Bitte lächeln!
Bitte lächeln!
Unter der Herausgeberschaft von Sabine Ludwigs und Eva Markert präsentieren wir Ihnen 23 humorvolle Geschichten.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Ingeborg Restat IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Liebe ist ... | September 2010
In einem einzigen Moment
von Ingeborg Restat

Liebe ist nicht nur Begehren zwischen Mann und Frau, sondern auch einander Vertrauen, sich aufeinander verlassen können, zueinander stehen und füreinander da sein. So empfindet Anette ihr gemeinsames Leben mit Harald in einer bereits langjährigen Ehe.
Mit hochrotem Kopf liegt sie eines Morgens in ihren Kissen. Fieber 38,5 – Verflixt! Genauso fühlt sie sich auch. Eine fiebrige Erkältung hat sie voll erwischt.
„Tu mir einen Gefallen, bleib im Bett und geh nicht zur Arbeit, Liebes. Gönn dir die Zeit, die Erkältung richtig auszukurieren, während ich bei dem Seminar bin.“ sagt Harald besorgt, während er die letzten Sachen in seinen Koffer packt.
„Ja, ist wohl das Beste. Zur Arbeit zu gehen, bin ich sowieso nicht fähig.“ Anette schnaubt vernehmlich in das letzte Taschentuch aus der Packung auf ihrem Nachttisch. „Ach, bitte, bring mir noch neue Taschentücher, ehe du gehst“, bittet sie.
„Aber natürlich, Liebes!“ Harald schließt seinen Koffer. „Brauchst du sonst noch etwas? Dann sag es schnell, die Zeit wird knapp.“
„Nein, nein, geh nur, dass du deinen Flug nicht verpasst.“
Harald sieht auf die Uhr. „Eine heiße Zitrone könnte ich dir noch machen. Dafür reicht die Zeit.“
„Ist nicht nötig. Ich muss doch irgendwann in die Küche gehen.“
„Ja, dann …“ Einen Moment steht Harald unschlüssig im Raum. Unruhig fahren seine Hände über die Taschen seines Anzugs. „Habe ich auch nichts vergessen?“ Ein Blick auf seine Armbanduhr. „Ja, dann gehe ich mal jetzt!“, sagt er, nimmt den Koffer und läuft zur Tür hinaus.
„Meine Taschentücher, Harald!“, ruft ihm Anette hinterher.
„Ach ja!“ Hastig kommt er zurück und wirft ihr die Packung aufs Bett. Er bleibt auf Entfernung. „Bussi, Liebes! Pflege dich schön und gute Besserung.“ Ein paar Handküsse wirft er ihr zu und einen liebevollen Blick, der seltsamerweise an ihr vorbeigeht.
„Viel Erfolg, Harald“, kann Anette ihm gerade noch zurufen, ehe er die Tür schließt.
Wenig später hört sie auch die Haustür zuschlagen. Er ist gegangen.
Sie döst vor sich hin. Erfolgreich ist ihr Mann. Bis in die Nächte hinein hat er in letzter Zeit gesessen und an dem Vortrag gearbeitet, den er nicht nur bei diesem Seminar halten soll, sondern auch noch bei anderen Gelegenheiten. Er verspricht sich viel für das Fortkommen seiner Karriere davon. Sie wünscht für ihn, dass sich all seine Hoffnungen erfüllen mögen.
„Hatschi! Hatschi! Hatschi!“ Sie richtet sich auf und schnäuzt sich. Das Nachthemd klebt vom Schwitzen in der Nacht an ihrem Körper. Sie muss sich frisch machen und Medikamente einnehmen. Eine heiße Zitrone wäre auch nicht schlecht. Sie schlägt die Bettdecke zurück. Hui, wie es sie fröstelt! Verdammtes Fieber! Sie steht auf und muss sich sofort festhalten, alles scheint sich um sie zu drehen.
Sie zieht sich ihren Bademantel über. Das ist schon besser. Auf dem Weg zur Küche kommt sie an der offenen Tür zum Arbeitszimmer ihres Mannes vorbei. Was liegt dort auf seinem Schreibtisch? Das sind doch nicht etwa die Akten, die er für seinen Vortrag zusammengestellt hat?
Mit hastigen Schritten geht sie hinein. „Oh, nein!“ Sie sind es. Entsetzt erkennt sie, da liegt wirklich alles, was er für seinen Vortrag braucht. Wie konnte er das vergessen?!
Was nun? Anette sieht auf die Uhr. Ist noch genug Zeit, dass er kurz zurückkommen kann? Egal, sie muss es ihm sagen. Wo ist ihr Handy? Fieberhaft sucht sie danach. Sie findet es in ihrer Handtasche, wählt seine Nummer … Er hat es nicht eingeschaltet. Nur die Box meldet sich: „Bitte hinterlassen Sie Ihre Nachricht, ich rufe zurück“
Kann sie selbst es zum Flugplatz schaffen, ehe er abfliegt? Sie muss es versuchen! Kein Überlegen mehr. Schnell zwei Tabletten nehmen, anziehen, Akten einpacken. Autopapiere, wo sind ihre Autopapiere? Natürlich, in ihrer Handtasche. Die Schlüssel schnell, die Autoschlüssel, raus aus dem Haus. Abschließen nicht vergessen! Dann ein Schritt, an die Stufe nicht gedacht, sie stolpert und - bums, liegt sie lang. Nein, nicht auch das noch! Sie steht auf humpelt zum Auto. Das Knie schmerzt höllisch. Die Nase läuft, der Kopf platzt! Egal, sie hat keine Zeit, sie muss Harald helfen, ihm diese Blamage ersparen. Wie konnte er nur diese wichtigen Akten vergessen?
