Futter für die Bestie
Futter für die Bestie
Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Düstere Zeiten | November 2010
Die Vorweihnachtsdiät
von Gisela Reuter

9. November
Meine Hosen sind zu eng.
Mein wunderschöner schwarzer Rock auch.
Die Waage zeigt 75 Kilo. Ich beschließe, eine Diät zu machen und fünf Kilo abzunehmen. Jawohl, gleich morgen werde ich beginnen.

10. November
Geht heute nicht, weil Astrid Geburtstag feiert. Aber morgen. Ich schwöre.

11. November
Bevor ich mit der Diät beginne, drucke ich aus dem Internet eine Kalorientabelle aus und werde beinah ohnmächtig, als ich lese, wie viele Kalorien eine Tafel Schokolade hat.

12. November
Das Knäckebrot zum Frühstück ist ausgesprochen trocken und die drei Salatblätter zu Mittag wirken eher appetitanregend als sättigend. Die Scheibe Pumpernickel am Abend klebt an den Zähnen, aber ich bin tapfer.

13. November
Die Waage zeigt konstant 75 Kilo. Hoppla, da stimmt was nicht. Muss ich den Pumpernickel etwa auch noch halbieren? Heute ist bereits der zweite Diättag – lieber Gott, bitte lass mich geduldiger werden und ganz schnell abnehmen.

14. November
Heute werde ich vor dem Einschlafen meditieren. Astrid hat gesagt, das hilft. Aber wobei, bitteschön? Dient es der Fettverbrennung? Zwanzig Kilo weg mit Meditation? Das wär’s. Wenn’s klappt, lasse ich mir das patentieren. Ich sehe mich bereits mit stolzgeschwellter Brust und im taillierten Kostüm, Größe 36, auf dem Patentamt stehen.

15.November
Während einer dienstlichen Besprechung knurrt mein Magen so laut, dass mich alle Kollegen anstarren. In der Mittagspause kaufe ich einen riesigen Vorrat an Knäcke und bin weiterhin voller Zuversicht.

16. November
74 Kilo. Jawoll! Ich liebe meine Waage. Zur Abwechslung gönne ich mir eine Tomate und ein Ei statt Salat. Und abends ein Steak statt Pumpernickel. Die Torte zum Nachtisch rede ich mir kalorienarm.

17. November
74,5 Kilo. Also doch wieder Knäcke und Pumpernickel.

18. November
Ich hasse Kalorien.

19. November
74,5 Kilo. Meine Laune ist auf dem Nullpunkt. Mein Chef ist doof. Alles ist doof. Ich habe Hunger. Meine Waage wird kaputt sein. Sie zeigt beharrlich dasselbe Gewicht an.

20. November
Mein Mann sagt, er mag dicke Frauen. Wahrscheinlich will er nur, dass ich wieder koche.

21. November
Ein Hoffnungsschimmer. 73,5 Kilo. Ich habe in der Stadt ein schwarzes eng anliegendes Kleid gesehen. Größe 38. Werd’ ich mir vermutlich kaufen und bei der diesjährigen Betriebs-Nikolausfeier tragen.

22. November
Wenn ich den Bauch einziehe und die Luft anhalte, kriege ich meine Hosen eigentlich ganz bequem zu. Na also. Geht doch.

23. November
73 Kilo. Meine BHs sind seit heute Morgen zu groß. Und das Kleid in Größe 38 ist weg. Gestern verkauft. Wahrscheinlich hängt es nun bei irgendeiner hageren Tussi rum, der es sowieso nicht steht, weil sie viel zu dürr ist. Ich weiß noch nicht genau, ob ich traurig oder wütend sein soll.

24. November
Ich hasse Knäcke und bei Pumpernickel muss ich würgen. Und der Salat schmeckt auch scheiße. Mein Mann riecht nach Frittenbude. Ich überlege, ob ich vorübergehend zu meiner Mutter ziehe.

25. November
Astrid sagt, ich sei schmal geworden im Gesicht. Verflucht, wieso werde ich nicht schmal am Hintern? Mein Mann riecht nach Gyros und hat den Stecker vom Kühlschrank rausgezogen, – „weil sowieso nichts mehr drin ist“.

26. November
72,5 Kilo. Aha! Aber mein Busen ist nochmal kleiner geworden. Der Fettabbau in der Hüftgegend gestaltet sich dagegen sehr hartnäckig. Das ist gemein.

27. November
Der Hunger macht mich fertig. Nachts träume ich von Spanferkeln und Schweinshaxe. Mein Mann redet nicht mehr mit mir, weil ich angeblich unerträglich bin.

28. November
Während Tim Mälzers Kochsendung erleide ich einen Nervenzusammenbruch. Mein Gatte führt anschließend ein längeres Telefonat. Vermutlich mit dem Scheidungsanwalt, weil ich das Stromkabel vom Fernseher durchgeschnitten habe.

29. November
Meine Mutter meint, ich solle dringend Vitamine und andere gesunde Sachen zu mir nehmen, denn ich sähe aus wie eine Leiche. Ja, Mama. Ich lasse mich von ihr zum Frühstück einladen und habe die Wahl zwischen drei Vierkornbrötchen und vier Dreikornbrötchen.

30. November
Mein Chef hat mir empfohlen, ein Woche Urlaub zu nehmen. Bestimmt deshalb, weil ich den Koch unserer Kantine als Dilettant beschimpft habe, da er unfähig ist, Gerichte mit weniger als zweihundert Kalorien zu kochen.

