Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Verwandlung | Oktober 2010
Immer das Gleiche
von Nicole Müller

Hier bin ich nun in aller Ewigkeit. Auf mein letztes Leben blicke ich ungern zurück. Ich war ein Mensch auf Erden, musste immer hart arbeiten und konnte mich als Workaholic frei entfalten. Vielleicht hätte ich auch nicht gerade Physiker werden sollen. Die wissenschaftlichen Studien hatten mich so sehr gefesselt, dass ich das Zwischenmenschliche nicht mehr begreifen konnte. So wussten Freunde und Familie mit mir und ich mit ihnen nichts anzufangen. Als wenn ich den Ursprung vom allem theoretisch hätte erklären können!
Eines Tages war es soweit; der Arzt erklärte, aufgrund meines Alters und meiner Krankheit bliebe mir nicht mehr viel Zeit zum Leben. Sein Rat: Ich sollte alles für mich Wichtige schnell erledigen.
Somit arbeitete ich in meinen letzten Tagen im Krankenbett an Formeln, welche ich in meinem Zustand selber kaum noch verstand. Jeden Tag hoffte ich, dass er mein letzter sein würde. Ich empfand es als unangenehm, wenn mir die Körperhygiene vollständig von einer jungen Krankenpflegerin abgenommen wurde.
Irgendwann sah ich über mir einen Schein, welcher sich in einen riesigen, grellen Tunnel verwandelte. Sofort war mir klar, dass ich meine schlaffen Glieder nie wieder waschen lassen brauchte! Menschenaugen hätten vermutlich von einem Lichtball gesprochen, aber ich wusste, dass ich in Form meiner Seele gerade dankbar meinen Körper verließ. Ein warmer Windhauch trug mich sanft davon, so erfüllten wissenschaftlich nicht messbare Energien ihren Zweck.
Jetzt sitze ich hier. Na gut, sitzen ist körperlos leicht gesagt. Ich schwebe und dümpele im endlosen Blau vor mich hin. Die Erdlinge nennen es Jenseits und würden mich sicher, könnten sie mich entdecken, als einen leuchtend weiß-gelben Stern erkennen.
Nichts ist um mich herum. Es ist ähnlich wie in meinem Leben als Mensch: Öde und sinnlos.
Ich frage mich, wer das entstehen lassen hat. Weder Engel sind sichtbar, noch sehe ich einen Gott. Nie habe ich hier jemanden angetroffen. Mir wurden zu Beginn meiner Existenz Grundregeln übermittelt, vergleichbar mit Daten auf einer Festplatte. Daher weiß ich, dass ich hier bin, um über mich nachzudenken, mich weiterzuentwickeln. Doch niemand hat mir die Anleitungen dafür zukommen lassen. Alles was entsteht, soll sich aus mir selbst entwickeln. Tolle Idee! Wie soll ich das umsetzen, wenn ich nichts bekomme, woran ich wachsen könnte? Aus Nichts wird Nichts, immerhin das habe ich durch meine Leben auf der Erde gelernt.
Soll ich dem hier ein Ende setzen? Zurück, um nochmal wiedergeboren werden? Die Entscheidung liegt ganz bei mir. Den Prozess habe ich schon mehrmals hinter mir. Befriedigt hat es mich nie, aber es ist besser als diese Leere hier. Diesmal möchte ich meine Wahl besser treffen. Als Ameise und auch als Biene lebte ich zwischen Gleichgesinnten und war überwiegend mit meinen Aufgaben beschäftigt. Doch auf diese einsame Arbeit in nebenherlaufender Gesellschaft habe ich keine Lust mehr. Das Leben einer Eintagsfliege ist mir zu kurz und sinnlos gewesen. Es wurde zudem durch eine Fliegenklatsche dummerweise um wenige Stunden verkürzt, als ich an einer würzig riechenden Fleischwurst naschte.
Das Leben als Grashalm dagegen war zwar nützlich, dennoch trampelten Mensch und Tier auf mir herum und die anderen Grashalme boten auch keine Unterhaltung.
Sehr gequält fühlte ich mich als Möhre: Ständig im Dunkeln und damit beschäftigt am Ende perfekt auszusehen, riss mich ein Kaninchen ruckartig aus der Erde und verzehrte mich mit seinen harten Beißern gründlich kauend in Nullkommanix. So saß ich nach wenigen Wochen wieder hier.
Diesmal möchte ich es schlauer anstellen. Ich würde gerne ein einfaches Leben mit viel Gesellschaft führen und trotzdem nützlich sein, außerdem etwas Großes leisten dürfen. Ich möchte nicht darauf Acht geben müssen, ob ich mir Knochen brechen könnte oder mich jemand jagen, schlachten oder gar fressen will. Naturnähe wäre zudem optimal. Mal ein friedliches Leben ohne Hektik, Armut und intensiver Arbeit möchte ich führen, ohne große Reden, Konflikte oder sinnlose Missverständnisse.
Ob das möglich ist? Mir ist bewusst, dass ich bei jeder Reinkarnation mein bisheriges Wissen vergessen werde. Dies ist ein universelles Gesetzt, damit ich unvoreingenommen meine Erfahrungen machen kann. Ich wage hoffnungsvoll einen neuen Versuch und sende gedanklich meine Wunschbestellung mit aller Kraft.

