Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Verwandlung | Oktober 2010
Die Suche nach dem Engel
von Christina Stöger

Die Suche nach einem Engel

Was für ein herrliches Geräusch, dieses „Krapp krapp krapp“. Wie jeden Tag saß ich auf einem Blatt, und fraß es auf. Typisch für mich, denn als kleine Raupe, gerade erst aus meinem Ei geschlüpft, war ich unstillbar hungrig. Ein herrliches Leben! Ruhigen Tage, die sich mit der einen Beschäftigung füllten: Fressen. Meine Hülle spannte am Bauch mittlerweile so sehr, dass ich sie abstreifen musste. Ein ganz schöner Kraftakt. Aber wenn ich weiter fressen wollte, dann brauchte ich mehr Platz.

Die ganze Nacht hatte ich damit verbracht, mich gemächlich und ganz in Ruhe von meinem Panzer zu befreien. Nun konnte ich wieder tief und ungehemmt durchatmen. Die Sonne war schon aufgegangen, doch plötzlich wurde es wieder dunkel. Ein feindlicher Schatten kam auf mich zu. Ein Vogel! Ich hatte es ja geahnt, dass mir so etwas einmal begegnen würde. Ich rollte mich blitzartig zusammen und ließ mich fallen. Tief zwischen den hohen Gräsern landete ich, so dass mich der Vogel nicht mehr sehen konnte. Vor Angst war ich ganz kurzatmig und mir war schlecht. In dieser zusammengekrümmten Haltung blieb ich noch ängstlich liegen. Dabei war der Sturz gar nicht schlimm, denn der feine Tau des Morgens und mein runder Körper hatten mich abgefedert.

"Du bist ja echt schnell abgetaucht," sagte einen Stimme über mir. Diese Stimme war so hell und wunderschön, dass ich mich aufrollte um zu sehen, wer da zu mir gesprochen hatte. Über mir auf einer Blume saß eine Fee, ein Lichtwesen, ein weiblicher Engel mit hellen, schimmernden Flügeln. Sie war so wunderschön, dass ich meinen Blick nicht von ihr wenden konnte.
"Was starrst du mich so an?", fragte dieses engelsgleiche Wesen.
"Du ... , du bist so wunderschön", stotterte ich.
"Ja, ich weiß. Ich bin der schönste Schmetterling hier in der Gegend. Jede Blume freut sich, wenn ich den Nektar aus ihrem Kelchen trinke. Ich bin bei den Pflanzen ein gern gesehener Gast. Ich fresse ihnen ja auch nicht die Blätter weg, so wie du! Bist eine kleine, hässliche Raupe."
Ich blieb ganz still. Sie hatte ja recht. Ich war klein, rund, dick und gefräßig, und sie so groß und hell und wunderschön. Meinen Sturz hatte ich geschickt überstanden, und sie hatte es bemerkt ....
"Du bist mein Schutzengel, du hast mich beschützt, stimmt´ s?", fragte ich zaghaft.
Sie lachte und lachte, und hörte nicht auf, zu lachen. Mit ihrem hellen, feinen Stimmchen hörte sich das für mich an, wie wundervolle Musik.
„So könnten nur Engel lachen“, dachte ich und schaute weiter zu ihr auf.
"Ich fliege weiter zu meinen Freunden – ich habe soooo viele Freunde! Alle Blumen – lieben mich!", sagte sie, als sie ihre Flügel ausbreitete und sich in den blauen Himmel erhob. Ich schaute meinem Engel wortlos nach, wie er mich verließ.

