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Zielgerade | Juni 2010

Maria und Josef
von Anne Zeisig

Ich stehe müde im Pyjama in der Küche und bereite für mich und meine hochschwangere Frau Annika das Frühstück. Als ich das Tablett ins Esszimmer trage, bemerke ich diesen dumpfen Schmerz im Rücken. Schuld daran ist die Schwangerschaftsgymnastik vom gestrigen Abend. Es handelt sich bestimmt um einen Bandscheibenvorfall. Ansonsten hatten wir bis jetzt eine entspannte Zeit. Kein Gekotze seitens meiner Frau und auch ich habe die vorgeschriebenen Kilos zugenommen.
Plopp! Der Knopf von meinem Schlafanzug springt über den Esstisch und landet in meinem Kaffee. Annika trinkt Kräutertee. Wegen ihrer Verdauung. Ich höre von oben die Toilettenspülung und rufe: „Frühstück ist fertig!”
Mein Brötchen bestreiche ich mit Nuss-Nougat-Creme, beiße herzhaft hinein,
„autsch”, und reibe mir den Unterkiefer. Es ist normal, wenn in der Schwangerschaft die Zähne in Mitleidenschaft gezogen werden. Kalziummangel.
Wo bleibt bloß Annika? Es war doch ihre Idee, am heiligen Samstag Morgen einen Kreißsaal zu besichtigen, der sich offenbar auf der Klinkwiese befindet. Geburt im Grünen. Geburt bei Mutter Natur. Eine neue Idee. Weil man sich ja inzwischen in einem Friedwald unterm Baum begraben lassen kann, soll es auch die Möglichkeit geben, dort zu entbinden. Ich niese. Leide unter einer Birkenpollen-Allergie.

Endlich höre ich ein Poltern auf der Treppe. Annika ist im neunten Monat, und deshalb weit entfernt von den zarten Bewegungen einer Gazelle.
„Tom! Komm! Schnell! Ich habe auf die Uhr geguckt! Wenn das Wehen sind, dann kommen sie alle fünfzehn Minuten!”
Was!?
Plopp! Der zweite Knopf ist abgesprungen. Ich laufe in den Flur. Annika sitzt mit Schmerz verzerrtem Gesicht auf der oberen Stufe und ehe ich einen vernünftigen Gedanken habe, ruft sie: „Die Tasche fürs Krankenhaus!” Sie wirft mir das Ding entgegen und trifft meine Stirn. Ich stürze nach hinten und schlage erst mit meinem Gesäß und dann mit dem Hinterkopf auf die Bodenfliesen.
„Soll ich auf der Treppe entbinden?” Sie keucht und hält sich beide Hände vor ihren Bauch. „Hol das Auto aus der Garage!”
Ich rappele mich hoch.
„Nimm die Tasche und stelle sie in den Kofferraum!”
Ich greife zur Tasche. „Hast du da drin Backsteine verstaut?”
Ich wette, mein Lendenwirbel ist angeknackst.
„Ist genug Benzin im Tank?”
Mein Kopf dröhnt: „Ich tanke bereits seit sieben Monaten ständig nach, damit der Tank immer voll ist.”
Annika zieht sich am Geländer hoch und stöhnt wie ein Walross: „Beeil dich! Wir haben das alles doch zig mal durchgesprochen!”
„Das Zuwerfen der Tasche war nicht verabredet!”, rufe ich, nehme meinen Autoschlüssel vom Haken und humpele, so schnell es eben geht, in die Garage.

. . .

