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Urlaub | August 2010

Reisen, hautnah
von Helga Rougui

Zum vierten Mal ging der Mann mit dem Teetablett an den Wagenkolonnen vorbei, ich winkte ihm und nahm einen Thé à la Menthe - immerhin verstand er Französisch. Dirham – wieviel Dirham? - ich verstand sein Arabisch nicht und reichte ihm auf gut Glück einen Geldschein, und er gab mir einige Münzen zurück.

Die Wagentür an der Fahrerseite wurde abrupt geöffnet. Mein Mann ließ sich in den Sitz fallen und starrte dem Beamten im schlechtsitzenden rostroten Anzug nach, der sich gerade mit unseren Pässen Richtung Infohäuschen bewegte.
- So, jetzt hab ich dem zum hundertsten Mal gesagt, daß wir nichts zu verzollen haben, und wir zahlen nichts, gar nichts, und wenn wir bis morgen früh um vier hier warten. Ende. Aus. Mickimaus.
In dem Moment bewegte sich die Schlange neben uns, die Autos rückten zwei bis drei Meter vor, und wir standen.
Sonne. Glühende Hitze.
Es war zu heiß zum Antworten.

Zweieinhalb Stunden später hatten die Beamten ein Einsehen, oder es war ein Wunder geschehen, oder ihnen dämmerte langsam, daß mein Mann der in etwa sturköpfigste Araber zwischen Kairo und Kapstadt war – sturköpfiger noch als der gemeine marokkanische Subalterne an sich, der denjenigen nicht weiterfahren ließ, der ihm nicht einen bestimmten Obolus entrichtet hatte – eine Bearbeitungsgebühr, sozusagen.
Wir setzten uns in Bewegung. Die kostbare Plakette mit der Einreiseregistrierungsnummer hatte ich sofort nach Erhalt hinter der Windschutzscheibe mit solidem, in Deutschland extra dafür gekauftem Klebstoff festgepappt – auch ich trug meinen Teil zum guten Gelingen dieser Reise bei.

Ich hatte meinen Koffer gepackt wie vor jedem Urlaub, mein Mann natürlich den seinen.
In Spanien besorgte ich uns mit dem Wörterbuch in der Hand Speis und Trank, und mein Mann fuhr. Ich las die Straßenkarten und sagte, wo es lang ging, und mein Mann fuhr.
Einmal, auf dem Autobahnring um Madrid, übernahm ich kurzfristig das Steuer, schwitzte Blut und Wasser, und an der nächsten einigermaßen vertretbaren Stelle an der Strecke tauschten wir die Plätze, und ich schlüpfte erleichtert in meinen Beifahrersitz wie in einen ausgetretenen, mir liebgewordenen Hausschuh.
Mein Mann fuhr durch ganz Belgien, durch ganz Frankreich, durch ganz Spanien bis zur Fähre, auf die Fähre hinauf und von der Fähre hinunter, auf den Boden seiner Heimat.

Nun war ich in der Fremde. Der Orient hatte mich schon von jeher fasziniert, Literatur und Film hatten bestimmte Vorstellungen erzeugt, und natürlich, denn auch das hatte ich mir angelesen, würde die Realität ganz anders sein. Aber wie?
Zu Hause hatte ich in zwei anstrengenden Sprachkursen die ersten Elemente meines zukünftig sicherlich perfekten Hocharabisch gelernt.
Um festzustellen, daß ich meine Sätzchen nicht anbringen konnte.
Ich war umgeben von Menschen, die sich über meinen Kopf hinweg in kehligen Lauten Botschaften zuriefen, in denen ich, wenn ich Glück hatte, hin und wieder ein Wort erkannte, und damit erahnte ich, in welche Richtung die Gespräche gingen. Und meine Familie sprach einen der nördlichen Berberdialekte und brach bei meinem ersten hocharabischen Satz "kaifa haluka?" in unterdrücktes Gelächter aus.

… … …

Jedes Jahr in den Ferien ging es nun nach Marokko, solange ich einen marokkanischen Ehemann hatte.

