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Verwandlung | Oktober 2010
Arabische Nacht
von Ingo Pietsch

Der Dieb kniete vor dem Sultan und bettelte um Vergebung. Palastwachen hielten seine Arme fest und drückten ihn nach unten.
Ihm wurde ein gestohlener Apfel zur Last gelegt, und der Sultan würde entscheiden, ob der Dieb seine Hand verlor.
Noch vor einem Jahr war der Sultan als gerechter Herrscher seines Landes bekannt gewesen. Dann war seine Frau gestorben und er war vor Trauer gleichgültig geworden. Nichts konnte die Leere füllen, welche in seinem Herzen entstanden war. Nicht einmal die Liebe zu seiner Tochter.
Sie war es, die seither die Staatsgeschäfte leitete und das Land regierte.
Prinzessin Jisman saß auch jetzt zu seiner Rechten und flüsterte ihm die Entscheidung ins Ohr: „Die Hand muss ab!“
Die Prinzessin wollte ein Exempel statuieren, um dem Volk zu demonstrieren, dass die Gesetze nach wie vor ihre Gültigkeit hatten und Gauner keine Milde erwarten durften.
Der Sultan wiederholte ihre Worte wie in Trance.
Der Dieb fing an zu wimmern und flehte verschont zu werden; er begann sogar zu schreien.
Wieder beugte sich Jisman zu ihrem Vater hinüber.
„Schlagt ihm auch die andere Hand ab!“, verkündete dieser daraufhin mit schwacher Stimme.
Damit brachte die Palastwache den zappelnden und hysterisch kreischenden Mann nach draußen, um das Urteil zu vollstrecken.
Als Nächstes stand der Besuch eines Prinzen auf der Tagesordnung.
Prinz Aldadin aus dem benachbarten Königreich war, wie man hörte, nicht nur gutaussehend, sondern auch reich. Eine Liaison mit ihm würde nicht von Nachteil sein. Aber Jisman wollte ihn vor einer Entscheidung zunächst selbst in Augenschein nehmen.
Der Prinz machte eine tiefe Verbeugung und lächelte sie an.
Die Prinzessin war von seinem gepflegten Äußeren fasziniert. Aber was ihr Interesse am meisten weckte, war die goldene Maske, die seine rechte Gesichtshälfte bedeckte. Gestaltet und verziert wie ein Schmetterlingsflügel, schien sie in die Haut eingegossen. Lediglich Auge und Mund waren nicht davon bedeckt.
Als er zu ihr aufsah, fühlte sie, wie seine strahlenden Augen die ihren erfassten und sein Blick sie gefangen nahm.
Innerlich aufgerüttelt, äußerlich aber die Ruhe selbst, widmete sie ihre Aufmerksamkeit den mitgebrachten Schätzen, die zwei Diener ihr zu Füßen gelegt hatten: „Ist das alles, was Ihr zu bieten habt?“
Ohne auf die Bemerkung einzugehen, fragte er mit einem spitzbübischen Lächeln: „Wenn Ihr mir die Gunst einer privaten Unterredung erweisen würdet?“
Betont gelangweilt sagte sie: „Morgen früh habe ich Zeit für Euch. Meldet Euch dann bei der Palastwache!“
Der Prinz verneigte sich zum Abschied und verließ den Thronsaal.
Jisman roch noch immer seinen süß-herben Duft und versuchte sich zu erinnern, wann sie schon einmal diesem durchdringenden Blick begegnet war.

