Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Urlaub | August 2010
Eene meene mie
von Susanne Ruitenberg

Ich sah es aus den Augenwinkeln, als ich meinen Büroanzug auf den Balkon hängte: Etwas hatte sich verändert im Nachbargarten.
Ungläubig trat ich an die Brüstung und beugte mich so weit hinunter, dass ich beinahe das Gleichgewicht verloren hätte.
Starrte. Rieb mir die Augen.
Das konnte nicht sein, oder?
Seit zehn Jahren wohne ich mit meiner Frau in dieser Doppelhaushälfte, neben den Hagemanns. Nette Leute von Mitte sechzig. Unaufdringlich, nicht lärmempfindlich, verlässliche Blumengießer. Sie haben nur eine Macke: Ihren Bräunungstick. Von Mai bis September liegen sie sechs Stunden täglich im Garten, außer bei strömendem Regen.
Urlaub machen sie nie.
Wie oft haben wir uns darüber amüsiert! Sie stellen die Liegestühle so auf, dass sich die Armlehnen berühren. Als könnten sie nicht ohne Tuchfühlung. Beziehungsweise Teakholzfühlung. Aber jetzt war ihre Liegewiese so leer wie ein Fußballfeld in der Sommerpause.
Keine Hagemanns.
Keine Liegestühle.
„Schatz, hast du das gesehen?“, rief ich.
„Was? Hat das missratene Käterchen wieder die Topfblumen umgegraben?“
„Nein, Ginger schläft auf deinem Kopfkissen. Ich meine die Hagemanns.“
Sie kicherte. „Sind sie aus den Liegestühlen gefallen?“
„Nicht direkt. Sie, wie auch besagte Stühle, sind weg.“
„Wie, weg?“
„Na, 'weg’ weg.“
„Weg, wie in 'gar nicht mehr da'?“
„Genau so.“
Schritte auf der Treppe. In ihrem Malerkittel, Pinsel in der Hand, kam Cordula ins Schlafzimmer. Mit einem fragenden Blick ging sie auf den Balkon, starrte in den Nachbargarten, drehte sich achselzuckend zu mir um. „Vielleicht sind sie im Urlaub.“
Ich schnaubte. „Sie fahren NIE in Urlaub, das haben sie uns doch gefühlte tausend Mal erklärt. Weil sie alles im eigenen Garten viel besser haben können. Außerdem, das hätten sie uns doch gesagt, glaubst du nicht?“
Cordula ging ins Gästezimmer, kam kurz darauf zurück. „Das Auto steht vor dem Haus. Vielleicht sind sie grad mal hinein gegangen?"
„Und wo sind dann die Liegestühle? Haben sie die unter den Arm geklemmt und mitgenommen?“ Ich nahm ihr den Pinsel aus der Hand und legte ihn auf den Balkontisch. „Lass uns nachsehen.“

