Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Freude | Dezember 2010
Lebe deinen Traum
von Christina Stöger

Es ist so eine Sache für sich, wenn man auf Kur ist. Ein Haufen Kranker, die in ihrer eigenen kleinen Welt gefangen sind – mit Therapien, Anwendungen und ganz viel Kommunikation.
Wenn man Raucher ist, ist es ganz einfach, Anschluss zu finden. Sucht vereint! Ich war immer Raucher, und so fiel es mir nicht schwer, Menschen kennen zu lernen. Wir verbrachen viele Stunden in der Raucherecke, redeten, diskutierten und lachten.
Abends war es dann immer besonders lustig.
In unserer Ortschaft gab es ein kleines Tanzcafé. Dort pilgerten wir jeden Abend hin – die Damen fein zurecht gemacht und die Herren in Jeans und T-Shirt. Schon kurz nach dem Abendessen verschwanden wir alle fluchtartig in unseren Zimmern, um uns aufzustylen.

Wenn sich Frauen in Schale schmeißen, kann das schon einige Zeit dauern. Aber nach spätestens einer Stunde trafen wir uns allesamt an der Eingangshalle und machten uns auf den circa einen Kilometer langen den Weg in die Stadt. So eine Strecke kann sich ziemlich ziehen, wenn es bergauf geht. Und man nüchtern ist! Doch letzteres änderte sich gewöhnlich ziemlich schnell, nachdem wir das Café betreten hatten. Weil wir dort fast jeden Abend auftauchten, kannten uns die Bedienungen schon, und die Getränke standen nur wenige Minuten später vor uns. Das war ein Service!
In der Gaststätte spielte jede Woche eine andere Liveband, sodass immer viel los war. So auch an diesem Tag.
Ich kannte die Band schon, die an jenem Abend im Einsatz war. Der Drummer hatte es mir besonders angetan. Ein blonder junger Mann mit wunderschönen blauen Augen. Er lächelte mir glücklich zu, als er mich bemerkte. Und ich erwiderte seinen Blick freudestrahlend.
Bei dieser Band konnte man sich auch Lieder wünschen. Na ja, ob das mit dem Wünschen Usus war, weiß ich nicht genau. Ich tat es jedenfalls. Ich wünschte mir immer mein Lieblingslied "My heart will go on" aus dem damals schwer angesagten Kinofilm "Titanic". Ich konnte nicht genug bekommen von diesem Lied und den Text natürlich auswendig. Letzte Woche hatte der fesche Drummer es Abend für Abend extra für mich gespielt, und ich hatte jedes Mal direkt vor ihm getanzt und auch mitgesungen. Ich gebe es zu, ich habe nur für ihn getanzt. Ich bewege mich sehr gerne zum Rhythmus der Musik und schallere auch freudig mit, doch bei diesem Lied war es etwas ganz Besonderes. Ich schaute ihm dabei jedes Mal tief in die Augen. Dass er sich dabei ein kleines Bisschen verspielte, war bestimmt nicht meine Schuld. Ganz bestimmt nicht.

An diesem Abend war es ausnehmend warm und ich hatte besonders viel Durst, sodass die ersten beiden Gläser Wein sehr schnell leer waren. Allerdings war ich in Übung, und daher machte mir das zu diesem Zeitpunkt nicht so viel aus. Ich war fröhlich und glücklich, dass es mir nach meiner Krankheit wieder besser ging. So war ich wieder mal die Erste auf der Tanzfläche. Ich tanze am liebsten allein. Dann fühle ich mich so frei und kann mich bewegen, wie ich will. Bei Liedern wie "Ich hab geträumt von Dir" oder "Ohne dich schlaf ich heute Nacht nicht ein" bin ich ganz in meinem Element. Ich sang und ich tanzte ausgelassen an jenem Abend, und mir ging es gut. Dem Drummer schien es auch zu gefallen, denn er warf mir immer wieder sein Lächeln zu, das ich mit Freude zurückgab.
Dieser Tag sollte zu einem der wichtigsten in meinem Leben werden.

In einer kurzen Musikpause kam der sexy Drummer auf mich zu. Mein Herz schlug kräftig im Hals, sodass ich kein Wort rausbrachte. Ihm schien es aber ähnlich zu gehen, denn er sagte nichts, drückte mir nur einen Zettel in die Hand und verschwand wieder hinter sein Schlagzeug.
Völlig verdutzt schaute ich, was auf dem Blatt geschrieben stand. Es war der Text von "My heart will go on". Aber den kannte ich doch. Was sollte ich denn damit? Ich sang doch jedes Mal mit. Ich schaute fragend zu ihm empor, doch er lächelte nur.
Dann kam der Moment, den ich bis heute nicht vergessen habe. Die Musiker hatten gerade alle wieder auf der Bühne ihre Plätze eingenommen, als mein Traummann das Mikrofon ergriff.
"Liebe Gäste“, wendete er sich ans Publikum, „heute haben wir eine besondere Überraschung für euch."
Dann schaute er mich an und sprach mit seiner zauberhaften Stimme zu mir: "Ich weiß, dass du ein Lieblingslied hast. Willst du mir sagen, wie du heißt?"
Dass ich meinen Namen in diesem Moment nicht einfach vergessen hatte, grenzte an ein Wunder, doch ich sagte ihn klar und deutlich.
"Wir möchten dieses Lied gerne für dich spielen. Willst du auf die Bühne kommen und es für uns singen?"
Ich dachte zuerst, ich hatte mich verhört, aber meine Beine hatten das Gesagte offenbar schneller begriffen als ich, denn sie machten sich ganz von selbst auf den Weg, die Stufen hinauf auf die Bühne.
Die Sängerin der Gruppe übergab mir ihr Mikrofon, das ich fest umklammert hielt. Mein Drummer warf mir ein Zwinkern zu, das wohl so viel bedeuten sollte wie "Du schaffst das schon". Dann fingen auch schon die ersten Töne an. Ich schloss meine Augen und konzentrierte mich.
Ich fing an. Es war ein unglaubliches Gefühl, meine Stimme zu hören. Ich liebte diesen Song von ganzem Herzen. In Gedanken stand ich nicht auf einer Bühne sondern am Bug eines Schiffes, breitete die Arme aus und flog mit der Melodie. Es war so unglaublich, dass ich fast ein wenig traurig war, als das Lied nach wenigen Minuten schon zu Ende war. Die letzten Töne verklangen, und ich war noch ganz verzaubert, als ich den Applaus hörte.
Ich schaute auf die Menschen, die an diesem Abend im Café waren. Freunde, Bekannte, aber auch Leute, die ich noch nie gesehen hatte ... alle standen und klatschten. Das ganze Café klatschte für mich. Ich bedankte mich brav und ging wie ferngesteuert von der Bühne. Meine Freundin stand schon unten und reichte mir etwas zu trinken. Ich nahm es dankbar an.
Der Kloß in meinem Hals, der sich gebildet hatte, löste sich in zwei kleine Tränchen auf, die meine Wangen hinunterrollten. Tränchen der Freude, dass ich so etwas Wundervolles erleben durfte. An diesem Abend war der Weg nach Hause nicht weit, denn ich schwebte wie auf Wolken.
Es war das letzte Mal, dass ich meinen Drummer zusammen gewesen war. Ich sah ihn nie wieder. Leider. Er hat mir meinen Herzenswunsch erfüllt – ohne es zu wissen!

Letzte Aktualisierung: 21.12.2010 - 18.23 Uhr
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