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Freude | Dezember 2010
Härter, schneller und melodiöser
von Jochen Ruscheweyh

Ich hab´ keinen Schimmer, warum der fette Schröder sich ausgerechnet unsern Proberaum aussuchte, um das Zeitliche zu segnen, auf jeden Fall lag er jetzt ziemlich tot auf unser Couch rum.

„Bist du dir sicher?“, löcherte ich Teschke.
„Dann fühl doch selbst. Ich kann jedenfalls keinen Puls tasten. Wir brauchen einen Arzt.“
„Ja, genau, Arzt is´ gut“, Pavarotti wischte sich Bierschaum von der Lippe. „Am besten Notarzt mit Defi und allem. Ey, Micky, ruf ma´ einen.“
„Wie is´ die ...?“
„112, du Idiot und mach hinne.“
„Hey, Leute, wartet mal“, meldete sich Beckmann zu Wort.
„Wieso warten, bis´ du bekloppt?“, blökte ich ihn an.
„Hey, immer sleazy. Weiß einer von euch, wie lange der da schon so liegt?“
„Ja, keine Ahnung, ´n paar Minuten, vielleicht ´ne Viertelstunde.“ Das von einem, der noch nie in seinem Leben ´ne Uhr besessen hat, von Pavarotti, den wir hauptsächlich so nannten, weil er mit Nachnamen Pavermann hieß, Pavarotti Pavermann und auch reichlich Resonanzraum hatte, und nich´, weil er so top sang.
„Ich war vorhin pissen, Leute und da sah der schon ziemlich marode aus“, wusste Beckmann zu berichten.
„Ey, und warum hast du nix gesagt?“
„Weil ihr die ganze Zeit mit den Weibern da beschäftigt gewesen seid. Und außerdem hast du ihn doch zur Session eingeladen und nicht ich.“
„Das glaub´ ich jetzt nich´!“
„Und was spricht jetzt dagegen, einen Arzt zu rufen?“, maulte Teschke.

Beckmann hatte uns ein kleines, wie er fand, unwichtiges Detail verschwiegen, als wir den Raum von der Bunkergenossenschaft gemietet hatten. Die Miete war deshalb so günstig, weil wir uns die 25qm mit jemand teilten, dessen einziger musikalischer Output darin bestand, schief zu pfeifen, wenn er sein Dope vertickte.
„Scheiße, du meinst, die ganze Hütte hier is´ voll Drogen?“
„Keine Ahnung, nur Gras, wohl. Keine harten Sachen. Ich hab gesagt, er kann es hier lagern, unauffällig und ich will nicht wissen, wo es ist. Dann kann ich auch nichts ausplaudern oder mir selbst was abzwacken.“
„Bis´ du eigentlich total bescheuert? Hättste uns nich´ wenigstens eine Silbe davon gönnen können?“, brandmarkte ich Beckmann.
„Jetzt bleib mal ganz smart, Kollege! Wer hat denn immer davon geredet ,Wenn wir keinen günstigen Proberaum finden, steig´ ich aus’? Das warst du doch wohl, Wuttke, oder?“


„Tja, das heißt dann wohl kein Krankenwagen, weil die per se die Polizei rufen täten.“
„Per se? Wat is´ n dat für´n Ausdruck? Warum sprichs du ´n so scheiße, Teschke, meinste, du bis´ wat besseres, oder wat?“, ranzte ihn Pavarotti an.
„Was hat das denn jetzt damit zu tun?“
„Ach halt die Fresse.“

„Wir müssen ihn irgendwie hier rausschaffen“, erklang Teschkes Stimme der Vernunft.
„Und dann?“
„Dann legen wir ihn oben bei den Opiumrauchern vor die Tür!“
„Super Idee, Blitzbirne!“, blaffte Pavarotti Micky an. „Dat fällt ja auch kaum auf, wenn du n´ Typen wie Schröder mit Patronengurt und vollbenietet bei ´ner Hippiecombo vor de´ Tür ablegst.“ Pavarotti hielt nich´ viel von Micky, seitdem der sich mal geweigert hatte, uns seinen Bulli für ´n Gig, vollgetankt, zu leihen. Sicher, Micky hing ständig bei uns ab und soff unser Pils, aber das mit dem Tanken fand selbst ich ´ne Nummer zu heftig.
„Ich hab´ s!“, meldete sich Micky zurück.
„Dann mach´s Maul auf, Wickie!“, frotzelte Pavarotti.
„Corpsepaint!“
„Kannste deinen Vorschlag eventuell noch n´ bisschen konkreter bebildern?“, fragte ich.
„Wir verpassen ihm ´n Corpsepaint, dann fällt das nich´ auf, dass seine Lippen blau sind und er so ne fahle Fresse hat.“ Micky zeigte auf so Cover mit´ner kreidegeschminkten Band namens Panzerdivision Sowieso.
„Ey, das is doch gequirlter Kot“, warf ich ein. „Ich geh´ erstmal Pils holen. Kommt jemand mit?“


