Mainhattan Moments
Mainhattan Moments
Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Jochen Ruscheweyh IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Liebe ist ... | September 2010
Identität
von Jochen Ruscheweyh

31.08.1997. Im Überwachungsfahrzeug.
Distanz zum Objekt Mercedes Benz 280 S : 75 m


00:19 Uhr

John Matthews lockerte seine Krawatte. Die Dinger schnürten einem ständig die Luft ab.
„Was für ´n lausiger Auftrag, Kindermädchen bei ´ner Scharade zu spielen.“, sagte Dave.
John griff sich den Einsatzordner, zog ein Bild heraus und hielt es seinem Partner hin.
„Eye, Davo, diese Eve ist ´n echt steiler Zahn.“
Dave betrachtete das Foto einen Moment lang, dann fragte er:
„Und, was kann die so?“
„Schauspiel- und Ballettausbildung in Loughton/Essex. Die is´ biegsam wie ein Gummibaum und hat ordentlich was im Kopf.“
„Das haben wir von Margaret Thatcher auch gedacht. Na gut, lauschen wir mal.“

„Ist das Ihr erster Job für Huntington?“
„Ähm, ja, in der Tat, ich bin neu.“
„Aha, deswegen hatten wir also noch nicht miteinander zu tun ... . Nervös?“
„Ein wenig. Ich möchte einen guten Eindruck machen.“
„Ging mir genauso. Aber glauben Sie mir, das legt sich. Ich bin übrigens Eve.“
„Oh, Entschuldigung, wie unhöflich von mir. Ich heiße Sadri. Angenehm!“
„Ihr Name klingt irgendwie ... östlich?“
„Stimmt. Mein Vater ist Litauer, meine Mutter kommt aus Tunesien.“


„Zumindest hat diese Eve ´ne nette Stimme, irgendwie freundlich.“
John schüttelte den Kopf. Von wegen freundlich. Eve klang sexy. Er musste an Cindy denken. Genau deshalb hatte er sich vor 18 Jahren in seine Frau verliebt. Und auch heute noch machte ihn ihre Stimme scharf, auch wenn ihm klar war, dass sie den halben Wohnblock vögelte, während er seine Einsätze hatte.

„Was unsere Auftraggeber jetzt wohl tun?“
„Wie meinen Sie das?“
„Naja, es wird ja wohl einen Grund dafür geben, dass wir die beiden doubeln müssen.“
„Ja, verstehe, sicher, aber ... .“
„Den werden wir wohl nie erfahren, meinen Sie?“
„Ja, so in etwa.“


John hielt Dave eine Schachtel Marlboro hin, aber sein Partner lehnte ab.
„Will n´ bisschen auf meine Gesundheit achten und so.“
Schwachsinn. Ein paar Freuden musste sich ein Mann doch wohl erhalten. Zumal, wenn man sich in einem Land befand, wo einem wie John das Essen eindeutig nicht fettig genug war.

„Sie müssen näher an mich ranrücken.“
„Oh ja, Entschuldigung. Ist es so besser?“
„Entschieden besser.“
„Glauben Sie, die zwei sind verliebt?“
„Ich weiß nicht, gut möglich.“
„Wie ist das mit Ihnen, Sadri? Verlieben Sie sich schnell?“
„Äh, was genau meinen Sie mit schnell?“
„Na eben schnell. Jemanden sehen und zack: verliebt!“
„Ich denke, das kommt ganz auf die Person an.“
„Warum reiben Sie sich eigentlich dauernd über die Oberlippe?“
„Ich trage sonst einen Schnäuzer.“
„Nein, das glaube ich nicht!“
„Ist aber so. Mit Schnäuzer sehe ich aus wie Omar Sharif in Doktor Schiwago.“
„Wie Omar Sharif ... süß! Aber ich glaube, ohne gefallen Sie mir besser.“
„Wirklich?“
„Sehe ich so aus, als hätte ich es nötig, Sie anzulügen?“
„Nein, natürlich nicht.“
„Na also.“


„Scheiße, die geht ran, was Davo?“
„Hmm, was sie so sagt, klingt doch eigentlich ganz vernünftig.“
„Davo, du musst noch viel lernen. Merkst du nicht, dass das ihre Masche ist?“
„Was für ´ne Masche meinst du denn?“
„Na, auf Kumpel machen. Ich geh jede Wette ein, dass die Alte den Rikscha-Fahrer heute noch flachlegt.“
Dave trommelte mit den Fingern auf der Ablage.
„Vielleicht ist sie einfach nur nett, John!“
„Nett? Sicher, Davo, penn´ weiter.“

