Honigfalter
Honigfalter
Liebesgeschichten ohne Kitsch? Geht das?
Ja - und wie. Lesen Sie unsere Geschichten-
Sammlung "Honigfalter", das meistverkaufte Buch im Schreiblust-Verlag.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Johanna Sibera IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Urlaub | August 2010
Ein UrlaubsmÀrchen
von Johanna Sibera

Etliche Jahre ist es schon her, da lebte ein junger Mann in einem Land mit sanften TĂ€lern und sauberen FlĂŒssen, wogenden Feldern und tiefen WĂ€ldern, mit gemĂŒtlichen Dörfern und betriebsamen StĂ€dten. Deutschland ward dies Land genannt. Er liebte seine Heimat, aber er reiste auch gerne durch die Fremde und mochte es ĂŒber alle Maßen, andere LĂ€nder zu besuchen. Und wenn er so unterwegs war, da stellte er sich vor, wie wunderbar es wĂ€re, eine GefĂ€hrtin an seiner Seite zu haben, der er die Schönheiten dieser Welt zeigen könnte. Immer heftiger und drĂ€ngender wurde dieser Wunsch, bis er schließlich des Alleinseins so ĂŒberdrĂŒssig war, dass er ein MĂ€dchen freite, welches er noch gar nicht lange kannte. Sie war eine Schönheit, von hohem Wuchs, mit ebenholzschwarzen Haaren und dunklen Augen, einer Haut wie Milch und Blut und dem stolzen Gang einer Königin. Dieses wundervolle Geschöpf hieß Elena und fĂŒr den jungen Mann – nennen wir ihn Robert – war es Liebe auf den ersten Blick. Da machte es auch gar nichts aus, dass Elena aus einem armen Hause stammte. Ihr Vater war ein einfacher Angestellter bei dieser schrecklichen Behörde, die man Finanzamt bezeichnet, die Mutter eine tĂŒchtige Hausfrau. Sie mussten noch drei andere Kinder ernĂ€hren und waren nicht zuletzt aus diesem Grund ĂŒberaus glĂŒcklich, dass Elena so einen wunderbaren BrĂ€utigam gefunden hatte. Denn Roberts Vater war ein ziemlich reicher Mann, der GrundstĂŒcke und HĂ€user sein eigen nannte, ein Mann also, der im landlĂ€ufigen Sinne sein GlĂŒck gemacht hatte. Ganz stimmte das jedoch nicht – nahezu aus jedem GeschĂ€ft, welches Roberts Vater getĂ€tigt hatte, waren Geld und Gold gediehen, aber in der Liebe hatte ihn dieses GlĂŒck schmĂ€hlich verlassen. Roberts Mutter, seit jeher zart und von angegriffener Gesundheit, war jung gestorben und hatte den kleinen Jungen an der Seite seines verzweifelten Vaters Leo zurĂŒck gelassen. Jahrelang hatte Leo alleine gelebt, dann traf er eine Frau, fĂŒr die er flĂŒchtig entbrannte; eigentlich hatte er keinerlei ernste Absichten gehegt, aber diese Frau verstand es mit geradezu zauberischen FĂ€higkeiten, sich Leo untertan zu machen. Schließlich heiratete er sie, aber ihr weiteres Zusammenleben gestaltete sich nicht so recht zu Leos Zufriedenheit und vom GlĂŒck der anfĂ€nglichen Verliebtheit war alsbald nichts mehr vorhanden. Diese Isabella war eine zĂ€nkische Frau, der man kaum etwas recht machen konnte. Tag und Nacht lag sie Leo in den Ohren mit ihren schier unerfĂŒllbaren WĂŒnschen, mit ihren Klageliedern und Seufzern, meistens ĂŒber Nichtigkeiten. Leo schickte sich in sein ziemlich trauriges Leben und arbeitete mehr denn je, um wenigstens auf diese Weise Isabella und dem hĂ€uslichen Unfrieden fern bleiben zu können.

Nun begab es sich, dass Elena und Robert, nach wie vor im siebenten Himmel ihrer Liebe, eine Urlaubsreise planten. In die Schweiz sollte sie ihre Fahrt fĂŒhren, in ein MĂ€rchenland mit sauberen, bunten KĂŒhen auf saftigen Weiden, mit schroffen Berggipfeln und tiefen, dunkelblauen Seen. Und das Schicksal wollte es so, dass das junge Paar am Sonntag vor dem Beginn der Reise bei Roberts Vater und der schlecht gelaunten Isabella zu Besuch war.

