Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Verwandlung | Oktober 2010
My Dental Diaries
von Jochen Ruscheweyh

Junge: „Mama, alle sagen, ich habÂŽ so komische ZĂ€hne.“
Mutter: „Unsinn! Aber mach® bitte den Mund zu, du zerkratzt mir den Fußboden.“

Dieser Witz ist der meisterzĂ€hlte im Sommer 1978 und wir lachen uns regelmĂ€ĂŸig tot, wenn jemand davon anfĂ€ngt. Aber bald schon erscheint mir die Sache weniger lustig. Denn plötzlich bin ich wie dieser Junge, der dort im Fokus steht. Genauer gesagt, als mich unser Schulzahnarzt in der dritten Klasse ĂŒber mein gestörtes Zahnbild in Kenntnis setzt.
Wir kriegen einen Arztbrief fĂŒr unsere Eltern mit. Mein Freund Uli zerreißt seinen und stellt einfach alle Zahnarztbesuche bis zur Musterung ein.

„Na herzliches Beileid, dann kriegst du so ÂŽne Ami-Klammer wie der Meinhard aus der 3b, die mit 500 Grad Temperatur in deinen Mund gepresst wird. Mit kleinen NĂ€geln, die SĂ€ure abgeben, damit du nicht mit der Zunge dagegen drĂŒckst!“, klĂ€rt mich mein bis heute unbeplombter Freund Uli auf. Aus seinen Worten trieft Wissenschaft, schließlich hat er das „PM-Magazin“ abonniert und kann mit seinem „Kosmos-Experimentierkasten“ flĂŒssigen Sauerstoff herstellen. Sagt er.
Also hĂ€nge ich mich auf unserer Jahrgangsfahrt an den verschrobenen Meinhard dran und lasse mich von ihm als Rekrut ĂŒber die Herbergswiese jagen. Ich kann ihm gerade entlocken, dass Klammertragen viel mit militĂ€rischer Disziplin zu tun habe. ZĂ€hne mĂŒssten eben in Reih und Glied stehen. Dann hat er keine Ruhe mehr. Zu stark drĂ€ngt die Frage, wie er seine Ami-Truppen auf seinem Gips-Toporama am gĂŒnstigsten gegen die Japse positionieren kann.

„FĂŒr so einen Schnickschnack zahlt unsere BKK nix, da gibtÂŽs den normalen Kassendraht auf Schweinchen-Kunststoff!“, klĂ€rt mich mein allzeit gut informierter Vater auf. Ich könnte ihn kĂŒssen, spare mir einen so heftigen Emotionsausbruch aber lieber fĂŒr eine oder mehrere positive Antworten auf die Fragen Mofa, Auto und Eigentumswohnung auf.

Einige Tage spĂ€ter verliebe ich mich ziemlich heftig in Simone, weil sie uns nachmittags beim Garagentor-Fussball eröffnet, sie wĂŒnsche sich dringend eine Zahnklammer, obwohl sie meiner Meinung nach die perfektesten Zahnreihen im ganzen Vorort besitzt.
Mein Plan: Wenn ich vom KieferorthopĂ€den komme und meine QuerdrĂ€hte blitzen lasse, gehört die Kleine mir. Denn auch wenn Metaphern laut Lehrplan erst in der siebten Klasse dran sind: Simones Wunsch nach einer Zahnklammer steht fĂŒr den Wunsch nach mir, das ist so klar wie der FĂ€rbetest von „Blendax-Antibelag“, der harmlose ZĂ€hneputzer im ZDF-Werbeblock bloßstellt, weil sie die falsche Zahnpasta benutzen.

Aber vor das Mahl hat der Herr die MĂŒhen gelegt und vor die Zahnspange den Abdruck. Ein traumatischer Augenblick, wenn man eine empfindliche Zungenwurzel hat und weder Kaugummi noch Minze ausstehen kann, jene Hauptzutaten des fiesen Klebebreis.
Ich wĂŒrge, wĂ€hrend mein KieferorthopĂ€de die enorme Haftkraft des Breis anpreist. Wie zur BeweisfĂŒhrung versuchen drei Helferinnen nacheinander, die Abdruckform wieder aus meinem Mund zu lösen. Dann erst erscheint Dr.P. und zieht den Stahlbrocken in bester Excalibur-Tradition heraus. Ich nenne ihn ĂŒbrigens hauptsĂ€chlich deshalb so, weil Dr.PÂŽs vollstĂ€ndiger Name wie der lateinische Ausdruck fĂŒr das mĂ€nnliche Geschlechtsteil klingt.

