Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Urlaub | August 2010
Der Schulaufsatz
von Eva Fischer

Kinderlachen drang an ihr Ohr und verstärkte das Gefühl, gefangen zu sein wie der Wellensittich vor ihren Augen, der unruhig von einer Stange zur anderen hüpfte.
Sie kaute an ihrem Füller.
Da hatte man einen wunderschönen Urlaub erlebt und musste nun zur Strafe einen Schulaufsatz schreiben: „Mein schönstes Ferienerlebnis“.
Wie sollte sie je dieses Blatt füllen?
Sie widerstand der Versuchung, an das Fenster zu gehen und nachzuschauen, was die Kinder unten im Hof spielten. Das hätte alles nur noch schlimmer gemacht.
„Bist du fertig, Gitte?“, hörte sie ihre Mutter rufen.
Stumm schüttelte sie den Kopf.
Seufzend warf sie einen letzten Blick auf das Meeresbild an der Wohnzimmerwand, bevor sie widerwillig zu schreiben begann.

„Dieses Jahr sind wir nach Römö gefahren. Das ist eine Insel in Dänemark und weit weg.
Zum Glück ist mein Cousin Udo mitgefahren und so ist es mir nicht so langweilig hinten in unserem VW geworden, denn Udo kann tolle Witze erzählen....“


Die Sommersprossen verblassten in seinem Jungengesicht.
„Onkel, kannst du mal anhalten? Ich glaube, ich muss brechen.“
Herr Bertram schaute in den Rückspiegel und beschloss, die Bitte seines Neffen ernst zu nehmen und die nächste Rasttankstelle auf der Autobahn anzusteuern.
Kaum hatte er die Sitzlehne nach vorn geklappt, um Udo aussteigen zu lassen, da kam schon hörbar ein Schwall und ergoss sich auf den Gehweg. Zum Glück nicht im Auto, dachte er.
Seine Tochter Gitte kam ebenfalls aus dem VW Käfer gekrochen. Auch sie erbrach sich. Solidarisch und einträchtig standen beide Kinder nebeneinander.
„Wollt ihr eine Limonade?“, fragte sie Herr Bertram.
„Au, ja!“ , ertönte es zweistimmig.
Sie hätten Geschwister sein können. Der Sohn seines Bruders war zwei Jahr älter. Er hatte wie seine Tochter kastanienbraunes gewelltes Haar und zahlreiche Sommersprossen, die seinem Gesicht einen lausbübischen Ausdruck verliehen. Während der langen Fahrtzeit hatte sein Neffe pausenlos Witze erzählt, die ihn zum Schmunzeln gebracht hatten, und seine Tochter immer wieder laut auflachen ließen. Kein Wunder, dass der Junge das Frühstück nicht bei sich behalten hatte. Der Motor im Heck hatte schon immer bei seiner Tochter manche Zwangspause auf den Fahrten nötig gemacht.

Das Meer glitzerte silbern in der Abendsonne, als sie die lange Brücke zur Insel passierten. Gitte fühlte eine fast schmerzhafte Wiedersehensfreude. Bald würden sie das kleine grüne Holzhäuschen erreichen, wo sie schon im vergangenen Jahr die Ferien verbracht hatten. Vielleicht waren wieder die Kinder vom letzten Jahr zum Spielen da, aber dieses Mal hatte sie ihren Cousin dabei und sie würde sich nicht langweilen, auch wenn sich die Mutter im Liegestuhl vor dem Häuschen sonnte oder der Vater mit seinem Reiseführer wieder einen doofen Ausflug ausbrütete.
Sie wartete ungeduldig, dass die Tür aufgeschlossen wurde.
„Das ist unsere Schlafkoje“, verkündete sie.
„Ich schlafe aber oben“, sagte ihr Cousin und kletterte in das obere Etagenbett.
„Kein Problem. Ich kann dich ja besuchen kommen, und dann erzählst du mir eine schöne Gespenstergeschichte.“
„Das hat Zeit“, meinte die Mutter.
„Zuerst müsst ihr Wasser von der Pumpe holen, denn hier gibt es kein fließendes Wasser.“
„Machen wir, Mama, ich zeige Udo, wo die Pumpe ist.“
Sie führte ihn auch zum Plumpsklo, in dessen Tür sich ein kleines Loch befand, um etwas Licht hereinzulassen und das mit einem Riegel geschlossen werden musste. Sie zeigte das Gitterschränkchen an der Nordseite des Häuschens, das die Mutter mit Lebensmitteln füllen würde.
Hier gab es keine Elektrizität, keinen Kühlschrank, kein Licht.
Abends würde die Petroleumlampe entzündet und bei ihrem gelblichen Schein würde ihr Vater einen Krimi vorlesen. So war es zumindest im letzten Jahr.
Dieses Jahr war alles anders. Dieses Jahr war ihr Cousin da.

