Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Chef | Juli 2010
Brownie
von Jochen Ruscheweyh

Laura ist Meisterin darin, mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Ihre dabei stets gleiche Taktik: Schweigen und böser Blick. Normalerweise hat sie mit dieser Methode Erfolg. Aber nicht heute. Denn heute fange ich mit meinem Entzug an. Und ich bin topmotiviert.

Ich sammle gut drei Dutzend Mars- und Snickers-Folien ein, von denen ich gestern behauptet habe, ihren Inhalt an die Nachbarskinder verteilt zu haben, als Laura beim Jazztanz gewesen ist. In Wahrheit habe ich die kleinen Schokoriegel ganz allein in mich hinein gestopft, auf meiner Party – oder besser gesagt Abschiedsparty, denn ab heute bin ich ja clean.

Ich drücke Laura einen Kuss auf die Wange und gehe hinaus in mein neues selbstbestimmtes Leben.

Bereits an der zweiten Haltestelle fällt mir auf, dass etwas fehlt. Richtig! Hier würde ich sonst meine lila Pause machen – wenn ich noch abhängig wäre.
Stattdessen durchforste ich meine Tasche. Der Roman aus der Bücherei zeigt kleine dunkle Flecken, und auch auf meinem Brillenetui befinden sich feine braune Schmierspuren: Schockierende Zeugnisse meines aus den Fugen geratenen Konsums.
Übersprunghandlung: Ich packe meinen iPod aus. Unter der Schutzhülle haben sich einige Schokoladenkrümel auf das Click-Wheel gelegt. Ich fahre mit dem Finger entlang und verfolge erstaunt, wie sich die braunen Partikel an meiner Fingerkuppe wie Pollen am Hintern einer Biene sammeln. Ich starre meinen ausgestreckten Finger in Nasenhöhe an. Homöopathie soll bekanntlich heilen, also kann diese Minderdosierung meinem Entzug doch eigentlich nur förderlich sein. Eine ältere Dame, die wahrscheinlich etwas anderes auf meinem Finger wähnt, dreht sich angewidert weg. Ich bleibe stark und säubere meine Fingerkuppe am Sitzpolster.
Im Prinzip ist es doch recht einfach, wieder selbstbestimmt zu handeln. Denn, etwas zu tun - in meinem Fall Schokolade zu essen - bedeutet ja Aktivität und Anstrengung. Etwas nicht zu tun, sollte demnach viel leichter fallen, weil man sich ja nicht anstrengen muss, da man ja nichts tut.
Die ältere Dame rümpft die Nase und hält mich wahrscheinlich für einen durchgeknallten Crack-Junkie. Trotzdem: Ich fühl´ mich super; nussig leicht, stark und motiviert.

Das Hochgefühl hält genau bis zum Umsteigen, und mein Ur-Verlangen nach dem braunen Gold schleicht sich langsam wieder zurück in mein Bewusstsein. Ich beschließe, die dunklen Gedanken einfach beiseite zu schieben und mich – das erscheint mir nur logisch, gerecht und meinem neuen Verhaltensmuster entsprechend - für meine bisherige Abstinenz zu belohnen. Ich greife in meine Jackentasche und taste ... nichts. Verdammt, mein Notriegel! Laura muss ihn raus genommen haben. Mir kommt ein Verdacht:
Sie will mir meinen 70%igen Push in Form eines Mini-Barrens vorenthalten, damit ich wieder rückfällig werde, in den nächsten Laden marschiere und mir eine ganze Tafel kaufe. Nur damit sie sagen kann: Ätschi! Ich wusste ja, dass du´s nicht durchhältst. Von wegen! Ich bin mein eigener Chef, da werd´ ich mir von ihr doch nicht meinen Entzug kaputt machen lassen!
Ich wechsele die Straßenseite und ertappe mich dabei, wie ich kurz, aber energisch gegen die heruntergezogenen Laden des türkischen Kiosks trete. Typisch, wenn man mal dringend was braucht, liegt der gemeine Südländer noch im Bett, denke ich mich in Rage, bevor mich das Schiebetür-Maul der braun-beigen Strassenbahn verschluckt, die so appetitlich daherkommt wie die 200g-Jumbo-Tafel Kaffeesahne unseres Lieblingsdiscounters.