„Ahh, Wuttke, kann ich mal Deinen Bunkerausweis sehen?“ Scheiße, ausgerechnet heute.
„Ja, kannste, hier.“ Ich hielt dem Penner meinen Lappen hin.
„Hat die kleine Schlampe auch einen?“
„Steffi, zeig´ Perry Mason deinen Besucher-Ausweis.“
„Für dich immer noch Peter, ist das klar, Wuttke? Hmm, hübsches Bild, Stefanie. Kannst du mir vielleicht sagen, warum dein Versagerfreund hier so einen Tattrigen hat?“
„Keine Ahnung, aber wahrscheinlich, weil er im Gegensatz zu dir n` ziemliches Gerät mit sich rumträgt, das immer zu ´ner Mörderlatte wird, wenn er mit mir zusammen is`. Möglicherweise zieht ihm das das Blut aus den Händen.“ Ich dachte: ,Wow, erste Sahne pariert, Mädel!’
„Wuttke, sei vorsichtig, ich hab euch im Visier! Baut einer von euch kleinen Pennern hier Scheiße, fliegt Eure Combo raus, ist das klar? ... Was ist, Anette?“ Seine Perle, eine kleine Schmächtige, die ständig in Peters Schatten am Rumputzen war, heulte fast:
„Die haben wieder daneben gepinkelt!
„Tschau, Perry.“ Steffi und ich drückten uns an den beiden vorbei. Zu viert war es etwas eng, und Steffi und Anette verkeilten sich irgendwie miteinander. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Anette zusammenzuckte, als Steffi direkt vor ihrer 08/15-Fresse „Buh!“ sagte.
„Ich heiße Peter, du Arsch!“, tönte es nach.

Micky und seine zwei Perlen waren vor uns an Perry vorbei und standen schon an der Bude, als Steffi und ich ankamen.
Ich hörte ihn grad noch „Ey, Kurt, hast du ´ne Ahnung, wie man ´ne Leiche verschwinden lassen kann?“ fragen.
„Jetzt halt doch mal die Schnauze, Mann“, ging ich dazwischen.
„Wieso denn nich´? Kurt is´ unser Kumpel und hat immer coole Tipps auf Lager“, stellte Micky fest.
„Wo habt ihr die, ich mein´ die Leiche?“, fragte Kurt.
„Oben im Proberaum.“
„Wenn ihr es absolut rückstandsfrei erledigen wollt, kann ich euch Königswasser empfehlen! Die stärkste Säure der Welt. Habt ihr einen großen Glaskessel drüben, wo, sagen wir mal, zwei Kubikmeter Säure reinpassen?“
„Nee, Kurt, zufällig nicht“, ließ ich ihn wissen.
„Hmm, verdammt. Verdammt.“
„Ey, Kurt, vielleicht ...“, begann ich.
„Ruhe, ich muss nachdenken. Ja, so könnte es gehen. Wir brauchen ein Terrarium. Wir haben eins im Clubhaus. Das kann ich besorgen. Ich lass´ euch das 20% billiger als im Laden.“
Ein Motorrad kam die Straße runter. Kurt zog seine Jacke zu, wie er es immer tat, damit keiner von den wirklich harten Jungs das Supporter-Shirt von seinem Kinder-Biker-Club sah.
„Ey, Kurt lass ma´, das bringt doch nix“, versuchte ich die Sache abzuwenden.
„Ihr müsst´s wissen, aber ich tät nich´ gerne mit einer Leiche proben. Erst fängt´s an zu stinken, dann vergiftet ihr euch an den Todesbakterien.“
Ich knickte ein. „O.k., wie soll´n wir vorgehen?“
„Ich mach´ die Bude für heute dicht, wir nehmen zwei Kisten Pils mit und ich guck´ mir euren Toten mal an!“