Wir schlüpften durch den Durchgang im Zaun, den wir zwecks leichteren Blumenversorgens im ersten Jahr eingerichtet hatten. Vorbei an Hagemanns Blumenrabatten und dem Hochbeet. Verlassen lag die Liegewiese vor unseren Augen. Makellos. Nein, nicht makellos. Meine Frau sah es zuerst. „Was ist das?“, rief sie.
Mit einer Hand, die zitterte, zeigte sie auf die Stelle, an der die Liegestühle sonst stehen. „Sieht aus wie – Brandflecke!“
Ich beugte mich hinab. Sechs ominöse schwarze Rechtecke hoben sich vom grünen Gras ab, kreisförmig angeordnet. Wir sahen uns an, dann zum Haus hinüber. Die Tür stand offen. Hand in Hand schlichen wir uns auf die Terrasse und blieben vor dem Eingang stehen.
„Hallo Nachbarn, ist alles in Ordnung?“, rief ich hinein. Die Stille verschluckte meine Worte.
Ich betrat das Haus und blieb so abrupt stehen, dass meine Frau mich beinahe umwarf. Sie zog hörbar die Luft ein, als sie das Wohnzimmer sah. „Was ... wo?“
„Bist du sicher, dass du keinen Umzugswagen gesehen hast?“ Als ich sie ausgesprochen hatte, merkte ich, wie absurd die Frage war. Von Umzugsplänen hätten wir gewusst. Außerdem dauert so etwas ein paar Stunden.
Das Wohnzimmer war leer. Nicht ein Möbelstück stand darin. Staubflusen klebten an der Tapete, wo vorher die wuchtige Anbauwand Marke deutsche Eiche gestanden hatte. Unsere Worte hallten hohl von den kahlen Wänden wieder.
„Ist dir wirklich gar nichts aufgefallen, denk nach!“
Meine Frau sah mich an und runzelte die Stirn. „Nur das Geräusch. Das war, nachdem ich mit ihnen über den Zaun weg unterhalten hatte bei meiner Kaffeepause. Da lagen sie, wie immer, in ihren Liegestühlen. Es muss eine Stunde später gewesen sein, da hörte ich ein Pfeifen, wie ein überkochender Wasserkessel, nur viel lauter. Ich konnte nicht weg, weil ich gerade eine knifflige Stelle ausmalte. Das Geräusch hielt auch nicht lange an, da habe ich es verdrängt.“
„Ich durchsuche das Haus. Bleib hier.“
Überall bot sich mir das gleiche Bild: Leer. Ausgeräumt. Weg. Alle Möbel, Bilder Gegenstände, ALLES. Nur die Staubflusen wirbelten in der Zugluft, die ich mit meinen hektischen Schritten verursacht hatte. Und – ich weiß nicht, warum mich das mehr als alles andere beunruhigte - schwarze Rechtecke am Boden, kreisförmig angeordnet; im Teppichboden, auf dem Linoleum, überall.
Was hatte das zu bedeuten?
Wieder unten angekommen, sah ich mir das dunkle Parkett genauer an. Auch hier waren die Brandflecken zu sehen, sie hoben sich kaum vom Boden ab, deshalb war uns das entgangen. Ich fasste meine Frau am Arm. „Lass uns gehen.“
„Sollten wir nicht die Polizei ...?“
„Doch. Aber von daheim.“ Ich weiß nicht, warum ich auf einmal eine solche Angst hatte. Die Luft fühlte sich an, als würde sie elektrisch aufgeladen. Alle Härchen auf meinem Körper gingen in Habachtstellung. Meine Frau spürte es auch. Mit panikerfüllten Augen starrte sie mich an. „Was ist das?“
„Ich weiß es nicht. Komm.“ Ich nahm sie bei der Hand. Wir rannten auf unsere Seite, fingen den Kater ein, der sich flach auf die Terrasse drückte und verrammelten uns im Wohnzimmer. Cordula ließ die Rollläden hinunter.
Ich riss das Telefon von seinem Ladesockel und wählte den Notruf. Nichts. Keine Leitung. Cordulas Gesicht spiegelte mein eigenes Entsetzen wieder, als ich den Hörer aus der Hand gleiten ließ. Ich schnappte mir den Autoschlüssel und rannte aus dem Haus. Eine bleischwere Dämmerung hatte sich über die Straße gelegt, warum war mir das bisher nicht aufgefallen? Keine Menschenseele zu sehen. Ich drückte auf die Zentralverriegelung. Nichts tat sich. Also von Hand aufschließen. Es überraschte mich nicht, dass das Auto keinen Mucks von sich gab, als ich den Zündschlüssel drehte. Ich ließ ihn stecken und ging ins Haus zurück.
„Was sollen wir jetzt tun?“, hauchte Cordula.
„Baby, ich weiß es nicht.“ Ich nahm sie in den Arm und zog sie zum Sofa. Sie zündete mechanisch die Kerze auf dem Couchtisch an. Der Kater fauchte, alle Haare aufgebauscht stand er vor uns auf dem Boden und sah sich hektisch nach allen Richtungen um, hob dann die Pfote und schlug nach einem imaginären Feind.
Kurze Zeit später fiel der Strom aus. Der Kater hat sich unter das Sofa verkrochen und jammert leise.
Diese Zeilen hier habe ich im kümmerlichen Schein der Kerze zu Papier gebracht, während Cordula apathisch an mich gelehnt dasitzt. Werden die Worte je gefunden werden?
Wir können nichts mehr tun.
Aus der Ferne höre ich ein Geräusch. Erst leise, schwillt es schnell an.
Wie ein kochender Wasserkessel.
Nur lauter.
Viel lauter.

Letzte Aktualisierung: 27.08.2010 - 11.38 Uhr
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