Die Sankt-Josef-Klinik habe ich bereits vor Wochen unter Favoriten im Navi abgespeichert. `An der nächsten Ampel rechts abbiegen.´
Den ziehenden Schmerz vom Ischiasnerv bis in die rechte Kniekehle kann ich nicht ignorieren. Und im Inneren meines Schädels arbeiten zig Presslufthämmer.
Ich zähle leise die Spuren dieser Schwangerschaft auf: „Bandscheibenvorfall, Parodontose, Fraktur des Lendenwirbels, ein eingeklemmter Ischiasnerv und ´ne psychosomatische Migräne.”
Wische mir den Schweiß von der Stirn und klappe die Sonnenblende herunter.
Annika erspart sich einen Kommentar.
`Fünfhundert Meter geradeaus.´
Das Lenkrad ist nicht griffig, weil meine Handinnenflächen nass sind. Die Tachonadel pendelt sich bei Achtzig ein. Der Motor schnurrt im fünften Gang wie ein junges Kätzchen. Ich blicke auf mein linkes Handgelenk. Blutdruck 130 zu 75. Aber mein Puls gefällt mir überhaupt nicht. Zu hoch. Ich bekomme Herzklopfen und spüre eine gewisse Enge im Brustkorb. Eigentlich müsste Annika das Blutdruckmessgerät tragen. Aber weil eine Schwangerschaft keine Krankheit ist, trage ich es.
Rot.

Ich trommele nervös mit den Fingerspitzen auf den Lenker.
„Geht gleich weiter”, flüstere ich nach hinten.
Meine Frau sitzt ruhig und entspannt auf dem Rücksitz.
Mir wird übel. Habe ja kaum was im Magen. Bin bestimmt unterzuckert.
`An der nächsten Kreuzung links abbiegen.´
„Bei Rot? Dass ich nicht lache!”
Mein Handy spielt `Für Elise´.
„Wer ruft am heiligen Samstagmorgen an?”
`Jetzt links abbiegen.´
Grün

`Links abbiegen!´.
Plopp! Das war der dritte Knopf. Die Enge im Brustkorb hat sich gelöst.
Ich steige auf das Gaspedal und trete es mit einem Ruck durch. Der Motor heult auf und die Räder drehen sich für einen Moment durch.
`Zwei Kilometer dem Straßenverlauf folgen.´
Wir verlassen mit quietschenden Reifen die Ortschaft: „Jetzt geht es in die Zielgerade! Keine Sorge Schatz! Gleich sind wir da!”
Bäume, Felder und Milchkühe rasen mit hundertzwanzig Sachen vorbei.
`Einen Kilometer dem Straßenverlauf folgen.´
„Keine Baustelle und keine Schafe auf der Fahrbahn”, sage ich und schaue in den Rückspiegel.
`Achten Sie auf die Geschwindigkeitsbegrenzung.´
„Wie sind so gut wie da”, beruhige ich Annika.
Ein heller Blitz erschreckt mich. Ich verreiße das Steuer, gelange auf die Gegenfahrbahn, lenke sofort zurück und mein Auto schwankt leicht hin und her.
Vor meinen Augen tanzen viele kleine schwarze Punkte wild durcheinander: „Die kriegen ´ne Anzeige wegen Körperverletzung.”
Ich nehme den Fuß vom Gaspedal und reibe abwechselnd meine Augen. Hornhautablösung?
`Folgen sie 500 Meter dem Straßenverlauf.´
Annikas Ruhe färbt auf mich ab. Ja, ich gebe es zu. Frauen sind das stärkere Geschlecht.
Und wieder meldet sich das Handy.
„Ich geh nicht ran. Kann am Samstag nichts wichtiges sein. Höchstens deine Mutter. Hat bestimmt wieder Namensvorschläge für das Kind.”
`Maria ist hübsch! Wie meine Urgroßmutter! Und einen Knaben könntet ihr Josef nennen! Das würde Vater freuen, täte er noch leben. Die alten Namen sind wieder modern!`, äffe ich sie in Gedanken nach.