Als ich das erste Mal mit Klammer den Garagenplatz betrete, erfahre ich schmerzhaft, dass sprachliche Stilmittel doch reichlich Interpretationsspielraum bieten. Simone wĂŒnscht sich nĂ€mlich gerade nichts dringender, als beim nĂ€chsten Training des TSV dabei zu sein. Was liegt da nĂ€her, als sich an TSV-StĂŒrmer Holger ranzuschmeißen?

Als guter Freund erkennt Uli mein seelisches Tief und verzichtet darauf, nachzubohren. Stattdessen erzÀhlt er mir lieber von dem Porno, der immer an meinem Geburtstag im Fernsehen lÀuft. Auf den kann ich mich schon mal freuen, meint er, weil er, Uli, den schon zwei Mal gesehen hat, wo die MÀnner am Ende wegen des vielen Sex ganz kleine Geschlechtsteile kriegen.

Wir Klammer-Gebeutelten sind eine unauffĂ€llige Gemeinschaft. Wir nicken uns wie Yps-Geheimagenten zu, wenn wir bei anderen Leidensgenossen das rot-weiße Band um den Hals entdecken. Denn kaum jemand trĂ€gt die mobile Plastikgarage so aggressiv zur Schau wie die Brustbeutel mit integriertem Busfahrkarten-Fach.

In Italien verliebe ich mich in Sabrina, deren Dosen-Klappern am Band in meinen Ohren prĂ€pubertĂ€r-erotisch klingt. Doch unsere platonische Liebe wĂ€hrt, wie der Urlaub, nur eine Nachstellperiode lang. Das ist genau die Zeit, bis der KieferorthopĂ€de die Mechanik einer Klammer mit einem kleinen SchlĂŒssel weiter stellt, weil die ZĂ€hne inzwischen dem Druck nachgegeben haben und ein StĂŒck weiter in die gewĂŒnschte Position gewandert sind. So die Theorie.

Ich fĂŒhle mich wie der inoffizielle Gewinner von „Jugend forscht“, als ich eines Abends entdecke, dass sich die Spitze einer Heftzwecke super in ebendiese Mechanik einfĂŒhren lĂ€sst. Ich stelle meine beiden Klammern erstmal drei Umdrehungen zurĂŒck; sanft gleiten Ober- und Unterteil in meinen Mund.
Mein Doktor ist beim nÀchsten Termin so begeistert, wie gut sich mein Zahnbild geweitet hat, dass ich die Klammern fortan nur noch nachts tragen muss.
Mein schlechtes Gewissen, ihn hintergangen zu haben, quĂ€lt mich nur kurz. Denn bei jedem Folgebesuch prĂ€sentiert er mir die gute Nachricht brandheiß neu.

Im Juni 1980 ist mein Geschlechtsteil-Zahnarzt dann endgĂŒltig von seinem Behandlungserfolg ĂŒberzeugt, entlĂ€sst mich als geheilt und ich verliebe mich nacheinander ziemlich hoffnungs-, sinn- und erfolglos in eine weitere Simone, eine Karin und schließlich eine Martina mit amerikanischer Klammer, bei der ich aber trotz Ă€hnlichem KieferorthopĂ€die-Background nicht landen kann.
Uli philosophiert daraufhin, die Ursache könnte eventuell auch in mir begrĂŒndet liegen. Ich scheuerÂŽ ihm ein paar und spreche drei Monate nicht mehr mit dem Klugscheißer. Das scheint ihn weniger zu stören als mich, kann er doch in dieser Zeit bei einer Karin, einer Barbara, einer Silke, und zwei Martinas punkten.

Weitere fĂŒnf Jahre spĂ€ter tendieren meine Fortschritte bei Frauen immer noch ziemlich gegen Null. Trotzdem hat sich Einiges bewegt: NĂ€mlich meine ZĂ€hne, die konspirativ wieder in die ursprĂŒnglichen Positionen zurĂŒckgekehrt sind. In einem pubertĂ€tsbedingt zugegebenermaßen recht konstruierten Kausalzusammenhang werfe ich meinen Eltern vor, mich vorsĂ€tzlich gequĂ€lt zu haben und drohe damit, das Jugendamt einzuschalten. Mein Vater bringt seine GefĂŒhle mit dem Satz „Junge, du bist ja nicht ganz dicht!“ zum Ausdruck, meine Mutter heult.

