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Verwandlung | Oktober 2010
Wanderung
von Marcus Watolla

Er dämmerte im Zustand halb schlafend und wach. In einem Zustand, irgendwo zwischen Leben und Tod. Sein Körper fühlte sich schwer und träge an. Sein Atem ging nur angestrengt und stach bei jedem Zug wie tausend glühende Nadeln.
Die Welt um ihn war nur noch ein Reich aus verwischten Schemen. Schatten umrankten ihn. Verwirrten ihn. Wenn jemand zu ihm sprach, klang es wie aus weiter Ferne.
„Wie geht es Ihnen heute?“ oder
„Sie sehen wirklich schlecht aus.“
Er erkannte bald niemanden mehr. Die Vielzahl der schemenhaften Gesichter, die dann und wann auf ihn hinabblickten, verschwammen zu einer Masse. Huschten an ihm vorüber wie verwischte Bilder. Ihre Stimmen, verzerrt, wie aus weiter Ferne, klangen gleich.
Manchmal hörte er jemanden weinen. Wenn er dann endlos müde die Augen hob und wieder in das Bewusstsein des Lebenden zurückkehrte, erkannte er nur diese schemenhaften Phantome. Er vernahm, wie sie zu ihm sprachen. Vernahm, wie sie ihn anredeten.
Doch er verstand sie nicht.
Seine Schmerzen waren mittlerweile ein Teil seiner Existenz geworden. Plagten ihn Tag und Tag. Ohne Unterlass. Jedes Luftholen wurde zusehends zum Martyrium. Erfüllte seinen Brustkorb mit einem Gefühl, als gieße jemand heißes Blei hinein. Sein Körper hatte sich in eine einzige Quelle des Schmerzes verwandelt. Keine ruhige Sekunde.
Die Schmerzen hatten ihn der Welt entrückt. Hinabgezogen in ein Dasein zwischen den Welten. Apathisch lag er in seinem Bett. Lebte nur noch diese Schmerzen.
Es kam jedoch der Tag, da war es plötzlich vorbei.
Mit einem Schlag.
Da hatte er die Augen geschlossen. Hatte noch einmal den Gluthauch eines Atemzuges getan und war dann leicht, so herrlich leicht geworden.
Auf einmal war die ständige Pein vorüber. Als sei sie von einem weichen Windhauch zur Seite geschoben worden. Endlich! Kein Schmerz mehr. Keine Torturen. Er fühlte sich leicht. War wie befreit vom zentnerschweren Gewicht, dass auf ihm gelegen hatte.
So lange.
Als er die Augen öffnete, sah er erstaunt auf sich herab. Betrachtete den fahlen Körper unter sich im Bett. Wie er zusammengefallen und leblos auf dem Kissen lag. Die Arme leicht vom Oberkörper gespreizt. Den Mund geöffnet.
Er schwebte wie im warmen Wasser darüber. Und staunte.
Den warmen Lichtschauer, den er sodann in seinem Rücken spürte, nahm ihm die Aufmerksamkeit. Er wandte sich langsam um. Erkannte dieses herrliche Strahlen. Es schien mit tausend süßen Stimmen zu locken. Wollte ihn mit zärtlichen Armen in hineinziehen, um ihn aufzunehmen.
`Zu Hause´, musste er unwillkürlich denken. Dieses Leuchten sprach nur von diesem Wort. Er glaubte dem Licht. Glaubte der fröhlichen Verlockung, die da auf ihn eindrang und mit tausend ungesprochenen Worten auf ihn einflüsterte: `Komm. Komm.´
Er wandte sich noch einmal um.
Sah seinen leblosen Körper unter sich und verstand, das dort seine Vergangenheit lag. Nicht dorthin sollte ihn sein Weg führen. Nein. Das Leuchten sollte von nun an seine Richtung sein.
`Zu Hause´
Er streckte sich lächelnd der hellen Versuchung zu. Griff mit den Händen nach dem Licht. Wollte es erreichen. Sich damit einreiben wie mit einem wohlriechenden Öl. Er wollte es kosten, es trinken. Schwamm darin .Schwamm darauf zu.
`Zu Hause´
Es nahm ihn auf. Umspielte ihn, durchdrang ihn. Liebkoste ihn mit tausend wonnigen Sonnenstrahlen. So herrlich hell. Wundervoll warm. Unendliche Freude und Glückseligkeit durchrieselte ihn. Lachend bog er sich dem Strahlen entgegen.
`Nimm mich! Ja. Nimm mich!´
Lange Zeit trieb er in diesem Glück. Vergessen waren Zeit und Raum. Vergessen Schmerz und Pein. Nichts von diesen schrecklichen Dingen war mehr da. Er war allein. Mit sich und dem Licht. Es streichelte ihn. Innen. Außen. Überall. Reinigte ihn von Sorge, Angst und Verpflichtung. Er vergaß. Vergaß was einst gewesen war. Verlor die Bilder seiner Vergangenheit. Die Bilder des Schmerzes.
Das Licht wurde dunkler. Nahm ab. Wie man langsam den Schein einer Petroleumlampe löscht. Nun umspielte ihn warme, weiche Dunkelheit. Er fühlte sich geborgen. Spürte sich wieder. Anders als zuvor. Es war wie das Liegen in einem weichen Bett. Von Ferne drangen Stimmen an seine Ohren. Fremdartig. Nicht zu verstehen.
Jemand wimmerte.
Plötzlich war Bewegung um ihn. Die warme, zärtliche Dunkelheit wurde heller. In der Ferne erkannte er ein Licht. Anders, als das, welches er zuvor gesehen hatte. Es war grell. Stechend in den Augen. So schloss er sie einfach. Wollte nicht hinein in dieses Licht. Wo war das andere Leuchten – das Zuhause – geblieben? Er wollte dahin. Oder zumindest hier in dieser liebkosenden Dunkelheit verharren.
Er verstand nichts.
Jemand packte ihn.
Zerrte an ihm.
Er konnte sich nicht wehren.
Ihn umgab dieses Gleißen. Es stach entsetzlich in den Augen. Um ihn, schemenhafte Gestalten. Bewegten sich wild.
Dann ein Schlag auf seinen Hintern.
Gemein.
Brutal.
Und der erste Satz, den er hörte und doch nicht verstand: „Es ist ein Junge und er ist gesund.“


Watolla 2005

Letzte Aktualisierung: 14.10.2010 - 17.32 Uhr
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