Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Urlaub | August 2010
Dreitausend Meter bis London
von Harald Götzelmann

Mein Blutdruck ist sicher verflixt hoch! 1000 zu 500 oder so! Mindestens!
Ich bin aufgeregt wie ein Teenager vor seinem ersten Rendezvous. Naja, ist ja auch so ähnlich: der erste Flug meines Lebens steht an! London, wir kommen! Ich komme mir vor wie Phileas Fogg, oder Sherlock Holmes oder mindestens James Cook.
Das Abenteuer wartet auf mich in der aufregendsten Stadt Europas. Neben den Schauplätzen zu den Figuren, die ich aus den Abenteuerbüchern meiner Jugend kenne, giere ich nach der Carneby Street, nach dem Portobello Market- den Zentren der Popkultur der späten siebziger Jahre.
Die wahnsinnig eleganten, orange-gefärbten Plastikstühle an Gate 3 des Frankfurter Flughafens, zwingen mich die letzten 20 Minuten zum Stillsitzen. Aufgeregt halten meine Begleiterin und ich unsere postkartengroßen Ausweise in den Händen. Immer wieder schaue ich nach draußen, wo die weißen oder silbernen Düsenvögel vorbei rollen. Unser Flugzeug steht schon bereit. Nur das Gebäck muss noch rein, erst dann dürfen die Passagiere zu ihren Plätzen. Aber dann geht es los. Merry old England! We’ll ariving soon!
Mein Blick fällt zufällig auf den Ausweis meiner Begleiterin.
„Du musst heuer noch deinen Ausweis verlängern lassen. Ich erst nächsten April.“
Im Gegenzug spitzt sie in mein Dokument und wird blass: „Das ist nicht nächster April, das war der vergangene April! Du Trottel hast einen abgelaufenen Ausweis!“
Mein Blutdruck sinkt innerhalb einer Millisekunde auf kaum messbare Werte.
Alles vorbei! Kein England! Out and over London!
Wie in Trance schwanke ich auf die abweisend schauende Stuartesse zu und stammle meinen Notstand in unbarmherzige graue Augen.
„Dann brauchen Sie gar nicht mitzufliegen! Das kenne ich. Die Engländer lassen Sie so nicht rein! Es gibt da zwar eine Möglichkeit, aber…“ Sie schaut mich abschätzend von oben bis unten an. „Sie! Schaffen das nie!“
Dieses verächtliche „Sie“ macht mich wütend. Wohltuend bemerke ich die Normalisierung meines Blutdrucks. Die Wut pumpte mächtig Adrenalin ins Blut: „So, so, und was müsste ich denn da tun?“
Sie blickt mit gefurchteter Stirn auf ihre Armbanduhr. (Die doofe Nuss hat eine Pilotenuhr am Handgelenk. Zu was braucht eine Bodenstuartesse eine Pilotenuhr?) „Die Flughafenpolizei ist hier in 1500m entfernt an Gate 2. Die könnten ihnen einen Ersatzausweis ausstellen. Aber das sind hin und zurück drei Kilometer und in 15 Minuten fliegen wir los!“
Mich wundert es irgendwie, dass sie mir nicht auch noch die Zunge rausstreckt und „bäääh“ sagt. Ich habe aber keine Zeit mich länger zu wundern, denn ich reiße ihr den unnützen Ausweis aus der Hand und renne los. Natürlich bin ich absolut Top für so einen Gewaltlauf angezogen. Wahrscheinlich gehören Jeans und kariertes Holzfäller-Hemd demnächst zur Standardausrüstung aller 3000-Meter-Läufer.
Nach zwei Minuten kann ich das Schild „Gate 2“ kaum noch lesen, mir tränt die Pupille. Ich renne, renne, renne …. Nach endlosen fünf Minuten, also 300 Sekunden, keuche ich den Beamten der Frankfurter Flughafenpolizei mein Begehren ins freundliche Antlitz.
„Ei mei Gudde, do sin mer wohl e bissel spät dran. Awwe mir wolle mol net so sei!“
Mit breitem Grinsen fertigt der Parade-Hesse die gewünschten Dokumente aus. Nach, schon wieder endlosen fünf Minuten beginnt mein Weg zurück. Ich renne, renne, keuche, keuche, schreie mir die Luft in die Lungen. Mitleidige Blicke der verbeihuschenden Menschen treiben mich vorwärts. Da! Ein Radfahrer! Ich werde ihn niederschlagen und weiterfahren! Nein, ich könnte nicht mal eine Ameise niederschlagen.
Nach weiteren fünf Minuten taumele ich in den Warteraum von Gate 3. Die beleidigte Bodenstuartesse gibt telefonisch durch, dass man die restlichen Gepäckstücke nun endlich (!)auch verladen könne. Am Arm meiner Begleiterin wanke ich als Letzter in das Innere eines muffigen Flugzeuges. Das Keuchen meiner Lunge übertönt die Triebwerke des Flugzeuges.
Flugangst? Was ist das denn? Luft! Luft!
Irgendwann bemerke ich, dass das Flugzeug schon über der Nordsee ist. Das Keuchen lässt nach. Die freundliche Stuartesse, mit einer kleinen geschmackvollen, sehr hübschen Uhr, bringt einen Mini-Imbiss. Ein Sandwich mit Huhn, Salat und viel Mayonnaise. Dazu ein Orangensaftgetränk!
Trinken! Flüssigkeit! Endlich! Der Saftverschnitt verdunstet auf der Zunge. Die trockene Luft im Flugzeug macht mich wahnsinnig. Bitte könnten wir nicht landen? Oder notfalls wassern? Wasser!
Sanft landet das Flugzeug in London Gatwick. Nach einer halben Stunde Wartezeit betrete ich englischen Boden. Meinen Ersatzausweis habe ich in der Hand verschweißt. Vor mir eine Theke. Bobbys, richtige englische Bobbys mit den riesigen Helmen stehen als hoheitliche Ikonen des Britischen Empires hinter der wahnsinnig geschmackvollen Spanplattenverkleidung. Denen werde ich jetzt mein teuer erkauftes Dokument unter die Nase halten, und sie werden mich passieren lassen müssen! Ha! Ich werde hineingelassen werden müssen, in dieses Land, dessen Vergangenheit mich so fasziniert!
Der Bobby ganz vorne schaut nicht mal auf, als ich ihm mein wertvollstes Dokument präsentiere. Ich darf vorbei. Ich bin ganz offiziell nun Gast der Queen! Und das ohne Ausweis! Ich habe grundlos Übermenschliches geleistet!
Ich überlege, ob ich den Papierfetzen nicht aufesse.
Später erfahre ich, dass ich bei zehn Minuten für 3000m in meiner Altersklasse bayerischer Meister geworden wäre. Das nächste Jahr werde ich nach München laufen.

Letzte Aktualisierung: 11.08.2010 - 00.37 Uhr
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