1. Dezember
Dr. S. aus M. schreibt in einer Frauenzeitschrift, dass manche Frauen um die fünfzig eine birnenförmige Figur bekommen. Frechheit! Ich werde Dr. S. verklagen. Den Redakteur der Zeitschrift auch. Und meinen Chef am besten gleich mit. Dieser Ignorant kam heute Morgen mit dem alljährlichen Schokoladen-Adventskalender fürs Büro an. Ich lasse mich nicht provozieren und habe die Türchen fest mit Tesafilm verklebt.

2. Dezember
72 Kilo. Wieviele Kalorien mag so ein klitzekleines Schokolädchen aus dem Kalender haben? Immerhin ist Adventszeit. In allen Geschäften liegen die Marzipankartoffeln säckeweise rum und die Schoko-Nikoläuse grinsen mich aus den Regalen herausfordernd an.
Nein, ich bleibe standhaft. Um meinen Magen zu füllen, trinke ich zwei Liter Mineralwasser zur halben Scheibe Pumpernickel am Abend und bin sehr stolz auf mich. Noch zwei Kilo, dann habe ich es geschafft.

3. Dezember
Irgendwie geht es mir heute psychisch besser und auf die Waage wollte ich vor morgen sowieso nicht. Ich hätte es zudem als äußerst unhöflich empfunden, den Adventskalender in die Schreibtischschublade zu verbannen. Das Tesa an Tor drei klebt eh nicht so gut. Die doppelte Portion Fritten meditiere ich vor dem Schlafengehen als nicht gegessen weg.

4. Dezember
72,5 Kilo. Heiliges Kanonenrohr! Das sind fünfhundert Gramm mehr als gestern. Ich schiebe die Waage auf den Badezimmerfliesen hin und her. Ob es daran liegt, dass sie schief steht? Ich wandere samt Waage in den Flur und ins Schlafzimmer. Unerbittlich zeigt sie dasselbe Gewicht. Zur Strafe wird sie unters Bett verbannt. Mit dem Schrubberstiel. Ganz nach hinten an die Wand. Ich will sie nie mehr sehen.

5. Dezember
Die Kalorientabelle liegt neben meiner Tastatur und ich habe das Gefühl, als würde sie mich hämisch angrinsen. Ich werde heute auf Mittag- und Abendessen verzichten. Jawohl. Und wenn ich vor Hunger umkomme.

6. Dezember
„Du – ja, du, komm einmal her zu mir“.
Der Weihnachtsmann zeigt auf mich. Es ist, wie auch schon in den Vorjahren, der behäbige Dr. Schulze-Rottleb aus unserer Pressestelle. Genervt erhebe ich mich und meine Abteilung applaudiert.
„Ich habe gehört, du machst eine Diät? Hohoho!“
Bei der nächsten Gelegenheit werde ich meinen Chef vergiften. Wenn ich diäte, fällt das unter Datenschutz. Ich drehe mich um und werfe ihm einen drohenden Blick zu. Die Kollegen grinsen.
Mein Magen knurrt.
„Na, mein Kind, wieviel hast du denn schon abgenommen?“ flötet Nikolaus alias Schulze-Rottleb.
Das geht dich gar nichts an, du Idiot. Ich zucke die Schultern und schweige.
„Hoho – “
Hör’ auf mit deinem blöden Hoho und rück’ endlich die Süßigkeiten raus. Ich halte es vor Hunger kaum noch aus und schiele lüstern auf den Jutesack, zu dem er sich gerade bückt.
„Hoho – “, Er verschwindet fast gänzlich darin und fängt umständlich an zu kramen.
Beeile dich, sonst wickele ich dir deinen dämlichen Nikolausbart um den Hals.
„Hohoho.“ Er taucht mit hochrotem Kopf wieder auf und zückt eine Rute. Ich habe ihn schon immer gehasst.
„Hier, mein Kind.“
Widerwillig ergreife ich sie und finde mich bereits mit dem sicheren Tod durch Verhungern ab, als er sich erneut bückt. Schweineschnitzel, fährt es mir durch den Kopf. Sicher wird er ein Schweineschnitzel hervorzaubern, hübsch garniert mit einer Zitrone. Oder ein Matjesbrötchen. Mir ist alles recht.
Er reicht mir einen Brief. Vermutlich ist es meine Kündigung.
„Vorlesen“, brüllt die Belegschaft.

Mit letzter Kraft öffne ich den Brief und lese laut:

„Weißt du, was Kalorien sind?
Kalorien sind kleine Tierchen, die sich nachts in deinen Kleiderschrank schleichen und die Klamotten enger nähen.
Mach’ heute eine Diät-Pause und lass dich nach der Feier von uns zum Essen einladen.
Deine Kollegen“


Schulze-Rottleb, ich liebe dich!

Während donnernder Applaus einsetzt, öffnet sich die Türe und die feine Schulze-Rottleb-Gemahlin schreitet herein. Indem ich mich noch hämisch frage, ob sie unter chronischer Langeweile leidet oder lediglich ihren Gatten im Nikolauskostüm bestaunen will, streift sie den Mantel ab und mir stockt augenblicklich der Atem. Selbst mein Magen hört vor Schreck auf zu knurren.
Sie trägt ein schwarzes Kleid.
Mein Kleid.
Größe 38.


© 2010, Gisela Reuter

Letzte Aktualisierung: 16.11.2010 - 11.14 Uhr
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