Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Liebe ist ... | September 2010
Liebe auf den ersten Blick
von Nicole Müller

Ich habe IHN entdeckt!
Eigentlich war ich mittlerweile der Auffassung, dass es ihn nicht gäbe. Wie viele meiner Beziehungen sind schon gescheitert? Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen.
Auf jede gescheiterte Beziehung folgte der Kommentar meiner Mutter: „Kindchen, ich wollte meine Enkelkinder doch noch erleben.“
Ja, ich weiß, meine biologische Uhr tickt. Aber ich mag keinen Ableger von einem Nichtsnutz alleine erziehen.
Diesmal ist es anders. Das weiß ich!

Nach einem anstrengenden, verregneten Arbeitstag hatte ich nur noch das Bedürfnis, mich zu erholen. Wo war wohl der beste Ort dafür? Ich entschied mich, ohne lange zu überlegen, für die Bibliothek. Sie sollte mir die wohlverdiente Ruhe, ein trockenes Dach über dem Kopf und massenweise Bücher bieten.
Ich ging in den frisch gestrichenen Altbau, der auch Vereins- und Schulungsräume bot. Der Eingangsbereich, ein langer Flur, war mit einem wunderschönen Kronleuchter ausgestattet. An den Wänden hingen in Eichenholz gerahmte Kunstwerke, welche zum Träumen einluden. Alle zeigten schöne Landschaften, im Grünen, am Meer und auch die Berge.
Da in dieser Zweigstelle in den oberen Etagen diverse Aktionen angeboten wurden, stieg mir der aromatische Geruch von Kaffee und frisch gebackenen Waffeln in die Nase. Träumerisch bog ich links ab, betrat die Bibliothek und sah sofort IHN.
Er hatte mich zu meiner Überraschung gleich bemerkt und begrüßte mich. Natürlich erwiderte ich den Gruß.
Was für ein Glück!
Beflügelt ging ich anschließend erst mal Richtung Bücherregale und schaute mich um. Dabei fielen meine Blicke aber mehr auf ihn als auf die Bücher. Ich konnte nicht anders, musste ihn beobachten. Er stand an einem der anderen Regale, schräg gegenüber von mir und war bepackt mit einigen Büchern. Ich versteckte mich, versuchte mich auf das große Angebot dieser Bibliothek einzulassen.
Doch dieser Blickfang von Mann ließ es nicht zu: Er war braungebrannt, seine muskulösen Arme ließen mich unter seinem Hemd ein Sixpack vermuten. Er wirkte belesen, trug Fachliteratur in seinen Händen. Einige Besucher plauderten mit ihm, er schien bekannt zu sein. Wenn er dann mit seinem freundlichen Blick und den sanften Lippen lächelte …
Ich hatte das Verlangen auf ihn zuzustürmen, ihm einen sinnlichen Kuss zu schenken und dabei seine glatt rasierten Wangen zu spüren. Meine Beherrschung war am Rande meiner Selbstkontrolle, aber Letztere siegte.
Während ich durch die Bücherregale schlich und ihn beobachtete, überlegte ich, wie ich ihn am besten in ein Gespräch verwickeln könnte.
Mensch, was hatte er schöne, leuchtende, blaue Augen!
Und diese kräftigen Hände, gepflegt und glücklicherweise ringlos!
Dazu seine Kleidung: ein dezent violettes Seidenhemd, die Ärmel hochgekrempelt, eine schwarze Jeans, die seinen Hintern knacken ließ, aber nicht zu eng war … - Geschmack hatte er!
Plötzlich packte mich die Angst: Er würde ja wohl nicht schwul sein?
Ach Quatsch; er hatte mich ja auch wahrgenommen und immerhin schon begrüßt! Er hatte den ersten Schritt gemacht. Nun lag es an mir, daran anzuknüpfen! Das möglichst schnell, bevor er ging. So klemmte ich mir willkürlich im Vorbeigehen ein paar Bücher unter den Arm. Damit wollte ich ihm zeigen, dass mein IQ höher ist als das eines Toastbrotes! Mit einer großen Auswahl des Lesestoffs fasste ich meinen ganzen Mut zusammen, überwand mich und ging auf ihn zu, auch wenn ich noch nicht wusste, wie ich das Gespräch beginnen sollte.
Meine Kreativwerkstatt würde mir sicher helfen, wenn wir reden. – So hoffe ich!

