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Chef | Juli 2010
Zweihundertdreißig mal tuuut
von Harald Götzelmann

Dem Kenner muss man es nicht sagen, die Anderen werden es sich denken können: dass die Ergebnisse der sonntäglichen Fußballbegegnungen am Montag pünktlich in der Zeitung stehen können, da sind viele Telefongespräche erforderlich. Ebenso viele Menschen in den jeweiligen Vereinen stehen jeden Sonntag mehr oder weniger gerne bereit das Fußballgeschehen telefonisch an ihre Zeitung weiterzugeben. Meistens funktioniert das sehr gut. Aber halt nicht immer. Sei es dass der Heimverein verloren hat, oder der Berichterstatter nicht in Berichterstattungslaune ist. Ganz selten passiert es, dass äußere Zwänge die Weitergabe von Spielberichten unmöglich machten. Besonders die ständige Empfangsbereitschaft von Handys, als das kommunikative Optimum gepriesen, ist da ein besonderer äußerer Zwang. Ein ebensolcher Zwang traf den Betreuer eines A-Klassen Vereins im südlichen Landkreis Würzburg:

Der Zeitungsmensch ruft wie vereinbart eine halbe Stunde nach dem Abpfiff im Vereinsheim an … niemand nimmt ab. Gut. Dann halt erst die nächste Begegnung in einem anderen Ort.
So jetzt, noch einmal! … nach gefühlten zweihundertdreißig „tuuut“ wird wieder erst mal ein anderer Club abgefragt.
Inzwischen ist eine Stunde um. Drei weitere Versuche bringen immer noch nichts! Niemand nimmt ab. Dem Zeitungsmenschen rauscht das Blut in den Ohren. Er sucht jetzt schon in uralten Verzeichnissen und findet irgendwann den Namen des Vorsitzenden dieses Vereins. Im Telefonbuch steht auch, Dank sei dem großen Telekommunikationsunternehmen, die dazugehörige Telefonnummer.
Na endlich, die werte Gattin des Vorsitzenden nimmt ab!
„Nää, der ist nicht daheim. Rufen sie ihn doch auf seinem Handy an. Warten sie ich hole ihnen die Nummer…“
Nach gefühlten zweihundertdreißig Minuten bekommt der Zeitungsmensch die Handynummer des Vorsitzenden. Der meldet sich tatsächlich sofort. Das Rauschen des Blutes sinkt etwas.
„Ja der Otto, der ist schon lange daheim…..nää, ich weiß nichts von dem Spiel, ich war im Vereinsheim… rufen sie ihn doch zu Hause an. Warten sie mal, die Nummer habe ich im Handy, ich suche sie raus und sie können mich ja noch mal anrufen… das Telefon vom Vereinsheim…ach so, das hängt draußen auf dem Flur, das hört man hier nicht. Wir haben das da raus gemacht, weil da im Raum, da hat des ständige Klingeln immer so gestört!“ –Aha! Das Rauschen des Blutes nimmt wieder zu.
Inzwischen, ist es schon zweihundertdreißig Minuten über Redaktionsschluss hinaus, weiß der Zeitungsmensch die private Telefonnummer des Informanten. Er ruft an und hört eine traurige verweinte Stimme:
„Hallo…?“
„Ja hier Lokalsport Main-Post, könnte ich bitte ihren Mann sprechen?“
„Der ist noch nicht daheim, und ich weiß nicht wo er ist. Ich habe schon so oft im Vereinsheim angerufen, aber keiner geht an das Telefon.“ Aha!
Der Zeitungsmensch hat trotz gigantisch hohem Blutdruck eine Idee: „Hat ihr Mann denn kein Handy?“
„Jessas! Der hat ja ein Handy!“ Die nun überglückliche Ehefrau sucht gefühlte zweihundertdreißig Minuten nach der Handynummer ihres verlorenen Gatten. Endlich hat sie diese parat. Dann bittet sie den Zeitungsmenschen, der solle doch den Verschollenen anrufen und nicht sie selber, sie wüsste ja nicht, wo sie da gerade reinplatzen könnte. Der Blutdruck des Zeitungsmenschen steigt inzwischen ins Unermessliche.
„Jaa, natürlich, Frau…!“
Der Zeitungsmensch wählt die Nummer des Handys, des Berichterstatters: Tuut, tuut…Es knackt: „Hilfe ich bin in der Kabine eingesperrt, holt mich raus…“ das Gespräch bricht ab.
Der Zeitungsmensch möchte ins Telefon beißen. Also gut. Noch einmal den Vorsitzenden, der keine Ahnung hat, wo sein Berichterstatter ist und nicht weiß, wie seine eigene Mannschaft gespielt hat:
„Ha? Eingesperrt? In der Kabine? Gibt’s nicht! Nä! … Also gut wir gucken nach. Wir rufen zurück.“
Der Zeitungsmensch sehnt sich nach Abendessen. Viel Valium oder sowas.
Nach gefühlten zweihundertdreißig Minuten klingelt das Redaktionstelefon. Die Auflösung naht!
Der abhanden gekommene Betreuer und gleichzeitig gewählter Pressebeauftragter jenes A-Klassenvereins ruft vom Telefon auf dem Flur an, und erzählt, er habe die Kabinen kontrolliert. Und weil er das relativ geräuschlos machte, sperrte ihn ein Kollege versehendlich dort ein. Nun hatte der gute Mann ja ein Handy, wie wir inzwischen wissen, und rief fleißig oben im Vereinsheim an. Dort hörte das aber scheinbar niemand… Aha.
Der Akku des Handys war schon kurz vor dem Aufgeben, als der Zeitungsmensch gerade noch den letzten Funken Energie des Gerätes erwischte um die Befreiung des Betreuers zu veranlassen.
Nachdem der wackere Kabinengefangene endlich durchgeben konnte, dass außer einem 0:0 Endstand in der Partie gegen FC Schienbein überhaupt nichts vorgefallen war, fragt der Zeitungsmensch ganz vorsichtig, warum man denn nicht die treusorgende Gattin zu Hause angerufen hätte?
„Mit meiner Frau telefoniere ich doch nicht. Der kann ich doch direkt sagen, was ich will.“
Der Zeitungsmensch, beschließt aus dem Fenster zu springen.
Aber erst, wenn es mal keinen Fußball mehr gibt.

Letzte Aktualisierung: 23.07.2010 - 12.58 Uhr
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