Prinzessin Jisman ließ sich an einem Seil an der Außenseite der Palastmauer herunter. Am Boden angekommen, band sie den Strick versteckt hinter einer Palme fest.
Sie prüfte den Sitz ihrer Kleidung und lief schließlich in Richtung einer der Basare.
Fackeln und offene Feuer erhellten die Straßen.
Jisman schlich sich dann und wann in die Stadt und mischte sich unerkannt unter das gemeine Volk um Informationen zu sammeln, an die sie bei ihrem wohlbehüteten Palastleben sonst nie gelangen könnte.
In einer Taverne setzte sie sich etwas abseits an einen der hinteren Tische, den die spärliche Kerzenbeleuchtung kaum noch erfasste.
Die Leute redeten über die gesunkene Kriminalität, aber auch über die gnadenlose Prinzessin, als wäre diese Fluch und Segen zugleich.
Das imponierte ihr. Aber als sich dann die Gespräche um ihren vermeintlich handlungsunfähigen Vater drehten, wurde sie wütend.
Sie hatte genug gehört und wollte schnellstmöglich wieder nach Hause, da schließlich am Morgen das Treffen mit dem Prinzen anstand. Und dafür wollte sie ausgeruht sein.
Auf dem Basar blieb sie stehen und hielt inne. Es war totenstill, nicht einmal einen im Abfall wühlenden Hund konnte sie hören.
Plötzlich war Jisman von Männern in ihr unbekannter Kleidung umzingelt.
Ohne Worte zu verlieren, ließen sie Krummsäbel aufblitzen und stürzten sich auf sie.
Die Prinzessin zog ihrerseits einen Säbel unter ihrem Gewand hervor. Der Griff besetzt mit Edelsteinen, war die königliche Waffe aus feiner Schmiedekunst den Waffen der Angreifer ebenbürtig.
Geschickt parierte sie die erste Folge der Schläge, die von allen Seiten auf sie einprasselte, musste aber im weiteren Verlauf vermehrt Schnittverletzungen einstecken, da die Gegner in der Überzahl waren.
Jisman verlor an Kraft und war im Begriff, den Kampf zu verlieren, würde dieser noch länger andauern.
Unerwartet stand auf einmal Prinz Aldadin neben ihr.
Gemeinsam, und vielleicht eine Spur zu schnell, schlugen sie die Angreifer in die Flucht.
Schwer atmend stützte sich die Prinzessin auf ihren Säbel und ging schließlich in die Knie, während Aldadin nicht eine Schweißperle auf der Stirn stand.
Unheimlich flackerte der Fackelschein auf seiner Maske.
Er reichte ihr die Hand. Als sein Blick auf den reich verzierten Säbel fiel, verengten sich seine Augen kaum merklich.
„Ihr habt gut gekämpft!“, lobte er.
„Ich danke Euch! Ihr aber auch.“ Ihre Beine zitterten. „Wer waren diese Männer?“
„Ich habe nicht die geringste Ahnung“
„Ich…“, begann die Prinzessin und fiel bewusstlos in seine Arme.

