Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Urlaub | August 2010
Venedig sehen und sterben
von Anne Zeisig

„Venedig”, schwärmte Anette und legte ihre Graumähne auf meine Schulter. „Singende Gondolieri bei Kerzenschein.” Sie seufzte. Ich nahm ihr den Reiseprospekt aus der Hand und las: „Busreisen für Junggebliebene in netter Gesellschaft ... ergonomische Schlafsitze mit viel Beinfreiheit.”

Meine Liebste kauerte mit gefalteten Händen auf meinem Schoß. „Heinrich. Bitte.” Sie stupste mir auf die Nase.
Ich maulte: „Das ist ´ne Seniorenreise. Aber ich bin erst achtundsechzig”,
und legte den Prospekt auf den Sofatisch.
Sie nahm das Reiseheftchen, fächelte sich Luft zu und gab mir einen Schmatzer auf die Wange: „Seniorenreisen beginnen bei Fünfzig.”
. . .

Schließlich standen wir in der Abfertigungshalle des Reiseunternehmens vor einem Doppelstockbus und warteten in der Menschenschlange, bis wir aufgerufen wurden. Ich schaute mich um. Anette und ich waren offenbar die Jüngsten.
„Ja und?”, meinte meine Angetraute, „wirst sehen, je öller, je döller.”
Dann erschien der Busfahrer und riss uns die Koffer aus den Händen: „Haben Se auch noch ´n Rollator zu verstauen?” Er lockerte seinen Krawattenknoten.
Eine durchdringende Frauenstimme von hinten ließ mich zusammenzucken: „Der rote von meiner Schwägerin muss verstaut werden.” Ich drehte mich herum, und sah in das verrunzelte Gesicht einer kleinen, gebeugten Alten.
Ihr Grinsen zeigte braungelbe Nikotinzähne und eine lila Warze im Mundwinkel.
„Wir sind jetzt dran”, klärte Anette die Seniorin auf.
„Was is nu?”, fragte mich der Fahrer, „wolln Se mit dat betagte Madamchen flirten, oder ham Se nen Rentnermercedes zu verstaun?”
„Sehe ich etwa gebrechlich aus?”, konterte ich.

