Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Liebe ist ... | September 2010
Klare Sicht für die Liebe
von Irmgard Anderfuhr

Er zieht sie zu sich hinauf, sie küssen sich und reiten gemeinsam in den Sonnenuntergang. Perfekte Szene. Hunderte Male gefilmt, geschrieben, gelesen, erlitten ... und doch immer wieder schön! Schnulzig sagen die einen, die anderen seufzen tief auf und schniefen die Tränen der Rührung in ein Taschentuch, das – perfekter Weise – ihr liebevoller Partner bereit hält.

Ich gehöre zu denen, die blind vor Tränen, hilfesuchend nach einem Taschentuch greifen. Das jedoch muss ich selbst suchen oder bereit halten. Nicht, dass ich allein wäre. Nein, ich lebe mit Markus in einer wunderbaren Partnerschaft, die etwas ganz Besonderes ist. Nur das mit den Taschentüchern regele ich selbst, und das Happyend mit dem Sonnenuntergang habe ich noch nicht erlebt. Aber ich habe auch keine Eile mit dem Happyend – dem glücklichen Ende. Glück sollte nicht enden. Es sollte sich weiter entwickeln und immer besser – immer tiefer empfunden werden. Kein Ende. Endloses Beisammensein, unendliche Liebe. Das strebe ich an. Zur Zeit bin ich von diesem Ziel weiter entfernt, als ich noch vor kurzen zu hoffen wagte. Wir hatten eine so perfekt glückliche Zeit miteinander. Nach dem Infarkt nahm sich Markus mehr Zeit. Er probierte sich aus um mehr Liebe zu sich selbst zu leben. Nicht das Büro und die Termine standen an erster Stelle. Wir waren ein gutes Team bis SIE kam und alles anders wurde.

SIE – ihr Name war unwichtig – stolperte in unser Leben. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es war im Herbst. Der Himmel war trüb und es hatte den ganzen Vormittag geregnet. Wir waren mit dem Auto unterwegs. Markus hatte noch einen Termin in der Stadt und wir diskutierten, ob der Scheibenwischer noch laufen sollte oder nicht. Ich war der Meinung: Ja – und Markus hantierte genervt am Schalthebel, da stolperte SIE mit Highheels und Regenschirm auf den Fußgängerüberweg.
„Unmöglich!“ rief ich.
Markus war froh, dass er durch die Frontscheibe eine klare Sicht hatte. Ich wünschte mir, der Scheibenwischer hätte für diesen einen Moment nur den Dienst versagt. Doch es war nicht mehr rückgängig zu machen. Markus zuckte ratlos die Achseln und stieg aus.
„Hoppla, das ist ja noch mal gut gegangen ...“ hörte ich ihn sagen.
Und während er mit IHR Kontakt aufnahm, klopfte ein Mann an mein Seitenfenster und lachte mich direkt und ungeniert an. Er zeigte auf die beiden, wie sie miteinander und umeinander bemüht waren, den Schaden, der gar keiner war, zu bereden. Still öffnete ich die Autotür. Der Mann an der Seite blieb stehen, so dass ich um ihn herum tanzen musste um auszusteigen. Ich kannte Markus gut genug, um zu wissen, was jetzt kam. Er würde SIE fragen, ob er sie irgendwo absetzen könne. Ich machte es mir auf dem Rücksitz bequem. Ein heftiger Regenschauer entschied die Szene auf dem Überweg. SIE nahm das Angebot von Markus an, hielt die Modezeitschrift schützend über den Kopf und stieg bei uns ein. Ich konnte sie vom Rücksitz aus in Ruhe von betrachten. Ihre blonden Haare waren vom Regen nass und strubbelig. Sie zippelte verlegen am Kragen ihrer Jacke. Der feine Seidenschal wippte bei jedem Luftzug ihrer Bewegungen. Ich bemerkte ihr Parfum. Es roch blumig frisch.
„Oh, einen Moment, bitte“, zwitscherte SIE und öffnete ihre Tür einen Spalt weit. Weit genug, um sie dem Mann direkt in die Seite zu stoßen. Er war noch immer nicht weitergegangen, vermutlich aus Neugier. Mit seinem fröhlichen Jungengesicht schaute er nun fragend zu mir.
„Nein“, dachte ich, „dich nehmen wir nicht auch noch mit.“
SIE streifte ihren nassen Schirm kurz ab und zog die Tür zu. Markus schaute über den Rückspiegel zu mir und vergewisserte sich, das die Fahrt nun weitergehen konnte. Sein Termin war Nebensache geworden, wir hatten nun Zeit und ein Café in der Nähe ihrer Wohnung war das Ziel. Als wir dort ankamen, erschien am regenverhangenen Himmel ein Sonnenstrahl. Zunächst schwach, dann immer stärker werdend, zeigte sich als Zeichen des Himmels ein Regenbogen. Ich tat so, als sei ich verschnupft und fingerte nach einem Taschentuch, um meine Sentimentalität zu verbergen.