„Ey, Steffi, wegen der Sache mit Schröder und so, bin ich die ganze Zeit am Nachdenken. Wieso machen wir beide eigentlich immer nur zusammen rum, wenn wir breit sind?“, fragte ich, während Micky und Anhang schon vortrabten.
„Keine Ahnung, aber an mir liegt´s nich!“
„Was meinste damit?“
„Hey, ich hab ´n Telefon. Du kannst ja auch mal anrufen oder so.“
„Und dann?“
„Was weiß ich? Treffen oder wir gehen ins Kino.“
„Ja, das is´ gut. Was guckst du ´n gerne?“
„Egal, irgendwas mit Tieren oder Zeichentrick oder U-Boote.“
„Komisch, dass erst einer abnippeln muss, damit wir uns mal richtig verabreden.“
„Ja, ne´?“
„Findste meinen Schwanz eigentlich wirklich so riesig?“

Mir platzte der Kragen, als wir wieder zurück waren.
„Jetzt sag nich´, ihr habt den echt angepinselt!“
„Ja, ey, wieso nich? Hatte ja keiner ´ne bessere Idee ...“, brabbelte Pavarotti, jetzt schon gut im Fahrwasser.
„Ich hab auch schon gesagt, der sieht doch nicht nach Wikinger aus, der sieht eher tuntig aus!“
„Na und? Bisse etwa homophob, Teschke?“
„Was hat das denn damit zu tun?“
Pavarotti schob Teschke seine Zunge ins Ohr.
„Hör auf mit dem Blödsinn, ja?“
„Komm, jetzt lass ma´ den Kurt durch. Der hat Pils mitgebracht und kennt sich aus mit so was“, machte Micky auf wichtig.
„Genau, ers´mal ´n Pilsbier aufmachen“, stieg Pavarotti, , mit ein. Pavarotti konnte saufen wie n´ Loch, traf aber immer noch den Ton, zumindest beim Singen.
„Und Kurt, wat meinsse?“
„Klarer Fall von Narcolepsie!“
„Is´ der auch da dran gestorben, der Schröder?“, wollte Micky wissen.
„Wieso gestorben? Der pennt doch nur.“
„Ey, was? Sag das noch mal.“ Ich dachte, ich hätte mich verhört.
„Der pennt. Hat einer aus unserm Club auch. Deswegen kann der nur mit jemandem im Sozius fahren, so von wegen Wegnicken bei der Fahrt.“
„Und ich sach noch, lass bloß keinen Bassisten den Puls fühlen, die ham doch eh nur Hornhaut anne Pfoten, da kommt niiix durch. Total frigide, die Typen!“, philosophierte Pavarotti.
„Dann fühl´ doch demnächst selber, du Blödmann!“, gab Teschke zurück.
„Und wie kriegen wir den jetzt wach?“, wollte ich wissen.
„Gib mal ´n Feuerzeug!“, meinte Kurt.
„Ey, was haste vor?“
„Jetzt mach dir ma nich inne Kutte, Wuttke, der Kurt röstet dem Schröder ´n bissi die Flosse und dann wachter auf“, gab Pavarotti von sich.
„Scheiße, is´ das abgefahren!“, brüllte Micky eine von seinen zwei Perlen an.


Der fette Schröder saß mit einem Mal kerzengrade auf der versifften Couch.
„Willkommen zurück!“, sagte Teschke.
„Scheiße, is´ das abgefahren!“, brüllte Micky die andere Perle an.
„Ey, Leute, alle mal herhören!“, sagte ich. „Da machen wir ´n Song draus!“
„Coole Idee“, kam es aus einer Ecke, wo Beckmann grade damit beschäftigt war, Dämmmatten von der Wand zu lösen und dahinter zu glotzen. „Aber dann verschwinden alle, die nicht zur Band gehören, jetzt mal an die Frische, ja?“

Als die anderen wieder zurück waren, stand der Song. Steffi meinte: „Ihr grinst so debil wie diese beschissene Band of Joy von dem Zeppelin Macker!“

Phil Lynott hat der Legende nach „The Boys are back in town“ in 30 Minuten geschrieben. Wir brauchten 25 für „Narcoleptic Sleep“. Dafür klang unser Song aber auch richtig scheiße.

Nachdem wir das Teil zum zehnten Mal in dieser Nacht runtergerotzt hatten, sagte ich zu Schröder: „Ich freu´ mich echt total, dass du noch lebst!“, während eine von Mickys Perlen an ihm rumfummelte.
„Yepp!“, rülpste er. „Aber der nächste Song wird härter, schneller und melodiöser!“



In Memoriam Joachim Schröder 1968 – 2004 R.I.P.

Letzte Aktualisierung: 27.12.2010 - 15.18 Uhr
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