So geschieht es: Ein Stern explodiert und hinterlässt eine Lücke im endlosen Universum. Nicht auf ewig. Eine Reise zum blauen Planeten beginnt. Das Vergessen stellt alles auf den Neubeginn ein.
Die Mutter nimmt dieses Wesen in ihren warmen Körper liebevoll und zärtlich auf, schützt umhüllend das kleine Wunder.


Die ersten Stunden

Es ist dunkel und nass um mich herum. Es mangelt mir an Zeitgefühl, ich kann nichts sehen und hören. Wo bin ich? Warum bin ich hier? Zwischendurch spüre ich Erschütterungen, welche mich große Dinge draußen vermuten lassen. Ich bekomme Nahrung durch Schlauchähnliches. Sehen kann ich in dieser vollkommenen Dunkelheit nichts. Manchmal nehme ich Stimmen wahr, welche mir unrealistisch erscheinen. Sie sind verzerrt und unverständlich. Mit allen mir zur Verfügung stehenden Sinnen warte ich beobachtend ab und wachse.

Einige Tage später

Von mir unkontrolliert nehme ich Form an, werde stets größer.
Es ist soweit, ich spüre es. Eine bedrohliche Enge hat sich eingestellt. Gespannt darauf, was mich draußen erwartet, drücke ich mich mit aller Kraft durch die äußere, harte Wand. Es wird glitschig und kalt. Ängstlich suche ich den Weg zurück in mein gewohntes Zuhause, doch er ist versperrt. Somit strecke ich mit voller Kraft meine Glieder in alle mir möglichen Richtungen.
Geschafft; ich erblicke das Licht dieser wundervollen Welt! Jetzt kann ich die flammende Sonne und den beschwingenden Wind spüren. Mitten in Gesellschaft und in der Natur befinde ich mich. Herrlich!
Meine Mutter ist stets bei mir, gibt mir Halt und lässt mir Nahrung zukommen.
Ich fühle mich pudelwohl! Kinder spielen häufig bei uns und kommen um MICH zu bestaunen. Ich weiß, ich bin etwas ganz Besonderes. Ich muss noch wachsen, aber dann spielen die Kinder sicher auch mit mir! Jetzt sind sie noch sehr vorsichtig. Sie sagen, ich sei zerbrechlich. Das wird sich ändern und ich kann an ihrer Wirklichkeit teilhaben. Ist das Leben schön!

Jahre später

Mich juckt es überall und ich kann mich nicht kratzen! Überall scheint es an mir zu krabbeln. Kinder zerren an mir herum und ich kann sie nicht wegschubsen! Mäuse nagen an mir und ich kann nicht wegrennen! Eichhörnchen hüpfen auf mir herum und ich kann sie nicht abschütteln. Vögel bauen kleine Nester in mir, während sich deren Kot auf meinen Zweigen verewigt. Am Schlimmsten sind die Ameisen, für die es eine Selbstverständlichkeit ist, mich zu ihrem Ausflugsziel zu machen. Das kitzelt und stört.
Jetzt stehe ich hier, hilflos ausgeliefert, in unerwünschter Gesellschaft. Meine Meinung interessiert niemanden.
Um meine Lebenserwartung von mindestens einhundertundfünfzig Jahren mitten in der Natur beneiden mich die Menschen. Sie meinen, ich sei nützlich. Ich gäbe Sauerstoff, den Tieren ein Zuhause, spende im Sommer Schatten, und dürfte man mich fällen, wäre ich perfektes Brennholz.
Mein Name ist Ahorn, genau genommen Spitzahorn. Im Winter bin ich nackt, im heißen Sommer bin ich voll bekleidet. Der nächste Baum steht einhundert Meter neben mir. Eine Unterhaltung mit ihm ist der Entfernung wegen nicht möglich. Die Menschen und Tiere scheinen meine Sprache nicht zu verstehen.
Bin ich froh, wenn das ein Ende hat. Bitte macht Brennholz aus mir!
Immer das Gleiche, Jahr für Jahr: Die öde Aussicht, die nervenden Tiere, das Klettern dieser rücksichtslosen Kinder und nicht zu vergessen; das Wetter, welches ein stark begrenztes Repertoire bietet.
Durch das Belauschen eines älteren Ehepaares erfuhr ich von einer angeblichen Wiedergeburt.
Falls es so etwas wirklich gibt, werde ich ganz sicher nie wieder ein Baum werden! Ich möchte mich bewegen und verständlich mitteilen können. Ich möchte Herr über meinen Körper sein. Die Menschen haben es gut, sie sind perfekt ausgestattete Wesen. Wie ich sie beneide! Hoffentlich darf ich bei einer Wiedergeburt mitentscheiden. Das hier habe ich mir ganz sicher nie ausgesucht!


© Nicole Müller 2010

Letzte Aktualisierung: 07.10.2010 - 22.45 Uhr
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