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Freude | Dezember 2010
Augenblick der Freude
von Jens Ritter

„Bitte desinfizieren Sie zum Schutz Ihrer Angehörigen und zum Selbstschutz Ihre Hände!“

Meine klinisch reine Hand betätigt den Klingelknopf. Eine Schwester öffnet mir die Tür. „Hallo! Ihre Mutter sitzt im Gemeinschaftsraum, in ihrem Sessel.“ In ihrem Sessel! Du hast keinen eigenen Sessel mehr, seitdem deine Wohnung unter deinem Hintern weggebrannt ist. Man fand dich völlig verwirrt auf der Straße. Du standest einfach nur da und schautest in die Flammen. Nun bist du hier, in einem Pflegeheim für Demenzkranke und bringst kein einziges Wort mehr über die Lippen.
Was der Alkohol und ich nicht geschafft haben, das hat diese Krankheit, dieser Brand geschafft, dich mundtot gemacht. Du warst schon lange nicht mehr ganz klar im Kopf, stelltest immer wieder dieselben Fragen und begannst immer mehr von dem zu vergessen, was einmal gewesen war. Schnell hattest du Ella vergessen, weil sie nicht mehr da war und später auch mich. Dein ganzes Leben schien dir abhanden gekommen zu sein. Die Ärzte sagten, dass du noch sehr jung bist für eine Demenz. Ist es wirklich nur eine Demenz?
Nun sitzt du hier, schaust mich fragend an und findest doch keine Antwort. Ich bin es, deine Tochter. Du weißt es einfach nicht mehr, obwohl ich es dir immer wieder sage. Vor einem Jahr hättest du es noch abgestritten, hättest gesagt, dass dies eine Lüge ist, doch es ist die Wahrheit. Du hattest zwei Töchter und jetzt nur noch mich.
Es scheint für dich keine Worte mehr zu geben, die sagen, aussprechen, was du gerade denkst und so spreche nur ich.
„Den Pullover und die Hose hattest du schon letzte Woche an. Ich hoffe, dass sie zwischendurch eine Waschmaschine gesehen haben?“ Von dir ist keine Antwort zu erwarten und kein Personal ist in der Nähe, um mir meine Hoffnung zu bestätigen. Mein Blick fällt auf deine Schuhe. „Deine Fersen haben wieder ganze Arbeit geleistet, die Schuhe hinten völlig runter gelatscht.“ Das Personal hat es vermutlich aufgegeben, es immer wieder zu richten. Ich knie mich vor dich, hebe deinen Fuß, löse den Schuh, um ihn dir danach wieder richtig anzuziehen. „Gut so?“ Nun noch der Andere. Du beobachtest alles genau, jede meiner Bewegungen. Sie scheinen eine deiner Fragen zu beantworten, denn plötzlich erhellt sich dein Gesicht, zaubert ein Lächeln über deine Lippen. Ein Pfleger kommt auf uns zu. „ Na, Frau Böttcher! Da freuen Sie sich, dass Ihre Tochter da ist.“ Ich schließe mich der Meinung des Pflegers an, obwohl ich nicht sicher bin, dass es so ist. Er verlässt uns wieder, geht auf einen anderen Bewohner zu. Mit ihm verschwindet auch dein Lächeln, genauso plötzlich wie es gekommen war und macht den Platz wieder frei für jede Menge neuer Fragen.
Wir schweigen uns an und mich überkommt ein Gefühl der Hilflosigkeit. Was soll ich auch mit dir reden? Über mich oder Ella, die schwere Zeit die wir miteinander hatten, ohne Vater, ohne ein glückliches Familienleben? Am Anfang hattest du noch versucht, nicht unterzugehen, doch irgendwann gabst du es auf und ertrankst deinen Kummer im Alkohol.
Immer wieder versuchst du aufzustehen, vor mir zu fliehen, weil ich dir fremd bin und lässt es doch dann sein. Wohin solltest du auch gehen? Der Rhythmus dieser Station bestimmt über dein Leben, was du tust und wann.
Für mich wird es langsam wieder Zeit, ich sollte jetzt gehen. „Tschüss Mama! Bis nächste Woche“, und so lasse ich dich wieder hier zurück. Einen Moment beobachte ich dich noch aus der Ferne. Der Pfleger kommt auf dich zu, spricht dich an, führt dich an den Esstisch. Ohne Widerstand gehst du mit ihm mit.
„Auf Wiedersehen!“, ruft mir die Schwester hinterher, als ich die Tür gerade schließe. Ich nicke nur zurück. Zwei Spritzer Desinfektion auf meine Hände, verreiben und alles bleibt hier zurück. Nur eines nehme ich mit. Deinen kurzen Augenblick der Freude.

Letzte Aktualisierung: 19.12.2010 - 00.12 Uhr
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