Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Urlaub | August 2010
Die Welt ist ungerecht
von Robert Pfeffer

Es war einer der Tage, an denen der Mond zwischen den Wolken hing. Also ... nicht er selbst, sondern nur sein Schein. Jene große Scheibe, die seit Millionen von Jahren ohne Klage ihren Dienst am Himmel versieht und von der auch niemand denken würde, sie hätte ein Problem damit. Unter dem Radioteleskop in Effelsberg saßen eine Handvoll Astronomen im Zentrum eines Kreises aus Myriaden von Messgeräten und Computern. Einem von ihnen fiel kürzlich auf, dass das Mare Tranquillitatis noch ruhiger als ohnehin schon war und im Mare Serenitatis absolut tote Hose herrschte. Die Heiterkeit im Lächeln des Mondgesichts habe sich verzogen, ließ er die anderen wissen, und der Mann im Mond sich wohl auf die dunkle Seite zurückgezogen. Es war still ... trügerisch still. Die Herren streckten in den Kopfhörern die wissenschaftlichen Ohren aus.

„Chefin?“
„Was?“
„Ich brauch Urlaub.“
„Seit wann das denn?“
„Ich brauch ihn halt.“
„Abgelehnt.“
„Warum?“
„Darum.“
„Das ist doch kein Grund.“
„Eben, ich brauch schließlich auch keinen.“
„Urlaub oder Grund?“
„Beides.“
„Ich wende mich an die Gewerkschaft.“
„Ach ja? An welche?“
„Hm ...“

Mutter Erde wähnte sich also in Sicherheit. Konnte sie auch, weil allgemein bekannt war, dass er viel zu sehr an ihr hing, als dass er einfach so verschwände. Von der Gründung einer Interessenvertretung für abhängig angestellte Trabanten hatten die Wissenschaftler ebenfalls noch nie etwas vernommen. Da knackte es wieder im Hörer ...

„Ok, dann eben nicht. Trotzdem bin ich erschöpft und brauche eine Pause.“
„Wer soll denn deinen Job machen?“
„Es wird auch mal ne Weile ohne mich gehen.“
„Vergiss es. Nächsten Monat steht eine Finsternis an, das weißt du.“
„Bis dahin bin ich zurück.“
„Nein, nein, das bringt dich völlig aus dem Rhythmus und ich kann sehen, wie ich zurechtkomme.“
„Och, kommen Sie, Chefin, ist doch nur meine eigene Finsternis. Wenn bei Ihnen bewölkt ist fällt die eh niemand auf!“
„Du weißt genau, wie viele immer zugucken. Für all die Mondsüchtigen ein absoluter Feiertag!“
„Ich sag es noch einmal: Ich bin rechtzeitig wieder zurück. Hab ich Sie je im Stich gelassen?“
„Eben. Nie. Wir wollen auch nichts riskieren. Kein Urlaub!“
„Geh ich halt ohne Erlaubnis!“
„Probier‘s ruhig ...“

Es knirschte über den Koryphäen der Radioastronomie, als sich das Teleskop schwer atmend auf die Verfolgung der Signale machte. Was niemand auffiel, dass schon zu diesem Zeitpunkt alle Uhren der Herren nach dem Mond gingen.

„Das ist unfair. Sie wissen genau, dass ich es nicht schaffen kann, ohne dass Sie loslassen.“
„Gut, was?“
„Ungerecht ist das! Seit Ewigkeiten mach ich alle Ihre Launen und Phasen mit, bin immer Ihr treuer Begleiter. Haben Sie mal überlegt, wie ungesund das ist, dieses ständige Abnehmen und Zunehmen?“
„Jetzt tu doch nicht so und schieb hier irgendwelche medizinischen Gründe vor!“
„Und wo wir gerade dabei sind: Den ganzen Wasserkram im Sechsstundentakt von rechts nach links und wieder zurück räumen ... eine elende Plackerei und völlig sinnlos dazu!“
„Nicht sinnlos.“
„Erklären Sie mir bitte, wofür das gut ist!“
„Du weißt genau, dass ich das für mein Gleichgewicht brauche.“
„Und wer fragt nach meinem Gleichgewicht?“
„Niemand, da hast du recht. Die Erklärung ist aber echt einfach.“
„Und wie lautet sie?“
„Ich Erde, du Mond!“
„Super Begründung. Ganz bestimmt auch Ihre Rechtfertigung, warum ich seit Äonen nur nach Mondscheintarif entlohnt werde, was?“
„Die Bezahlung, das weißt du genau, regelt die Strahlefrau da in der Mitte.“

Eifrig kritzelten die Astronomen auf ihre Blöcke. Alle Magnetbänder waren seltsamerweise unbrauchbar geworden und so half nur die handschriftliche Aufzeichnung.