Von diesem Augenblick an konnte ich nicht mehr fressen. Ich schaute nur noch in den Himmel. Mein Körper sagte mir zwar, dass ich essen musste, aber ich hatte Besseres zu tun. Ich träumte von IHR. Ich stellte mir vor, wie sie mich wieder besuchten, und mir ihre Liebe gestehen würde. Wie wir uns ganz tief in die Augen schauen und...
"Hey, warum frisst du nicht?", eine raue Stimme erklang über mir und riss mich aus meinen Gedanken.
"Seit Stunden sitzt du nun hier und schaust Löcher in die Luft. Ich habe dich beobachtet, von dort drüben aus. Ist dir etwas passiert, als du vom Blatt gefallen bist?"
Ich schaute mich genervt um, um zu sehen, wer mich aus meinem Traum gerissen hatte. Ich wollte diese Stimme verjagen, wollte meine Ruhe haben, um weiter von meinem Engel träumen zu können.
"Lass mich - mir geht es gut. Ich habe gerade das wundervollste Wesen gesehen, das es gibt. Meinen Schutzengel! Du störst mich."
Ich hatte mich herum gedreht und sah eine kleine, dicke Raupe, wie ich es war. Sie kaute genüsslich an einem Blatt.
"Ich bin Lisa und ich wollte dir was zu fressen bringen. Wir müssen viel fressen um zu überleben. Ich werde mich um dich kümmern."
Ganz besorgt sah sie aus, als sie das sagte.
"Na gut. Gib schon her, dein Blatt." Ich nahm ihr das angekaute Blatt ab und fraß es auf.
"Ich bin der Macus – und du kannst hier bleiben, wenn du mich nicht störst. Ich will weiter träumen, wenn du gestattest."

Lisa wich mir von nun an nicht mehr von der Seite. Wenn ich mal wieder vergessen hatte, weiter zu kriechen und zu fressen, kam sie zurück und stupste mich an. Ich folgte ihr dann. Ich schaute immer in den Himmel, denn ich wollte meinen Schutzengel nicht verpassen, wenn er wieder zurück kommen sollte.
Einige Male sprang ich auch akrobatisch riskant von einem Blatt, in der Hoffnung, dass mein Schutzengel auftauchte um mich zu retten. Ich wünschte es mir so sehr. Doch ich musste mich immer selbst wieder berappeln. Lisa belächelte mich nach diesen Luftsprüngen. Sah wohl irgendwie komisch aus ... Als wir uns auf einem Blatt in der Nähe einer wunderschönen Blume niedergelassen hatten, spürte ich einen leichten Luftzug neben mir. Ich traute meinen Augen nicht. Neben mir, auf dieser Blüte, saß mein Engel und schlürfte genüsslich den Nektar aus dem tiefen Kelch. Ich war erstarrt, als ob mich mein alter Panzer noch umgab. Sie hatte mich gefunden! Ich hatte wieder angefangen zu atmen und rief ihr zu:
„Mein Engel, du hast mich wieder gefunden! Ich freue mich so sehr. So lange habe ich auf dich gewartet. Nun bist du zu mir gekommen ...“
Der Schmetterling zog seinen Kopf aus dem Kelch und schaute sich verwundert um.
„Meinst du etwa mich? Was willst du? Warum sprichst du mich an? Meinst du wirklich ich würde mich mit dir unterhalten? Du kleine, dicke Raupe, du. Schau mich an – ich bin wunderschön. Meinst du, ich hätte es nötig, mich mit dir abzugeben? Lass mich in Ruhe.“
Mit diesen Worten schwang sie sich wieder in die Lüfte und war verschwunden. Völlig schockiert schaute ich ihr nach. Aber das war sie doch gewesen, meine Fee, mein Engel. Hatte sie mich nicht erkannt? Doch, sie hatte ja mit mir gesprochen. Aber warum war sie so gemein? Und gleich wieder weg?
Entmutigt saß ich auf meinem Blatt, als sich Lisa näherte.
„Sei nicht traurig, kleiner Marcus. Dieser Schmetterling ist so gemein, wie er hübsch ist. Lass dich trösten.“ Damit schmiegte sie sich an mich, doch ich bemerkte sie gar nicht. Trösten konnte mich niemand, niemals. Ich wollte sterben. So lange hatte ich auf sie gewartet, und nun? Obwohl Lisa an meiner Seite war, kam ich mir einsam und verlassen vor.

Mein Seele schien gebrochen.
„Lisa, ich danke dir für deine Freundschaft, doch ich ziehe mich zurück. Ich werde eine Hülle um mich bauen und schlafen. Ganz lange schlafen. Ich bin so müde.“ Lisa sagte nichts und ließ mich ziehen. Sie wusste, dass es Zeit war, sich zu entwickeln. So krabbelte ich auf die Unterseite eines Blattes und spann einen Kokon um mich herum. Endlich hatte ich meine Ruhe. Ich wünschte mir so sehr, keine dicke Raupe mehr zu sein. Ich wollte meinen Engel suchen, sie zur Rede stellen, warum sie so gemein zu mir gewesen war. Ich wollte ihr zeigen, dass ich wunderschön war, in meinem Herzen. Dann schlief ich ein.