„Nun aber voran! Meine Schwägerin kann nicht so lange stehen!” Das war unüberhörbar die Runzelalte.
„Reisen in netter Gesellschaft”, flüsterte ich meiner Gattin zu.
„Also keinen Rentner-Rennwagen”, stellte der Busfahrer fest, sah auf seine Liste und wies uns die Sitzplätze an „ ... das ist oben.”
„Oben?”, meldete sich Anette, „da wird mir übel, wenn wir über die Alpen fahren. Ich werde nicht schlafen können.”
„Meine Schwägerin und ich können nicht oben sitzen, weil wir gehbehindert sind. Als wir die Tour nach Belgien gemacht haben, saßen wir unten!”
Der Hüne von Busfahrer krempelte seine Hemdsärmel hoch, pumpte lautstark seine Muskeln auf und verfrachtete die beiden Greisinnen nacheinander auf die oberen Sitze.
Ich zog meine Liebste in den Bus, weil der Fahrer längst mit den Rollatoren beschäftigt war.
. . .
Endlich saß auch der letzte Fahrgast im Reisebus und wir erhielten übers Mikrophon eine Anleitung für die Sitze und den Klingelknopf für den Services.
„Wer im Stehen pinkelt, muss alle Frauen küssen, und wer sich nicht anschnallt, muss singen”, mahnte unser Fahrer, der sich mit Manni vorgestellt hatte.
Alle lachten und stimmten das Lied an: `Hoch auf dem gelben Wa-ha-gen, sitz ich beim Manni vorn ...´
Anette knufft mich in die Seite: „Siehste. Gute Stimmung an Bord.”
Offenbar angespornt durch die Gesangseinlage gab Muskelmanni eine Witz-Einlage:
„Kommt ein Senior in die Apotheke und will hundert Viagra kaufen.
Das ist zuviel, sagt die Apothekerin, da werden Sie ja blind davon.
Dann geben Sie mir fünfzig, sagt der Mann, mir reicht ´s, wenn ich nur auf einem Auge sehen kann.”
Anette schüttete sich aus vor Lachen und mir ihren Kaffee über meine Hose. Die herbei geklingelte Bordbegleiterin: „I bin die Traudemarie, abba ihr könnt´s Traudl zu mir sagn, und i begleit den Manni scho a halbes Lebn unfallfrei”, rieb pflichtbewusst mit einem Tuch kreisend auf meinem Oberschenkel herum. Anette wollte das übernehmen, aber: „Nix do. Dafür san ma do.” Ihr üppiger Busen wippte auf und ab. „Hast di verbrennt?”.
Ich schüttelte den Kopf. Sie lachte: „Jo mei. Wennst dei Schniedel verbrennert hast, do hilft dir freilich des Viagrazeugs nimmer nit.”
Der Bus bebte unter den Lachern und tosenden Beifallklatschern.
„Und nu alle miteinand in C-Dur: Achtzehn Zentimeter hat der Peter, hat der Peter ...”
„Ich bin die Edelgart.” Kreischte mir das Warzenweib von hinten ins Ohr, und goss mir ihren Piccolo in den Nacken. Es kribbelte mir so herrlich den Rücken hinunter. „Und Sie sind der Peter?”
Ich beugte mich halb nach hinten: „Ich heiße Heinrich.”
Die Alte hielt eine schwarze, größere Samttasche auf ihrem Schoß fest umklammert.
„Ich wette”, flüsterte ich Anette zu, „die hat da ihre Sparbücher und wichtigen Dokumente drin.”
„Ruhe dahinten!”
„Siehste”, bemerkte Anette, „wie hochleistungsfähig Hörgeräte sind”, und richtete ihr Nackenhörnchen fürs Nickerchen zurecht.
Ich wollte meine Sitzlehne in Schlafposition bringen. Wie war das noch? Die Armlehne nach hinten klappen, auf das rote Knöpfchen ... Rums! Schon lag ich fast waagerecht mitsamt der Lehne auf Edelgarts Schoß. Mein Haupt landete auf ihrer Tasche und bekam den Inhalt schmerzhaft zu spüren.
Ich rieb mir den Hinterkopf, nuschelte ein „Tschuldigung”; und zählte die funkelnden Sternchen, welche vor meinen Augen auf und ab flimmerten.
Edelgart rief: „Traudl! Bei der Belgienreise gabs mehr Beinfreiheit!”
Der Bus schaukelte sanft durch die Nacht, und ich dämmerte dahin.

„Traudl! Hier hinten ist es eisig kalt. Meine Schwägerin hat bereits blaue Lippen!”
Das war Edelgarts Kreisch-Stimme.
Ich schnellte hoch und wurde vom Beckengurt unsanft ausgebremst.
Es wurde laut in einer der vorderen Reihen.
„Kalt? Es ist zu heiß!”
„Seit sechzig Jahren ertrage ich nun schon deine Temperatur-Kapriolen!”
„Seit dreiundsechszig!”
”Sechszig!”
„Immer musst du recht haben.”

„Herr Heinrich, ich bin leider seit drei Wochen verwitweht”, flüsterte Edelgart, „solche Meinungsverschiedenheiten hatten Edgar und ich nie.”
Ich beugte mich wieder halb nach hinten und murmelte: „Beileid.”
Sie streifte über ihre Tasche, und nippte am Sektglas.
Sofort drehte ich meinen Kopf nach vorne, weil ich keine zweite Prosecco-Dusche riskieren wollte.
„Ruhe dahinten!”
„Seit sechzig Jahren willst du deine Ruhe haben!”
„Es sind dreiundsechzig Jahre!”
„Reisen in netter Gesellschaft!”,zischte ich.
Anette gähnte: „Mensch Heinrich. Leiser. Du weckst noch die Leute auf.” Sie kuschelte sich an mich: „Ist noch Niemandem aufgefallen, wie kühl es hier ist?”
. . .

