'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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Verwandlung | Oktober 2010
Geträumt
von Irmgard Anderfuhr

Rhythmisch gleiten ihre Finger über die Tastatur. Ihre Gedanken formen sich zu Sätzen und erscheinen so schnell auf dem Bildschirm, als würden sie gesprochen. Ihre Augen sind gebannt auf das leuchtende Rechteck ausgerichtet, und sie lacht auf. Ihr Chatpartner hat umgehend geantwortet und Witz bewiesen. Sie spricht mit ihm, auch wenn er sie nicht hören kann. Wieder fliegen die Finger. Sie muss die Tasten nicht suchen, nicht sehen, noch nicht einmal denken. Die Bewegungen laufen bei ihr so automatisch und selbstverständlich ab wie andere die Kaffeemaschine einschalten.

Die typischen Chatausdrücke verkneift sie sich. Ihren Chatpartner kennt sie schon einige Wochen und er scheint ihre Art und Weise sehr zu schätzen. Immer wieder fragt er nach ihrem richtigen Namen, möchte mit ihr telefonieren, ihre Stimme hören oder wenigstens ihre Emailadresse. Doch sie bleibt beharrlich reserviert, schickt ihm stattdessen den Link zu einer Lyrikwebseite: http://pinkyfisch-lyrik.anderfuhr.de Es kitzelt ihre Lust und steigert ihre Phantasie, einem Unbekannten nahezukommen. So nahe – richtig nahe. Er kennt sie inzwischen gut. Auf eine intime Weise besser als ihre einzige und beste Freundin. Virtuell hat sie mit David Champagner getrunken und real die Nächte verbracht. Letzteres allerdings vom Bildschirm aus. Von wo sie unbefangen im Schutz der Anonymität die frische Spontaneität ihrer Seele zeigt. „Geträumt“ ist ihr Nickname, und das ist auch ihr Leitfaden für den Chat. Sie träumt sich mit David in ihre Phantasiewelt und beide haben unglaublich viel Spaß dabei. Es ist schon früh am Morgen. Die Zeit ist nicht mehr existent, und dass in wenigen Stunden das Büro ihre volle Aufmerksamkeit fordert, ist jetzt nicht wichtig. Wieder lacht sie.
„Na warte, wirst schon sehen, was daraus wird!“ Sie schiebt sich salzige Paprikachips in den Mund und fragt provokant nach seinen Maßen.

Gegen sechs Uhr spürt sie die Müdigkeit und tippt endlich:
„Tschüss, ich muss jetzt geh'n.“
David antwortet auf das Ritual mit dem stets wiederkehrenden
„Wieder seh ich meine Chance durch die Lappen geh'n ...“
„Ich hab geträumt mit dir“, schreibt sie noch und schließt schweren Herzens die Seite.

Wenig später nimmt sie im Büro Anrufe entgegen, sprüht von Witz und guter Laune, trotz Müdigkeit. Die Kollegen ziehen sie seit Tagen auf – wollen den neuen Begleiter mal sehen, der sie so auf Wolke sieben katapultiert hat. Sie wiegelt ab und beteuert, dass es keinen Mann in ihrem Leben gibt. Wenn sie Tabellen tippt und Briefe schreibt, summt sie ohne Pause die Melodie von „Ich hab geträumt von dir“. Die Kollegen winken lachend ab und zeigen volles Verständnis, dass Frau Meier den Feierabend herbei sehnt. Nur Matthias, der sich mit Eva einige Male außerhalb des Büros privat getroffen hat, beobachtet sie still. Sie scheint wenig Schlaf gehabt zu haben und ist, ohne Frage ... glücklich. Klar, nun hat sie für ihn keine Zeit mehr. Auch die gemeinsame Mittagspause fällt immer öfter aus, weil sie ihre Sachen schnell fertig machen will, um pünktlich in den Feierabend gehen zu können. Matthias schluckt. Nett ist sie zu ihm, doch nett reicht ihm nicht. Er hatte mehr erhofft. Eva verliebt – und nicht ihn ihn. Auch der Chef schien geheimnisvoll verändert, bevor er für einige Urlaubstage nach Spiekeroog startete. Die ganze Welt verliebt, nur er nicht. Stattdessen herbstliche Tristesse. Obwohl: Matthias liebt es,die herbstlichen Momente; wenn er sich gegen den Wind stemmen muss, das bunte Laub aufweht und Eicheln unter seinen Füßen knacken. Eva! Sie hat heute ihren bunten Blazer mit den Chrysanthemenmuster an. Wie gern würde er mit ihr durch den Park laufen. Als er ins Büro kommt, summt sie schon wieder dieses Lied. Er fängt an, es zu hassen, doch er hört sich fragen:
„Eva, von wem ist das noch? Ich will es mir mal runterladen.“
„Matthias Reim – Matthias. Kannst du dir doch merken!?” Sie schaut ihn nachsichtig an, schreibt eine Internetadresse auf http://getraeumt.anderfuhr.de Immerhin hat er erreicht, dass sie ihn wahrnimmt aber wie sie seinen Namen betonte, das macht ihn nur noch trauriger, und er geht an seinen Platz.