Als ich erwachte, spürte ich, wie schön das Leben war. Über die vielen Gedanken und Träume hatte ich mich entwickelt und: Ich hatte Lisa vermisst. Lisa, die immer für mich da war. Lisa, die mich oft gewarnt hatte, wenn wir angegriffen wurden. Lisa, die mit mir ihr Blatt teilte und so herzhaft über mich lachen konnte. Lisa, die...Ach Lisa.
Ich vermisste sie sehr. Wie war ich blind gewesen, hatte immer den Himmel nach einem Engel abgesucht .... Ich war auf die Schönheit eines Schmetterlings hereingefallen und hatte mich davon täuschen lassen. Nun war ich enttäuscht. Von mir, meinen Gedanken und Gefühlen. Jetzt aber wusste ich was richtig war. Ich wollte hin zu Lisa! Noch aber war ich wie gefesselt. Dieser enge Kokon behinderte mich ... Hochmotiviert begann ich, mich zu befreien. Nach meinem Gefühl dauerte es ewig, bis ich zunächst meinen Kopf durch die Hülle stecken konnte. Entschlossen biss ich mich weiter durch. Ich hatte ein Ziel!
Dieser Kokon hatte mich geschützt und ruhig gehalten – und er gab mir nun, wo ich ihn verließ, das unbeschreibliche Gefühl von Freiheit. Ich schlüpfte aus der Resthülle heraus und schaute mich um. Neben mir hing ein weiterer Kokon und ich erkannte, dass sich ebenfalls jemand aus der Hülle befreite: Es musste Lisa sein – das fühlte ich. Es war Lisa, aber sie hatte sich so verändert. Sie hatte sich zu einem wunderschönen Schmetterling entwickelt. Ich sah sie bewundernd an. Wir waren beide sprachlos, saßen beisammen, schauten uns an und ließen die Sonne auf unsere Rücken scheinen. Es kam mir vor wie eine kleine Ewigkeit, obwohl es nur wenige Stunden waren. Kein Vergleich zu der Zeit, die wir jetzt miteinander teilen konnten, die jetzt beginnen sollte.

„Marcus, bist du das?“ fragte sie mit einer wunderschönen, hellen Stimme.
„Du hast dich so verändert. Breite deine Flügel aus und lass dich anschauen. Keine dicke Raupe mehr, ein stattlicher Schmetterling bist du geworden.“
„Du auch, mein Engel!“ rief ich ihr zu.
Selbstbewusst erhob sie sich in die Lüfte und auch ich breitete meine Flügel aus. Wir genossen den Augenblick und tanzten umeinander herum. Waren glücklich und lachten. Das war der erste gemeinsame Tag unseres restlichen Lebens.
Als wir abends gemeinsam auf einer Blüte saßen und in den Himmel schauten, konnte ich ihr erzählen, wie sehr ich sie vermisst hatte und wie sehr ich mir immer gewünscht hatte, anders zu sein. Sie lachte wieder nur.
„Aber Marcus, so ist der Lauf unsres Lebens. Wir mussten uns erst verpuppen um zu uns selbst zu finden. Erst die gefräßigen Raupen und nun die wunderschönen Schmetterlinge. Auch dein Engel, wie du sie immer bezeichnest, war einmal eine kleine, dicke und hungrige Raupe. Doch sie konnte oder wollte sich nicht mehr daran erinnern. Sie hat nur eine äußerliche Wandlung durchgemacht, doch im Herzen ist sie klein und hässlich geblieben. Sie wird nie die wahre Liebe erleben, so wie wir beide.“
Lisa duftete nach dem Blütennektar des Tages und schaute mich mit ihren großen Augen an und ich hatte endlich verstanden, dass die Melodie des Herzens die Liebe erwachsen lässt und uns Flügel verleiht.

Letzte Aktualisierung: 06.10.2010 - 08.57 Uhr
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