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Urlaub | August 2010

Der Safranmann
von Sylvia Seelert

Langsam schwenkte die Boeing rückwärts aus dem Schatten von Gateway 23. Stoppte, verharrte für einen Augenblick im Morgenlicht, das sich golden in den Cockpitfenstern spiegelte. Mit einem Ruck rollte sie schließlich vorwärts zur Startbahn und der Goldschimmer in den Flugzeugaugen verschwand.
„Bitte gehen Sie zum Ticketschalter in die Transferlounge!“
Die Stimme drang nur allmählich durch die Nebelschichten hindurch, in die mein Gehirn gehüllt war.
„Gehen Sie zur Transferlounge. Dort werden Sie auf einen anderen Flug umgebucht.“
Ein Lufthansa-Angestellter zog mich mühsam von der Glastür weg, an die ich noch immer mit Händen und Stirn angelehnt stand.
Die Maschine war weg. Und Steffen mit ihr.
Warum hat er nicht auf mich gewartet?
Regen schlug gegen die Glasfenster des Gangs. Menschen eilten mit ihren Trolleys an mir vorbei. Die Räder der Koffer ratterten in unterschiedlichen Tonhöhen über den Boden, mal höher, mal tiefer. Im Minutentakt gab eine knarrende Lautsprecherstimme Anweisungen.
„Wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit ... May we have your attention ...“
Die Menschenmenge trieb mich mit sich, schwemmte mich über Laufbänder und Rolltreppen. Wie Bienen summte es in den Waben des Frankfurter Flughafens.
„Was kann ich für Sie tun?“
Die junge Frau hinter dem Ticketschalter blickte mich erwartungsvoll an.
Tränen schossen mir plötzlich in die Augen und jemand schien meine Lippen mit Sekundenkleber verschlossen zu haben. Sie ließen sich einfach nicht mehr öffnen.
„So sagen Sie doch etwas!“
„Ich habe … meinen … Flug verpasst“, kam es endlich gequetscht zwischen meinen Lippen hervor.
„Aber das ist doch nicht schlimm“, beruhigte sie mich.
„Wir werden Sie umbuchen. Kein Problem!“
Aber er ist ohne mich geflogen, wollte ich ihr entgegen schreien. Stattdessen nickte ich nur und schob ihr meine Boardingcard zu.
„Sie fliegen jetzt um 13.10 Uhr nach Washington und von dort mit der United Airlines weiter nach Los Angeles.“
Immer noch ziemlich durcheinander, knautschte ich mich auf die Lederbank eines Bistros und genoss das Knistern des Tabaks beim ersten Zug. Schließlich nippte ich an meinem Kaffee und allmählich hauchte das Koffein wieder Leben in meine schreckstarren Glieder.
Eigentlich sollte ich zusammen mit Steffen in dem Flieger nach L.A. sitzen. Hätte nicht mein Flug von Düsseldorf nach Frankfurt über eine Stunde Verspätung gehabt. Steffen war aus Hamburg gekommen, direkt von einer Dienstreise. Sein Flieger hatte es rechtzeitig geschafft. Ergo: Ich saß hier nun alleine mit meinem Kaffee in Frankfurt fest.
Mein Blick schweifte über die anderen Gäste und blieb schließlich an einer safranfarbenen Krawatte hängen. Aus dem Meer von zurückhaltend gekleideten Geschäftsleuten, von denen dieses Bistro überschwemmt wurde, überraschte sie wie ein aus dem tiefblauen Wasser unvermutet auftauchender Delphin. Neugierig geworden, musterte ich den Schlipsträger. Er saß mit einer ruhigen und würdevollen Haltung da. Jedes Mal, wenn er die Kaffeetasse anhob, spreizte sich sein kleiner Finger dabei ab, als ob er die Berührung mit dem Henkel scheute. Die Tasse stellte er anschließend mit so viel Umsicht zurück, dass kein Klirren zu hören war. Seine nachtschwarzen Haare schimmerten wie Seide. Sein Teint war von einem samtenen Haselnussbraun und unter langen Wimpern funkelten dunkle Augen. Ich schätzte ihn von indischer Herkunft, vielleicht Anfang Dreißig.
Er bemerkte, dass ich in musterte, und drehte seinen Kopf leicht in meine Richtung. Verschämt senkte ich den Blick, kramte meinen Reiseführer aus dem Rucksack hervor und vertiefte mich darin. Als ich Minuten später wieder aufblickte, war er verschwunden. Seufzend legte ich das Buch zur Seite und schlürfte mit dem Rest Kaffee ein Gefühl von Enttäuschung weg.
Endlich war es Zeit, an Bord zu gehen. Ich folgte der Menschenlange, die sich zum Boarding eingefunden hatte, fand meinen Sitz und blieb starr davor stehen. Die Safrankrawatte aus dem Bistro war mein Platznachbar.
Er blickte hoch und schaute mich mit gleichmütiger Miene an.
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Ichsitzehier“, schoss es mir über die Lippen.