Nach dem Verlassen des Hafen- und Zollgebietes durchquerten wir Tanger, und jedesmal nach Verlassen der Stadt mußte ich dringend und erkor mir dafür ein Hotel am Wegesrand, leicht erkennbar an seiner auffälligen Tür in hellem Blau, und sie ließen mich die Toilette benutzen im ersten Jahr und in den folgenden Jahren auch, bis die Autobahn gebaut wurde und wir diese Strecke nicht mehr fuhren.

Dann kam in einsamster, wildzerklüfteter Berggegend das kleine Fernfahrercafé, in dem wir, völlig erschöpft von der Fahrt und am Ende unserer Kräfte, jedes Jahr einen heftigen Ehestreit vom Zaune brachen, der durch lauwarmen Pfefferminztee und noch lauwarmeres Wasser kaum abgewiegelt wurde, und jedes Jahr führte uns unsere Liebe zurück zum gegenseitigen Verständnis und zur Versöhnung, so daß wir bei unserer Familie, die uns sehnsüchtig erwartete, einträchtig und fröhlich erscheinen konnten.

Jahre hindurch reihte sich Erlebnis an Erlebnis, und nicht Prinzen und Dschinn und Wunderlampen prägten meine Vorstellung, sondern die erst fremden, dann mir immer vertrauter werdenden Menschen, mit denen ich zu tun hatte.
Mein Versuch, in der Mittagshitze im wie ausgestorben daliegenden Dorf herumzuwandern - ich quengelte so lange, bis mein Schwager mich begleitete, und lernte, man geht nicht spazieren in diesem Land und auf dem Dorf schon gar nicht.
Die touristischen Besichtigungen, mir zuliebe unternommen, bei denen mein Mann und sein Bruder im Café warteten, bis ich durch Volubilis geschlichen war, die schillernden Basare, die traditionelle Hochzeit des älteren Bruders, auf der eine einzige Meisterköchin die Verarbeitung von vierhundert frisch geschlachteten Hähnchen oben auf dem Dach des Hauses dirigierte, wonach sie zwei Tage und zwei Nächte schlief.
Die Bedürfnisse des jüngeren Bruders und seine Anstrengungen, aus diesem chancenlosen Land wegzukommen, die von meinem Mann unterstützt wurden, was bei mir blinde Eifersucht hervorrief, die langen Gespräche mit meinem älteren Schwager, der an seinen Rollstuhl gebunden immer Zeit für mich hatte und mit dem ich mein Französisch übte und über Gott und die Welt sprach, während mein Mann unterwegs war, um von einem weit entfernten Hof den besten Honig aller Zeiten zu holen.
Meine Schwiegermutter, die mich mit offenen Armen empfangen hatte, trotz des Altersunterschiedes zwischen ihrem Sohn und mir und trotz der Tatsache, daß ich Christin war - ihr Sohn hatte sich für mich entschieden und sie legte mich ihm ans Herz mit den Worten "Achte auf sie wie auf dein Augenlicht".
Der Cousin, der in einem Wadi ertrank, die Trauer der gesamten Sippe und die Sorge um die Familie, deren Ernährer er gewesen war, die Nichte, die von ihrem Mann geschlagen wurde und lange Jahre Zuflucht fand auf dem Hof, bis ihr Mann, durch das Gefängnis geläutert, Besserung gelobte und sie zu ihm zurückging und schwanger wurde.
Die Fahrten zum Strand und zum Meer, wo ich mit Frauen und Kindern badete und mein Mann und mein Schwager Fußball spielten, meine Haare von Sand und Salzwasser verklebt, die Hitze und die Gerüche und die eleganten Cafés in der Hauptstadt, die französische Buchhandlung mit der stets mißbilligend guckenden Buchhändlerin, die Melonenhändler unterwegs und ihre köstlichen sonnenreifen Früchte, die kleinen Restaurants am Rande der Landstraße mit auf Bestellung frisch gegrilltem Lamm.
Und dann, eines Tages, der Tod der Mutter, der sich ereignete, als wir im fernen Deutschland waren, und der alles veränderte und die Großfamilie auseinanderbrechen ließ trotz der Kinder, die inzwischen den kleinen Hof mehr und mehr bevölkerten.