Durch die Dünen gingen sie zum nah gelegenen Strand. Es war gerade Ebbe und sie legten einen Endspurt ein, um das Meer zu erreichen.
Sie rannte drauf los.
Er folgte ihr, überholte sie.
Sie verstärkte ihr Tempo, war schneller als er. Doch er zog erneut an.
Lachend und prustend erreichten sie zur gleichen Zeit ihr Ziel.
Sie ließen das kühlende Wasser um ihre Schenkel klatschen, tauchten schließlich ganz ein, bespritzten sich, lachten, gurgelten das geschluckte Salzwasser, spieen es sich gegenseitig ins Gesicht. Er umfasste ihre Arme, um sie unterzutauchen. Sie hängte sich an seine Schultern, um mehr Gewicht zu bekommen. Er versuchte sie abzuschütteln. Seine smaragdgrünen Augen blitzten sie an. Trotzig begegnete sie seinem Blick. Da öffnete sich ihr Mund und ihre Zähne gruben sich blitzschnell in seine muskulösen Oberarme.
„Du Wildkatze!“ fauchte er sie an.
Die Worte streichelten sie wie eine Liebkosung. Sie ließ nicht von ihm ab.
Er befreite sich dennoch und rannte zurück ans Ufer.
Sie folgte ihm.

Hand in Hand entdeckten sie nun täglich die Insel neu.
Sie pflückten Heidelbeeren, sammelten seltene Muscheln, suchten nach Vogelnestern.
Sie spielten Nachlaufen und Verstecken. Sie buddelten sich gegenseitig in den Sand ein, bauten Burgen und beobachteten, wie die Flut sie umspülte und wieder langsam vernichtete.
Sie blieben draußen, bis es dunkel wurde und die tausend Sterne am Firmament zu leuchten begannen. Dann erzählte er ihr Gruselgeschichten. Jeder Halm, der sich bewegte, bekam ein dämonisches Gesicht und einen fremdklingenden Namen. Sie suchte seine schützende Hand, um sich weiter vorzuwagen in diese neue, unbekannte Welt.

„Das sind doch nur Kinder, Werner! Gitte ist erst zehn...“
Das Gespräch stockte, als sie zum Frühstückstisch kam. Der Vater wandte nun seinen Zorn auf die vor ihm liegende Tageszeitung.
„Dieses Verbrecherpack von Kommunisten! Da haben sie einfach die Ferienzeit ausgenutzt, um eine Mauer durch Berlin zu bauen. Diese widerlichen Feiglinge!“
Berlin war weit weg. Sie begriff damals nicht die Wut des Vaters.
Woanders tauchten für sie dunkle Wolken auf.

Sie hieß Anneke, war eine Holländerin mit strohblonden Zöpfen und einen Kopf größer als Udo. Sie zog mit ihren Eltern nebenan in das Ferienhäuschen. Die Kinder riefen ihr „Kaaskopp“ hinterher.
Udo bewunderte dieses Mädchen und ihren fremdartigen Akzent. Von nun an bevorzugte er die Spiele in der Gruppe, die Spiele, wo Anneke dabei war.
Gitte durchlitt zum ersten Mal die Höllenqualen der Eifersucht.
Ihr Vater wirkte indessen entspannt, während ihre Mutter sie zunehmend besorgt ansah.


Urlaubszeit heißt ständige Wiederholungen der Fernsehfilme, dachte sie verärgert.
Sie hatte ihr Arbeitszimmer aufgeräumt, als ihr eine alte Kladde in die Hände fiel.
Die leicht verblasste Tinte erkannte sie als ihre eigene Handschrift. Oben auf der Seite wellte sich das Papier leicht, als ob einst etwas Wasser darüber geflossen wäre.
Sie las: „Dieses Jahr sind wir nach Römö gefahren...“

Eine Woge der Erinnerung rollte auf sie zu, überflutete sie, tauchte sie hinab in die Vergangenheit.
Das Meer hatte für sie nie seine Magie verloren.
Es weckte all ihre Sinne und Gefühle.
Sehnsucht nach Nähe und Weite,
salzig schmeckende Leidenschaft,
stürmisches Auf und Ab,
Klang der Ewigkeit.

Sie ging zum Computer und begann zu schreiben...

Letzte Aktualisierung: 01.08.2010 - 09.48 Uhr
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