Wir gingen zu Dritt ins Café. SIE in Highheels, und ich ganz „naturell“. SIE mit Seidenschal und ich mit Taschentuchtäschchen. Markus fühlte sich zwischen uns sichtlich wohl. Während des Kaffees wurde viel gelacht, die Gespräche waren unterhaltsam. Da es nicht mehr regnete, gab es aus meiner Sicht keinen Grund, dieses Treffen zu verlängern. So brachen wir auf. Markus überreichte ihr seine Visitenkarte, SIE winkte uns nach, und ich brummte vor mich hin.
„War das notwendig? Gut, eine nette Frau, doch der Termin war verschoben worden. Nein, nein, kein Problem, der Rücksitz ist wirklich mein Lieblingsplatz – war er schon immer ...“
In meinen Gedanken erschien wieder das Gesicht des jungen Mannes, der mich so unverhohlen angelacht hatte. Ob er SIE kannte? Ich war mir plötzlich sicher, dass die beiden zusammengehörten. Ein Komplott! Ja klar! Gegenüber Markus zeigte ich nichts von meinen Gedanken – er würde mir nicht glauben, denn er war so ... Ich liebte ihn besonders, wenn er so war. Leicht und beschwingt, fröhlich und unbekümmert. Er hatte die Zeit vergessen, gelacht und sich ganz fallen lassen. Er hatte geschehen lassen, was sich von selbst entwickelte. Ich umarmte ihn und sagte ihm, wie sehr ich ihn liebte. Er errötete und ich spürte beglückt, wie sein Herz schneller schlug. Als er den Wagen durchstartete, sah ich, wie sich ein Mann aus dem Schatten eines Baumes löste und zu dem Haus ging, in dem SIE verschwunden war. Ich schaute gebannt zu ihm und unsere Blicke trafen sich. Wieder sah ich dieses unverschämt charmante Lächeln. Dann bogen wir ab und der Mann entschwand aus meinem Blick.

Es wurde für Markus und mich ein wundervoller Abend. Markus kochte, sang und wir tanzten beschwingt. Ich umfing ihn mit meiner ganzen Liebe und sagte ihm, dass es diese Momente sind, die dem Leben auf der Erde einen Sinn geben. So glücklich wie an diesem Abend habe ich ihn lange nicht mehr gesehen.

Am nächsten Morgen fuhr er gutgelaunt ins Büro. Da unser Tag gestern so ungeplant anders verlaufen war, nahm ich mir heute Zeit zu einem kleinen Bummel durch die Stadt. Die Sonne schien doch der Regen hatte große Pfützen hinterlassen. Eine Gruppe mit Kindergartenkindern stapften fröhlich jauchzend mit ihren Regenstiefeln hindurch. Eicheln und Kastanien lagen verschwenderisch überall und wurden nun von den Kindern aufgesammelt. Die Blätter der Bäume waren gefärbt und zeigten den Wechsel der Jahreszeiten an. Lederbraun, Burgunderrot und mein Blick blieb bei einem goldenen Ahornblatt hängen. Auf dem Blatt waren noch Wasserperlen. Sie schillerten in den Farben des Regenbogens und spiegelten den Himmel wieder. Eine kleine Verbindungsbrücke zwischen Himmel und Erde.