Pünktlich macht Eva Feierabend. Matthias hatte sich darauf eingerichtet und stürzt ebenfalls zur Tür, um mit ihr zusammenzutreffen. Doch sie ist nach einem schnellen Zuwinken verschwunden. Mist! Doch heute will er sich nicht unterkriegen lassen, will nicht allein sein und etwas unternehmen. In der Buchhandlung findet eine Lesung von Kurzgeschichten zum Thema „Verwandlung“ statt. Tschüss, Eva! Ein anderes Mal vielleicht.

Vor ihrer Bekanntschaft mit David hatte Eva gern lecker gekocht. In ihrer Lieblingsbuchhandlung hatte sie immer nach Rezeptraritäten gestöbert. Die lange Reihe mit Kochbüchern zeigt, dass es eine wirkliche Leidenschaft ist. Doch für heute hat Eva sich konfektioniertes Essen gekauft, um ohne großen Aufwand für den Chat bereit zu sein. Ob David schon online ist? Sie wirft ihre Jacke auf den Fußboden, schiebt die Pizza in den Backofen und nimmt ein paar Chips aus der Tüte als Starter. Trotz der fettigen Finger fährt sie den PC hoch und gibt die Passwörter ein. Sie versucht die Krümel von der Tastatur zu pusten, doch die haben sich zwischen die Tasten gesetzt und kleben fest. Sie streift die Schuhe ab und hockt sich auf das Sofa. „Geträumt“ ist online. Ein grüner Punkt verrät ihre Anwesenheit. David soll ruhig sehen, dass sie schon da ist. Doch bei ihm wird keine Aktivität angezeigt. Eva läuft in die Küche und schneidet die Pizza in grobe Teile, sodass sie den Imbiss ohne Besteck essen kann. Messer und Gabel halten sie nur auf. Wieder zurück zum PC. Noch immer nichts. Sie will den Teller in die Küche bringen, schaut noch einmal zurück und sieht das grüne Licht aufflackern. Schnell stellt sie den Teller zur Seite – es geht los, er ist da. Und den ganzen Abend, die Nacht, wird geschrieben und geflirtet. Um Mitternacht ist die Chipstüte leer und Eva hundemüde.
„Tschüss, ich muss jetzt geh'n."
„Wieder seh ich meine Chance durch die Lappen geh'n ...“
„Ich träume von dir“ schreibt sie noch und geht zu Bett.

Im Büro fällt ihr heute alles ein wenig schwer. Der Chef kommt und ruft sie gleich zu sich. Sie muss die Tür hinter sich zu machen, kein gutes Zeichen.
„Frau Meier, wo sind Sie mit ihren Gedanken! In letzter Zeit geht alles kreuz und quer.“
Und dann muss sie sich anhören, dass Briefe und Zeichnungen nicht richtig zugeordnet und Email-Anhänge vertauscht waren. Sie tritt die Flucht nach vorn an und argumentiert, dass die Vorgaben nicht eindeutig gewesen seien. Markus Liebig wundert sich sehr. So hat er sein Meierchen noch nie erlebt. Geradezu rechthaberisch verteidigt sie sich und sieht ihre Lässigkeiten nicht ein. Ratlos entlässt er sie aus dem Gespräch.