`Rechts befindet sich ihr Ziel.`
Ich schalte in den Zweiten runter. Der Motor bremst ruckartig ab.
Die Leuchtschrift „NOTAUFNAHME” prangt mir entgegen. Also steige ich wieder in die Kufen, rase die Auffahrt hoch und hätte fast das Pförtnerhäuschen umgefahren.
Ich kurbele die Seitenscheibe herunter: „Meine Frau hat Wehen und ich bin unterzuckert!”
„Ist nur für Einsatzfahrzeuge!”, brüllt der Pförtner und zeigt mir einen Vogel.
Wütend setzte ich meinen Wagen zwei Meter zurück und ramme den Fahrradständer.
Mein Handy spielt wieder `Für Elise´. Ich steige aus und hole Annikas Tasche aus dem Kofferraum, als mich jemand von hinten antippt.
Ich drehe mich herum.
„Holzknecht. Doktor Holzknecht.” Er mustert mich von oben bis unten, dann begutachtet er den Fahrradständer und schließlich bückt er sich und schaut in den Wagen.
Der Mann hat die Ruhe weg.
„Wo ist die Trage für meine Frau?”, schreie ich ihn an und tippele nervös von einem Bein auf das andere. „Nun tun Sie doch was!” Ich zeige ins Autoinnere. „Die Wehen kommen alle paar Minuten!”
„Soso.” Er zieht die Augenbrauen hoch, fasst mich an mein Handgelenk, wo ich das Messgerät befestigt habe, und säuselt mir zu: „Alles wird gut.”
„Alles wird gut?”, schreie ich und spüre, wie mein Puls besorgniserregend in die Höhe schnellt. „Wenn hier nicht endlich was passiert, dann ...”
Plopp! Mein vierter Pyjamaknopf springt in den Rinnstein und rollt in den Gully.
Der Doktor schiebt mich sanft zum Eingang: „Zunächst geben Sie Ihre Personalien an und dann sehen wir weiter.”
Was lese ich auf dem Schild neben der Pforte? KLINIK FÜR NEUROLOGIE UND PSYCHIATRIE.
Ich befreie mich aus dem Griff des Doktors und laufe zum Auto: „Annika! Hier sind wir falsch!”
Innerhalb von Sekunden bade ich im eigenen Schweiß, reiße die Fahrertür auf, werfe mich auf den Sitz und drehe den Zündschlüssel herum.
Tuck. Tuck. Mist. Die alte Karre springt nicht an. Ich höre, wie Annika auf dem Rücksitz ächzt und stöhnt.
Der Doktor trommelt von außen an die Scheibe und kreischt Unverständliches. Ist mir jetzt egal, was der für Probleme hat.
Ich rüttele und zerre am Zündschlüssel.
Der Wagen springt endlich an und der Dok springt zur Seite. Die Reifen drehen durch und es geht mit Vollgas die Auffahrt hinunter.
„War das nicht Sankt-Josef?”,rufe ich in den Fond zu Annika, „scheiß Navis!”
Meine Frau bleibt ruhig und das wirkt auf mich entspannend.
`Folgen Sie dem Straßenverlauf zwei Kilometer.´
Mein Fuß ist am Gaspedal fest geklebt und wir rasen zurück Richtung Zentrum.
„Das erstbeste Krankenhaus ist unseres! Wenn nicht, dann sollst du deine Freiluftentbindung im nächsten Wald haben.
Der Motor röhrt und wir lassen die Friedwälder hinter uns.
`Noch zwei Kilometer bis zum Ziel´.
Tacho und Puls klettern auf Hundertfünfzig.
`Folgen Sie dem Straßenverlauf.´

Rot.
Ich mache eine Vollbremsung. Der Lenker rammt sich in meine Magengrube.
Wieder das Handy und `Für Elise.´
Ich halte es an mein Ohr und schreie: „Wer ist da?” Und höre ein hohes Piepsen. Das ist ein Tinitus! Mein Tinitus! Mein ganz persönliches Innenohrgeräusch, mit dem ich von nun an täglich leben muss. Mein Magen windet sich und würgt Leber und Galle ab.
„Einen dusseligeren Schwiegersohn hätte ich mir kaum wünschen können!” Ruft Annikas Mutter in den Hörer. Ich wechsele zum gesunden Ohr. Sie ist nie darüber hinweg gekommen, dass ihre Tochter keinen Arzt geheiratet hat.
„Annika ist in der Sankt-Maria-Klinik!”, kreischt meine Schwiegermutter.
„Sankt-Maria? Aber hier ist doch der Josef. Quatsch. Wir ...”
„Tom, du bist ohne Annika los gefahren,”,sagt sie nun langsam und gedehnt, „trotzdem herzlichen Glückwunsch! Mutter und Kind sind wohlauf.”

Plopp! Das war der letzte Pyjamaknopf.

Anne Zeisig, Juni 2010

Letzte Aktualisierung: 01.06.2010 - 15.40 Uhr
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