Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Freude | Dezember 2010
Vom Geben und Nehmen
von Ingeborg Restat

Zwei Tage vor Weihnachten war Mona der Tag im Geschäft lang geworden. In letzter Zeit fiel ihr jede zusätzliche Belastung immer schwerer, denn die Jüngste war sie mit ihren bald fünfzig Jahren nicht mehr. Dabei hatte sie Glück, in diesen Tagen musste sie nicht wie die andern in dem Bekleidungsladen die Kunden noch bis in den späten Abend hinein bedienen. Ach wäre doch der Heiligabend samt den Feiertagen schon vorüber, wünschte sie, während sie müde in der U-Bahn saß und heimwärts fuhr. Wie alle Jahre würde sie wieder am Heiligabend zum Kaffee ins Altersheim gehen. Dort hatte sie bisher jedes Jahr Tante Lotti und Tante Tinchen, die beiden Schwestern ihrer verstorbenen Mutter, besucht. Andere Verwandte hatte sie nicht mehr in dieser Stadt. Doch nachdem nun die stets vergnügte Tinchen gestorben war und es dort nur noch die oft missgelaunte Lotti gab, verspürte sie wenig Lust zu diesem Besuch. Steif würde die wieder dasitzen, sie aus ihren grauen Augen mustern und fragen, warum sie noch immer nicht erneut geheiratet hätte, so, als läge darin allein die Glückseligkeit. Dass dies nicht so war, hatte Mona bereits in jungen Jahren erfahren müssen. Sie strebte nicht mehr danach und fand es lästig, darum gefragt zu werden.
In Gedanken seufzte sie leise. Ein Fahrgast blickte neugierig zu ihr herüber. Schnell stand sie auf und ging zur Tür. Auf dem nächsten Bahnsteig musste sie aussteigen. Dann die Treppe hoch, noch ein paar Straßen entlang, an einem Park vorbei und sie war zu Hause.
Es herrschte viel Betrieb auf den Wegen vor den Einkaufsläden. Zwei Tage vor Weihnachten hasteten die Menschen noch von Geschäft zu Geschäft, um die letzten Geschenke einzukaufen. Auch Mona könnte jetzt leicht vieles kaufen. Zwanzigtausend Euro hatte ihr Tante Tinchen vererbt. Zuerst wollte sie darüber jubeln, trotz der Trauer, die sie um ihre Lieblingstante empfand. Aber dann wurde ihr bewusst, nur weil ein Mensch gestorben war, hatte sie dieses Geld bekommen können. Durfte man sich darüber überhaupt freuen? Wenn es sie jetzt doch einmal überkam und sie sich ausmalte, was sie sich nun alles kaufen könnte, so tat sie das fast mit schlechtem Gewissen.
Längst waren die Laternen angegangen. Der Händler mit den Weihnachtsbäumen hatte seinen Platz ausgeleuchtet. Die Menschen kamen und gingen. Ein Tannenbaum nach dem andern wurde kritisch betrachtet, aufgerichtet, geschüttelt und gedreht, ehe ihn einer kaufte und nach Hause trug. Mona ging daran vorüber, sie brauchte keinen Baum. Wozu? Nicht einmal Schnee, was sie vielleicht in Weihnachtsstimmung hätte bringen können, würde es geben. Egal, auch so werden die Tage vergehen, dachte sie, als sie den Park erreichte.
Doch was geschah dort, im Dämmerlicht der Laternen von der Straße her? Wer machte sich da an einem der erst vor Kurzem gesetzten kleinen Tannenbäume zu schaffen? Wenn sie es richtig sah, so zerrten zwei Gestalten gewaltsam daran, als bemühten sie sich, ihn aus der Erde zu ziehen. Wollte sich da jemand einen Weihnachtsbaum klauen? Aber das waren ja noch Kinder, zwei Jungs, erkannte sie. Was sollte dieser Unfug? Entschlossen ging Mona darauf zu.
„Was macht ihr da?“, rief sie, als sie nah genug herangekommen war.
Die Jungen schraken zusammen. Der Größere von ihnen rannte weg, den Kleineren bekam Mona zu fassen. Er zappelte und wehrte sich, aber Mona hielt ihn fest. Daraufhin kehrte auch der große Junge zurück.