Ein Teenie-Kiffer mit Hanfblatt-Applikation auf seinem übergroßen Shirt sieht mich verunsichert an.
„Weißt Du eigentlich, wie das is´, richtig abhängig zu sein? Wohl kaum, du mit Deinen Kinderdrogen da!“, schnauze ich ihn an und suche mir einen einsamen Platz. Langsam zieht ein dumpfer Schmerz meinen Nacken hoch. Erste Entzugserscheinungen klopfen an, aber ich hab´ nicht vor, sie rein zu lassen.
Zwei Kopfschmerztabletten in den Mund und runter damit. Nicht umsonst nennt der Mediziner Schokolade süßes Aspirin. Die Apotheken-Umschau meint, dass 50 Gramm Schokolade so viele Antioxidantien wie 15 Glas Orangensaft enthalten. Wer weiß, was sich seit gestern Abend schon in meinen Arterien abgelagert hat? Ein kalter Entzug ist aus internistischer Sicht hundert pro totaler Selbstmord.

Die Tabletten helfen, meine Gedanken zu ordnen. Ich werde ruhiger. Beim Aussteigen raune ich dem Teenie-Bengel zu: „Hey, war nicht so gemeint.“
Er nickt gönnerhaft.
„Aber“, setze ich nach, „du hast nicht zufällig ein Snickers oder so dabei, was?“

Ich bin ein nervliches Wrack, als ich auf der Arbeit ankomme. Als erstes checke ich den Schrank, in dem wir die Mitarbeiterkekse aufbewahren. Natürlich hat bereits jemand alle Bärentatzen und sonstiges Schoko-Gebäck verzehrt. Nein, nennen wir´s ruhig beim Namen: weg-ge-fres-sen! War ich gestern arbeiten? Keine Erinnerung.
Ich widerstehe dem Drang, mit der Faust auf die Kekspackung einzudreschen und schließe den Schrank. Plötzlich ein Flashback in meine Jugend:
Vor mir unser Küchenregal mit dem Fach, in dem sich das Perpetuum Schokoladicum befindet. 10 Tafeln Vollmilch und die Gewissheit, wenn ich heute zwei esse, stockt meine Mutter wieder auf die nächste Zehnerpotenz auf. Ihre „Man muss nicht alle Tafeln auf einmal wegessen“-Warnung - So sinnvoll wie Rattengift auf einer Müllkippe.
Die zweite Erleuchtung des Tages: Ich bin von lauter Co-Abhängigen zum Schoko-Junkie erzogen worden. Besser, ich lasse den wöchentlichen Anruf bei meinen Eltern heute ausfallen. Eigentlich müsste ich sie posthum beim Jugendamt anzeigen. Aber ich denke, auch solche Delikte verjähren. Nur die Folgen bleiben ein Leben lang.

Ich hangele mich ohne nennenswerte Konflikte durch den Vormittag Das ist angesichts der Umstände eine knuspercrunchige Leistung. Bin ich vielleicht schon clean?

