Bitte lächeln!
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Freude | Dezember 2010
200 Stunden
von Martina Bracke

Eiskalt nutzte sie meine Notlage aus. Ich brauchte den Führerschein. Ohne ihn würde ich meinen Job verlieren. Und das wusste die Zicke von Richterin auch. Es war ihr ganz egal, warum ich alkoholisiert über rote Ampeln gedonnert war. Ich hatte keinen guten Grund, aber sie fragte nicht einmal. Sie stellte mich vor die Wahl, die keine war, entweder sechs Monate Fahrverbot und 1.500 Euro Bußgeld oder 200 Sozialstunden. Das war reine Schikane. 200 Sozialstunden – damit wäre ich mindestens ein halbes Jahr beschäftigt. Nicht auf dumme Gedanken solle ich kommen. Pah! Eine passende Antwort lag mir schon auf der Zunge, aber mein Anwalt legte mir die Hand auf den Arm und rief laut: „Wir akzeptieren die Sozialstunden!“ Am liebsten hätte ich ihm dafür den Hals umgedreht.
An einem dieser miesen Novembersamstage stapfte ich missmutig durch die Pfützen, um zu meinem ersten Einsatz zu kommen, während es weiter nieselte. Das Gast-Haus war nicht weit entfernt, und außerdem war es besser, ich stellte meinen Schlitten nicht in diese Gegend.
Als ich die Eingangstür öffnete, schlug mir gleich ein Gestank von Nässe entgegen, von ungewaschenen Klamotten, vermutlich auch ungewaschenen Hälsen, Alter und Straße. Ein Hauch von Alkohol durchwehte die feuchte Luft, und unwillkürlich zog ich die Nase kraus. Ich gehörte nicht hierher. Das war ja nicht zum Aushalten. Den Impuls, gleich wieder umzukehren, unterdrückte ich. Noch bevor ich weiter überlegen konnte, hörte ich ein lautes „Herr Wittkamp, kommen Sie ruhig näher!“ durch den Raum schallen. Ich zuckte zusammen, klar, hier musste ich ja auffallen. Mit den traurigen Gestalten an den einfachen Tischen und dem durchgesessenen Sofa hatte ich nichts gemein. Hätte ich bloß ein paar billige Klamotten gekauft. Wer weiß, ob mein Mantel nachher noch da war. Denen war doch alles zuzutrauen.
„Sie sind doch Michael Wittkamp?“, kam der Ruf ein wenig unsicherer.
Philosophieren konnte ich später noch. Auf in den Kampf. Endlich setzte ich mich in Bewegung und schlängelte mich durch die Tische, möglichst ohne jemanden anzusehen oder gar zu berühren. Ich spürte, wie die Blicke mir folgten.
Als ich am anderen Ende angekommen war, streckte mir eine gar nicht so alte Frau mit rosigen Wangen, wie ich erstaunt registrierte, eine warme Hand entgegen, die ich mit meiner durchfrorenen ergriff und schüttelte.
„Herzlich willkommen! Wir freuen uns über Ihre Mitarbeit. Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo Sie den Mantel lassen können.“
Damit führte sie mich glücklicherweise aus dem Dunstkreis der hoffnungslosen Figuren. Irene war wirklich sehr nett. Sie zeigte mir erst einmal die ganze Einrichtung und einige der freiwilligen Helferinnen und – auch sie gab es – Helfer. Die Namen konnte ich mir noch nicht merken, aber alle hießen mich willkommen. Mir schwirrte der Kopf von Kleiderkammer, Duschmöglichkeiten, Essensspenden, Rechtsbeistand, Ämter-Begleitservice und sogar Arztzimmer. Ja, es gab zwei Ärzte, die sich freiwillig und unentgeltlich zweimal in der Woche um die Obdachlosen und Armen kümmerten.
