Ganz schön bissig ...
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Liebe ist ... | September 2010
Die Einladung
von Anne Zeisig

Schuld war meine Tante Anna Margaretha Johanna aus Niederbayern, als sie bei uns einen Kurzurlaub machte. Eine ledige Frischrentnerin, welche ihre Verwandtschaft bereiste.

„Jo habts ihr do alleweil am heiligen Sonntag ka Kirchn nit?”
„Aber Anna!” Meine Mutter trug das Frühstückstablett in die Küche und belehrte ihre Schwester: „Wir haben hier fast an jeder Ecke eine Kirche! Eine Moschee und ne Synagoge gibt es auch.” Dann blickte sie mich an. Mein Innerstes begehrte auf: ‘Nein!’.
„Du begleitest deine Tante bestimmt gerne in den Gottesdienst.”
„Ind Messen, Schwesterl. Noch samma alleweil Katholiken und net protestantisch wie dei Gattn.”
Mutter ließ Wasser in die Spüle laufen. „Dann eben in die Messe!”
Mein Vater, der sich hinter seiner Sonntagszeitung verbarrikadiert hatte, nuschelte: „Das Kind ist doch gar nicht getauft.”
„Das Kind ist inzwischen achtzehn und braucht keinen kirchlichen Segen”, bekräftigte ich.
Mutter klapperte mit dem Geschirr. „Getauft oder nicht. Dem Pastor wird ´s egal sein.”
„Priester, Schwesterl, an katholischer Geistlicher is a Priester.”
„Dem kann es auch einerlei sein. Doris begleitet dich.”
„Das gfreit mi, mei Maderl, mei Liabs!” Tantchen drückte mich an ihren übergroßen Busen. Der Duft von `Echt kölnisch Wasser´ hüllte mich ein. Dann gab sie mir einen feuchten Schmatzer auf die Wange und zog mich hinaus ins religiöse Neuland.

‘Halleluja’ pfiff ich durch die Zähne und besah mir das knackige Gesäß und die breiten Schultern des Organisten. Sein langes schwarzes Haar hatte er im Nacken zu einem Pferdeschwanz geknotet. Seine schlanken Finger glitten flink über die Tasten und seine Füße tänzelten schwerelos und grazil über die Pedale. Zwischendurch zog er behände die Register.
„A Orgel is die Königin unter dene Instrumente”, raunte mir Tante Anna ins Ohr.
„Und der Organist ist der Prinzgemahl”, säuselte ich und erntete Tantchens Kopfschütteln.
Der Organist wiegte sich rhythmisch im Takt hin und her. Eine wohlige Hitze stieg mir in den Kopf, meine Füße wurden eiskalt, und unter den Fußsohlen wölbte sich die Hornhaut in viel zu engen, knallroten Lackpumps.
Dann erfasste ein Kribbeln und Sibbeln meine Zehen. Ein Prickeln kroch mir die Waden empor, stellte ein Härchen nach dem anderen auf, machte an den Kniekehlen eine kleine Kitzelpause und erreichte im Eiltempo meine Schenkelinnenseiten.
Ich zischte ein zu lautes „Wow”!
„Sirgst”, flüsterte Tantchen, „nun is der heilge Geist in dich gfahren.”
Der Weihrauch lullte mich ein, und ich sank selig seufzend auf die Kirchenbank.
„Hinknien”, befahl meine Tante, „es wird Zeit, dass aus a Heidin a Getaufte wird.”
Ich sackte auf die Knie, ergab mich willenlos dem klirrenden Sopran von Tantchen und dem Rest der Singenden.
Klare Sache. Ich hatte mich verknallt und blickte mit glasigen Augen ...