„Dann setzen Sie sich doch“, entgegnete er mit beruhigendem Bass.
Für einen kurzen Augenblick schien sich ein leichtes Lächeln um seine Mundwinkel zu schleichen.
„Das ist eine gute Idee“, antwortete ich und ließ mich in den Sitz neben ihm plumpsen. Heiß und kalt durchlief es mich gleichermaßen und mein Gesicht glühte. Die Mitreisenden, die sich für einen Moment hinter mir gestaut hatte, zogen weiter, bis jeder seinen Platz gefunden hatte.
„Soll ich Ihren Rucksack nicht lieber oben verstauen?“
Eine Flugbegleiterin stand neben mir und lächelte freundlich zu mir herab. Erst blickte ich sie an und dann auf meinen Rucksack, den ich noch immer umschlungen auf meinem Schoß hielt. Langsam löste ich die Umklammerung und reichte ihn ihr hoch.
„Ja, danke“, murmelte ich verlegen.
„Und bitte schnallen Sie sich jetzt an. Wir starten jeden Moment.“
Nervös nestelte ich nach dem Gurt und versuchte, beide Teile ineinander zu schieben. Doch der Gurt wehrte sich gegen meine zittrigen Versuche. Haselnussbraune Hände legten sich auf die meinigen – so warm und so weich – und schoben den Gurt mit einem Klick zusammen.
„Danke“, murmelte ich und stierte verlegen auf meine Schuhspitzen.
Ich griff nach dem Bordmagazin in der Sitztasche vor mir und blätterte es durch. Heimlich blinzelte ich zu ihm rüber, doch er war hinter einer Tageszeitung verschwunden.
Nach dem Start nahm alles seinen geschäftigen Lauf. Wagen holperten durch die Gänge, Getränke wurden eingegossen, Essen verteilt und Duty-Free-Waren verkauft. Schon bald legte sich die Eintönigkeit des Langenstreckenfluges auf die Gemüter der Reisenden. Selbst das Baby drei Reihen vor mir schrie nicht mehr und schlief anscheinend. Mir selber fielen allmählich die Augen zu und ich glitt in einen unruhigen Schlaf.
Ich lief durch leere Flughafengänge. Jede Abzweigung führte zu neuen Gängen und großen Hallen. Gateway reihte sich an Gateway, und an jedem standen graue Flugzeuge angedockt. Jedes Mal, wenn ich ein Gate erreichte, verschwand Steffen hinter sich schließenden Türen und das Flugzeug rollte weg. Draußen zogen dunkle Sturmwolken auf und der Wind peitschte den Regen gegen die Fenster. Eine Lautsprecherstimme knallte in abgehackten Sätzen Anweisungen. „Bitte schnallen Sie sich an. Bitte schnallen Sie sich an.“ Als ich an mir herabblickte, war ein Gurt fest um meine Taille gespannt. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Ein Blitz krachte in den Flughafen, und der Boden wölbte sich für einen Moment nach oben. Der Gurt schnitt in meine Taille, doch hielt er mich fest. Schreie gellten um mich herum und es roch nach Angst.
Mit klopfendem Herzen riss ich meine Augen auf. Ein Stoß durchlief das Flugzeug und dann sackte es ab. Ängstliche Rufe der Menschen rollten wie eine Sturmflut durch den Flieger. Die Maschine fing sich mit einem Ruck, der meinem Magen einen dumpfen Schlag verpasste. Sie schlingerte weiter durch ein Meer von Luftlöchern und bald breitete sich der beißende Geruch von Erbrochenem aus.
Irgendwann bemerkte ich, dass sich meine Hand in den Arm meines Sitznachbarn gekrallt hatte. Entschuldigend blickte ich zu ihm hoch und löste langsam meine verkrampften Finger. Er lächelte, nahm meine Hand und hielt sie fest.
Ein weiterer Stoß durchlief die Maschine bis tief in meinen Bauch hinein. Meine andere Hand tastete sich vorsichtig zu seinem Gesicht hoch und schob eine Strähne hinter sein Ohr zurück. Sein Haar war genauso seidig wie ich es mir vorgestellt hatte. Er ließ die Berührung geschehen, blickte mir mit einer Selbstverständlichkeit in die Augen, als ob wir uns schon lange kennen würden. Mutig geworden, streichelte ich mit meinem Zeigefinger seinen Wangenknochen entlang und landete zwischen seinen Lippen. Für einen Moment malte ich seinen Mund nach. Seine Lippen öffneten sich und Feuchtigkeit empfing mich. Ein erneuter Stoß rollte durch das Flugzeug und trieb mich in ihn hinein. Mein Atem war tief und schwer geworden; Hitze breitete sich in Wellen von meinem Bauch aus.
Wir küssten uns. Er schmeckte bitter und süß zugleich. Nach etwas Kostbarem, das man nicht überdosieren durfte. Exotisch, unbekannt, ein Land, das entdeckt werden wollte. Und ich entdeckte ihn mit meiner Zunge.

