Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Freude | Dezember 2010
Familie, oder der ganz normale Wahnsinn
von Susanne Ruitenberg

„Lilli, Maja, kommt ihr?“
Keine Reaktion.
Wo waren die kleinen Hexen? Ich sah auf die Uhr. Wir hatten noch genau fünfzehn Minuten, um den Schulbus zu erwischen. Ich stürmte die Treppe hoch. Dabei stolperte ich über Sisyphus, der natürlich quer über den Stufen lag, und diese meine unverzeihliche Verfehlung mit einem lauten Maunzen quittierte.
Zum x-ten Mal fragte ich mich, wer auf die glorreiche Idee gekommen war, wir müssten einen Ragdoll-Kater kaufen. Weil er so gut zu unserem cremefarbenen Teppichboden passen würde.
Man sieht das Biest einfach nicht.
Ohne anzuklopfen, riss ich die Badezimmertür auf. „Seid ihr jetzt endlich ...“ Der Rest blieb mir im Hals stecken. Die Mademäuseles, wie Timo sie seit dem Frankreichurlaub nennt, standen in ihren rosa Glitzer-T-Shirts vor dem Spiegel und frisierten sich.
Ich holte tief Luft. „Ihr seid wohl nicht ganz dicht! Draußen schneit es und es ist Dauerfrost angesagt. Und ihr habt eure dünnsten T-Shirts an. Ab in euer Zimmer, und sucht euch was Dickeres raus.“
„Aber Mama“, maulte Lilli, „wir müssen doch in der Schule unsere neuen ...“
„Keine Diskussionen. Ab!“ Ich machte mir eine Mentalnotiz - Sommerklamotten zu schenken, ist suboptimal, wenn Kinder im Dezember Geburtstag haben. Ohne ein weiteres Wort zeigte ich auf die Badezimmertür und setzte mein Stufe-zwei-Gesicht auf.
Bei Stufe drei werde ich laut. Das wissen sie, und so zogen sie, wenn auch murrend, davon.
Ich raste in die Küche zurück, packte die Schulbrote in die Ranzen, schmierte zwei Käsetoasts und goss Kakao in ihre Becher. Kurz darauf erschienen meine beiden blonden Engel mit den mürrischsten Gesichtern, die sie aufsetzen können, und ihren schwarzen Kapuzensweatshirts.
Mit aufgesetzter Kapuze.
Meinetwegen, dachte ich, wenn wir jetzt nur hier wegkommen.
„Ich will Nutella“, maulte Maja.
„Ihr esst doch seit Wochen nur Käse.“
Sie verschränkte die Arme und sah zur Seite. „Dann esse ich gar nichts.“
Ob ich Schwierigkeiten mit dem Kinderschutzbund bekäme, wenn ich sie für eine Stunde im Garten festbinde, fragte ich mich, und aß den Käsetoast selbst. Hastig pappte ich die braune Klebmasse auf einen neuen Toast.
In dem Moment drangen charakteristische Geräusche an mein Ohr.
„Oh, schau mal, Sisyphus hat alles vollgekotzt“, rief Lilli fröhlich.
Ich ging zum Waschbecken - es war noch genau ein Blatt auf der Küchenrolle.
Timo hatte sicher beim Weggehen auf die Schnelle seine Schuhe übergeputzt. Und Monsieur kommt natürlich nicht auf die Idee, mal was aufzufüllen.
Im Keller zog ich gleich die Schuhe an und brachte neben einer neuen Wisch & Weg die Klamotten der Zwillinge mit. Uns blieben vier Minuten.
Nachdem ich Diskussionen über Sinn und Unsinn von Kopfbedeckungen abkürzte, indem ich ihnen die Wollmützen unbarmherzig auf die Sweatshirtkapuzen stülpte, kamen wir endlich aus dem Haus. Das Freikratzen des Autos dauerte so lange, dass ich sicher war, den Bus zu verpassen, doch da hatten wir Glück, er stand noch an der Kreuzung.
