im Maglia rosa fährt. Basta! Es gibt bestimmte Dinge, die tut man schlichtweg nicht. Wie etwa das legendäre Rosa Trikot herzuschenken, und sei die Enttäuschung noch so groß! Dieses Sporthemd ist nicht nur eine Auszeichnung, sondern zugleich eine Verpflichtung. Man kann es sich abnehmen lassen, aber man reicht es nicht freiwillig weiter. Das wäre nicht nur des Trikots unwürdig, sondern auch dem neuen Träger gegenüber herabwürdigend.
Es gab aber noch einen anderen Grund für Henrik, nicht zu kapitulieren. Einen sehr viel schnöderen: Geld! Wenn er jetzt aussteigen würde, wäre ein großer Teil der bisher angesammelten Mannschaftsprämien verloren. Das hätten ihm seine Teamkameraden nie verziehen. Also gab es für Henrik nur eines: Weiterhangeln! Auch wenn’s weh tat.
Und es tat weh. Vor Sitzschmerzen konnte Henrik schon lange nicht mehr im Sattel ausharren. Seit 15 Kilometern ackerte er jetzt bereits im Stehen. Krämpfe wüteten in seinen Beinen. Dazu kam ein ekliges Seitenstechen, das jedes Bemühen um eine gleichmäßige Atmung unmöglich machte. Zudem hatte er sich auf die Zunge gebissen. Na, wenigstens lenkte ihn der Schmerz im Mund von dem in den Beinen ab. Durchhalten, hämmerte sich Henrik ein. Noch 6 Kilometer bis zum Gipfel, dann war sein Leidensweg endlich vorbei. Aber 6 Kilometer steil bergauf waren in seinem abgekämpften Zustand ein hartes Stück Arbeit. In seiner Not hatte er vor einigen Minuten gar einen Schokoriegel zu sich genommen, der ihm von einem treuherzigen Zuschauer heimlich zugesteckt worden war. Nahrungsmittel von einem Fremden annehmen, so etwas macht man ja eigentlich nicht. Was konnte da alles drin sein? Einen unkontrollierten Snack zu verspachteln, war Leichtsinn hoch Tausend. Aber Henrik war mittlerweile dermaßen meschugge, dass ihm eine lebenslange Sperre wegen der Einnahme unerlaubter Substanzen viel weniger ausmachte als eine Disqualifizierung aufgrund eines zu hohen Zeitrückstands.
Keine Ahnung, wie lange es noch dauern würde, bis die Nährstoffe im Muskelgewebe ankamen. Wobei Henrik seit ein paar Minuten den Eindruck hatte, dass es in seinem Inneren zu glimmen begann. Vielleicht täuschte er sich ja, aber auf den letzten zwei-, dreihundert Metern war ihm das Treten wieder leichter gefallen. Okay, dann mal los. Forza Henrik, bring’s zu Ende, spornte er sich an. Energisch stemmte er sich hoch, stieg beherzt in die Pedale – und trat mit Schmackes ein Loch in die Luft! Vor Schreck hätte er sich fast auf die Schnauze gelegt. Nur mit Mühe konnte er den Sturz abfangen. Hoppelnd kam er zum Stehen. Was zum ...? Kettenriss! Himmelsakra, Aas und Arsch, verdammte Drecksscheiße! Bei Henrik brannten sämtliche Sicherungen durch. Ehre hin, Prämien her, in diesem Moment pfiff Henrik auf alles, was ihm kurz zuvor noch wichtig gewesen war: Das Rosa Trikot, den Giro, die TV-Kameras, seinen Ruf ... Er tickte aus! Wild vor Grimm herumbrüllend, trampelte er auf seinem defekten Fahrrad herum, brach die Schaltungs- und Bremsgriffe ab, trat die Felgen ein und schlitzte mit einem spitzen Stein die Reifen auf. Anschließend packte er den Drahtesel am Rahmen und schlug ihn erst auf den Straßenasphalt und dann gegen die Felswand. Henrik führte sich auf wie ein Berserker. Dass er noch vor ein paar Minuten auf dem Zahnfleisch gekrochen war, merkte man ihm nun nicht mehr an. Seine Kraft war zurück. Der Schokoladenkaramellriegel tat seine Wirkung.
In seiner Rage schnappte sich Henrik das zerbeulte Rad und schmiss es in hohem Bogen über die Streckenleitplanke ins dicht bewaldete Tal. Zornbebend beobachtete er, wie das Schrottstück den Abhang hinunterschlitterte. Dass sich sofort einige Souvenirjäger an den Abstieg machten, um das Vehikel zu bergen, fachte seine Wut weiter an. Er wollte auf die Fans losgehen, besann sich dann aber und ließ die Andenkensammler machen. Vielleicht brachen sie sich ja beim Kraxeln das Genick. Wäre ihnen zu wünschen.
Ebenso rasch, wie er gekommen war, verrauchte sein Zorn. Plötzlich war Henrik nur noch müde! Und deprimiert! Gebeugt schlich er zur Bergwand zurück und kauerte sich mit leerem Blick nieder. Ein paar Fans traten zu ihm und versuchten vergeblich, ihn zu trösten. Wenig später bog ein Auto um die Ecke. Der Mannschaftswagen. Henrik grinste bitter. Er hatte ein zynisches „Na, auch schon hier?“ auf den Lippen, verbiss sich aber den Spruch, als er den schuldbewussten Blick des Teambetreuers sah. Der Helfer schluckte seinerseits die Frage nach dem Verbleib von Henriks Tretferrari herunter und wies einen Mechaniker an, dem Mann in Rosa ein Ersatzrad auszuhändigen. Aber Henrik schüttelte nur still den Kopf. Fini! Henriks sportlicher Leiter stieg aus dem Auto und unterrichtete seinen Spitzenfahrer aufmunternd lächelnd, dass die Jury die Karenzzeit ausgesetzt habe. Es seien am heutigen Tag so viele Pannen passiert, dass man die wenigen Abgeschlagenen, die durchgehalten hätten, nicht auch noch für ihren Kampfgeist bestrafen wollte. Es folgte ein auffordernder Schulterschlag, der zusammen mit dem Beifallsklatschen der dabeistehenden Fans für Henrik einen Appell ergab, dem er sich einfach nicht verweigern konnte. Seufzend schwang er sich aufs Ersatzvelo. Sein Teamchef steckte ihm noch schnell ein Tütchen Bananenbrei zu, bevor er ins Auto stieg. Henrik biss wieder auf die Zähne und mobilisierte noch mal alle Kräfte. Er war ja praktisch schon auf der Zielgeraden ...

Letzte Aktualisierung: 16.06.2010 - 23.27 Uhr
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