Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Liebe ist ... | September 2010
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von Bernd Kleber

Der rosa Bogen erhob sich bis zu einem Höhepunkt, an dem er sich steil abwärts stürzte. Der Schwung beschleunigte wundervoll. Die Farbe: ein Altrosa, wie das der wilden Rosen am Hain gegenüber.
Seine Mutter hatte ihm erklärt, dass alle Neugeborenen, wenn sie das Licht der Welt erblickten, die Engel um uns herum sehen könnten. Und bevor sie das erste Wort ihres Lebens sprechen würden, käme der Schönste dieser Lichtgestalten an die Wiege. Dieser lege seinen Zeigefinger genau auf diese Stelle in der Mitte der Oberlippe, kurz unter der Nasenspitze, um mit sanftem Druck eine kleine Delle zu hinterlassen: Pssst !
Nie würde man von dieser unschuldigen Zeit des Sehens später berichten können. Ein Abschnitt im Werden, während man Engel sah. Mit diesem Siegel und der damit verbundenen Zeichnung würde das bis an das Ende irdischen Lebens vergessen sein.
Nun sah er jedoch ein engelgleiches Wesen. Nur eine Armlänge von ihm entfernt blickte er in das Antlitz dieses Überwesens.
Sein Sehnen lief weiter über den temperamentvollen Bogen der Wölbung.
Der Teint schimmerte wie Porzellan, glatt und ebenmäßig. Sanft schimmernd, Damast gleich. Keine Schattierung, die nicht den Vorteil dieses Gesichtes unterstrichen hätte.
Dem Schwung folgend, glitt sein Blick über das charismatische Jochbein bis zum Auslauf der Braue.
Dunkles Blond, wie gekämmt ausgerichtet, lag dort zart, welche im Sonnenlicht golden glänzte.
Am äußeren Ende dieses Baldachins berührten schwarze Wimpern die verwandten Härchen.
Darüber, als Firmament, wölbte sich die Stirn, spiegelglatt, weiß und hoch. Edel.
Von der Mitte des Schildes, das die ungeheuerlichsten Wünsche und Gedanken verbarg, in gerader Linie abwärts, zwischen den schwungvollen Brauen hindurch, strich sein sehnender Blick über den Rücken der Nase, die sich glatt streckte.
Der vollendete Mund lächelte jetzt. Ein Glücksgefühl durchströmte ihn.
In Wellen fuhr das Wohlgefühl durch seinen Körper und ergoss sich in Flüssen kleiner Vorfreuden.
Er wollte diesem Mund noch näher sein, dieses Lächeln begehrte er zu atmen, einzusaugen, für ewig zu inhalieren.
Er beugte sich weiter vor.
Das Kinn mit dem Anflug einer Kerbe und seiner weichen Rundung drückte Zartheit und Energie in ungekannter Symbiose aus. Bildete den unteren Rahmen eines Antlitzes, welches in dieser Welt kein zweites Mal existieren konnte. Diese Schönheit, diese Perfektion setzte der Schöpfung die Krone auf. Makellosigkeit, wie sie kein Mensch hätte erdenken können. Seine Lippen bebten jetzt. Wenige Handlängen trennten ihn von seinem Wunsch. Die Säfte der Kraft drangen in eine Region seines Körpers, stürmten pulsierend voran.
Umrahmt war das Angesicht von einer dunkelblonden Lockenpracht.
Flachsblonde Strähnen spiegelten sich, von der Sonne gebleicht, in erdfarbenem Gekringel fester Haarrollen.
Die einzelnen Haarlocken reihten sich in gleichmäßiger Größe aneinander. In Marmor gemeißelter Schönheit gleich.
Weiße Zähne blitzten wie Perlen auf, da das Lächeln breiter lockte. Seligkeit verheißend.
Vögel stimmten den Chor der Ewigkeit an, umrahmten diese Minuten der Vollkommenheit zu einer Ouvertüre nie enden wollenden Glückes.
Die Krönung der triumphalen Schöpfung waren jedoch die glänzenden Seen, die spiegelnden Glanzpunkte eines edlen Charakters in der Mitte dieses Hochgenusses.
Blaue Sterne funkelten ihn an, lebendig umrahmt von langen dichtstehenden Wimpem. Die Seele spiegelte sich hier in schwärmerischer Verzückung. Das Lächeln des Inbegriffes eines Mundes zeigte sich nun auch in den spiegelgleichen Tiefen der blauen Augen.
Nie zuvor war er diesem Anblick näher, nie konnte er mehr sehen als jetzt.
Ein Feigenblatt der Unschuld echote in dieses Bild, erinnerte an die Verschmähungen angetragener Liebe.
Er verdrängte, da es sich für diesen Augenblick gelohnt hatte.
Eine Träne ob der vergehenden überdimensionierten Schönheit, dieses Glücksrausches der Vergänglichkeit, der sich seiner bemächtigte, suchte sich einen Weg vorbei an seinem Nasenflügel. Seine Hand streckte er aus, wollte mit der Fingerspitze diese Edelsteine berühren, glückverheißendes Blau, das zu zittern begann.
Das Bild verschwamm wegen des sich rührenden Nasses, die Träne fiel in die Tiefe.
Er beugte sich weit über diese unermessliche Schönheit. Seine Lippen wollten den schönsten Mund der Schöpfung berühren.
Der Sturz! Er fiel in das Nass. Er verlor sich in sich. Nichts blieb ihm. Er sah verklärt in die
Ferne, die um ihn verschwamm zu einem Wirbel aus Glücklosigkeit, niemals zu erreichen, was ihm sein größter Wunsch war. Ohne sich der Situation bewusst zu werden, schlugen die Wellen über ihm zusammen.
Das Wasser seines Vaters Kephisos raubte ihm die Luft.
Nie wieder tauchte er auf und Nymphen sangen wehklagend das Lied des Narkissos.

Letzte Aktualisierung: 05.09.2010 - 00.04 Uhr
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