„Aloys!”, frohlockte Tante Anna Margaretha Johanna beim anschließenden Kaffeetrinken im Gemeindehaus, „a Bayer in Preissn! Jo mei! Wie kommens do daher in die Diaspora?”
Aloys, mit Augen, so blau wie ein bayerischer Bergsee, und Lippen, so rot wie edelster Rotwein. Er nickte Tantchen höflich zu: „Semesterferien ... Aushilfe, weil der alte Organist krank ist, und ...” Ich hörte gar nicht hin, weil ich auf seinen kleinen Finger starrte. Den streckte er elegant seitlich ab, als er die Kaffeetasse an seine Lippen. An diese vollen, feuchten Lippen führte und trank. Dabei hopste und gluckste sein Kehlkopf bei jedem Schluck vorwitzig hinauf und hinunter. Und! Er war gut rasiert.
Und ich? Ich goss mir den Kaffee in den Ausschnitt meiner roten Spitzenbluse.
Mein Busen brannte höllisch.
Tantchen zückte ein weißes Taschentuch mit rosa Häkelspitze hervor und rieb an meiner kargen Oberweite: „Kannst net aufpassa net!”
„Vom Rubbeln wird die Brust auch nicht größer”, witzelte ich.
Aloys´ Teint verfärbte sich zu einem sehr reifen Spätburgunder. Er wandte sich ab: „Ich hole Ihnen einen frischen Kaffee.”
Ich hielt ihn am Ärmel seines weißen Hemdes fest, er hielt inne, zog seine buschigen Augenbrauen hoch, und streifte kurz meinen Blick.
Nein! Das Blau seiner Augen glich nicht der Farbe eines ruhigen Bergsees. Das war das Blau von wildem Enzian.
Ich schüttelte nervös meine Mähne zurecht, kaute verlegen auf meiner Unterlippe und nuschelte: „Kaffee? Nö danke”.
‘Du bist doch sonst nicht so zurückhaltend’, mahnte meine innere Stimme. Ich hüstelte und holte tief Luft: „ Aber son Gläschen Rotwein, das wäre klasse.” Ich sah mich suchend um: „Wo ´ne Kirche ist, da ist doch auch der Messwein nicht weit weg.” Mein Lachen war vielleicht etwas zu laut.
Endlich lächelten mich seine zwei Zahnreichen an.
„Der ist nichts für dich”, zischte Tantchen, steckte ihr Taschentusch ein und zuckte mit ihren Schultern: „Entschuldigung. Aber mei Nichten meints net alleweil so. Getauft ist s net, wegen derem Vater, dem Luther-Hallodrie da herunten.”
„Ach, das geht schon in Ordnung. Wer hätte was gegen guten Wein einzuwenden? Mit Kaffee hat ihre Nichte soeben schlechte Erfahrungen gemacht.” Er lachte wieder dieses Zahnpasta-Lächeln, und seine Nasenflügel bebten leicht: „Sie heißen?” Immerhin zeigte er inzwischen Interesse und erkundigte sich nach meinem Namen.
„Do - .”
„Gerufen wirds Doris, aber in derer Geburtsurkunden stehngert g´schriebn: Dorothea Magdalena. Und freilie, so solls auf derem Taufschein stehn, wenn ...”
Ich gab meinem Tantchen einen unsanften Tritt vors Schienbein.
„Aha, Dorothea Magdalena”, wiederholte Aloys langsam, und lächelte mich wieder an.
Das ermutigte mich. „Du, äh, Sie, können, also, einfach Doris sagen.” Noch nie hatte Armors Pfeil bei mir Sprachstörungen verursacht. Meine Ohren fühlten sich glühend an, wie eine Hundert-Watt-Birne.
Der Typ war um einige Kalieber erwachsener als diese unfertigen Jungs aus der Oberstufe.
„Doris, wäre es für Sie in Ordnung, meinen Hemdsärmel los zu lassen?”
Blitzschnell zog ich meine Hand weg, und kaute wieder auf meiner Unterlippe.
Mist! Ich war doch sonst nicht so tollpatschig.
Abermals meldete sich meine innere Stimme. Ich sog die vom Kaffeeduft geschwängerte Luft tief ein und fühlte mich plötzlich sehr beschwingt: „Unten an der Ecke gibt es ein gemütliches Weinlokal”, sagte ich etwas zu schrill: „Der Priester hat ja bereits seinen Schoppen gehabt, nun wären wir dran.”
„Jessas Maria noch a mol! Maderl!” Bei Tante Anna setzte Schnappatmung ein. „Versündige dich nit a am Messwein nit, und am Leib des Herrn!”

„Hier seid ihr!” Das war mein Vater: „Mutter hat sich Sorgen gemacht, wo ihr so lange bleibt. Sie wartet mit dem Mittagessen.” Jetzt erst musterte er Aloys von oben bis unten: „Guten Tag Herr Pastor!”
Aloys schüttelte den Kopf.
„I habs gsagt. Mei Schwager is a Protestant. Vergelts Gott.” Sie bekreuzigte sich.
Jetzt ging das wieder los! Ich hakte mich bei meinem Paps unter: „Es wäre doch toll, wenn Herr Aloys mit uns essen würde! Ein Landsmann von Tante Anna!”

Tantchen rollte mit den Augen und flüsterte meinem Vater ins Ohr: „Dei Tochter flirtet a falsches Mannsbild an.”
Mein Erzeuger blickte verdutzt.
Aloys schüttelte den Kopf. Sein Pferdeschwanz wippte: „Danke, aber ich werde im Pfarrhaus zum Essen erwartet.”
„Der Herr Aloys ist ein Neffe vom hiesigen Herrn Hochwürden”, bemühte Tantchen ihr Hochdeutsch, rückte ihren Samthut zurecht und stieß mir in die Seite. „Hast bei seiner Vorstellung net zughört nit?”
Aloys schüttelte mir die Hand: „Nett, Sie kennen gelernt zu haben. Ich lade Sie gerne zu meiner Priesterweihe ein. Vielleicht haben Sie Interesse?”
Meine Kinnlade klappte hinunter. Eine Einladung zu seiner Priester ... ?
„Ich darf Ihnen ein Geheimnis verraten”, flüsterte er mir ins Ohr, „der Messwein ist nicht nach meinem Geschmack. Hat im Abgang eine bittere Note.”
„Ja. Bitter,” stammelte ich.

„Auffi! Maderl! D´ Knödel warten net a ewig.”


Anne Zeisig, September 2010

Letzte Aktualisierung: 14.09.2010 - 21.40 Uhr
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