Honigfalter
Honigfalter
Liebesgeschichten ohne Kitsch? Geht das?
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Verwandlung | Oktober 2010
Am Anfang war das Wort
von Barbara Hennermann

„Kind, lass das sofort sein!“
Die gezischten Worte der Mutter schreckten Hanna aus ihren Träumen auf. Eingezwängt neben ihr auf der hintersten Kirchenbank, eingesponnen in die säuerlichen Ausdünstungen alter Menschen und den Geruch von Mottenkugeln, hatte sich die Vierjährige in eine Traumwelt geflüchtet. Aus der Bank vor ihr grinste sie ein Fuchs mit spitzen Zähnen an, biss sich in den eigenen Schwanz, den seine Besitzerin kunstvoll um ihren faltigen Nacken geschlungen hatte. Zwiesprache hatte sie mit ihm gehalten, lange und stumm. Doch nun hatten seine gelben Glasaugen sie lockend gebeten „streichle mich!“ und Hanna konnte ihm nicht widerstehen. Unsanft zog die Mutter sie zurück und zischte weiter: „Kannst du dich denn nicht einmal in der Kirche ordentlich benehmen?“



Eigentlich hieß er Joachim. Aber alle riefen ihn Jogi. Jogi war der schönste Junge, den Hanna je gesehen hatte. Jogi war achtzehn, zwei Jahre älter als sie selbst. Alle Mädchen schwärmten für ihn. Hanna gestattete sich das nur aus der Ferne, er würde sie sowieso nicht beachten. Sie, die eine Brille trug und die abgelegten Kleider ihrer vier Jahre älteren Schwester. Auf dem Pausehof des Gymnasiums beobachtete sie ihn aus der Ferne, nahm sein Bild in ihr Mädchenzimmer mit und spann stundenlang romantische Geschichten, in denen sie von Jogi aus irgendwelchen Nöten befreit wurde.
„Hanna, hast du mal kurz Zeit für mich?“ O Gott, er hatte sie bemerkt! Hanna fühlte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. Mit kieksiger Stimme hörte sie sich sagen: „Na klar, Jogi. Um was geht´s denn?“ Und in ihrem Geist rasten im Zeitraffer alle ihre schon vorgelebten Geschichten ab. „Äh .. ja .. also .. deine Schwester .. meinst du, du könntest mich ihr mal vorstellen?“ Hanna schluckte, nickte. „Ja klar doch, mach ich gern.“



„Mama, da. Auto. Heile machen.“ Hanna schloss den Zweijährigen in die Arme. „Hm, Jakob, das wird Mama wohl nicht mehr können.“ Sie nahm ihrem kleinen Sohn das kaputte Auto aus den Händchen, drehte und wendete es. „Pusten Mama?“ fragte der Kleine hoffnungsvoll. Hanna musste lachen. „Nö, Schatz, mit pusten geht da gar nix. Wir fragen den Papa, wenn er am Abend kommt, ja?“



„Hanna, ich bitte dich, wie soll ich denn dieses Ding wieder flott kriegen? Hier, sieh doch, da ist alles abgebrochen!“ Eine zornige Falte – DIE gefürchtete zornige Falte – zog Steffens Augenbrauen nach oben. Sein Blick traf sie. Und seine Worte: „Erst kaufst du dem Jungen so einen billigen Schund und dann soll ich mir die Arbeit damit machen!“ Hanna zog den Kopf ein. Bloß das nicht! Bloß nicht schon wieder Ärger! Immer war es ihre Schuld, wenn etwas nicht so klappte, wie es sein sollte. Sie spürte, wie von ihrem Nacken hochsteigend der bohrende Schmerz wieder ihren Kopf überrollte. Verspannungen, hatte der Arzt gesagt. „Frau Baumeister, sie dürfen nicht alles so schwer nehmen! Schaffen sie sich Ausgleiche, relaxen sie! Dann werden auch die Kopfschmerzen vergehen.“ Hanna atmete tief durch, nahm ihrem Mann das Spielzeug aus der Hand. „Lass gut sein, Steffen. Ich krieg das schon hin.“



Sie saß auf einem Stuhl. Der Raum war dunkel und die Luft stickig. Kein Laut drang bis zu ihr. Wie war sie hierher gekommen? Prickelnd stieg die Angst von den Fußspitzen nach oben, überzog ihren Rücken, schien den Herzschlag zu lähmen … Sie wollte aufstehen, doch unsichtbare Bänder hielten sie an ihrem Platz zurück. Sie rang nach Luft, kämpfte gegen die Bänder. Todesangst erfasste sie, bündelte sich in einem Schrei … Nur ein Krächzen …



„Kind, mein Leben lang habe ich nur für dich gesorgt. Mir nichts gegönnt, damit du es gut hast. Und nun willst du mich ins Altersheim abschieben?“ Hanna seufzte, strich der alten Frau über das schütter gewordene Haar. „Mutter, du weißt selbst, dass das nicht stimmt! Aber du siehst doch, dass du alleine nicht mehr zurecht kommst. Wie oft bist du gefallen in den letzten Monaten!“ Die weinerliche Stimme entgegnete: „Wenn du mich lieben würdest, nähmst du mich zu dir. Das bisschen Platz, das ich brauche, nimmt euch doch nichts weg! Steht nicht Jakobs Zimmer sowieso frei, seit er studiert?“ Müde setzte sich Hanna neben die Mutter. „Aber ich bin den ganzen Tag im Büro, Mutter. Wie soll ich dich da pflegen?“ Sie sprach die Worte mehr zu sich selbst, wie schon so oft. Wusste, was noch kommen würde. „Kind, wie kannst du nur so undankbar sein?“ Spürte den Kopfschmerz, der sie lähmte.