„Es wird auch mal einen Monat ohne mich gehen.“
„Gleich einen ganzen Monat wünscht der Herr. Nicht einen Tag oder eine Woche, nein, ein ganzer Monat muss es sein!“
„Ja was denn sonst? Wenn ich richtig Pause machen will, eventuell verreisen, ... dafür benötige ich etwas mehr Zeit.“
„Verreisen? Haben wir schon was gebucht?“
„Brauch ich nicht, nur ein bisschen raus aus dem Alltag, einfach mal faul in der Sonne abhängen. Ab und an ne kleine Besichtigungstour. Ich war zum Beispiel noch nie im Andromeda-Nebel. Soll schön sein da.“
„Ha! In der Sonne, ich lach mich kaputt. Ausgerechnet du Bleichgesicht? Vergiss es.“

Das Buch über den Mond würde nach dieser Nacht neu geschrieben werden müssen, dessen waren sich die Herrschaften bewusst. In den Kopfhörern schien der Trabant seine Serenade angeworfen zu haben: Daaaaaaa ... bu-bubn-du-du ... da-da-daaaaa ... bu-bubn-du-du ... da-da-daaaaa ... da-da-daaaa ... la-da-di-daaaa ...

„Ich kann ja auch einen blauen Mondtag machen!“
„Wag dich!“
„Ok, wie wäre es, wenn ich eine Vertretung besorge?“
„Wie soll das gehen?“
„Ich hab ein bisschen rumgefragt.“
„Hinter meinem Rücken?“
„Jetzt beklagen Sie sich nicht, schließlich kriegen Sie immer meine Schokoladenseite zu sehen.“
„Und hintenrum mit anderen Pläne schmieden, das hab ich gern.“
„Phobos und Deimos würden es machen.“
„Das glaub ich sofort. Halbstarke ... Furcht und Schrecken verbreiten wollen die, sonst nichts.“
„Vorurteile, alles Vorurteile.“

In hektischer Betriebsamkeit kramten die angeblich wissenden Herren alte Gestirnskarten hervor und markierten die potenziell zur Verschiebung anstehenden Kandidatinnen und Kandidaten in knalligen Farben.

„Von wegen Vorurteile. Ich kenn diese Typen. Machen sich über nix Gedanken und experimentieren in den Tag hinein. Haben die bei sich daheim schon was auf die Beine gestellt?“
„Keine Ahnung, Sie haben doch viel bessere Kontakte zum Besitzer.“
„Aber auch erst, wenn der Kollege Mars wieder in der Nähe ist.“
„Das kann dauern.“
„Richtig, und bis dahin will ich zum Thema Urlaub nichts mehr hören.“
„Ich könnte noch andere fragen.“
„Wen denn?“
„Io, Europa, Kallisto, Metis ...“
„Ha, der Himmel hängt voll von diesen ganzen Geliebten des Herrn Zeus.“
„Ganymed?“
„Ja, sicher ... ein bisschen bi schadet nie, was?“
„Prometheus?“
„Ach hör doch auf, der erzählt dir alles Mögliche, fängt wieder vom Feuer an und riskiert Kopf und Kragen.“
„Pandora?“
„Klar, dass du der auf den Leim gehen würdest.“
„Charon? Hydra?“
„Die zwei vom Pluto? Der ist nicht mal mehr Planet und außerdem zu weit weg.“
„Atlas?“
„Wenn der im Westen wegbricht, ... ausgeschlossen.“
„Sie haben auch an allem was auszusetzen.“
„Nun sieh es doch endlich ein. Es gibt keinen Urlaub!“
„Sie sind unfair! Ich will wenigstens eine Perspektive.“
„Du willst Perspektive ... so so. Frag in dreihunderttausend Jahren wieder.“

Das Teleskop knirschte ein letztes Mal. Dann war es still ... trügerisch still. Eine Handvoll Astronomen saßen unter erloschenen Kopfhörern und ließen die abschließenden Buchstaben auf ihre Blöcke gleiten: Die Welt ist ungerecht ...

Letzte Aktualisierung: 27.08.2010 - 00.06 Uhr
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