Die jungen Leute schwĂ€rmten von ihrem Urlaub, den sie mit Seilbahn fahren und KĂ€sefondue essen krönen wollten. Und siehe da – in Leos Augen trat ein gar trĂ€umerischer Ausdruck und sehnsuchtsvoll sagte er:
„Ach, könnte ich doch mit euch mitfahren!“
„Aber das kannst du doch“, rief Elena spontan, ohne einen Moment nachzudenken, „wir freuen uns, wenn du dabei bist.“
„Ach ja, fahr du nur“, rief Isabella sogleich, „gar nicht so ĂŒbel, dich eine Woche nicht zu sehen!“

Und dabei blieb es.

Am nĂ€chsten Morgen holten Robert und Elena Roberts Vater ab. Er wartete schon vor dem Haus, dieser große, breite Mann, neben ihm stand ein riesiger Koffer. Einen lichten Mantel trug Leo, einen sogenannten Staubmantel, fĂŒr eine Reise wie geschaffen, und dazu eine eindrucksvolle BaskenmĂŒtze. Diese passte ihm vortrefflich und ĂŒberhaupt war Roberts Vater, wiewohl nicht mehr jung, ein gut aussehender Mann; Elena konnte nicht anders, als sich dies einzugestehen. Aber der Gedanke verflog auch so rasch wieder wie er gekommen war. Sie ĂŒberließ sich in den nĂ€chsten Tagen ganz den Freuden der Reise, genoss das herrliche Wetter, die prickelnde Luft neben einem gewaltigen Wasserfall, den rauen Bergwind an felsigen AbhĂ€ngen und nicht zuletzt die Freuden der Liebe mit ihrem Robert in dunklen, stillen NĂ€chten. Nach wunderbaren Abendmahlzeiten mit vollen Weinkelchen pflegte sich Leo zurĂŒckzuziehen, nicht ohne einen letzten langen Blick auf die schöne Schwiegertochter zu werfen, die mit seinem Sohn im Zimmer verschwand. Aber stets rief er sich energisch zur Ordnung. Am nĂ€chsten Tag war er immer frĂŒh am Morgen schon bereit, die Reise fortzusetzen.

Schließlich war der letzte Urlaubstag gekommen. Die drei hatten an einer Serpentinenstraße Halt gemacht und waren ausgestiegen. Die Luft ĂŒber dieser prĂ€chtigen Landschaft fĂŒhlte sich an wie Campari Soda mit einem Schuss Eis. Sie blickten in den Himmel, der von dunkler BlĂ€ue war, und mit einem Mal, ĂŒberwĂ€ltigt von der Schönheit dieser Welt, konnte Leo nicht anders und legte den Arm um Elenas Schultern. Wie von einem elektrischen Schlag getroffen durchfuhr es hierauf die beiden, wortlos standen sie aneinander gelehnt und wussten nicht, wie ihnen geschah.

Robert, der von all dem nichts bemerkt hatte, war ĂŒberglĂŒcklich. Die Reise war ein Erfolg gewesen, sein Vater schien auch vollkommen zufrieden zu sein. Das war fĂŒr Robert sehr wichtig, immer hatte er ein kleines schlechtes Gewissen, weil er seiner Meinung nach nie genug Zeit gehabt hatte, sich sehr um seinen Vater zu kĂŒmmern.

Der letzte Abend wurde gehörig gefeiert und begossen. Das berĂŒhmte Fondue wurde serviert, und dem herrlichen weißen Wein sprachen die drei gar eifrig zu. Dennoch wirkte Leo nicht ganz so heiter wie sonst. Ein ums andere Mal verfing sich sein sehnsĂŒchtiger Blick in den Augen der schönen Schwiegertochter, die daraufhin gar sittsam die Lider senkte, um den verrĂ€terisch begehrlichen Glanz ihrer weit geöffneten Pupillen zu verbergen.

