Der himmelblaue Schmengeling
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Chef | Juli 2010
10 Minuten
von Marcus Watolla

„Ach, Herr Konrad. Haben Sie in zehn Minuten Zeit? Ich muss mit Ihnen über etwas sehr Dringendes sprechen.“
Ich sehe meinen Chef mit großen Augen an. Der will bestimmt wieder Weihnachts- und Urlaubsgeld kürzen, dieser Knauser. Wie letztes Jahr.
Und die Jahre davor.
Und wir alle schlucken das ohne ein Wort. Normalerweise sollten wir uns beschweren, streiken und ihm die Bude auseinander nehmen. Aber außer ein paar Lästereien und Gezicke hat sich keiner so etwas getraut.
Noch neun Minuten …
Habe ich vielleicht etwas falsch gemacht? Mich beispielsweise bei den Kalkulationen verrechnet? Dafür gibt es jetzt bestimmt Ärger. Mein Chef mag so etwas nicht sonderlich. Das gibt bestimmt einen mächtigen Anschiss. Neulich hat er erst den Schmidt auseinander genommen, weil der bei einer Berechnung einen Addierfehler gemacht hat.
„Schmidt!“, hatte er gebrüllt, „Sie müssen sich mehr konzentrieren. Ich kann keine Flaschen gebrauchen, die eins und eins nicht zusammen zählen können!“
Noch acht Minuten …
In Gedanken gehe ich bereits die Kalkulation noch einmal durch. Setze mich an den Computer. Hole sie mir auf den Schirm.
Nein.
Da ist kein Fehler.
Alles bestens.
Also liegt es nicht daran. Aber warum will er mich dann sprechen? Seinem Gesichtsausdruck zufolge ist es was sehr Ernstes. Er hat nicht gelächelt (was er ohnehin selten macht). Was will der bloß von mir?
Noch sieben Minuten …
Ob er wohl dahinter gekommen ist, dass ich Kaffee und diverse Büroutensilien hab mitgehen lassen? Mein Gott, aber das macht doch jeder. Deswegen kann er mich doch jetzt nicht zur Rechenschaft ziehen.
Noch sechs Minuten …
Ich merke, wie ich anfange zu schwitzen. Mein Puls rast. Meine Hände zittern. Ich habe ein ungutes Gefühl. Und auf mein Gefühl konnte ich mich eigentlich immer verlassen. Meinem Instinkt war im großen und ganzen immer zu trauen.
Noch fünf Minuten …
Ich hörte von Gerüchten, wonach die Firma Leute entlässt. Sparmaßnahmen. Wie überall heutzutage. Vielleicht will er mir kündigen? Was wäre dann? Arbeitslosigkeit. Geldsorgen. Schulden. Ich bin über vierzig. Wer sollte mich noch einstellen?
Oh Gott.
Er will mich rausschmeißen!
Noch vier Minuten …
Ausgerechnet mich! Nach zehn Jahren treuen und loyalen Diensten! Ich bin nie zu spät gekommen oder habe Grund zur Beanstandung gegeben. Warum ausgerechnet ich? Nein! So was darf man sich nicht gefallen lassen! Ich hasse diese fette Schwuchtel sowieso. Immer hat er etwas auszusetzen. Nie ist er zufrieden.
Na warte!
Nicht mit mir!
Noch drei Minuten …
Ich stürme los. Reiße die Tür zu seinem Büro auf. Erschrocken sieht er mich an.
„Du fettes Arschloch! Zehn Jahre habe ich mir für dich den Rücken krummgeackert! Und das ist der Dank?!“
Verdattert sieht mich mein Chef an. Dann wird sein Gesicht puterrot.
„Und ich dachte“, schnauft er, „Sie freuen sich über die Beförderung …?“


Watolla
2010

Letzte Aktualisierung: 22.07.2010 - 12.32 Uhr
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