„Könnt ihr mir das mal erklären, was ihr hier tut?“, fragte sie.
Der Kleine sah scheu zu ihr hoch. Sie hielt ihn noch immer an seiner Jacke gepackt, die viel zu groß für ihn war. Wahrscheinlich hatte die einmal seinem großen Bruder gehört. Der dagegen stand vor ihr mit einem Anorak, dem er längst entwachsen war. Jetzt wusste sie auch, woher sie die Jungen kannte. Oft genug hatte sie gesehen, wie die beiden mit ihrer Mutter Zeitungen und Reklame austrugen. Viel Geld musste es bei ihnen zu Hause nicht geben, dachte sie, ließ den Kleinen los und drängte: „Nun redet schon!“
„Wir wollten nichts stehlen“, versicherte der Kleine ängstlich.
„Ja, was wolltet ihr dann? Von der Tanne Zweige abreißen?“
„Nein, wir wollten uns den Baum nur ausleihen.“ Verlegen zog der Große an den Ärmeln seiner Jacke. Vergebens, sie waren zu kurz und rutschten immer wieder hoch.
„Ihr wolltet was?“
„Ich … ich wollte doch bloß … nur einmal … aber Mama sagt … und Jörg meint …“, stotterte der Kleine weinerlich.
„Immer gibt es bei uns nur ein paar übrig gebliebene Tannenzweige vom Händler, die er uns schenkt, weil Mama keinen Baum kaufen kann“, unterbrach ihn der Große, der offenbar Jörg hieß.
„Aber deshalb könnt ihr nicht einfach einen aus dem Park holen - wenn ihr ihn denn überhaupt herausbekommen hättet.“
„Warum nicht? Ist doch nur für ein paar Tage. Lars wünscht ihn sich so sehr.“
„Er braucht auch nicht groß zu sein“, fügte der kleine Lars leise hinzu.
„Gleich nach Weihnachten bringen wir ihn wieder zurück. Bestimmt!“, versicherte Jörg.
Zwei Augenpaare blickten Mona dabei flehend an. Hofften die Jungen etwa, sie würde ihnen bei ihrem Plan helfen?
Energisch schüttelte sie ihren Kopf. „Nein, nein! Das ist doch eine verrückte Idee!“
„Das ist nicht verrückt! Andere Leute haben das auch schon getan“, behauptete Jörg.
„Opa hat uns das erzählt. Der weiß so etwas“, bekräftigte Lars. Er wollte wohl seinen Traum von einem Weihnachtsbaum nicht aufgeben.
Mona sah von einem zum andern. Es berührte sie, wie sie da vor ihr standen, ängstlich und hoffnungsvoll zugleich, als könne sie ihnen ihren Wunsch erfüllen.
„Jörg, Lars, was ist da los?“ Mit eiligen Schritten kam die Mutter dazu. „Haben sie Unfug angestellt?“, fragte sie misstrauisch und besorgt zugleich.
Schnell war alles erzählt. Dabei spürte Mona die Enttäuschung der Kinder mit jedem Wort mehr.
Am Ende schüttelte die Mutter ihren Kopf. „Wie kommt ihr nur darauf? Das war bestimmt nur eine Geschichte, die Opa euch erzählt hat.“ Sie entschuldigte sich für ihre Jungs, nahm den Kleinen an die Hand und wollte gehen.
„Warten Sie!“ Mona hielt sie zurück. Sie musste nicht nachdenken, was sie tun wollte. „Bitte, gestatten Sie mir, für Ihre Jungs einen Weihnachtsbaum zu kaufen“, bot sie an.
Jörg und Lars blieben wie angewurzelt stehen. Selbst in der Dämmerung sah Mona ihre Augen aufleuchten. Aber die Mutter lehnte ab. „Das ist wirklich sehr nett von Ihnen, doch ich kann das nicht annehmen. Wir kennen uns ja nicht einmal.“
„Aber Mama!“, rief Jörg, während Lars abrupt seine Mutter losließ und weinend murmelte: „Ich wollte doch nur … nur einmal …“
Schon griff die Mutter wieder nach seiner Hand, um ihn weiter mit sich zu ziehen, da machte Mona schnell einen Schritt auf sie zu. „Bitte, warten Sie! Ich wollte sie nicht beleidigen. Sie würden auch mir eine große Freude machen, wenn Sie es gestatten. Ich habe sonst keine Kinder, denen ich etwas schenken könnte.“
Die Mutter zögerte.