Ich heule auch. Ziemlich oft sogar in den folgenden Wochen. Warum genau, weiß ich nicht. Außerdem quĂ€len mich permanente Magenschmerzen. Und langsam beschleicht mich die BefĂŒrchtung, mein Vater könnte mit seiner Vermutung bezĂŒglich meines Geisteszustands nicht ganz Unrecht haben.

Selbst mein Freund Uli weiß nicht konkret weiter. Er hat sein P.M.-Abo inzwischen gekĂŒndigt, dafĂŒr legt er - zum Zeitvertreib, wie er sagt - die BrĂ€ute jetzt reihenweise flach.
Unser Hausarzt hat Rat, den ich nicht hören möchte: „Das ist psychosomatisch, Junge, da kann ich nix machen, aber ich schreibe dir hier mal die Adresse von einem hervorragenden Analytiker auf!“

Ich tausche den Zahnarztstuhl gegen eine klischeemĂ€ĂŸige Liege in einer pastellfarbenen Praxis und fange wieder an zu wĂŒrgen. Diesmal allerdings Worte, erst einzelne, dann ganze SĂ€tze, die Herr Dr.O. hinterfragt oder im Raum stehen lĂ€sst.
Und plötzlich wĂŒnsche ich mir, mein Ex-Doktor mit dem Geschlechtsteilnamen kĂ€me, wĂŒrde mir seine Abdruckform gegen den Bauch drĂŒcken, fest werden lassen und diese ganze Psychosomatik wĂŒrde sich darin manifestieren, damit ich sie ausklopfen und wegschmeißen kann.
Aber so einfach ist das nicht.

Nach acht Sitzungen diagnostiziert mir Dr.Johannes O.: „Sie haben nicht genug Biss, junger Mann, und machen Sie sich nicht immer so klein.“
Aber daran, meint er, der ĂŒbrigens eine riesige Nase hat, kann man arbeiten. Und dass das weitaus weniger schlimm wĂ€re als ein vereiterter Weisheitszahn. So seine Theorie.
Von der Theorie gehe ich zur Praxis ĂŒber, versuche gleichzeitig, originell zu sein, meiner Umwelt die ZĂ€hne zu zeigen und niemanden meinen Schmelzpanzer durchbohren zu lassen. Besser fĂŒhle ich mich nicht dadurch. In Ulis Fahrwasser gelingen mir zwar sogar ein paar Bissattacken. Was sie hinterlassen, schmeckt allerdings fad.

Wenn es so etwas wie einen Drehbuchschreiber oder Ghostwriter hinter meinen Dental Diaries geben sollte, schickt er mir plötzlich genau zum richtigen Zeitpunkt Erlösung, die mich an die Hand nimmt, mir auf den Zahn fĂŒhlt, sich beißen lĂ€sst, aber auch zurĂŒckschnappt.
Langsam fallen tatsÀchlich einige fest gewordene Dinge aus der Abdruckform. Und ich merke, wie ich wachse. Etwa zeitgleich wechsele ich - unbewusst oder nicht - die Zahnpasta. Die neue schmeckt nach Minze.

Mittlerweile habe ich meinen Eltern verziehen. Die von ihnen erhoffte Verwandlung vom hĂ€sslichen Entlein zum schönen Schwan ist zwar ausgeblieben und auch sonst habe ich irgendwie mehr von Donald Duck als von Gustav Gans. Aber vielleicht besteht die eigentliche Verwandlung mehr darin, dass ich gelernt habe, dass Menschen mich so mögen wie ich eben bin. Und dass ich mit vielen Dingen umgehen kann. So auch mit meinen schiefen ZĂ€hnen. Im Gegensatz zum verbitterten Meinhard, der wegen seiner Beißruinen keine Jagdpilotausbildung machen konnte.
NatĂŒrlich wird es immer Leute wie Uli geben, denen alles so einfach in den Schoß fĂ€llt. Und auch wenn - oder besser gesagt: gerade weil - er mein Freund ist, frage ich mich manchmal, ob er wirklich zufrieden damit ist.

Ihr wollt jetzt sicherlich hören, ob ich einen Rat fĂŒr Euch habe, eine “Moral von der Geschicht“ oder so was.
Aber, hey, ich bin doch einfach nur Žn Kerl, der nach einer durchzechten Nacht morgens mit Muskelkater in der Unterlippe aufwacht, weil sein oberer Schneidezahn im Schlaf daran hÀngen geblieben ist.
Was kann ich schon groß wissen?

Letzte Aktualisierung: 24.10.2010 - 09.15 Uhr
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