Ganz schön bissig ...
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Düstere Zeiten | November 2010
Die Nebel des Ungrauens
von Sylvia Seelert

Nebelschwaden zogen vom Meer her auf. Eine graue, dichte Bank, die jegliches Licht verschluckte. Langsam rollte sie auf den Küstenstreifen zu, kroch über die Dünen und streckte ihre Hände nach den Wegen, Feldern und dem Dorf dahinter aus.
Die Straße, an der sich alte Fischerhütten duckten, lag still und leer. Eine Glocke hallte in der Ferne. Dunkel, mahnend. Aus den grauen Wirbeln des Nebels schälten sich Umrisse. Schwarze Silhouetten mit Enterhaken bewaffnet. Schritte scharrten über den Asphalt.
„Huhuuu“, krächzte ein Käuzchen und flog von dem Ast auf, als der Nebel danach griff.
„Fuhuuu“, tönte es wieder. Ein kehliges Krächzen, dessen Silben sich allmählich zu einem Wort formten.
„Fluch!“
Es war ein langes, schauriges Seufzen, das dem Wort folgte. Ein Murmeln lag in der Luft, vielstimmiges Zischen und Schnauben.
„Gesunken …“
„An den Klippen …“
„Kein Licht in der Nacht …“
„Schuld …“
„Sühne …“
„Euer Fluch …“
Wortfetzen nur trug der Wind zu dem Dorf, die sich an den Fenstern als Raureif niederschlugen.
Zwei schmale Gestalten, die Kapuzen der Sweatshirts tief ins Gesicht gezogen, saßen vor der Dorfpommesbude und schenkten dem unheimlichen Treiben keinen Blick. Vielmehr waren sie, die Rücken zu Halbmonden gekrümmt, mit ihren Mobiltelefonen beschäftigt.
Aus dem Nebel lösten sich zwei der Silhouetten und schlichen auf die Jugendlichen zu.
„Buh“, sprach der Erste von ihnen mit einer Stimme, die klang, als ob Fingernägel über Schiefer kratzten.
Die Beiden auf der Bank zeigten keine Reaktion.
„Buh? Das war doch jetzt nicht dein Ernst, Alfred?“, rief die zweite schattengleiche Gestalt.
„Was hast du denn jetzt schon wieder zu meckern, Friedrich? An diesem Buh habe ich hundert Jahre gearbeitet! Beachte nur die Stimmlage dabei!“
„Buh ist sowas von out. Du siehst doch, das erschreckt keine Sau mehr!“
Friedrich rasselte demonstrativ in Richtung der Kids, die mit eingestöpselten Kopfhörern an ihren Handys hingen und nicht aufblickten.
„Gleich aufschlitzen sage ich. Es muss Blut fließen!“
Friedrich schwang seinen Enterhaken zischend durch die Luft.
„Umpf“, murmelte Alfred, dessen Schattierung von schwarz zu dunkelgrün wechselte.
„Umpf?“
„Na, du weißt doch…“, druckste Alfred herum.
„Jetzt sag bloß, du kannst immer noch nicht?“, hakte Friedrich nach.
„Nee, ich werde einfach ohnmächtig, wenn ich Blut sehe.“
„Kreuzdonnerwetter, nach hundert Jahren muss das aber mal ein Ende haben!“
Friedrich schwang erneut seinen rostigen Haken, der durch die Luft sauste und mit einem lauten Klong gegen den Mülleimer donnerte. Einer der Jungen blickte auf und zog sich seinen Stöpsel aus dem Ohr.
„Sven, haste was gesagt?“
Er stupste seinen Kumpel an.
„Wassn los?“, murmelte Sven und schaute hoch.
„Bin gerade auf Level zehn. Die Zombies habe ich mit dem Flammenwerfer platt gemacht. Erst den Öltank aufgedreht und dann … krawumm … Das hat gefetzt.“
Genüsslich leckte sich Sven die Lippen.
„Die Leichenteile regneten glatt vom Himmel. Und wo biss du?“
„Och, Level zehn hab ich grad feddich. Steige jetzt in elf ein.“
„Mönsch, Björn, da bisse abba wie ein Tier durch!“
Sven nickte anerkennend.
„Hab halt in ein paar Extras investiert. Viren, die Fleisch und Knochen zersetzen. Ne Knarre mit Granatwerfern, Kettensäge mit Diamantzähnen und son Zeugs halt. Ansonsten kommste bei World of Harddeath nicht weit. Musst unbedingt auf den Schatten aufpassen, der nach den mahlenden Felsen kommt. Der hätte mir fast die Kehle zerfetzt. Hab ihm seinen Tarnmantel runtergerissen, ihn ausgeweidet und anschließend das Herz verbrannt. Mann, das war ne Schweinerei. Abba ansonsten steht der immer wieder auf. Hat mich echt ein paar Lebenspunkte gekostet.“
„Werd ich mir merken“, antwortete Sven dankbar.
„Abba Level elf soll echt geil sein“, schwärmte Björn. „Wenne durch biss mit Level zehn, lass uns vernetzen und gucken, ob wir nicht gemeinsam das sagenumwitterte Todeslevel schaffen.“
„Jo, da soll das Blut nur so in Strömen fließen.“
Sven schnalzte mit der Zunge und zeigte Björn sein Handy.
„Guck, hier kannste in Zeitlupe noch mal sehen, wie die Kettensäge das Hirn zerschrottet hat.“
„Blut“, kreischte Alfred, der einen Blick über Svens Schulter geworfen hatte. Er schwankte und fiel um.
„Ach nö … nicht jetzt“, grummelte Friedrich und rüttelte an seinem Geisterkameraden, bis er wieder stöhnend erwachte.
„Düster“, seufzte Alfred.
„Was ist düster?“
„Düstere Zeiten für Geister“, jammerte Alfred, „da bleibt kein Grauen mehr für uns …“

Letzte Aktualisierung: 27.11.2010 - 00.50 Uhr
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