Der Tod aus der Teekiste
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Chef | Juli 2010
Ein perfektes Paar
von Marie Brand

Ein perfektes Paar

Er muss gut ausgesehen haben, damals. Zumindest sieht es auf dem Bild so aus: Stolz trägt er die Latzhose mit den vielen Taschen und Schlaufen für allerlei Utensilien, die ein Tischler so braucht. Silbern gerahmt hängt das alte Photo neben dem Meisterbrief. Direkt darunter steht sein Gesellenstück, eine raffiniert konstruierte Kommode. Sie wäre eines Königs würdig. Eigentlich macht ihm das Tischlern heute noch Spaß. Das merke ich, wenn er mal wieder selbst Hand anlegt in der Werkstatt. Aber meistens hat er keine Zeit dafür. Heute trägt er Anzug, mein Chef, und leitet ein Beerdigungsinstitut.
„Gestorben wird immer“, pflegt er zu sagen. Und er legt besonderen Wert auf die Qualität der Särge. Mittlerweile kommen auch in unserem Gewerbe Billig-Varianten auf den Markt, aber meistens legen die Menschen hier einen anderen Maßstab an. Was sie den Verstorbenen im Leben schuldig geblieben sind, geben sie ihnen im Tod.
Davon können mein Chef und ich Geschichten erzählen. Unglaublich.
Aber auch sonst erleben wir sehr viel bei dem Geschäft mit dem Tod.