„Vater, du hast ja immer noch deine Kappe auf“, sagte sie und beugte sich im selben Moment zu ihm hinĂŒber, um ihm die Kopfbedeckung vom Haupt zu ziehen.

„Das hab ich gar nicht gemerkt“, stammelte Leo verwirrt, „aber jetzt weiß ich, wieso mir so heiß ist! Das wird wohl der Grund sein“. Indessen hatte Elenas kurze BerĂŒhrung genĂŒgt, um in dem armen Manne vollends die Glut des Begehrens zum Wallen zu bringen. Auch Elenas milchweiße Wangen hatten Farbe bekommen; schließlich erhob sie sich, um kurz hinaus zu gehen und vor dem Haus in der frischen Abendluft ein wenig KĂŒhlung zu finden.

Als sie so da stand, wurde sie plötzlich der Saaltochter – so werden in der Schweiz die Kellnerinnen genannt - gewahr, die ihnen das Fondue und den Wein serviert hatte, um sich sodann diskret zurĂŒck zu ziehen. Sie war ein hĂŒbsches MĂ€dchen von Anfang zwanzig, bekleidet mit adretter schwarzer Serviertracht. Dennoch schien sie Elena plötzlich verĂ€ndert, grĂ¶ĂŸer als zuvor, strahlender, wie umgeben von einem geheimnisvollen Licht. Elena blickte sie lange wortlos an, das MĂ€dchen erwiderte dieses Schauen mit einem milden, Vertrauen erweckenden Blick.

„Komm her, Elena“, sagte das MĂ€dchen mit einem Mal und da war es Elena, als wĂ€re auch ihre Stimme verĂ€ndert. Sie erhob sich, wie einem Zwange folgend.

„Sieh her“, sprach die Saaltochter, „ich kann in deinen Gedanken lesen, du brauchst mir gar nichts zu sagen. FĂŒrchte dich nicht, ich bin eine gute Fee im Gewande einer Saaltochter, und ich habe ein Geschenk fĂŒr dich!“ Dabei drĂŒckte sie Elena ein winziges FlĂ€schchen in die Hand.

„Öffne diese kleine Flasche“, fuhr die Fee fort, „und schĂŒtte in das Glas deines Mannes einige Tropfen der FlĂŒssigkeit aus dem FlĂ€schlein. Er wird in einen tiefen, erquickenden Schlaf fallen und wenn er des Morgens erwacht, wird er sich an wunderbare TrĂ€ume erinnern können, jedoch sonst an nichts. Tu, wie ich dir geheißen und folge deinem Herzen! Du wirst dich und den guten alten Mann damit sehr glĂŒcklich machen.“ Und wĂ€hrend Elena noch staunend das kleine glĂ€serne Geschenk in ihrer Hand betrachtete, war die Fee verschwunden.

Elena wusste nicht, wie ihr geschah. Schließlich kehrte sie an den Tisch zurĂŒck, um alles so zu tun, wie ihr die Fee geraten hatte. Alsbald erhob sich Robert, von tiefer, wenngleich wundervoller MĂŒdigkeit ĂŒbermannt, um schlafen zu gehen. Rasend schlug indessen Elenas erwartungsvolles Herz. Sie hob die Arme und schlang sie um Leos Hals. Plötzlich vermeinte sie, die Welt ihrer Kindheit endgĂŒltig zu verlassen und eine andere zu betreten, die Welt einer neuen, unbekannten Lust, die kein Spiel mehr sein wĂŒrde.

Und alles bewahrheitete sich, so wie die gute Fee es gesagt hatte. Am nĂ€chsten Morgen erwachte Robert, erquickt und erholt, mit der Erinnerung an nie gekannte wunderbare TrĂ€ume. Und Elena, deren Augen glĂ€nzten wie die herrlichsten Edelsteine, stand schon bereit zur Abreise, ebenso wie der glĂŒckliche alte Mann in seinem Staubmantel. Sie fuhren heim und bewahrten in ihren Herzen die Erinnerung an einen vortrefflichen Urlaub.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so scheint fĂŒr sie heute noch die Sonne, und die samtschwarze Nacht hĂŒllt ihre Geheimnisse in tiefes Schweigen.

Letzte Aktualisierung: 01.08.2010 - 14.43 Uhr
Dieser Text enthält 9488 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2023 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.