Anette und ich hasteten auf dem Markusplatz Traudl hinter her, die zum Zwecke des Wiedererkennungswertes einen Regenschirm aufgespannt hatte. Im Schlepptau den Rollator-Tross.
Die Tauben hatten es sich auf meinen Schultern gemütlich gemacht.
„Oh, wie süß die an deinen Ohrläppchen knabbern!” Anette zückte die Kamera und ich pflückte die Biester von mir. Das haben mir die Vögel übel genommen, denn fünf Minuten später kamen sie samt Verwandtschaft angeflogen und belagerten mich. Drei saßen auf meinem Kopf und hackten auf meine Beule ein. Die anderen zupften auf meinen Schultern am Shirt.
Ich fuchtelte wild mit den Armen, um die Viecher los zu werden.
„Du musst still stehen, sonst verwackelt das Foto!”
Mein Magen knurrte: „Jetzt ein saftiges Grillhähnchen!”, rief ich Anette zu. Da ließ das Viehzeug von mir ab.
Die Buckelwitwe zog sich zum Schutz vor der Sonne den Tüll ihres schwarzen Hütchens vor die Augen und flötete: „Mein Edgar und ich waren hier vor sechzig Jahren auf Hochzeitsreise!” Sie drückte ihre schwarze Tasche an die Brust.
„Bestimmt hat er ihr damals die Tasche geschenkt”, bemerkte Anette. „Ein Andenken.”
Ich rieb über die Beule an meinem Hinterkopf: „Offenbar transportiert sie Backsteine.”
„Sicherlich ein Stück Stein von der Rialtobrücke. Ein Erinnerungsstück. Wie romantisch.”
„Romantisch?”, meinte Traudl, „do is alleweil schnell Schluss mit die Romantiker
hier drobn. Wennst an Cappuccino im Sitzn trinkst und a Vermögen zahlst. Immer im Stehen trinken! Dös is billiger.”

„In Venedig muss man im Stehen pinkeln?”
„Ja! Das ist billiger!”
„Mafiamethoden sind das!”
„Aber du wolltest doch hier her fahren.”
„Ich? Seit sechzig Jahren bestimmst du die Reiseziele.”
„Seit dreiundsechzig!”
. . .

Endlich standen wir am Canale Grande vor einer dieser Gondeln. Das Wasser roch faulig in der Mittagshitze. Ich hakte meine Gattin unter.
„Da steige ich nicht ein!”, schrie Anette hysterisch und klammerte sich an mich.
Der Gondoliere zuckte mit den Schultern.
Ich besah mir das Schiffchen. Samtkissen und Bezüge mit Troddeln. Kitschig, aber nicht bedrohlich, und der Bootsführer machte auch einen nüchternen Eindruck. Ich roch keine Rotweinfahne.
„Sieht doch gemütlich aus”, stellte ich fest.
Anette schüttelte wild ihre Mähne.
„Wir können auch warten, bis es dunkel ist. Wegen der romantischen Kerzen. Aber dann stechen auch die Mückenweibchen”, gab ich zu bedenken. Meine Nase juckte.
Meine Frau schüttelte pausenlos ihren Kopf.
„Jetzt sag mir endlich, was mit den Gondeln nicht in Ordnung ist.”
Sie flüsterte mir ins Ohr: „Alles schwarz. Der Außenlack auch. Wie bei dem Trauerzug in dem Film `Wenn die Gondeln Trauer tragen´,brr.” Sie seufzte und lehnte sich an mich: „Dann suchen wir uns lieber ein gemütliches Lokal, wo es Hähnchen gibt.”

„Herr Peter! Sie müssen meiner Schwägerin einen Gefallen tun!” Edelgarts Anhang fuhr mir mit ihrem Rollator in die Hacken. Ich strauchelte. Anette fing mich auf.
Die Buckelalte zog an ihrer Zigarette und warf den Stummel ins Wasser.
„Sie müssen mit mir in einer Gondel auf die Lagune raus fahren. Bitte.”
Ihre Schwägerin zeigte auf ihren Rentnerporsche .„Ich kann nicht in die Gondel. Aber Sie!”
Die Runzelwitwe hielt mir die schwarze Tasche vor meine Brust, öffnete den Reißverschluss und zog das Behältnis auseinander. Ich konnte nicht glauben, was ich sah!
Sie blickte sich um und flüsterte: „In belgischen Krematorien darf man die Urne mit nehmen.”
„Und heute soll die Asche in die Lagune gestreut werden”, erklärte ihre Schwägerin.
Ach ja”, Witwe Edelgart blickte zum Himmel, „Venedig sehen und sterben.”

Letzte Aktualisierung: 13.08.2010 - 23.04 Uhr
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