Natürlich war es wieder ein Wochenende, Samstag zur besten Sportstudio-Zeit. Wir sind eben immer im Dienst. Wer kann das sonst schon sagen? Mein Chef klingelte mich vom Fernseher weg, weil eine alte Dame verstorben war. Sie sah sehr friedlich und lieb aus, als wir sie in ihrem Bett neben dem offenen Fenster mit den wehenden weißen Gardinen sahen. Ihr Mann konnte sich nicht vorstellen, bis zum Morgen neben ihr zu liegen, deshalb hatte er uns umgehend gerufen. Der Notarzt hatte nur noch den Tod feststellen können und „Herzversagen“ auf dem Totenschein attestiert.
Wir trugen sie durchs Treppenhaus und ließen den gebrochenen Gatten zurück. Nur das Beste wollte er, mehr war nicht aus ihm herauszubekommen. Er musste sie sehr geliebt haben.
„Ach was, das ist nur das schlechte Gewissen“, meinte mein Chef, als wir die alte Dame entkleideten. Wir wollten sie waschen, ihr ein feines Batist-Totenhemd mit Spitze anlegen. Ich hätte auch ein Häubchen hervorgesucht, doch das fand mein Chef übertrieben.
Als wir aber die alte Dame in den dezent verzierten Eichensarg mit den schweren Beschlägen legten, bestand er darauf, ihr Wollsocken anzuziehen. Dabei hätte das nun wirklich niemand beim Aufbahren gesehen. Schließlich werden alle noch zugedeckt. „Frauen frieren doch immer“, gab er nur von sich. Da mochte er wohl recht haben.
Die Socken streifte er höchstpersönlich über die weißen, kalten Füße.
Gerade wollte ich anfangen aufzuräumen, da rief er mich zu sich: „Jeremias, komm mal her!“ Mit dem Finger zeigte er auf einen Punkt am Fuß. „Das sieht wie ein Einstich aus.“
Eindeutig. Auch ich konnte das sehen. Wie von einer Injektion. Aber am Fuß? Was sollte das für eine Injektion gewesen sein? Wir sahen uns an. Mein Chef streifte ihr den zweiten Wollsocken über und deckte sie zu.
„Wir schlafen ein paar Stunden, dann gehen wir zu ihm“, meinte er.
„Müssten wir nicht die Polizei …?“
„Doch, aber auf die paar Stunden kommt es nicht an. Sie läuft uns nicht weg, und er wird kaum in die Karibik fliehen.“
Ich war mir da nicht so sicher. Dennoch nickte ich, hundemüde wie ich war.
Am nächsten Morgen verfolgten wir unsere Strategie. Auf dem Sofa klärte ich mit dem Mann die ganzen Formalitäten für die Beerdigung. Einladungen, Zeitungsanzeigen, Beerdigungskuchen, Versicherungs- und Behördenkram. Dazu gab es leckere Kekse.
„... die hat meine Frau noch gemacht ...“, floss es aus ihm heraus. Mein Chef sprach zwar hinterher von Krokodilstränen, doch ich fand sie schon ziemlich echt.
Die Versicherungspolicen gaben nicht viel her, aber mein Chef war im Hintergrund auf der Jagd. Er suchte im Badezimmer nach ungewöhnlichen Substanzen und in der Küche nach einer entsorgten Spritze. Und überhaupt nach allem, was verdächtig sein konnte. Nur fand er nichts. Außer zwei vollgestopften Regalen mit Krimis. Aber das war nicht weiter ungewöhnlich.
Also nahm er mich hinterher ins Kreuzverhör. Alles musste ich berichten, wortwörtlich am besten. Viel gab es nicht zu erzählen. Sie waren kein altes Ehepaar, kannten sich erst seit zwei Jahren und hatten vor einem Jahr geheiratet.
„Aha!“, meinte mein Chef.
„Nee, nee, die haben sich geliebt.“
„Ein guter Schauspieler, sonst nichts“, beharrte er auf seinem Standpunkt.
Im Krimiclub hatten sie sich kennengelernt. Sie verschlangen alles, was der Markt hergab, analysierten und diskutierten.
„Ein idealer Nährboden“, war sein Kommentar.
Vielleicht. Sie liebte Miss Marple, er stand mehr auf Commissario Brunetti.
„Hmm.“
So kamen wir nicht weiter. Wir riefen die Polizei.
Natürlich mussten wir ein bisschen schwindeln. Danach hatten wir den Einstich erst am Mittag entdeckt. Aber das war bestimmt o.k.
Die Polizei ließ ihre ganze Maschinerie anlaufen. Obduktion, Spurensicherung, Vernehmung. Dabei gerieten auch der Pflegedienst und die Nachbarin ins Visier. So wurde geklärt, dass die alte Dame an einem Schock durch Vergiftung gestorben war. Einen Täter unter den Verdächtigen konnte die Polizei erst einmal nicht ausmachen, ein Geständnis gab es nicht.
Die Beerdigung sollte nun am nächsten Tag stattfinden. Mein Chef und ich machten es uns in der Sitzecke für die Anverwandten gemütlich - unter der stimmungsvoll leuchtenden Stehlampe und mit einem roten Grablicht vor uns, die Füße nicht gentlemanlike auf dem kleinen Couchtisch. Eine Zeit lang hatten wir noch gemeinsam alles hin und her gewälzt. Jetzt brütete jeder vor sich hin.
„Ich habe mich verrannt“, stieß mein Chef plötzlich hervor.
Aus meinen Gedanken gerissen, die mich bereits nah an den Schlaf gebracht hatten, zuckte ich zusammen. „Was?“
Doch er sprang schon auf und griff zum Telefon. Ich staunte über das, was er dem Polizisten am anderen Ende der Leitung erklärte, und bewunderte ihn nur noch mehr. Das war's. Mit Sicherheit. Raffinierter Plan, perfekt eingefädelt. An Schlaf war nicht zu denken.
Die Polizei war noch nicht da, als die Beerdigung anfing. Nötig war das aber auch nicht, denn kurz zuvor brachte uns ein Notar ein kleines Päckchen mit einer Kassette, die wir während der Trauerfeier abspielen sollten.
„Liebe Trauernde! Ich hoffe zumindest, dass ein paar von euch trauern“, erklang die Stimme der Verstorbenen. „Ihr wundert euch vermutlich über diese Aufnahme. Oder vielleicht auch nicht? Ich nehme doch an, dass unser Krimiclub anwesend ist.“
Einige rutschten in den Bänken hin und her. Eine ungewöhnliche Beerdigung, soviel stand fest.
„Ich wollte unbedingt dabei sein. Und ich wollte euch ein Rätsel aufgeben. Hat es einer von euch gelöst?“
In die folgende Pause hinein hörte ich sie untereinander wispern. Nur der Ehegatte in der ersten Reihe blieb ruhig. Mein Chef konnte sich das Schmunzeln nicht verkneifen.
„Nun, ich bin bei euch. Und ich bin tot. Es war kein Mord, auch wenn ihr euch zwischendurch schon misstrauisch beäugt habt. Ja, ich habe mich selbst umgebracht. Ich habe mir Gift gespritzt und anschließend die Spritze und das leere Fläschchen aus dem Fenster geworfen. Ein Gartenfachmarkt ist eine ergiebige Quelle. Habt ihr im Beet im Hof schon nach der Spritze gesucht?“
Ein Raunen ging durch die Gesellschaft. Der Mann blieb stoisch ruhig.
„Keiner von euch hat es herausbekommen? Schade. Ich hatte meinen Anwalt angewiesen, demjenigen, der es vor der Beerdigung schafft, 10.000 Euro auszuzahlen.“
Wow, 10.000 Euro. Das war doch mal was.
„Vielleicht war mein Scherz ein bisschen makaber.“ Eine kleine Pause. „Es tut mir nur etwas für Gregor leid, der bestimmt einige unangenehme Tage hatte. Ich liebe dich.“
Eine Träne floss aus Gregors Auge. Keine Krokodilsträne. Ich war mir sicher.
„Aber gebt es zu: Ihr habt eine unvergessliche Beerdigung.“ Einige mussten grinsen.
„Ich hatte übrigens Krebs. Unheilbar. Mir und euch wollte ich den Kampf ersparen. Keine Diskussion. Ich bin alt genug geworden.“
Das Schweigen war beinahe greifbar.
„Denkt ab und zu an mich. Ich vermisse euch. Macht's gut!“
Nach einem kurzen Moment der Stille, in die das Klacken des Kassettenrekorders wie ein Donnerhall einbrach, fing die Trauergemeinde an zu klatschen. Eine wahrhaft unvergessliche Beerdigung.

Die 10.000 Euro bekam tatsächlich mein Chef. Schließlich war die Polizei sein Zeuge. Er hat mir davon ein Moped geschenkt. Ohne mich als Partner hätte er es nicht geschafft, sagt er.
Hoffentlich werde ich auch mal so ein guter Bestatter wie er. Er kann mir noch allerlei beibringen, bis er mir das Geschäft übergibt. Das hat er mir versprochen.
Ich habe für ihn schon einen Sarg ausgesucht. Ich bette ihn auf roten Samt in seinem schwarzen Anzug. Und ich gebe ihm auch einen Zollstock mit. Schließlich ist er mit Leib und Seele Tischler.
Und er bekommt eine Pfeife. Die ist für uns. Als unschlagbares Team. Mr. Holmes und Dr. Watson.

Letzte Aktualisierung: 27.07.2010 - 09.51 Uhr
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