„Sadri, Sie müssen jetzt allmählich ihren Arm um meine Schulter legen.“
„Ja, ist gut.“
„Hat Ihnen bei Huntington keiner gesagt, das wir uns ein wenig näher kommen müssen?“
„Schon, aber ...“
„ ... aber nicht, wie nah. Typisch für den Laden! Haben Sie ein Problem damit?“
„Nein, schon in Ordnung.“
„Und machen Sie sich keine Sorgen, von vorne kann man uns nur hören, wenn wir die Trennscheibe herunterlassen. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil bei diesen Benz-Modellen.“


00:21 Uhr

„Wann waren Sie das letzte Mal verliebt, Sadri?“
„Ich weiß nicht, mit 25 nehme ich an.“
„Mit 25? Und was tun Sie seitdem? Sie sind bestimmt einer von diesen Typen, die Frauenherzen brechen und sich dann aus dem Staub machen, was?“
„Nein, nein, das dürfen Sie nicht von mir denken, Eve! Es hat sich einfach nicht ergeben und ... ich habe schlechte Erfahrungen gemacht.“
„Aber Sadri, das passiert doch jedem mal, deswegen kann man sich doch wieder verlieben.“
„Ich meine, wenn man sich verliebt, ist das, wie seine eigene Identität aufzugeben. Ich glaube, ich wollte das einfach nicht mehr. Ich wollte nur noch ich sein, nach damals.“
„Was für eine Verschwendung! Und wer hat Ihnen bitte den Floh mit der Identität ins Ohr gesetzt? Das ist ja der größte Schwachsinn, den ich je gehört habe. Sie müssen mich jetzt küssen.“
„Wie?“
„Küssen Sie mich! Wir haben hier einen Job zu erledigen, haben Sie das schon vergessen?“


„Na bitte, Davo, was hab´ ich dir gesagt?“
Dave antwortete nicht und überprüfte stattdessen das Inputsignal.

„Wow, das war ... das war einfach fantastisch, Sadri! Wo hast du so küssen gelernt? Ich meine, damit hätte ich nie gerechnet, wo wir doch nur unseren Job machen.“
„Meine Großmutter hatte immer diesen Lippenbalsam, damit haben wir als Kinder viel rumgespielt ... .“
„In ungefähr drei Minuten sollten wir das Ganze wiederholen, damit es echt wirkt... wenn es dir nichts ausmacht.“
„Nein, ich denke, das geht in Ordnung.“
„Weißt du, woran ich gerade denke?“
„Nein.“
„Wir beide könnten nie eine richtige Beziehung führen.“
„Wie kommst du darauf?“
„Weil wir nie ausgehen könnten, ohne dass man uns für sie halten würde.“
„Ach ... und wenn ich meinen Schnäuzer ...?“
„Vergiss es, keine Chance!“


„Ich sag dir, Davo, die Weiber sind alle gleich. Sie machen dich heiß, und wenn sie merken, dass du an der Angel hängst, quetschen sie dich aus wie eine verdammte Zitrone.“
Dave nahm sich eine Zigarette aus Johns Packung und steckte sie an. Dann blies er den Rauch in Richtung seines Partners.
„Man sollte nicht von sich auf andere schließen, John!“
„Was meinst du damit, Klugscheißer?“
„Was ich damit meine, ist: Warum hältst du es für vollkommen ausgeschlossen, dass sich diese Eve tatsächlich in den Typen verliebt?“
John lachte auf.
„Komm schon, Davo, das is´ einer aus´m Morgenland ... .“
„Wenn ich dich manchmal so reden hör´, frag´ ich mich, warum wir überhaupt gegen die Deutschen gekämpft haben ... .“



