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Urlaub | August 2010
Fluchtweg
von Farida Halib

Zu schade, dass die Str√§nde sich zu bev√∂lkern beginnen. Mitte Juli rettet sich auch der S√ľden Sardiniens nicht mehr vor der Touristenflut. Mit jeder Woche wird das heillose Durcheinander bunter. Sonnenschirme jeder Art und Preislage schie√üen jetzt aus dem wei√üen, pudrigen Sand. Luftmatratzen, Eimerchen, Handt√ľcher, Menschenleiber pflastern die Meeresufer.

Erstmals hat auch meine Schwiegermam√° beschlossen, f√ľr acht Tage aus Mailand zu uns vorzudringen.

In der neuen Gesellschaft am Strand ist es fast unm√∂glich, sich den Themen, die man zuhause erleichtert zur√ľckgelassen hat, zu entziehen. Die Stadt hat uns wieder, obwohl wir doch hofften, einfach einmal weg zu sein, fern von unserer dichtbesiedelten Heimat, fern von den Alltagsthemen und ‚Äďma√üst√§ben.

Aber wir haben einen Fluchtweg!

Unser kleines, sehr betagtes Motorboot liegt auf einem Strand ganz in der N√§he. H√§fen gibt es hier keine, und das ist ein Gl√ľck, denn die wundersch√∂nen Buchten teilen wir uns somit im kleinen Kreise.

Nachdem uns meine Schwiegermamá vier Tage lang mit den neuesten Neuigkeiten aus ihren Frauenzeitschriften und der Tageszeitung traktiert hat, uns tiefe Einblicke in die verschiedensten Aspekte ihrer Körperlichkeit gewährt und die Nähte ihrer letzten Operationen freigelegt hat, freuen wir uns, aus der Strandgesellschaft herauszukommen.

Es ist eine Überraschung, dass Schwiegermamá uns auf unserem Bootsausflug begleiten möchte.

Als meine Mann einwendet, es w√§re f√ľr sie doch viel entspannender, es sich mit den anderen netten, mail√§ndischen Damen unter dem Sonnenschirm bequem zu machen, entgegnet sie entr√ľstet:‚ÄúVon wegen, Damen, alles Empork√∂mmlinge‚Äú... es folgt ein Vortrag √ľber nicht standesgem√§√üe Bekanntschaften.

Am n√§chsten Morgen stehe ich fr√ľhzeitig in der K√ľche und stelle ein Picknick zusammen. Unsere T√∂chter sind auf Bootsausfl√ľgen nicht anspruchsvoll. Nach stundenlangem Schnorcheln schmeckt alles. Aber Schwiegermam√° kann man schwerlich ein Proletarier-Mahl wie Brot und Oliven vorsetzen.

Den Bootsstrand erreicht, stellt sich heraus, dass wir Seegang haben ... Mist! ... Vier Tage zeigte sich das Meer ölig-flach und gerade heute ... Mein Mann und ich erarbeiten eine Strategie, wie wir das Boot samt seiner Mamá unversehrt ins Wasser befördern.

Nur ungern legt Mam√° ihr Schuhwerk mit Pfennigabs√§tzen ab, w√§hrend mein Mann an ihr zieht und ich schiebe. Mam√°s knapper Bikini verrutscht bedenklich von den zu bedeckenden Hautpartien, als sie beinahe ins Boot f√§llt. Die Kinder sind schon an Bord. Der Traktor, der den fehlenden Bootssteg hier ersetzen muss, zieht das Boot mit seinen drei Insassen in die Fluten und hinterl√§sst ungew√∂hlich deutliche Spuren des Algenschutzlackes im Sande. Sobald es vom Wasser getragen wird, renne ich los und springe achtern auf die Planken. Hier steht √ľberraschenderweise die gro√üe Strandtasche von Mam√°. Um sie nicht √ľber Bord zu werfen, wechsle ich kurzfristig Schwungrichtung. Meine Schienbeine sind stark in Mitleidenschaft gezogen, aber immerhin rette ich mein Gebiss. Gottlob, springt der Motor sofort an, und wir entfernen uns vom wellenbrechenden Ufer. Die Kinder sitzen gut dressiert achtern auf der Bank. Mam√° versucht bereits, es sich auf den gepolsterten Kissen am Bug bequem zu machen. Schlechte Gewichtsverteilung! Mit der n√§chsten Woge schiffen wir Wasser ein, das √ľber die Polster flutet. Auf Zuruf verzieht sich Mam√° schlie√ülich doch auf die R√ľckbank, und die n√§chste Woge tr√§gt uns gn√§dig auf das t√ľrkisblaue Element hinaus. Reichlich nass und zerschrammt sind wir nun doch dem Strand entflohen.

Das Rauschen der Wellen und der Motorenl√§rm machen mich taub f√ľr Mam√°s Kommentare. Wir k√§mpfen gegen den Wind. Die Bucht, die Windstille verspricht, haben wir bereits ausgemacht. Als wir in den Schutz der Bucht einlaufen, √ľberf√§llt uns das wohlbekannte Gl√ľcksgef√ľhl. Den Duft sonnenbestrahlter Myrthen und Eukalyptusb√§ume saugen wir gierig ein. Als ich den Anker werfe und der Motor endlich verstummt, gibt es nur noch das Schreien der Zykaden in der Mittagssonne. Das atemberaubende Licht, das T√ľrkisblau des Meeres, das dunkle Blau des Himmels, das satte Gr√ľn der Vegetation auf den lieblich gerundeten Felsen, erf√ľllt uns immer aufs Neue mit ungl√§ubigem Staunen und ehrf√ľrchtigem Schweigen.