Urlaub war mir in diesen Jahren nicht "leere" Zeit - Auszeit, Abschalten, Nichtstun – sondern ich erlebte Leben jeden Sommer, ich nahm an den Problemen, Nöten, Freuden, Sorgen und Festen derer teil, die meine Familie waren. Ich lernte, nicht der Mittelpunkt der Welt zu sein.

… … …

Aber ab und zu wagte sich meine europäische Existenz in die marokkanische vor, besonders wenn sich gravierende Entwicklungen nicht einfach unterdrücken ließen, nur weil die Ferien begonnen hatten.
Am Tag meiner Hochzeit, dem einen der beiden schönsten Tage meines Lebens, war meine Mutter schon krank. Wir wußten es aber nicht. Nächstes Jahr hingegen war die Diagnose gestellt, und es war klar, daß sie sich von dieser Krankheit vermutlich nicht erholen würde. Dies wurde zur Gewißheit im Jahr darauf, und in jenem Sommer fuhr ich nach Marokko, weil es ihr zwar schlecht, aber noch nicht dramatisch schlecht ging – das kam erst im Herbst.
Eine Woche vor Weihnachten war sie tot.
Vorher hatte sie alles, aber auch alles versucht, um ihrem Schicksal zu entkommen, aber die Krankheit reagierte jedesmal durch die weitere Zerstörung ihres Körpers.
Was hätten wir – schwankend zwischen Auflehnung und dem Gefühl der Ohnmacht - gegeben für einen Streifen Hoffnung,

Es war während dieses letzten Sommers, auf einem Rundgang durch den Bazar. Ich bewunderte wieder einmal die aufgetürmten gesalzenen leuchtendgelben Zitronen, die glänzendgrünen oder dunkelschwarzen Berge von Oliven, die Fleischereien, wo an hoch befestigten Haken Hammelhoden baumelten und Hackfleisch und Eier sich in der Hitze den Anschein der Frische gaben - und dann der Gang mit den Spezereien, den Düften, den Gewürzen, und - den Straußeneiern, ausgeblasen, erwerbbar im ganzen oder in kleinen Stücken, Medizin gegen dieses oder jedes Übel, ich weiß es nicht mehr. Ich wollte eins, aber ich kriegte es nie - zu teuer, zu fragil für die lange Rückreise, und es gäbe vielleicht Probleme an der Grenze, und wohin zu Hause mit dem Staubfänger.
Also kein Ei.
Ich verzichtete wie jedes Jahr.
Aber dann, in jenem Jahr, bat ich meinen Mann, dem Standinhaber die Krankheit meiner Mutter zu schildern. Er stand da, hörte zu, hinter ihm die Regalwand mit hunderten kleiner Töpfchen unterschiedlichster Substanzen, so viele Wirkstoffe, so viele Mixturen…
Dieser Mann sagte uns, er habe da etwas, das habe in solchen Fällen schon geholfen, manchmal aber natürlich auch nicht – egal, wir kauften es, und für viel zu niedrig hielt ich den Preis angesichts der Wirkung, die es entfalten sollte – sorgfältig wurde das Päckchen eingewickelt und verschnürt und verknotet, damit es die Fahrt zurück überstehen konnte.

… … …

Nach unserer Rückkehr wurde auch dieses Mitbringsel - halb gläubig, halb ungläubig - verteilt. Meine Mutter nahm es, betrachtete es und sagte mit müder Stimme:
- Ja, vielleicht, warum nicht, wer weiß – es gibt schließlich mehr Dinge zwischen Himmel und Erde…"

… … …

Nach ihrem Tod räumten wir ihre Schränke aus.
In ihrem Nachttisch im ehelichen Schlafzimmer fand ich das Päckchen, ungeöffnet und unversehrt.

Letzte Aktualisierung: 23.08.2010 - 21.27 Uhr
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