Wie gesagt; diesmal ist es anders, das spüre ich!
Nun stehe ich vor ihm.
„Hallo“, zirpe ich.
Er erwidert: „Guten Abend.“
Diese dunkle, klangvolle Stimme! Ein Traum! Ich könnte ihm stundenlang zuhören!
„Sie basteln gerne?“, fährt er fort.
Verwundert folge ich seinem Blick und schaue auf meine Bücher. Dabei stelle ich fest, dass ich einige Bastelbücher unterm Arm halte.
„Die sind nicht für mich, sondern für meine Nichte“, lüge ich.
Sowas doofes! Ich und basteln! Mist!
„Darf ich Ihnen die Bücher abnehmen?“, fragt er mich höflich.
Was für ein Kavalier!
Er sieht meine Bücher durch und lächelt mich plötzlich an. Ich blicke herab und merke, wie ich knallrot, vielleicht sogar schon blau-lila anlaufe und die Hitzewellen in mir ungebremst ansteigen! Obenauf liegt ein Buch mit dem Titel „Kamasutra“ und das Bild darauf ist eindeutig. Verlegen schaue ich ihn an. Er legt die Bücher auf den Tisch, zwinkert mir zu, holt Zettel und Stift heraus und fragt:
„Würden Sie mir Ihren Namen verraten?“
‚Ich würde dir alles verraten‘, hauche ich gedanklich dahin.
Überglücklich gebe ich ihm meinen Namen, meine Adresse und meine Telefonnummer. Ein Kribbeln macht sich, vom Bauch ausgehend, in meinem ganzen Körper breit. Mein Herz macht Luftsprünge, pocht so laut, dass ich ihm kaum noch zuhören kann. So nah bei ihm stehend, nehme ich seinen verführerischen Duft von exotischen Früchten gepaart mit Sandelholz wahr. Ich kann mich nur schwer zurückhalten und sehe mich gedanklich mit ihm in unserem gemeinsamen Urlaub unter Palmen, am Strand, Körper an Körper …
„Alles in Ordnung?“, holt er mich mit einem sanften Stupser am Arm zurück in die Realität.
Ich nicke. Anstatt ihm wunschgemäß um den Hals zu fallen, verabschieden wir uns voneinander. Unsere Hände berühren sich. Gentleman, wie er ist, kommt er nicht gleich mit zu mir. Ich hätte aber auch keine Einwände gehabt.

Auf dem Weg zu meiner Wohnung freue ich mich über seinen Satz:
„Wir werden uns sicher jetzt öfter sehen!“ , und die Visitenkarte, die er mir dabei in die Hand gedrückt hatte.
Ja, wir werden uns öfter sehen! Die düsteren Regenwolken haben sich verzogen, die flammende Sonne scheint wieder. Ihre Strahlen wärmen meinen Körper, ich fühle mich wie ein Schmetterling; leicht, vom Wind getragen.
Neugierig werfe ich einen Blick auf die Visitenkarte: „Stadtbibliothek Hamm“, dazu die Adresse und Telefonnummer. Aus der Ferne vernehme ich das Grollen eines herannahenden Gewitters. Oben sichte ich eine graue Himmelsdecke, welche sich in rasender Geschwindigkeit auf mich zubewegt. Mein Herz rutscht tief und drückt mir auf die Blase.
Ich starre auf den Zettel, den er mir in eines der Bücher gelegt hatte:
„Wir begrüßen Sie als Neukunde in unserer Bibliothek! “

Letzte Aktualisierung: 25.09.2010 - 12.36 Uhr
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