Gegen Nachmittag überfällt mich ein derartiger Zwang, feste Kakaomasse zu schmecken, dass ich bei Frau Renninghoff, unserer ältesten Bewohnerin im Heim, klopfe. Ich verbringe meine komplette Pause bei ihr. Nachdem wir 5 Fotoalben angeschaut, ich ein Dutzend Komplimente über die gepflegte Oberfläche ihres Bauernschrankes und zwei Partien Rommé verloren habe, nähern wir uns dem Augenblick, für den ich mein Berufsethos vergesse und mich prostituiere: Fr.Renninghoff öffnet die Klapplade ihres Bauernschrankes und holt die verlotterte Metalldose hervor, die normalerweise alle Mitarbeiter – mich eingeschlossen – fürchten, deren Wert ich aktuell aber nur kurz unter der Bundeslade oder dem heiligen Gral ansetzen würde. Der Deckel hakt. Bange Sekunden fürchte ich, um den Lohn meiner Arbeit betrogen zu werden, bis sich die Dose mit einem leichten „Ploing“ öffnet, dem wohl erotischsten Klang seit Hot Chocolates You sexy thing. Herta Renninghoff entnimmt eine Tafel Lindt Sahnebitter. Mein Blick hängt an ihren Händen, dem liebevollen Ritual des Auswickelns, das ein professioneller Dealer nicht besser hinbekommen würde. Statt einem Löffel und einer Kerze holt Herta ein stark oxidiertes Küchenmesser hervor und platziert die Tafel auf einem Schneidebrettchen, das bis zu mir nach Spülmittel und Zwiebeln riecht. 6 Reihen à 5 Rechtecke weiß angelaufener, bereits angeschmolzener und wieder erstarrter Suchtmasse. Wie ist meine Zuteilung und bringt mich der Brown-Shot über den Nachmittag? Ein Rechenexempel. Lindt zur Linderung meiner Entzugssymptome, und nur dazu, denn eigentlich bin ich ja schon so gut wie clean.
Sie drückt die Tafel mit ihrer kompletten Handfläche auf das Brettchen. Aber noch bevor die Klinge in den Schokoladenkörper eintauchen kann, öffnet sich die Tür. „Mutter! Wie oft habe ich Dir schon gesagt, Du sollst das Personal nicht mit Deiner alten Schokolade belästigen!“
Die Tochter hat einen zornigen Blick für die Mutter mitgebracht, ich bekomme einen Mitleidenden. Anna Renninghoff legt mir die Hand auf die Schulter. „Ich bewundere Sie dafür, wie Sie in ihrer Rolle als betreuender Mitarbeiter aufgehen, aber diese Grenze müssen Sie wirklich nicht überschreiten. Das wäre doch zuviel verlangt.“
Wir nicken uns betroffen zu, ich verabschiede mich und gehe zurück in mein tristes schokoladenloses Leben.
Im Dienstzimmer überprüfe ich zum 15.Mal erfolglos, ob mein Notriegel nicht vielleicht doch auf mysteriösem Wege durch das Futter ins Jackeninnere gewandert ist.
Ich tippe: Wo hast du Luder meinen Riegel versteckt? als SMS, die ich sofort wieder lösche und stattdessen: Laura Schatz, gilt unsere Vereinbarung auch für die Chilischokolade vor unserem Wochenend-Sex? sende.
Ein letzter Notanker: Der Back-Kakao, den ich in unserer alltagsgestaltenden Therapiegruppe „Großmutters Rezepte“ einsetzen wollte. Pures, unverschnittenes braunes Pulver, so wie es die Azteken von ihrem komischen Gott damals bekommen haben. Und was machen unsere Lebensmittelkonzerne? Strecken die göttliche Substanz und mengen ihr Suchtstoffe bei, so sieht´s doch aus! Und alles was ich will, ist ein Esslöffel von diesem braunen Staub. Ich reiße den Schrank auf, schiebe Mehl und Zucker achtlos zur Seite, bis ich ... nichts finde.
„Wenn Du deinen Kakao suchst, den mussten wir wegschmeißen. War ´ne angebrochene Packung und Montag kommt die Hygieneaufsicht!“, flötet Schwesternschülerin Katja hinter mir.

Nur noch als Schatten meiner selbst sitze ich Stunden später auf unserem Sofa. Laura entfernt mir den mittlerweile lauwarmen Stirnwickel.
„Vollkommene Abstinenz ist selten eine Lösung.“, weisheitet meine kluge Freundin. Ich nicke stumm, denn ich weiß, was nun folgt: Einmal pro Woche mit irgendeinem gestörten Ex-User-Psychologen Lösungsansätze erarbeiten.
„Wenn du wieder dein eigener Boss sein willst, musst Du mit den Profis sprechen, die davon was verstehen.“ Ich nicke abermals.
„Dann gibt es nur eine Lösung.“, fährt Laura fort, zieht das Kuvert mit den Bustickets und den Eintrittskarten für die Ritter-Sport-Produktionsstätte hervor und schiebt mir einen Riegel Chilischokolade in den Mund.

Letzte Aktualisierung: 24.07.2010 - 13.03 Uhr
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