Die Dunkelheit war unerträglich. Wie lange saß sie nun schon in diesem grauenvollen Raum? Sie wusste es nicht, hatte das Zeitgefühl völlig verloren. Wieder versuchte sie aufzustehen, eine neue Orientierung zu finden. Endlich weg von hier kommen, Licht sehen, Luft spüren, die unsichtbaren Fesseln abstreifen können, frei sein …


„Ist dir eigentlich schon aufgefallen, Hanna, dass du immer dicker und träger wirst? Nicht, dass mich das stören würde, aber ich denke, du solltest mal darüber nachdenken.“ Da war sie, die steile Falte, die sein Gesicht entstellte, ihr Furcht einjagte. War das ihre Stimme, müde und gequält? „Lass gut sein, Steffen, ich krieg das schon wieder hin.“ Und plötzlich - angriffslustig? „Im Übrigen hast du ja auch ganz schön zugelegt.“



Sie musste die Angst verlieren. Angst lähmt, auch den Verstand. Sie musste einen Ausweg finden, alleine. Nur sie konnte sich befreien. Das war es. Sie musste sich auf sich selbst besinnen! Den Stuhl mit beiden Händen packen. Es war nicht leicht, doch sie schaffte es, ein Stück nach vorne zu rücken. O Gott! Da! Ein Streifen Licht! Irgendwo musste eine Tür sein …



„Machen Sie sich mal keine Sorgen, Frau Baumeister! Unsere Bewohner fühlen sich alle bei uns wohl.“ Die resolute Pflegerin schob den Rollstuhl näher an den Tisch. Wie eine Eule blickte die alte Dame von unten auf Hanna. „Kind, wenn du mich hier abstellen willst, bitte. Aber du wirst schon sehen, wie das ist, wenn du einmal alt und gebrechlich bist. Gott wird dich strafen!“ Die Pflegerin lächelte verständnisvoll, sagte halblaut: „Anfangs ist das immer so, das legt sich.“ Hanna sog die Luft tief ein, nahm die Mutter in den Arm. „Mama, ich weiß, dass das jetzt schwer ist für dich. Aber du musst mir deswegen kein schlechtes Gewissen machen wollen. Denn auch, wenn ich dich lieb hab, ist es der einzige Weg, den wir gehen können.“ Sie richtete sich auf, drückte den schmerzenden Rücken durch. Dann beugte sich wieder zu der Mutter und küsste sie auf die Wange. Sie spürte die faltige Haut an ihrer und plötzlich die knochigen Finger, die über ihre Wange strichen. „Lass gut sein, Kind. Wir werden das bisschen schon auch noch schaffen!“



Der Lichtstreifen wurde breiter. Die Tür! Sie begann sich zu öffnen! Tränen liefen ihr übers Gesicht. Ja, sie würde es schaffen! Sie sammelte alle Energien, die noch in ihr schlummerten, begann, den Stuhl schneller und näher ans Licht zu rücken. Ein Schwall kühler Luft flutete den Raum. Hoffnung! Sie hatte wieder Hoffnung. Die Angst ebbte ab, zog sich zurück, ließ sie klarer denken. Warum nicht aufstehen? Jetzt, sofort … ?



Hannas Stimme klang entschlossen. „Steffen, ich muss mit dir reden.“ Erstaunt sah er sie an. „Muss das jetzt sein? Ich wollte mich gerade mit Jürgen zum Billardspielen treffen.“ Sie ließ sich nicht abwimmeln. „Du triffst dich doch ständig mit irgendwem zu irgendwas, Steffen. Sag das bitte ab!“ Missmutig griff er zum Telefon. Die steile Falte zwischen seinen Augenbrauen sprach Bände. Hanna holte tief Luft. Zögerte. Eine Mischung aus Liebe, Mitleid und Entschlossenheit prägte ihre Stimme. „Steffen, ich habe mein Leben lang funktioniert. Ich war, wie jeder mich haben wollte – oder zumindest, wie ich dachte, dass jeder mich haben will. Ich habe mir Liebe und Zuneigung erkauft, indem ich mich selbst vergaß. Wir haben uns auseinander gelebt, Steffen. Falls wir überhaupt jemals wirklich miteinander gelebt haben. Lass uns gemeinsam einen neuen Anfang finden oder uns trennen, wenn das nicht möglich ist.“



Das warme Licht streichelte ihr Gesicht, trocknete die Tränen. Kühle, trockene Luft umschmeichelte sie, gab ihr Kraft. Sie erhob sich von ihrem Stuhl, taumelte zur Tür, fiel ins Licht und seine Geborgenheit. Sie hatte es aus eigener Kraft geschafft! Sie war aufgestanden, bereit, die Konsequenzen zu tragen. Die Dunkelheit lag hinter ihr …

Hanna war frei.
Der Albtraum war vorbei.
Nie mehr würde sie zulassen, dass er zurückkehrt.

Letzte Aktualisierung: 14.10.2010 - 16.51 Uhr
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