„Hättest du denn daran gedacht, mit mir auszugehen?“
„Ich weiß nicht, Eve ... .“
„Ich bin dir zu direkt. Ich erdrücke dich mit meinem Temperament. Du kannst es ruhig sagen.“
„Nein, das ist es nicht.“
„Was dann?“
„Schau, Eve, wir kennen uns gerade drei Stunden.“
„Schlägst du deine Frauen, Sadri?“
„Gott bewahre, nein!
„Bist du Islamist?“
„Ich bin nicht religiös.“
„Wie steht´s mit Treue?“
„Unbedingt!“
„Dann hab ich mich jetzt noch ein bisschen mehr in dich verliebt.“
„Eve, du bist nicht in mich verliebt.“
„Woher willst du das denn wissen? Ich hab dich gesehen und zack: verliebt. Jetzt lerne ich dich besser kennen, und noch mal zack: mehr verliebt! Es ist ganz einfach, du musst dich nur darauf einlassen.“
„Aber die Magie ... .“
„Was meinst du mit Magie?“
„Wenn man sich verliebt, dann gibt es einen magischen Moment, etwas ganz Besonderes, Einzigartiges, Kosmisches ... .“
„Ich bitte dich, Sadri, wir sitzen hier in einer Luxuslimousine, werden durch die Gegend kutschiert, ein Haufen Paparazzi ist uns auf den Fersen, wir tragen teure Klamotten, haben Veuve Clicquot getrunken, wir verstehen uns prima, und wir haben uns geküsst. Wie viel Magie brauchst du noch?“
„Es ist ja nicht so, dass ich mich nicht auch etwas zu dir hingezogen fühle, Eve ... .“
„Dann halt den Mund und schließ die Augen!“



00:23 Uhr

„Ich glaube, ich hatte einfach Angst, verletzt zu werden.“
„Und jetzt nicht mehr?“
„Doch schon, aber ich versuche, sie einfach zu ignorieren, die Angst.“
„Sadri, du bist ein ganz wunderbarer Mann und glaub mir, ich würde dir deinen Freiraum und deine Identität lassen.“
„Ich vertraue dir, Eve.“
„Was ist das für ein Gefühl für dich?“
„Es fühlt sich ungewohnt an, aber ich denke, ich mag es.“
„Und, können wir uns sehen, inkognito, also ganz unroyal, nach diesem Job?“
„Ich wüsste nicht, was dagegen spräche.“
„Das ist gut. Das ist wirklich gut. Immerhin eine Option.“


John beobachtete, wie Dave sich lächelnd zurücklehnte.
„Was grinst du so blöd?“
„Ich freu´ mich für die beiden. Die scheinen sich wirklich verliebt zu haben. Is´ doch toll. Aber klar, ein verbitterter alter Bastard wie du kann ihnen ihr Glück nicht gönnen.“
John starrte Dave einen Moment schweigend an. Wenn John hätte Amor spielen können, hätte er statt eines Pfeils eine Panzerabwehrrakete auf Adam und Eva abgeschossen. Stattdessen nahm er sich eine neue Marlboro und sagte:
„Ach, halt´ dein Maul und mach deinen verdammten Job.“

00:24 Uhr

„Mit deiner Hartnäckigkeit erinnerst du mich an diesen Jack in a Box, Eve, diesen Springteufel, der immer wieder herauskommt, egal wie oft du ihn in seiner Kiste einsperrst.“
„Das werte ich jetzt mal als Kompliment.“
„Ja, das mag ich an dir. Du weißt, was du willst und versuchst, das zu erreichen. Außerdem hast du sehr hübsche Wangenknochen.“
„Oh, Sadri, das hast du wunderschön gesagt. Ich weiß gar nicht, was ich darauf ... . He, Moment, warte mal! Warum geht die verfluchte Scheibe nicht runter? Henri! Hören Sie, Henri! Sie sollten nicht so schnell in diesen Tunnel fahren ... .“


„Verdammte Scheiße, John, was macht der Idiot da?“

30.08.2003 Harbour Island, Bahamas

„Guck jetzt nicht hin, aber die beiden da drüben, die sehen aus wie Di und ... .“
John Matthews blickte über den Rand seiner Times. Mit einem Mal begann sein linkes Augenlid zu zucken.
„Cindy, Love, komm´ wieder runter!“, sagte er. „Dave und ich haben die beiden damals in Paris aus ihrem Benz rausgeschnitten. Was von denen übrig gewesen ist, liegt jetzt sechs Fuß tiefer.“
„Ich dachte nur ... .“, antwortete Cindy und legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel. Dann sagte sie: „Ich weiß ja nicht, was die damals in Paris mit dir angestellt haben, Superbulle, aber irgendwie behandelst du mich seitdem wieder wie ´ne Lady. Wie kommt´s?“
„Ich bin nach Hause gekommen, hab´ dich gesehen und zack: neuverliebt.“

Letzte Aktualisierung: 27.09.2010 - 09.33 Uhr
Dieser Text enthält 9984 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2017 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.