„Mama, bitte!“ Zwei Kinder hingen bettelnd an ihr.
„Also gut!“, gab sie nach.
Jubelnd hüpften die Jungen um sie herum, während sie zum Händler gingen. Plötzlich war für Mona die Weihnachtsstimmung da, auch ohne Schnee.
Eifrig sahen sich die beiden einen Baum nach dem andern prüfend an. „Nicht so einen großen, Kinder, das wird zu teuer“, mahnte die Mutter bereits. Aber Mona war es egal, sie ließ die Jungen sich ihren Weihnachtsbaum aussuchen. Jeden Preis hätte sie für diese Freude bezahlt. Die Worte flogen hin und her, sie lachten zusammen und Mona wurde mit der Mutter durch die beiden übermütigen Kinder immer vertrauter. Als endlich der richtige Baum gefunden war und von zwei glücklichen Jungen nach Hause getragen wurde, hatte die Mutter längst erfahren, dass Mona am Heiligabend, nach dem Besuch bei Tante Lotti, abends allein sein würde, und sie lud sie ein, dann zu ihnen zu kommen.
„Mama kauft auch keine Stolle, die bäckt sie selbst. Das ist etwas Besonderes“, erklärte Jörg wichtig.
Und Lars verriet: „Mit vielen Rosinen.“
„Ja, wenn ihr sie nicht vorher vernascht habt“, lachte die Mutter fröhlich. Auch ihr war es nun anzumerken, dass sie sich über den Baum für ihre Jungen freuen konnte.
Mona nahm sich vor, auf einem bunten Teller für die Kinder Tüten mit Rosinen nicht zu vergessen. Jedoch später, zu Hause, fielen ihr noch viel mehr Dinge ein, die sie für die beiden kaufen könnte. Gleich am nächsten Tag besorgte sie in ihrem Geschäft zwei neue warme Jacken. Aus dem Spielzeugladen nebenan ließ sie sich empfehlen, was sie Knaben von fünf und zehn Jahren schenken könnte. Auch ein Buch zum Lesen für Jörg und ein Malbuch für Lars nahm sie noch mit. Leicht und locker bezahlte sie alles, fragte nicht nach dem Preis. Zum ersten Mal freute sie sich über die Erbschaft, die ihr das ermöglichte, und ohne schlechtes Gewissen dachte sie dabei dankbar an Tante Tinchen.
Es war unbeschreiblich, was sie empfand, als sie die glänzenden Augen der Jungen unter ihrem Weihnachtsbaum sah, den sie mit allerlei Selbstgebasteltem geschmückt hatten und von dem sie sagten, dass es bestimmt keinen schöneren gäbe.
Überwältigt war sie, die Freude der beiden zu spüren über all das, was sie ihnen mitgebracht hatte. Nur einmal stutzte sie, als sie bemerkte, wie still die Mutter dabeisaß mit Tränen in den Augen. „Ich wollte Sie nicht beschämen“, sagte sie erschrocken.
Doch lächelnd antwortete ihr die Mutter: „Nein, nein, ich freue mich für meine Jungen. Wenn ich selbst ihnen das schon nicht bereiten kann, so ist es schön, dass sie es durch Sie erfahren.“
Da umarmte Mona sie. Einfach so, aus einem Gefühl der Dankbarkeit heraus, weil sie unvergleichliche Freude verspürte, geben zu können, und es angenommen wurde.
Als sie an diesem Abend wieder nach Hause ging, hatte sie neue Freunde gewonnen. Von den Jungen trug sie selbst gebastelte Kleinigkeiten, die sie ihr geschenkt hatten, wie Kostbarkeiten nach Hause. Reich beschenkt fühlte sie sich damit. So war die Freude, die sie hatte geben können, zu ihr zurückgekehrt.

Letzte Aktualisierung: 23.12.2010 - 22.32 Uhr
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