Eva denkt darüber nicht lange nach. Sie ist im Recht. Was hatte sie gerade in der letzten Zeit geackert. Vermutlich ärgert es ihn, dass sie stets pünktlich Feierabend macht. Auch heute bereitet sie alles für einen pünktlichen Abflug vor. Glockenschlag, Eva startet durch. Sie kauft heute nicht ein, die Reste werden schon reichen. Husch husch, ihr lieben Leute, ich will nach Hause! Eva hatte den ganzen Tag darüber nachgedacht, ihre Identität gegenüber David preiszugeben. Was soll schon sein? Sie hat sich in David verliebt und er ist auch an ihr interessiert. Sofort den PC an. Schuhe aus, Jacke weg – einloggen, heute zur Überraschung ohne „grün“ anzuzeigen. Nur mal sehen, ob er schon da ist. Tatsächlich, so früh schon. Sie klickert im Chat ein bisschen herum und entdeckt David im Gespräch mit „Aida“.
„Schatz, komm – ich bin schon so früh da – früher als ....“ Eva stoppt auf. Was ist denn das für eine Unterhaltung mit „Aida“? Beide haben vergessen, die Öffentlichkeit auszuschalten und Eva kann nicht fassen, was sie dort liest. David führt mit dieser Aida den gleichen Dialog, wie sie ihn gestern miteinander hatten. Die Worte, die sie in ihr Herz geschlossen hatte, werden gerade für Aida aufgewärmt.

Evas Hände legen sich schwer auf die Tastatur. ERROR. Erschrocken steht sie auf. Schuft. Verräter. Mistkerl. Stinksauer läuft sie wie ein Tiger im Käfig auf und ab. Sie donnert den Laptop zu. Soll er doch ... Oder besser noch: Ich stelle ihn zur Rede. Als sie den Deckel öffnet, ist der Bildschirm schwarz. So sehr sie sich bemüht, sie bekommt kein Bild mehr zu sehen. Sie weint und flucht, ist wütend und enttäuscht.

In ihrem Leid gefällt sie sich. Fieberhaft sucht sie alle Kerzen zusammen. Stimmung! Sie schenkt Champagner ein und prostet sich zu, während sie eine Kerze nach der anderen anzündet.
„Prost David! - Danke, Herr Liebig, mir geht´s gut!“
Ich bin das Alleinsein gewöhnt! Brauche euch alle nicht. Eva schwankt zum Regal und startet den CD-Player. „Ich hab geträumt von dir“, erklingt es. „Die ganze Nacht“, singt Eva mit. Sie weint und lacht zugleich. Rhythmisch gleiten ihre Finger über die Tischkante. Wie dumm und allein muss man eigentlich sein, um so hereinzufallen?

Noch ein tiefer Seufzer. Ist nicht heute die Lesung in der Buchhandlung? „Verwandlung“ Super Thema! Sie pustet alle Kerzen aus und richtet ihr Haar. Okay, sie hat einen Schwipps, doch sie ist durchaus in der Lage, unter Menschen zu gehen. So verlässt sie die Wohnung und kommt gerade rechtzeitig zum Beginn der Lesung. Vom anderen Ende des Raumes winkt ihr jemand heftig zu. Matthias.
„Ich war gestern schon mal da, hatte mich im Termin geirrt. Komm, ein Sitzplatz ist noch frei.“
Dicht sitzen sie zusammen und hören die Abhandlungen zum Thema. Stillstand ist der Tod, Veränderung ist Leben. Und wenn man mal in die falsche Richtung lebt, dann kann man es ja wieder wandeln. Reales Leben statt Träumereien. Glück gehabt, Veränderung ist immer möglich.

Letzte Aktualisierung: 10.10.2010 - 00.52 Uhr
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