Als Erstes setzte mich Irene, die den Laden schmiss, in der Kleiderkammer ein. Heute war keine Ausgabe, es mussten nur die Neueingänge sortiert werden. Ein bisschen muffig roch es schon, aber im Großen und Ganzen waren die Pullover, Hosen, Hemden, iiih, sogar Unterwäsche, gut erhalten und gewaschen. Sogar manches Markenstück war darunter. Welch eine Verschwendung! Aber Gott sei Dank konnte diesen Gedanken keiner hören. Die Zeit ging ganz gut um, ich war dennoch erleichtert, als ich nach Hause gehen konnte – durch den Nieselregen, der nicht aufhören wollte, mit meinem Mantel, der noch da war.
Samstags und sonntags verbrachte ich fünf Stunden im Gast-Haus. Viel Zeit für anderes blieb mir nicht, da ich gern am Wochenende ausschlief und rumtrödelte. Das hatte die blöde Richterin gut erkannt. Meinen Freunden erzählte ich nichts davon. Vermutlich hätten die auch nur gedacht, ich stinke schon wie meine Kunden.
Alle Bereiche lernte ich kennen, konnte routiniert modisch passende Klamotten rausgeben, Stil hatte ich schließlich. Ab und zu wurde mir übel von den Gerüchen, aber richtig schlecht ging es mir erst im Arztzimmer. Geschwüre und offene Beine waren nicht selten. Und was da herausfloss, war kein Lebenssaft, sondern der Eiter des Todes. Würgend stand ich da, während der Arzt und Irene, die Mutter für alles, tupften, desinfizierten, verbanden. Hier war ich keine große Hilfe, wahrlich. Und ich verfluchte einmal mehr die Richterin.
Besser fand ich es bei der Essensausgabe. Die Küchenmamsells konnten wirklich gut kochen. Da fiel mein Tiefkühlfraß zu Hause weit ab. Und manchmal lief mir auch das Wasser im Mund zusammen, aber es ging natürlich nicht an, hier irgendwem das Essen wegzufuttern.
Aus „irgendwem“ formten sich mit der Zeit für mich Menschen. Menschen, die auch Namen hatten. Willi zum Beispiel. Seit fünf Jahren auf Platte. Immer gern zu einem Schwätzchen aufgelegt. Zottelig war er, aber sauber. Willi kam jeden zweiten Tag zum Duschen. Er hatte bessere Tage gesehen, wie fast alle hier. War verheiratet und hatte sogar irgendwo einen Sohn, der nichts von ihm wissen wollte.
„Weißt du“, suchte Willi irgendwann das Gespräch, „ich kann ihn ja verstehen. Wer will schon einen Vater auf dem absteigenden Ast, an dessen Ende er bereits angekommen ist.“
Eigentlich war Willi Ingenieur. Aber seine Baufirma hatte Pleite gemacht, in der Ehe lief es auch nicht gut. Er suchte Trost im Alkohol, die Frau fand einen anderen, er verlor die Wohnung und den Halt – eine durchaus typische „Karriere“.
Ich fragte irgendwann nach, warum er es nicht nochmal versuche.
„Du meinst, mit 55 schaffst du es noch? Nee, der Zug ist abgefahren“, klang es resigniert zurück. „Außerdem will die Pumpe nicht mehr recht.“ Es klang wie eine Entschuldigung.
Irene versuchte eher die Politik der kleinen Schritte. Sie war schon froh, wenn sie regelmäßig kamen. Ihre Medikamente nahmen, duschten. Vom Missionieren hielt sie nichts.
„Wir nehmen sie so, wie sie sind. Wir bieten ihnen Hilfe. Aber sie entscheiden selbst, was sie annehmen wollen.“
Ich verstand das nicht ganz. Ich dachte an die Typen, die immer noch'n Euro wollten und die mir wahnsinnig auf die Nerven gingen. Warum sollte einer nicht zurück in ein warmes Zuhause wollen, in einen Job, der Geld brachte? Aber stimmt, musste ich mir eingestehen, mit 55 war nichts mehr zu machen.
Nein, das wollte ich nicht gelten lassen. Der Willi war in Ordnung. Hatte die richtigen Ansichten und oft auch Einsichten. Dennoch schaffte er es nicht, sich aus dem Sumpf zu ziehen. Verdammt, manchmal hätte ich ihm Vernunft eintrichtern wollen.