Als Jisman erwachte, lag sie in einem riesigen Himmelbett. Ihr nackter Körper wurde nur von einem seidenen Tuch bedeckt. Ihre Verletzungen hatte man gekonnt behandelt und brannten nur noch ein wenig.
Sie setzte sich auf und musste sich mit den Armen abstützen, da ein stechender Schmerz durch ihren Kopf fuhr.
Jisman atmete tief durch und sah sich in dem von Fackeln beleuchteten Raum um: Edle Möbel und Wände mit kostbaren Teppichen erfreuten ihr Auge.
Doch sie befand sich nicht im Palast.
Neben der großen Doppeltür stand ein Stuhl, auf dem fein säuberlich ihre Kleidung lag. Auch der Säbel ihres Vaters war da.
Gerade als sie aufstehen wollte, wurde die Tür aufgestoßen und Prinz Aldadin kam mit schnellen Schritten auf das Bett zu.
Jisman rutschte zum Kopfende hoch und hielt das seidene Tuch schützend über ihren Körper.
Sie hatte Angst.
Die Tür fiel schallend zurück ins Schloss.
Prinz Aldadin löste seinen Säbel vom Gürtel und kam auf Jisman zu, bis er über ihr war.
Ihre Hände verkrampften sich in der Seide und er war ihr so nah, dass sie seinen Pfefferminzatem roch.
Er zog sie an sich, um ihr einen Kuss zu geben. Sie sah in seine strahlenden Augen, die sie verzaubern wollten.
Jisman ließ sich fallen und verging in dem innigen Kuss.
Dann lösten sich seine Lippen von den ihren.
Irritiert blickte sie ihm hinterher, wie er den Raum durchquerte und den Säbel ihres Vaters griff. Er schwenkte ihn ein paar Mal und wog ihn in seiner Hand.
„Ein sehr wertvolles Stück, aber nicht wegen der Juwelen.“
Er ging auf Jisman zu: „Ich habe so einen Säbel schon einmal gesehen. Und willst du gar nicht wissen, wann und wo?“
Die Prinzessin bekam Angst. Sie war völlig wehrlos. Vielleicht kam sie irgendwie an die Waffe des Prinzen.
Aldadin kam ihr wieder gefährlich nahe. Er holte mit der freien Hand weit aus.
Sie schloss die Augen, befürchtete, er wolle sie schlagen.
Der Schlag blieb aus, stattdessen griff der Prinz nach seiner Maske.
Sie öffnete ihre Augen wieder und sah, wie er die goldene Maske mit einem schmatzenden Geräusch von seinem Gesicht zog.
Eine fast verheilte Narbe führte vom Haaransatz über Braue und Wange bis zum Kinn.
Voller Entsetzen riss Jisman die Augen auf, weil sie zu wissen glaubte, wen sie vor sich hatte.
Vor ihrem geistigen Inneren tauchten diese zwei strahlend blauen Seen auf, die zu einem kleinen Jungen gehörten.
Aldadin und die Prinzessin spielten Fangen und rempelten aus Versehen den königlichen Säbel um, der in einer Halterung ausgestellt war. Sie hob den Säbel auf und spielte damit.
Erst kippte sie nach hinten und schließlich fiel sie nach vorn.
Aldadin konnte nicht mehr ausweichen und der Säbel fuhr durch sein Gesicht.
„Ich erkenne an deinem Blick, dass du dich erinnerst!“
„Es war ein Versehen und das weißt du auch“, sagte die Prinzessin.
„Ja. Und ich habe dir schon vor langer Zeit verziehen. Hättest du mich damals nicht verletzt, wäre ich auch ein Diener, wie mein Vater geworden.“
Er holte tief Luft: „Als kleiner Junge habe ich mich schon in dich verliebt. Vor einem Jahr, als deine Mutter starb, hast du dich verändert. Ich wollte nicht wahrhaben, dass du so böse geworden bist, wie man sich erzählt. Deshalb habe ich dich entführt, wollte herauszufinden, ob dein Herz, so wie damals, noch am rechten Fleck ist. “
Aldadin sprach mit ruhiger Stimme und er konnte sehen, wie es hinter Jismans Stirn arbeitete. Ihre Augen wanderten unstet zwischen ihm und seinem abgelegten Säbel hin und her.
Langsam ging er rückwärts zur Tür und wandte sich zum Gehen.
Aldadin hörte ihre schnellen Schritte auf sich zukommen und schnellte verteidigungsbereit herum.
Jisman stürzte, kaum verhüllt von dem Tuch, an seine Brust. Ihr Mund lächelte, die Augen waren rund vor Staunen.
Er versuchte das Lächeln zu erwidern, sah dann zum Bett hinüber und wusste, dass er seinem Herzen hätte vertrauen sollen, nicht seinem Verstand.
Der Säbel lag, so wie er ihn fallengelassen hatte, immer noch vor dem Bett.
Aldadin zog Jisman an sich, hielt sie fest und streichelte ihr Haar.

Er würde nie erfahren, wie ehrlich oder verlogen sie wirklich war.
Während ihr Blick durch ihn hindurch in eine unbekannte Ferne schweifte, wurde es ihm immer schwerer, sie zu halten.
Zwischen seinem und ihrem Körper war nur noch der Griff des Säbels, der in ihrem Leib steckte.
Er hatte mit einem Angriff gerechnet und sich schützen wollen.
Hatte er damit eine grausame Herrscherin von weiteren Greueltaten abgehalten, oder war sie doch in ihrem Inneren das liebreizende Mädchen geblieben, das er aus seiner Kindheit kannte?
Er würde sie in guter Erinnerung behalten, denn sie hatte aus ihm den stattlichen Prinzen gemacht, der er sonst nicht hätte sein können.

Letzte Aktualisierung: 25.10.2010 - 00.13 Uhr
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