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Liebe ist ... | September 2010
Paradigmen der Liebe
von Helga Rougui

"… suchet, so werdet ihr finden…"


I

Die blutjunge blondgelockte Komteß Lore von Lauenstein, in malvenfarbenen, silberbestickten Brokat gewandet, klakkerte auf ihren hochhakkigen rosa Pantöffelchen leichtfüßig und ihre Lieblingsarie trällernd durch den Schloßpark.
An ihrem molligen alabasterweißen Ärmchen schaukelten nicht nur diverse feinziselierte massivgüldene Armreifen, sondern auch ein kostbar geflochtenes Bastkörbchen – es war hohe Zeit, die eine oder andere prallsonnige, saftigrote Weichselkirsche heimzuholen in lauensteinische Küchengefilde, denn ein Kirschkuchen ohne Kirschen backte sich nicht ohne Widerspruch selbst von Seiten des sonst tief ergebenen Gesindes.
Und das Privileg der hochherrschaftlichen adligen Damen derer von Lauenstein war es seit jeher, das vollreife Obst von den Spalieren zu separieren und vorsichtig im wattierten Behältnis verstaut dem Verzehr der privilegierten Familie erreichbar zu machen.

Die Komteß, gewärmt durch die Strahlen des mittäglichen Himmelsgestirns und leicht echauffiert ob ihrer Tändelei mit dem einen oder anderen verlockend beladenen Johannisbeerstrauch rechts und links des schattigen Pfades, tat vor sattem Wohlbehagen einen dezenten Seufzer, der in einen vorwitzigen Schluckauf überging, als unversehens ihr Verlobter, der überaus gutaussehende, hochgewachsene, schwarzlockige, schneidige Prinz György von Kertész, vor ihr aus dem samtiggrünen Grasboden wuchs.
"Mainäää Liiiiebääää…", schnarrte der Prinz, während sich seine feurigen ungarischen Augen in ihr lieblich gepolstertes Dekolleté hineinwühlten.
Komteß Lore errötete zierlich, drehte sich kokett einmal um sich selbst, so daß alle Reifröcke in der leichten Sommerbrise knatterten, und spitzte begehrlich ihr erdbeerrotes, mit reifen Johannisbeeren verschmiertes Mündchen….denn niemand küßte so gut die Obstflecken weg wie ihr Traumprinz, der sie auf Händen und auch schon mal aus dem Ballsaal in ihre Gemächer trug, wenn sie von der Quadrille völlig erschöpft auf einem der vergoldeten Rokokostühlchen zusammengebrochen war. Er schickte die Kammerfrau fort und kümmerte sich rührend um ihr Wohlergehen, ließ ihr ein Bad von Lotosblüten und duftenden Essenzen ein und hielt, ganz Gentleman, keusch die Hand vor Augen, wenn sie, die Hüllen fallen lassend, in das wohlriechende wärmende Naß hineinstieg, was ihn allerdings nicht daran hinderte, sich später in der Nacht wie ein Tiger…

Eugenie legte das Heftchen auf dem Rand der Badewanne ab, nippte an ihrem Glas Sekt, ließ dem Rosenblütenbad heißes Wasser zufließen und schloß die Augen. Würde sie denn jemals, ach, ihren Prinzen finden?
Genau in diesem Moment klingelte es an der Wohnungstür. Sie riß die Augen auf.
War er das etwa?!

… nein, es war nur der Briefträger, der sie neugierig und begehrlich musterte, während sie, in ein halbdurchfeuchtetes, silberbesticktes Badetuch gehüllt, von kleinen Wasserpfützen umgeben, ihm verwirrt und zierlich gegenüberstand und versuchte, ihm nicht allzu verlangend in seine strahlend feurigen, sie blondgelockt anblitzenden Augen zu schauen und gleichzeitig das Päckchen entgegenzunehmen, das er ihr zu reichen im Begriffe war. So berührten sich schicksalhaft ihre Hände, und es durchzuckte sie beide gar lieblich ein elektrischer Strahl, und es wurde derart auf spektakuläre Weise evident, daß sie einander zugehörig waren bis in alle Ewigkeit…

Es klingelte wieder, drängender diesmal.
Eugenie tauchte aus ihren Gedanken auf, bewegte sich träge im Wasser und dachte, ach laß klingeln, ist sowieso nur der Briefträger.

Vor der Tür wandte Georg Prinz sich enttäuscht zum Gehen. Auch hier niemand zu Hause. Es war wirklich verflixt schwer, diese Beauty-Serie "A la recherche du prince perdu" an den Mann, besser gesagt an die Frau zu bringen. Schon dieser dämliche Name. Da halfen auch alle vorher sorgfältig zusammengestellten Adressenlisten nix.
Er atmete tief durch und steuerte die nächste Wohnung an.

Eugenie verharrte bewegungslos in der Wanne. Schloß die Augen. Träumte.
Die Zeit verging.

II

"Mama, hast du mich noch lieb?"
"Was willst du denn, du hast doch dein Leberwurstbrot."
Ja, dachte das Kind, da hat die Mama recht.
Und Leberwurst aß es wirklich für sein Leben gern.

Mit achtzehn war das Kind ein junges Mädchen.
Als ein nicht ganz so junger Mann sie eines Tages aufforderte, mit ihr einen Kaffee zu trinken und daraus ein Martinicocktail wurde, dachte sie, sie sei verlobt.
Ihre Eltern besuchten seine Eltern, um festzustellen, daß keinerlei Versprechen gegeben worden waren.
Sie las Else Lasker-Schüler und dachte an ihn, im Sternenmantel.
Aber er kam nie mit dem Abend.

Was kam, war die Zeit der Unterjochung.
Freiheit war ihr das wichtigste Gut, die sie aufgab, wenn ein Mann winkte.
Jede neue Liebe nahm sie in Haft, und fast schon sehnte sie die Zeit ihres Scheiterns herbei.
Liebeskummer hieß, wieder für sich zu sein, und wenigstens das Leiden konnte sie leben, wie es ihr gefiel.

Dann kam der Tag, von dem sie dachte, daß er das Tor zur Ewigkeit sei.
In guten wie in schlechten Tagen…
Die guten Tage anfangs waren beglückend, die schlechten dann umso bedrückender.
Sie harrte aus, wie immer.
Schließlich erlöste er sie und ging.

Nun war sie nicht mehr jung, aber auch nicht alt. Noch nicht.
Es gab ein letztes Aufbäumen. Ein Mann, dessen Eltern jünger waren als sie, berauschte sich an ihr und zeigte ihr sodann, wieviel sie fähig war zu ertragen.

Sie lernte, sich unendlich zu hassen.
Was sie nicht lernte, war, loszulassen. Sie verkrallte sich in ihr Gefühl, als ob es die eigene Jugend darstelle. Man hätte ihr jeden Finger einzeln aufbiegen müssen, hätte sie loslassen sollen.
Dann, eines Tages, merkte sie, daß sie ein Nichts unklammerte.

Und plötzlich hatte sie die Empfindung, als umarme sie sich selbst.
Sie beschloß, damit weiterzumachen, in guten wie in schlechten Tagen.
Sie begann, wenn auch spät, sich selbst zu leben.

Bis daß derTod sie scheidet.

Letzte Aktualisierung: 05.09.2010 - 17.35 Uhr
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