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Urlaub | August 2010
Urlaub
von Irmgard Anderfuhr

Das Licht kam direkt von oben und tauchte alles in ein unwirklich grelles Licht. Weder die Berge, noch die Bäume oder die Häuser zeigten Schatten – eine beeindruckende Szene. Am liebsten hätte er jetzt einen Zeichenstift zur Hand genommen, um diese Schönheit festzuhalten. Endlich einmal Zeit! Jetzt war er da, der Moment des Abschaltens, des sich Ausruhens. Und er genoss die Ruhe. Kein Telefon, kein Handy, kein Computer und keine Termine. In seinem Leben gab es fast nur noch berufliche Verabredungen – private Treffen mit Freunden waren in letzter Zeit wirklich selten geworden. Nun ja, als letztes eine Geburtstagsfeier. Und selbst die hatte er beinahe vergessen. Darum war so eine Auszeit jetzt genau das richtige. Hier – so hoffte er, konnte er ohne Stress und ohne Verpflichtungen einfach nur er selbst sein. An diesem fremden Ort gab es Neues zu entdecken, und das entsprach so ganz und gar seinem Temperament. „Das nenne ich mal Urlaub!“ dachte er. So hatte er sich das gewünscht und alle Träume schienen sich zu erfüllen. „Gut gemacht!“
Er näherte sich den Häusern. Ihre interessante Architektur faszinierte ihn. Im Norden Deutschlands, wo er wohnte, hatten die Häuser hartgebrannte Klinker als Wetterschutz und die Grundrisse waren kompakt. Hier gab es transparente Wände aus leichten Stoffbahnen und die Räume waren nicht geschlossen. Eine Frau lächelte, als sie seinen fragenden Blick sah, und winkte ihn heran. Mit einladender Geste führte sie ihn zum Eingang. Erst dachte er, dies sei ein Hotel. So offen und großzügig erschien alles. Er ging staunend und mit wachsender Neugierde hinein und bemerkte, wie die Räume ineinander flossen. Der Eingang war über und über mit exotischen Pflanzen bestückt. Die Farben waren intensiver, als er sie von Zuhause kannte. In einem Meer von sattgrünen Blättern, stachen die feuerroten Blüten mit safrangelben Staubgefäßen hervor. Der Fußboden und die Wände waren weiss, und so wirkte das ganze wie ein Bild auf ihn. Menschen saßen entspannt in Sesseln aus weißem Geflecht und unterhielten sich gut gelaunt. Ein Piepton machte sich im Innenohr bemerkbar – oh, ein Stresssymbol des Alltags. Sein täglicher Büromarathon hinterließ Spuren! Ständig wurde er getrieben von Fragen, auf die er Antworten finden musste. Termine wahrnehmen, Gespräche führen, kreativ sein und durch den Verkehr schlängeln ... Der Urlaub war stets geplant und wegen wichtiger Baustellentermine wieder verschoben. Die beruflichen Entscheidungen standen für ihn immer im Vordergrund. Doch jetzt würde er sich gut erholen. Das war schon mal sicher. Hier würde er seinem Herzen folgen. Er erinnerte sich an das Gedicht von Hesse, das er als Jugendlicher gelernt hatte: „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten!“ Und genau so fühlte er sich jetzt. Heiter durchschritt er den nächsten Raum und fühlte sich leicht und frei. Hier waren ebenfalls viele Grünpflanzen, jedoch gar keine Blüten, keine Farben. Nur Grün. Er hielt den Atem an, denn er hörte von Draußen kräftiges Trommeln. „Wie passend!“ Hier konnte er bestimmt noch einmal herkommen ... Darum verabschiedete er sich mit einer Verbeugung. Wieder umfing ihn das gleißende Licht. Die Trommeln mussten ganz nahe sein – doch er entschied sich, nicht dem Klang zu folgen. Dies war ja nur der Anfang seines Urlaubes. Er hatte bestimmt noch Gelegenheit, die Musiker zu treffen. So ging er zurück zum Strand. Einladend und mit nie gesehener Helligkeit zeigte sich das Meer. Er zog die Schuhe aus und fühlte den Sand an den Füßen. „Ach, was soll´s – ich ziehe auch das Hemd aus!