Aber Mam√° scheint kein bisschen beeindruckt. Ihre Stimme hallt durch die paradiesische Bucht. Sie hat gerade festgestellt, dass ihr Handy an diesem ungl√ľckseligen Ort keinen Empfang hat. Wir ignorieren ihr Bed√ľrfnis, telefonische Kontakte zu pflegen. Ich verteile Handt√ľcher und Kissen. Mam√° f√ľgt sich nur unwillig in ihr Schicksal und redet stattdessen vom Sexualleben jener Freundin, die sie gerade anrufen wollte. Die Kinder und mein Mann verschwinden ohne Ank√ľndigung ins Wasser. Ich bleibe zur√ľck. W√§hrend Mam√° sich fortw√§hrend mit Br√§uner einspr√ľht, f√§hrt sie mit ihrem voyeuristischen Monolog fort und verlegt sich schlie√ülich auf √úbelkeit erregendes Moralisieren.

Das Boot d√ľmpelt.

Ich wei√ü nicht, ob es am Gespr√§chsstoff liegt oder am penetranten Duft des Br√§uners, aber ich f√ľhle mich nicht wohl. Ich war noch nie seekrank.

Als der Rest der Mannschaft wieder aufkreuzt, ist eine Obstpause angesagt. Mam√° lehnt ab. Die schlanke Linie, ich wisse schon ... Ja, aus Erfahrung isst sie die Reste der Kinder, die einen weniger kalorienhaltigen Eindruck zu machen scheinen. Zuguterletzt greift sie doch zu und redet daf√ľr √ľber hypokalorische Di√§ten.

Die Kinder versuchen, sich auf ihren Stammpl√§tzen einzurichten, aber √ľberall liegen Utensilien ihrer Gro√ümam√° herum, ihre Tasche, ihre Frauen-Illustrierte, ihr Br√§uner, ihr Lippenstift. Ihre Sonnencreme l√§uft auf einem Polster aus. Ich schaffe m√∂glichst unauff√§llig Platz. Die Kinder legen sich in die Sonne und bitten ihre Gro√ümutter, ihnen eine Geschichte zu erz√§hlen, denn sie sind empf√§nglich f√ľr meine Notlage und kennen meine Grenzen. Ich springe kurzerhand ins Wasser, suche K√ľhlung und mein inneres Gleichgewicht. Nur wenige Minuten und mein Mann ruft mich zur√ľck aufs Boot, weil die Sonne bereits nachweislich das Decollet√© seiner Mam√° besch√§digt hat und ich helfen muss, das Sonnendach aufzuspannen. Das erweist sich als schwierig, weil Mam√° immer leider gerade dort sitzt, wo wir gerade vert√§uen m√ľssen.

Das Boot d√ľmpelt st√§rker.

Mein Bed√ľrfnis, mich hinzulegen, wird immer intensiver. Ich m√∂chte nichts mehr h√∂ren, ich m√∂chte einfach weg sein.

Die M√§dchen beginnen zu quengeln, bis sie feststellen, dass sie seekrank sein m√ľssen.

Der Wind hat sich gedreht und das Sonnendach wird zum gef√§hrlichen Segel. Abbauen ist schnellstens geboten. Danach bin ich fix und fertig. Eines der M√§dchen behauptet, es habe Halsschmerzen. Gro√ümam√° ist in ihrem Element. Sie diagnostiziert akute Anzeichen einer Erk√§ltung und befindet bereits, dass fiebersenkende Mittel vonn√∂ten seien. Ich wei√ü nicht, ob ich diese √Ąu√üerung als Angriff deuten soll. Wahrscheinlich erinnert sie sich gar nicht, dass sie mir vor Jahren mit einer Anzeige beim Jugendgericht gedroht hat, als ich mich weigerte, ihren Enkelinnen Antibiotika zu verabreichen.

Die M√§dchen wollen nach Hause, und ich kann ihr Bed√ľrfnis nachvollziehen. Mein Mann, der einzig wahre Seeb√§r unter uns, ist auch au√üergew√∂hnlich blass und leistet keinen Widerstand. Wir packen in Rekordzeit zusammen. Der Motor dr√∂hnt durch die wundersch√∂ne Bucht. Das Ger√§usch der √ľber den Bootsrand schabenden Ankerkette ist unertr√§glich.

Der Wind hat tats√§chlich auf genau entgegengesetzte Richtung gedreht, und k√§mpfend pfl√ľgen wir uns erneut durch die Wellen, um unseren Bootsstrand zu erreichen. Daf√ľr ist das Man√∂ver mit dem Traktor jetzt ganz einfach. Die Wellen spucken uns problemlos auf den Strand, dem wir nur Stunden zuvor begl√ľckt entflohen sind.

Gedanklich bin ich bereits damit besch√§ftigt, die hom√∂opathischen Mittel f√ľr die Beschwerden unserer T√∂chter zusammenzustellen, als ich mir der pl√∂tzlichen, ungewohnten Stille bewusst werde. In der Tat fehlt beim Mannschafts-Appell jemand.

Blitzartig erinnere ich mich, dass ich die wasserstoffblonde Hochfrisur von Mam√° zuletzt auf hoher See wahrgenommen habe. ... Jaah,... irgendwie muss sie uns daah ... abhanden gekommen sein ...

Ganz √ľberraschend von unseren Beschwerden befreit, verlassen wir den Bootsstrand schweigend ... und schweigend kommen wir √ľberein, dass wir den heutigen Tag und unsere Fluchtversuche mit keinem Wort je wieder erw√§hnen werden.

Letzte Aktualisierung: 23.08.2010 - 21.26 Uhr
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