„Macht‘s gut“, rief ich ihnen hinterher.
Uff, geschafft. Die Brut endlich in Richtung Schule unterwegs.
Ins Büro kam ich eine halbe Stunde später als sonst. Klar, die Felder sind weiß gepudert. Da meint ein gutes Drittel der Autofahrer, auf der Landstraße dürfe man höchstens dreißig fahren. Auch, wenn sie soeben frisch geräumt und gestreut wurde.
Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass man grundsätzlich so einen vor der Nase hat, wenn die Zeit sowieso schon knapp ist.
Der Bürotag war der ganz normale Wahnsinn und wegen meiner Verspätung am Morgen blieb ich länger als sonst.
Lilli und Maja essen in der Schule und kommen um zwei heim. Ich für gewöhnlich um halb drei.
Nachdem ich endlich an dem Unfall auf der Landstraße vorbei war, zeigte die Uhr gnadenlose fünf.
In zweieinhalb Stunden konnten sie doch hoffentlich nichts angestellt haben.
Oder?
Sie hatten reichlich fröhlich geklungen, als ich sie angerufen hatte. Aber das war sicher die Freude auf ungehindertes Konsolenspielen.
Oder?
Immerhin, kein Rauch, kein Blaulicht, als ich in unsere Straße einbog. Die Außenbeleuchtung war eingeschaltet und die beiden hatten sogar den Weg zum Haus gefegt.
Ich schloss die Tür auf. Es roch leicht angebrannt und alle meine internen Warnlampen schalteten auf rot. „Lilli, Maja? Ich bin da.“
Keine Reaktion. Ich ließ Schlüssel und Jacke fallen und spähte in die Küche.
„Was zum ...“ entfuhr es mir. In der Spüle ein Stapel Schüsseln, cremefarbene Spritzer auf den Schränken und ein weißes Puder auf der Anrichte. Mit Katzenspuren darin.
„Nur ruhig, nicht gleich schimpfen, erst die Lage checken, sagt der Ratgeber“, murmelte ich und ging ins Wohnzimmer. Nanu - der Fernseher war aus. Keine kleinen Hexen mit Nunchucks in der Hand, kein plärrendes Singstar.
Statt dessen leise Schritte auf der Treppe. Flüstern. „Sie ist da. Holst du ihn?“
Das Quietschen der Bürotür. Ein zweistimmiger Schrei. „SISYPHUS!“
Lautes Weinen.
Sofort erwachte in mir die Bärenmutter, die ihre Jungtiere gegen alle Gefahren des Universums verteidigt, und ich stürmte zum Büro.
Was ich dort sah, löste in mir eine Schnappatmung aus, um nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Es ist gar nicht gut für die Psyche eines Kindes, es auszulachen, wenn es weint.
Sagt der Ratgeber.
Aber der Anblick war einfach zu komisch.
Sie mussten ihn mit viel Liebe gemacht haben, den Kuchen. Reste der roten Zuckerschrift „Für die Liebsteste Mama der Welt“ konnte ich noch entziffern.
Sisyphus stand mit beiden Vorderpfoten mittendrin, Sahne im Gesicht, auf seinem braunen Näschen einen roten Tupfer. Genüsslich leckte er sich die Barthaare.
Maja schniefte. „Wir wo-ho-holten dir doch nur eine Freude machen“, und wischte sich die Nase am Ärmel ab.
„Weil wir dich heute Morgen genervt haben“, ergänzte Lilli und schluchzte auf.
In dem Moment sprang Sisyphus auf den Boden und rannte, eine Sahnespur hinterlassend, Richtung Wohnzimmer. Ich folgte ihm mit unguten Vorahnungen.
Sein Timing war perfekt. Als ich den Raum betrat, ergoss sich ein Schwall halbverdauter Kuchen auf den Teppichboden, garniert mit Friskies.

Letzte Aktualisierung: 26.12.2010 - 12.44 Uhr
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