Eine Hand berührte meine Schulter.
„Hallo! Das ist ja schön, dass wir uns hier wiedersehen! Ich bin der Michi.“
Ich drehte mich um und erkannte die fröhlichen Augen, die ich gestern zum ersten Mal gesehen hatte. Der Komplize von IHR. Na, das konnte interessant werden.
„Ich liebe diesen Park. Es ist sozusagen „mein Park“ ... darf ich ihn dir vorstellen?“

In diesem Moment wollte ich nichts lieber als das. So gingen Michi und ich durch den Park. Er zeigte mir den See, Eichhörnchen, und ich machte ihn auf die beeindruckenden Wolken am Himmel aufmerksam. Auf einer versteckten Bank setzten wir uns. Michi begann von IHR zu erzählen, denn er kannte Iris schon sehr lange. Nachdem ihre Mutter vor einigen Wochen starb, war sie oft traurig und fühlte sich allein. Ihre Traurigkeit ging Michi zu Herzen, darum ermunterte er sie gestern sich hübsch anzuziehen um der Einsamkeit der Räume zu entkommen. Er wünschte sich so sehr, dass sie liebe Menschen kennen lernen würde, die sie zum lachen bringen, mit denen sie etwas unternehmen würde, und wo sie vielleicht ihr Herz öffnen könnte. Und dann kam unsere Begegnung im Regen. Michi lachte mich an.
„Hättest mich auch mitnehmen können – statt im Regen stehen zu lassen!“
Ich wurde verlegen. Um ihm zu zeigen, das ich das wieder gut machen wollte, erzählte ich, dass Markus einige Urlaubstage auf einer Nordseeinsel plant.
„Vielleicht könnten wir die alle gemeinsam ...“, ich stotterte ein wenig.
„Du hast die besten Ideen! Herbsttage am Meer – das klingt total romantisch!“ Michi´s Begeisterung und seine lächelnden Augen lockten mich aus der Reserve.
„Dann machen wir erste Vorbereitungen. Du sagst es Iris und ich Markus.“
In überschwänglicher Begeisterung umarmten wir uns zum Abschied wie alte Freunde.

Heute sind wir Vier gemeinsam auf der Insel. Ich habe SIE inzwischen lieb gewonnen, und ihr Name ist mir vertraut geworden. Iris, Botin des Regenbogens. Unsere Urlaubstage gehen zu Ende. Iris und Markus sitzen in der Pension am Kamin und reden. Michi und ich genießen die frische Luft des Abends.
„Was meinst du – hat sich doch alles zum Besten entwickelt!“ Michi lacht mich an.
„Die Zwei sind glücklich. Und wir sind es auch.“

„Wir lieben die Beiden so sehr, dass wir alles getan haben, damit sie sich finden konnten. Das zeigt, dass unser Plan gelungen ist.“
Er massiert leicht meinen Rücken und ich fühle den unwiderstehlichen Wunsch zu fliegen.
„Wollen wir?“ fragt er mich.
„Ja.“ Ich strahle ihn an.
Jetzt ist er da, der richtige Moment zum Happyend. Und so heben Michi und ich ab und fliegen in den Sonnenuntergang. Morgen sind wir dann wieder da für unsere Erdenmenschen, deren Leben und deren Liebe uns so am Herzen liegen. Morgen wird nach dem Happyend ein neuer Anfang folgen.
Ich rufe Michi zu: „Ich suche dringend ...“
„Ich weiss – Hier, ein Taschentuch für dich!“
Er reicht mir sein Taschentuch. Das ich jetzt auch dringend brauche.

Letzte Aktualisierung: 02.09.2010 - 09.06 Uhr
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