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Verwandlung | Oktober 2010
Herr Mrotzke
von Karl-Heinz Manier

„Trudchen?“
„Ja, Bruno?“
„Trudchen, hier steht, dein Willi ist tot.“
„Das kann nicht sein, Bruno.“
„Aber hier steht es doch!“
„Was steht da?“
„Na, dass Willi tot ist.“
„Das bezweifle ich ja gar nicht.“
„Aber eben hast du gesagt …“
„Ich weiß, was ich gesagt habe.“
„Was hast du denn gesagt?“
„Dass es nicht sein kann, Bruno.“
„Eben.“
„Was – eben?“
„Du streitest es ab.“
„Was streite ich ab?“
„Dass der Willi tot ist.“
„Eben das streite ich nicht ab.“
„Was streitest du denn dann ab?“
„Das es mein Willi ist, der tot ist.“
„Ist es denn nicht dein Willi?“
„Ich habe keinen Willi, Bruno!“
„Aber du hast zu mir gesagt, dein Freund aus jungen Jahren, Willi, käme dich besuchen?“
„Wie kommst du überhaupt darauf?“
„Worauf komme ich, Trudchen?“
„Der Tote in der Zeitung sei der Willi, von dem ich gesagt habe, dass er mich besuchen kommen will?“
„Vorgestern war einer hier, der sagte, er heiße Willi Mrotzke und wolle zu dir.“
„Mrotzke?“
„Ja, Mrotzke.“
„Bist du sicher?“
„Ganz sicher, Trudchen.“
„Warum er zu mir wollte, hast du nicht gefragt?“
„Ich dachte, ich wüsste es.“

„Bruno!“
„Ja, Trudchen?“
„Bruno, was ist das hier?"
„Was ist was?“
„Na das hier?"
„Das ist ein Glas, Trude."
„Wie kommt das Glas auf die Fensterbank?"
„Ich habe es da hingestellt."
„Dann räum es auch wieder weg!"
„Ja, Trudchen.“
„Sofort, Bruno!“
„Ja, Trudchen.“
„Bruno?“
„Ja, Trudchen?“
„Der sitzt schon wieder am Fenster.“
„Wer sitzt schon wieder am Fenster?“
„Na, der Krischonski.“

„Trudchen … ?“
„Ja, Bruno?“
„Trudchen, was wollte der Herr Mrotzke von dir?“
„Der war vom DRK.“
„Vom DRK?“
„Ja, Bruno, vom Deutschen Roten Kreuz.“
„Und was wollte das Deutsche Rote Kreuz von dir?“
„Herr Mrotzke wollte vorbeikommen um mich über die Umstände zu Informieren.“
„Umstände? Welche Umstände, Trudchen?“
„Wie sie meinen Bruder gefunden haben.“
„Sie haben ihn? Ach, das ist aber schön, Trudchen. Wo haben sie Arnold denn gefunden?“
„In Jugoslawien, in einem Massengrab.“
„Wie schrecklich!“
„Ja.“
„Und traurig.“
„Ja. Das ist traurig.“
„Und jetzt ist er selbst tot.“
„Wer ist selbst tot?“
„Na, der Herr Mrotzke.“

„Hat der Krischonski denn sonst nichts zu tun - sag doch auch mal was dazu, Bruno!“
„Ja.“
„Nun sag doch was.“
„Ich habe doch ja gesagt.“
„Willst du denn nicht was anderes dazu sagen?“
„Was soll ich sagen?“
„Na, irgendwas.“
„Aber ich will nicht irgendwas sagen.“
„Das ist aber komisch.“
„Was ist komisch?“
„Dass du nichts dazu sagen willst. Hast du denn gar keine Meinung?“
„Ja, Trudchen.“
„Warum willst du mir dann deine Meinung nicht sagen?“
„Muss ich dir denn meine Meinung sagen?“
„Wenn ich eine Meinung hätte, würde ich sie dir sagen.“
„Ja, Trudchen.“
„Wozu hast du denn dann eine Meinung, wenn du sie mir nicht sagen willst?“
„Ich will sie für mich behalten, Trudchen.“
„Warum willst du sie für dich behalten?“
„Weil ich auch mal was für mich alleine haben will.“

„Wann ist denn der Herr Mrotzke gestorben, Bruno?“
„Vorgestern.“
„War er denn krank?“
„Ich glaube nicht.“
„Du glaubst nicht, dass er krank war?“
„Woher soll ich das wissen?“
„Und wieso glaubst du, dass er nicht krank war?“
„Na, weil es ihm so gut geschmeckt hat.“
„Es hat ihm so gut geschmeckt?“
„Ich hatte dir einen Kuchen gebacken.“
„Du hast mir einen Kuchen gebacken?“
„Ja, als Überraschung.“
„Und wieso hat er ihm so gut geschmeckt? – Bruno?“
„Aber ich dachte doch, es sei dein Willi ... Wo du doch noch einkaufen warst!“

„Hatte er einen Unfall?“
„Wer hatte einen Unfall?“
„Na der Mrotzke.“
„Sie vermuten, dass er ein Narkoleptiker war, Trudchen.“
„Ein Narkoleptiker? Aber davon stirbt man doch nicht.“
„Er wollte während der Hauptverkehrszeit eine Straße überqueren und ist dabei vor der Stoßstange eines LKWs eingeschlafen.“
„Ach, der Arme.“
„Ja, der Arme.“

„Bruno, was guckst du jetzt schon wieder? Schalt doch mal um!“
„Willst du das hier gucken, Trude?“
„Nein! Weiter! - Warte Mal, eine Tiersendung, das beruhigt. Ja, das ist gut.“
„Das habe ich schon gesehen, Trude."
„Dann sieh es dir noch einmal an."
„Ich würde lieber die Salesch gucken."
„Das ist nicht gut für deine Nerven, Bruno.“
„Meinst du, Trudchen.“
„Ja, Bruno, das meine ich.“
„Wann will Willi vorbeikommen?“
„Morgen oder übermorgen – warum fragst du?“
„Ach, nur so.“
„Nur so?“
„Ja, nur so.“

„Wenn man nur nicht so wird, wie der alte Kauz da drüben. Sitzt stundenlang vor dem Fenster.“
„Ja. Gehst du morgen wieder in die Stadt, Trudchen?“
„Brauchst du denn schon wieder was, Bruno?“
„Ich brauche Tabletten.“
„Warum holst du sie dir nicht selbst?“
„Na ja, wenn du sowieso in die Stadt gehst … “
„Hat dir der Hausarzt nicht erst welche verschrieben?“
„Ach Trudchen, wenn die nur so wirken würden, wie sie sollen.“
„Die wirken nicht? Die sollen so stark sein, dass sie einen katalanischen Kampfstier ins Koma katapultieren.“
„Vielleicht sollte ich mal den Hausarzt wechseln.“
„Schon gut, ich bringe dir wieder welche mit.“
„Und morgen backe ich dir und deinem Willi einen feinen Kuchen ...“

Letzte Aktualisierung: 12.10.2010 - 23.26 Uhr
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