“ dachte er. Diese Leichtigkeit des Seins war so unbeschreiblich schön. Er fühlte sich so jung, wie lange nicht mehr. Seine Hände gruben sich in den Sand und er war versucht, eine Sandburg zu bauen – so wie damals, als er als kleiner Junge mit seinen Eltern die Ferien an der Nordsee verlebt hatte. „Du bist neu angekommen, stimmt´s?“ Er ließ seine Hände still im Sand stecken und schaute direkt in die Augen eines Mannes. Er erschrak, denn in der Erinnerung, in der er gerade war, sah der Mann wie sein Vater aus. „Ja, ich bin auf dem Weg zum Hotel – habe mich noch gar nicht eingecheckt“ antwortete er verlegen. Als er den Sand von den Händen klopfte, hörte er wieder diesen Piepton. Er zog sein Hemd über. „Ich will mich mal auf den Weg machen, bevor die Sonne untergeht.“Der Mann lachte und tippte mit den Fingern zum Gruß an seinen Strohhut. „Man sieht sich!“ sagte der. Nun aber direkt zum Hotel - doch er konnte seinen Blick vom wundervollen Meer nicht abwenden. Diese Endlosigkeit war umwerfend schön. Ihm war ganz festlich zumute. Und wieder erinnerte er sich an einen Vers – merkwürdig, wie lange hatte er die Lyrik im Alltag vergessen.„Ich kann das Blau riechenso frisch und feucht und leichtWie eine Wolke, die durch meine Seele streicht“ *„LEBEN!“ rief er laut in die heranrollenden Wellen und in den Himmel. Ja, leben und sich selber spüren. Hier war er dem Leben offensichtlich sehr nahe. Was er sah war wundervoll. Was er hörte, das war sein Rhythmus. Der Duft, die Stimmung - alles war pure Inspiration. Hier traf alles zusammen, wie er sich einen entspannten Urlaub vorgestellt hatte. Als dann noch sphärische Klänge von einem Windspiel herüberwehten – meinte er, die Enge in seiner Herzgegend zu spüren. Sein Glück war so übergroß – der Moment so unglaublich schön.„Du bist für dich und dein Leben selbst verantwortlich!“ dachte er.
„Nie wieder so lange zögern und aufschieben, nein: jeden Tag so leben, als wäre es der letzte.“ Das Meer rauschte in seinen Ohren, in seinem Kopf und durchflutete seinen ganzen Körper. Die Sonne schien noch intensiver und verursachte einen stechenden Schmerz in den Augen. Dazu kam wieder dieser Piepton, der überging in ein anschwellendes Heulen ... schrill, fordernd und laut hörte er die Sirene eines Rettungswagens. Nein, wie unpassend, das konnte doch nicht sein ... Mitten im Paradies .... Er kniff die Augen zusammen, um die Helligkeit zu vertreiben. Er wollte die Ohren mit seinen Händen schützen, da hörte er eine Stimme. „Wir haben es geschafft. Ich glaube, er ist wieder da. Herr Liebig! Hallo, Herr Liebig ... können Sie mich hören?“ Es fiel ihm nicht leicht, doch er bewegte seinen Kopf und nickte. Sein Körper war wie erstarrt und fühlte sich an wie ein Zementsack. Bleischwer lag er da. Zögernd öffnete er die Augen. Blaues Licht flackerte zuckend über ihm.

„Markus, mein Junge ... wie schön, du lebst!“ hörte er seine Mutter neben sich. „Du hast mich so erschreckt, als du dich nicht mehr gerührt hast. Ich liebe dich – Alles wird gut, und so bald es dir wieder gut geht, fährst du endlich ans Meer und machst Urlaub ....!“

* copyright der Lyrik: Irmgard Anderfuhr_2010

Letzte Aktualisierung: 06.08.2010 - 19.20 Uhr
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