Sie fährt los. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Wenn sie Glück hat, könnte sie ihn vielleicht gerade noch in der Flughalle erreichen, bevor er durch die Kontrolle zum Flugzeug geht. Allerdings nur, wenn sie jetzt bei ihrer Fahrt dahin nicht allzu sehr auf ihre Geschwindigkeit achtet. Kaum gedacht, blitzt es. Ein Strafzettel ist ihr also sicher. Egal, weiter! Sie muss es schaffen. Stottert der Motor? Geht das Auto ausgerechnet jetzt kaputt? Nein, der Sprit! Sie ist doch gestern schon auf Reserve gefahren, wollte tanken, hat es dann aber gelassen, weil es ihr bereits so schlecht ging. Wo ist eine Tankstelle? Gibt es denn hier keine Tankstelle? Schließlich kann sie den Wagen gerade noch bis an den Straßenrand ausrollen lassen, dann steht er. Sie will sich ihr Handy herausholen, um sich eine Taxe zu rufen. Auch das noch! Es liegt zu Hause, dort wo sie es nach dem vergeblichen Anruf an Harald hingelegt hat. Verflixt! Warum kommt hier keine Taxe vorbei? Doch, dort hinten kommt eine um die Ecke. Es darf nicht vorbeifahren. Sie läuft auf die Straße mit den Akten unterm Arm. und winkt so heftig sie kann. Gottlob, es hält.
Endlich sitzt sie darin und wird zum Flughafen gefahren. Benommen und erschöpft lehnt sie sich zurück.
„Sie hat es aber erwischt“, sagt der Taxifahrer mitfühlend.
„Ist nicht so schlimm! Nur eine Erkältung“, antwortet Anette, wischt sich die Haare aus ihrem Gesicht, die schweißnass an ihrer Stirn kleben, und richtet sich wieder auf.
„Damit ist aber auch nicht zu spaßen“, meint der Taxifahrer nach einem kurzen Blick zu ihr in den Rückspiegel.
„Es hilft nichts, ich muss meinen Mann noch erreichen, ehe er zum Flugzeug geht, er hat wichtige Akten vergessen. Bitte, bringen Sie mich so schnell wie möglich zum Flughafen!“
„Das nenne ich Liebe, wenn Sie in Ihrem Zustand ihm darum sogar hinterherfahren!“, sagt der Taxifahrer und gibt Gas.
***
Anette betritt noch rechtzeitig die Halle des Flughafens. Sie sieht ihren Mann sofort, will auf ihn zulaufen, winkt ihm bereits, da … Sie glaubt ihren Augen nicht zu trauen! Er wendet sich einer hübschen jungen Frau zu. Die kennen sich. Jetzt fällt sie Harald um den Hals. Ja, er umarmt und küsst sie, innig und ausdauernd, diese fremde junge Frau!
Wie angewurzelt bleibt Anette stehen. Wie er sie jetzt an sich drückt. Was hat das zu bedeuten? Nein, unmöglich, nicht ihr Harald! Das kann nicht, das darf nicht sein! Doch es ist keine Ahnung mehr, die sie überfällt, sondern bereits die Erkenntnis, die ihr droht, den Atem zu nehmen. Tief dringt der Schock ein. Wie ein Messer bohrt er sich in ihre Brust. Sie schüttelt ihren Kopf und schwankt.
Jemand greift nach ihrem Arm. „Alles in Ordnung?“, fragt er.
„Ja, ja!“ Sie quält sie sich ein Lächeln ab.
Der Mann geht weiter, verliert sich unter den vielen Leuten in der Halle. Ein Rufen, Reden, Begrüßen, Verabschieden füllt den Raum vielstimmig. Alle laufen um Anette herum. Sie ist im Weg. Hilflos, nun gefangen in der Hölle der Gewissheit, steht sie da unter all diesen Menschen und hat sich in ihrem ganzen Leben noch nie so verlassen und allein gefühlt.
Mit tränenverschleierten Augen muss sie zusehen, wie Harald und diese fremde Frau eng umschlungen, miteinander so verbunden und vertraut, zur Passagierkontrolle gehen. Wie gebannt schaut sie ihnen nach, bis beide für sie verschwinden auf dem Weg zum Flugzeug und – kaum zu übersehen – zu einer Zeit verliebter Zweisamkeit.
Anette schnieft, die Nase läuft, das Messer bohrt in ihrer Brust. Es schmerzt unerträglich. Tränen rinnen über ihr Gesicht. Was ist nun mit all ihren gemeinsamen Jahren? Zerstört in einem einzigen Moment.
Wie in Trance sucht sie den nächsten Papierkorb, nimmt die Akten und beginnt, sie Seite um Seite zu zerreißen, bedächtig und gründlich in kleine Schnipsel – gleichsam ihrer Ehe. Dabei werden ihre vor Erregung zitternden Hände mit jeder Seite, die sie vernichtet, ruhiger. Es tut ihr gut, das zu tun, auch wenn es den höllischen Schmerz und die Verzweiflung in ihr nicht mildern kann. Sie weiß, wo sie noch die Originaldatei und die Sicherungskopien von seinem Vortrag finden kann. Nichts mehr davon wird vorhanden sein, wenn er zurückkommt.

Letzte Aktualisierung: 26.09.2010 - 16.52 Uhr
Dieser Text enthält 8307 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.