Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Freude | Dezember 2010
Freya
von Eva Fischer

Philipp wackelt mit dem Stuhl. Ich schaue ihn an. Meine Ermahnung erwartend, stoppt er im Flug. Ich lächele ihn an. Er schaukelt erleichtert weiter.
Lisa erwischt noch den Rest meines Lächelns. Ungeniert beendet sie das Gespräch mit ihrer Nachbarin.
In C-Dur erklingt die Glocke, die uns ins Wochenende entlässt. Erleichtertes Aufatmen auf allen Plätzen. Eiliges Zusammenpacken von Heften und Büchern.

Ich jage die Treppe hinab. Nein, nicht jetzt, nicht Herr Schlawinski!!
„Kann ich Sie mal kurz sprechen?“
Ich wippe nervös hin und her.
„Was gibt es denn?“
„Also Ihre Klasse, die ist in letzter Zeit ziemlich unkonzentriert und unruhig.“ Ich seufze.
„Da haben Sie sicher Recht, Herr Schlawinski, aber können wir das nicht am Montag in aller Ruhe besprechen? Ich muss jetzt nämlich weg.“
Herr Schlawinski zieht säuerlich die Mundwinkel runter.
„Wie Sie meinen, Frau Albers. Schönes Wochenende!“
„Ja, schönes Wochenende, Ihnen auch“, flöte ich zurück.

Weiter geht es. Mein Auto habe ich direkt vor der Schule geparkt. Das war klug. Kurze Wege. Nein, leider doch nicht. Ein Kleinlaster hat mich zugeparkt und jemand lädt in aller Seelenruhe Farbpaletten ab: grüne, gelbe, blaue, rote...
„Dauert das noch lange?“
Der junge Mann wischt mit seinem charmanten Lächeln jeden Anflug von Groll in mir weg.
„Sie kennen doch die Parkplatzsituation hier. Ich beeile mich auch.“
„Ja, machen Sie mal!“
Ich zünde mir eine Zigarette an, schaue den Rauchkringeln nach, denke an Freya, die auf mich wartet.
Herr Schlawinski geht an mir vorbei. Irre ich mich, oder habe ich ein hämisches Grinsen auf seinen Lippen gesehen?
Egal. Ich kann weiterfahren.

Raus aus der Stadt. Die Autobahn ist frei. Na, geht doch. Ich gebe Gas und schalte Musik an. “You’re my mate“, tönt es durch den Äther und ich singe den Refrain laut mit. Der Himmel ist stahlgrau. Kein Schneesturm, kein Erdbeben können meine Weiterfahrt behindern.
Bald bin ich bei Freya!
Oh nein! Die Schranke ist runter. Ein Zug mit endlosen Cargowagen zieht gemächlich an mir vorbei, scheint sich auf einen Stopp mitten auf den Gleisen einzustellen. Ich schalte den Motor ab, öffne das Fenster, grinse die Miesepetrigkeit in dem Gesicht meiner Nachbarin zur Linken weg. Nur Geduld!
Hinter der Schranke ist Freya.

Die Frau an der Kasse reicht mir meinen Schlüssel mit der Nummer 313, meiner Glückszahl. Jeden Freitag ziehe ich meine Glückszahl, auch wenn sie immer anders lautet.
Ich spüre das warme Wasser auf meiner Haut. Mein Körper duftet nach Orange und Zimt, nachdem ich ihn mit Duschgel eingerieben habe. Der Schmutz der Woche verschwindet gurgelnd im Abfluss.
Ich luge durch das Glasfenster, öffne die Tür.
Freya liegt ausgestreckt auf der Holzbank. Ihre dunklen Augen glühen wärmer als die Kohlen in dem Ofen. Schweißperlen rinnen ihr über die Brüste, über die Stirn. Ich lege mich eine Etage tiefer. „Ruhe“, steht draußen in großen Lettern. Wir halten uns dran, auch wenn es uns schwer fällt, grüßen uns stumm.

Kaltes Wasser prasselt auf unsere Körper herab, spült den Schweiß fort.
Endlich! Wir umarmen uns. Eine ganze Woche haben wir uns nicht gesehen.
Jeder von uns hat soviel zu erzählen!

Wasserdampf liegt über dem Außenbecken des Schwimmbades. Wir steigen hinab in das kühle Nass. Mit jeder Stufe fühlen wir uns leichter, verlieren lästige Pfunde.
Elfengleich schweben wir über dem Wasser, tauchen als Seelöwen unter, prustend und schnaubend, werden als Göttinnen neu geboren, für immer jung, unsterblich.
Schon jahrelang ziehen wir unsere Bahnen. Wer kann sie noch zählen? Sie ist die Schwester, die ich nie hatte, die Freundin, die immer zu mir steht.

Einst schrieben wir uns Zettel, während der Deutschlehrer über den Prinzen Friedrich von Homburg referierte. Gähnend langweilig fanden wir die Staatsräson. Die Romane boten uns die Vorlagen für unsere Träume, die an der Realität meist scheiterten. Wir haben uns gegenseitig getröstet, unsere Scherbenhaufen wieder gekittet. An den Ideen von Sartre und Simone de Beauvoir haben wir uns berauscht, sind durch Paris gestöckelt, haben Nächte lang bei so mancher Flasche Wein über Gott und die Welt, Tod und Teufel gestritten.
Dann hat uns der Berufsalltag eingeholt, die Verantwortung für die Familie. Vernunft sollte Unvernunft weichen. Krankheiten legten uns Stolpersteine auf die vermeintlich ebenen Wege.
Nun sind wir ergraut, Falten haben sich um den Hals gebildet wie die Jahresringe eines Baumes. Einen dicken, festen Stamm hat unsere Freundschaft bekommen. Tiefe Wurzeln halten sie im Boden fest.

Ich trockne mich ab, ziehe mir meinen zitronengelben Bademantel an. Freya streift sich die schwarze Kapuze tief in das Gesicht.
„Huuh, bin ich ein Mönch oder ein Vampir?“
Natürlich ein Vampir, der nach Blut lechzt.
„ Wie wäre es mit einem saftigen Steak? Ich habe Hunger“, schlage ich vor.
Sie leckt sich genießerisch die Lippen.
„Jaaa, frisches Bluuut, das tut jetzt guuut.“
Ihre Stimme ist drei Oktaven tiefer geklettert. Der Schalk blitzt ihr aus den Augen. „Vernunft“ würde sie noch immer zum Unwort des Jahres küren.

Der Tisch im Restaurant ist für uns beide gedeckt. Das Besteck liegt auf grünen Sets. In dem silberfarbenen Flaschenkühler steckt eine Flasche Sekt zwischen tausend Eiswürfeln. Die Kellnerin entkorkt sie gekonnt mit einem Knall.
Die Gäste schauen neugierig zu uns rüber. Wir erheben die Gläser und prosten uns zu.
„Auf unsere Freundschaft!“

Endlich Freitag!

Letzte Aktualisierung: 01.12.2010 - 20.01 Uhr
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