„Wir bedanken uns, dass Sie mit uns geflogen sind und hoffen, dass Sie trotz der Schlechtwetterfront mit dem Flug zufrieden waren. Wir würden uns freuen, Sie bald wieder an Bord begrüßen zu dürfen. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Washington oder einen guten Weiterflug.“
Die Menschen spülten mich aus dem Flugzeug heraus. Ein Blatt, das der Sturm auf einen Fluss geweht hatte und nun ins offene Meer trieb. Suchend blickte ich mich um, sah seine gelbe Krawatte einmal in der Menge aufblitzen, verlor sie wieder aus den Augen. Noch immer lag ein bitter-süßer Geschmack auf meiner Zunge.

„Marie, träumst du?“
Ich blinzelte gegen die Sonne und schob mir die verrutschte Sonnenbrille wieder vor die Augen. Die Wellen schlugen sanft gegen die Pfeiler des Santa Monica Piers, und der Gesang eines Straßenkünstlers wehte zu uns herab. Es war ein warmer Tag in Los Angeles.
„Wieso fragst du“, murmelte ich.
„Du hast so gezuckt und gestöhnt. Das muss ja ein wilder Traum gewesen sein. Ich hoffe, er war von mir.“ Er beugte sich zu mir herab und drückte einen Kuss auf meine Lippen. Er schmeckte sauer.
„Komm, lass uns schwimmen gehen.“ Er stand auf und streckte sich.
„Vom Safranmann“, murmelte ich erneut. „Ich habe vom Safranmann geträumt!“
Mit beiden Füßen stand er bereits im Wasser und winkte mir zu.

Letzte Aktualisierung: 22.08.2010 - 19.40 Uhr
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