Es ging auf Weihnachten zu. Das Gast-Haus verwandelte sich in ein kleines Lichtermeer. Tannenzweige mit Holzeisenbahnen, Schaukelpferden, Schlitten dekorierten die Tische, und ich fühlte mich an meine Kindheit erinnert, als wir zu Hause den Baum schmückten und Vorfreude alle Augen glänzen ließ. Die letzten Jahre hatte ich den Weihnachtsabend meist in der Disko verbracht, mit Alkohol, einem Mädchen und dummem Geschwafel an der Theke. Dieses Mal würde ich Dienst im Gast-Haus haben. Irene diskutierte gar nicht groß, als sie mich als Alleinstehenden wie selbstverständlich einteilte. Ich protestierte nicht. So langsam war ich selbst gespannt, wie Weihnachten hier wohl aussähe.
Zuvor kam noch der vierte Advent. Nach dem ersten hatte ein Unbekannter einen Adventskranz vor die Tür gelegt, an dem nun immer feierlich die Kerzen angezündet wurden. Jemand brachte seine Gitarre mit, und Plätzchenduft entströmte der kleinen Küche. Brechendvoll war es und mucksmäuschenstill. Alle waren in freudiger Erwartung. Irene würde eine Geschichte vorlesen. Sie hatte eine wundervolle Stimme dafür.
„Willi“, entfuhr es mir. „Wo ist Willi?“
Alle drehten sich zu mir um, verlegen räusperte ich mich.
„Hat ihn heute noch keiner gesehen?“
Sie schüttelten die Köpfe. Nein, Willi war nicht da, keiner hatte ihn getroffen. Der vierte Advent ging ohne Willi vorbei.
Die Nachricht erreichte mich am Mittwochabend zu Hause auf meinem Sofa. Willi war tot. Herzversagen. Einfach nicht mehr aufgewacht. Dienstag hatten sie ihn gefunden. Bis es Irene wusste, verging noch ein Tag. Donnerstag sollte schon die Beerdigung sein. Zum ersten Mal seit langer Zeit weinte ich. Das konnte nicht wahr sein, das wollte ich nicht glauben. Willi, ein guter Gesprächspartner, auf seinem Weg schon einige Schritte gegangen. Vielleicht hätte er es geschafft, auch mit 55. Es war anders, sie mussten ihn verwechselt haben. Willi war noch da, er würde am Heiligabend mit uns feiern. Bestimmt.
Ich wusste, dass ich mir etwas vormachte. Willi war tot. Am Donnerstag ging ich zu der Beerdigung, schämte mich meiner Tränen nicht, als ich den schlichten Sarg sah, in dem ich mir Willi nicht vorstellen konnte. Irene fasste meine Hand, aber meine Trauer konnte sie mir nicht nehmen. Ich hatte schon Urlaub, zog ein paar Stunden durch die Straßen, dachte an Willi, das Gast-Haus, das Leben an sich und ließ mich erst wieder von meinen trübsinnigen Gedanken abbringen, als in den Häusern die Lichter angingen, Weihnachtsbeleuchtung mit Schwibbögen, Pyramiden, blinkenden Sternen und beleuchteten Rentieren. Geschmückte Bäume strahlten durch die Fenster, vereinzelt zogen Menschen mit den letzten Geschenken nach Hause.
Ich beruhigte mich, wanderte langsam wieder in meine Wohnung.
Spät noch dachte ich an Willi, bekam ihn nicht aus dem Sinn, sah den wuscheligen Kopf mit den wachen Augen. Ich wünschte ihm alles Gute, wo immer er sei, und stellte mir einen warmen Himmel mit Gesang und Kerzenschein vor. Mit Plätzchenduft und Geschichten, die jemand mit angenehmer Stimme vortrug. Und Willi mit glänzenden Augen, der am Weihnachtsabend sein kleines Geschenk auspackte, das wir ihm vorbereitet hatten. Wie kitschig, lächelte ich noch in mich hinein, als ich einschlief.

Eine Einrichtung mit dem Namen „Gast-Haus“ gibt es wirklich. Die Geschichte und sämtliche Personen sind frei erfunden.

Letzte Aktualisierung: 27.12.2010 - 13.36 Uhr
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