Sexlibris
Sexlibris
Wo ist die Grenze zwischen Pornografie und Erotik? Die 30 scharfen Geschichten in diesem Buch wandeln auf dem schmalen Grat.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Robert Poleschny IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Verwandlung | Oktober 2010
Der Letzte seiner Art
von Robert Poleschny

Karl hing über seiner Kaffeetasse und starrte in die schwarze Plörre.
Nur drei weitere Menschen hatten sich an diesem stürmischen Abend ins „Joe“ verirrt. Alle anderen schienen zu Hause zu sein, um gemütlich vor dem Fernseher zu sitzen, ein Buch zu lesen oder sich anderweitig mehr oder weniger sinnvoll zu beschäftigen. Karl hatte es in seiner Wohnung nicht mehr ausgehalten. Nachdem seine Freundin ihn sitzen gelassen hatte, trieben ihn die Einsamkeit und die damit verbundene Ruhe in den Wahnsinn. Die Einzigen, die ihm immer noch Gesellschaft leisteten, waren die Stimmen in seinen Kopf. Als wäre dies nicht genug, überkam ihm seit mehreren Tagen immer wieder eine Übelkeit. Er vermutete, dass er kurz vor einem Burn-out stand und etwas ausbrütete. Trotzdem, oder gerade deshalb, musste er sich ablenken. Er brauchte andere Menschen und Leben um sich herum, auch wenn die Lebendigkeit sich hier auf drei heruntergekommene Individuen beschränkte.
Das Türglöckchen riss Karl aus seinen Gedanken.
Er hob den Kopf und schaute durch den Raum ans andere Ende. Karl konnte das Diner aus seiner Position gut überblicken. Dabei erhaschte er einen Blick auf den Fernseher, der über dem Eingang hing. Es wurde über einen Serientäter berichtet, der auf bestialische Weise fünf Menschen erstochen hatte. Motive und Zusammenhänge waren noch nicht bekannt.
Karl lies den Blick zurück zum Eingang wandern.
Ein älterer Mann im Trenchcoat, unter dem ein grauer Anzug hervor lugte, hatte das „Joe“ betreten. Er hielt einen Aktenkoffer in der einen Hand und rückte mit der anderen seine Brille zurecht.
„Hi Joe! Wie geht’ s?“, fragte der Fremde, während er einen Barhocker zu sich heranzog, die Tasche darauf abstellte und sich den Schnee von den Schultern klopfte. Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort:
„Was für ein beschissenes Wetter. Wäre am liebsten zu Hause geblieben. Stattdessen muss ich durch den Schnee stapfen und meinen Job erledigen. Es ist zum Kotzen.“
Joe nickte und verdrehte die Augen, als würde er den Typen und seine Tiraden kennen. Er schob dem Mann einen Drink zu.
„Danke. Werde erst mal einen Chinesen abseilen gehen.“ Dabei grinste er und setzte sich in Bewegung. Auf Karls Höhe hielt der Mann inne und starrte ihn an. Erst in diesem Moment wurde Karl bewusst, dass er den Kerl seit seinem Eintritt in den Laden fixiert hatte.
„Is’ was, Junge?“, dabei schaute er Karl tief in die Augen.
„Solltest nicht so viel von dem Zeug trinken. Scheint dir nicht zu bekommen.“
Er grinste erneut. Dann schlenderte er in den hinteren Bereich des Diners und pfiff eine Melodie. Er hinterließ einen muffigen Geruch, der Karl unangenehm in die Nase stieg, den er aber nicht genau einzuordnen wusste. Kurz blickte er dem Mann mit gerümpfter Nase hinterher. Dann schüttete er den Rest Kaffee in sich hinein, der mittlerweile kalt und bitter schmeckte. Er hatte an diesem Abend genug von diesen extrovertierten Gestalten.
Gerade als er seine Brieftasche zücken wollte, überkam ihn erneut eine Übelkeit, die alle vorangegangenen bei Weiten übertraf. Karl sprang auf, stürzte ins WC und hätte beinahe den Fremden umgerannt, der vor dem Waschbecken stand und sich die Hände wusch. Stolpernd stieß Karl die Tür zur Kabine auf. Er schaffte es gerade so, den Deckel hochzuheben und sich in die Schüssel zu entleeren. Nach ein paar Sekunden hörte er Schritte, die näher kamen. „Alles Okay bei Ihnen?“ Der Fremde stand vor der Kabine. „Kann ich Ihnen helfen?“ Als Karl nicht antwortete, entfernten sich die Schritte wieder in Richtung Waschbecken.
Karl saß keuchend auf dem Boden, während der Schweiß aus jeder Pore seines Körpers drang. Sein Herz raste, als würde es verfolgt werden. Plötzlich waren die Stimmen, vor denen er bis jetzt erfolgreich geflüchtet war, erneut da. Er konnte nicht alles verstehen. Nur ein paar Worte drangen in sein Bewusstsein. Worte, die gehört werden wollten.
„Tu es! ... Musst es erledigen ... die Welt reinigen ... Dämonen ... im Namen Gottes ... gesamte Menschheit retten.“
Karl hielt sich die Ohren zu. Sein Kopf schien kurz davor, zu explodieren. Er schloss die Augen und atmete tief ein und aus.
Plötzlich herrschte absolute Stille und Karls Körper und Geist wurden durch eine Klarheit erfüllt, die ihn spüren ließ, was er nun zu tun hatte.
Wie in Trance zog er ein Messer aus seiner Jackentasche und klappte es geräuschlos auf.
Ein unsichtbares Band schien ihn zu ziehen. Er öffnete die Kabinentür und stand ein paar Meter hinter dem Mann. Dieser hatte sein Trenchcoat zur Seite gelegt und sich über das Waschbecken gebeugt, um sein Gesicht zu waschen. Dadurch gab er die Sicht auf den Spiegel frei. Karls Augen stachen wie grelle Scheinwerfer hervor und näherten sich langsam ihrem Spiegelbild. Sie sahen fremd und Angst einflößend aus. Karl hatte das Gefühl über den Kachelboden zu schweben. Dann stand er direkt hinter dem Fremden, während er noch immer mit aufgerissenen Augen sein Spiegelbild betrachtete.
Er sah, dass sie nichts Menschliches mehr besaßen. Ein Tier hockte in seinem Körper, das jetzt hinaus wollte, um das Böse auszulöschen.
„Jetzt!“
Die Stimme stach messerscharf in seinen Kopf, als wolle sie ihm sagen, wie er den Dämon zu erledigen hatte.
Karl hob das Messer und blickte ein letztes Mal in den Spiegel. Für einen kurzen Moment sah er alles deutlich vor sich. Nicht der Fremde war besessen, sondern in ihm saß das Böse höchstpersönlich, bereit, um zu töten.
In diesem Moment spürte Karl einen Schmerz in seinem Herzen.
Er sah an sich herab und ließ sein Messer sinken.
Ein Dolch mit mystischen Symbolen, das der Fremde in der Hand hielt, steckte in seiner Brust.
Langsam drehte sich dieser um und schaute Karl ins Gesicht.
Bevor der Dämon in Karl sich auflöste, hörte er die letzten Worte des Fremden.
„Endlich habe ich dich gefunden. Du warst der Sechste und Letzte auf meiner Liste.“
Karls Körper lag reglos auf dem Boden.

Letzte Aktualisierung: 07.10.2010 - 00.35 Uhr
Dieser Text enthält 5868 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.