Der Tod aus der Teekiste
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Freude | Dezember 2010
Das muss ich Lotti erzählen
von Till Kurbjuweit

Hildegard stand hinter der Wohnzimmergardine und schaute hinaus auf den Bürgersteig. Es war kurz nach zehn. Gleich würde der Briefträger kommen. Nach dem konnte man die Uhr stellen, wer weiß, wie er das machte. Aber natürlich würde er wieder vorbei gehen und Hildegard würde, wie jeden Tag, versuchen, ganz normal weiter zu machen mit ihrer Hausarbeit. Keinen Schmerz zu spüren, die Sehnsucht nicht hochkommen zu lassen, nicht traurig zu sein.

Immer wieder hatte sie beschlossen, dem Briefträger nicht aufzulauern. Dieses Auflauern war immer ein Akt der Hoffnung. Vielleicht heute ...? Und das einzige, was Tag für Tag dabei heraus kam, war dieser Enttäuschungsschmerz, der das Herz so zuschnürte wie ein eisernes Band. Das könnte sie sich doch ersparen. Und dennoch stand sie wieder hier und sah ihn kommen und versuchte nicht zu hoffen. Klar, er würde vorbei gehen, wie immer und es würde sein wie immer und das Leben würde weitergehen und sie würde ihr Kind lieben und pflegen und ihm nichts von seinem Vater erzählen.

Sechs Wochen war es her, dass der Briefträger zuletzt bei ihr geklingelt hatte. Ein Feldpostbrief. Himmel, ein Feldpostbrief. Ihre Gefühle hatten sich so überschlagen, Freude hatte Liebessehnsucht, Schmerz über die Abwesenheit unter sich begraben und triumphiert. Sie hatte Herzstiche bekommen, die erst aufgehört hatten, nachdem sich ihr Gefühlswirrwar in einer Flut von Tränen aufgelöst hatte.

Da kam er. Herr Plauschineit hieß er. Der war schon in Pension gewesen, aber als die jungen Leute alle in den Krieg mussten, hatte man ihn wieder in den Dienst geholt. Und er versah ihn gerne, auch jetzt im Winter, die Kälte schien ihm nichts auszumachen. Und er hatte immer ein paar nette Worte. Hildegard trat einen Schritt zurück. Er sollte sie nicht hinter der Gardine stehen sehen. Es musste niemand wissen, wie sehr sie wartete. Da ging er vorb... Nein, mein Gott, er bog nach links ab in Richtung Haustür. Und da konnte sie ihn nicht mehr sehen, weil er zu nah war. Und schon klingelte es.

Hildegard atmete tief durch. Sie zwang sich, nicht zur Tür zu rennen und sie aufzureißen. Dennoch war sie schnell dort. Herr Plauschineit strahlte. „Junge Frau, da ist er.“ Er hielt ihr den Brief am langgestreckten Arm entgegen und freute sich sichtlich, Freude zu bereiten. „Heute wird gefeiert, was? Vielleicht machen Sie sich einen Glühwein.“ Und schon war er weiter gegangen, indem er in seiner großen Umhängetasche wühlte.

Schnell war Hildegard in der Küche, hatte das Brotmesser aus der Schublade gefischt und versuchte, die Spitze vorsichtig in die winzige Öffnung einzuführen, die beim Zukleben des Briefes an einer Seite geblieben war. Aber sie war so aufgeregt, ihre Hände zitterten und sie brauchte drei Versuche, bis die Messerspitze steckte und sie anfangen konnte, das Kuvert aufzuschlitzen.
Endlich saß sie am Küchentisch, den auseinandergefalteten Brief vor sich.

„St.-Jean-de-Luz, 1. Dezember 1941

Liebe Hildegard,
Ich habe mich sehr über deinen Brief gefreut. Jede Nachricht aus der Heimat ist etwas Wunderbares, aber jedes Wort von Dir der Himmel. Die größte Freude war, wie du dir denken kannst, das Photo von unserem kleinen Helmut. Er schaut so selbstsicher in die Welt und Du so glücklich.
Wir hatten hier in den letzten Wochen eine Menge Scherereien mit der Résistance und manch unruhige Nacht. Doch jetzt ist es wieder ruhiger. Etwa ein Drittel unserer Leute hier darf zu Weihnachten in die Heimat fahren. Und jetzt halte dich fest: ich bin einer von ihnen. Ich habe schon meinen Urlaubschein und meine Fahrkarte für den SFR. Wenn alles nach Plan verläuft, werde ich am zwanzigsten oder einundzwanzigsten zuhause eintreffen.“

Bis hierher hatte Hildegard ihre aufwallenden Gefühle im Zaum halten können. Jetzt sprang sie vom Stuhl auf und rief: „Mein Gott, mein Gott!“, und dann kam die Tränenflut und die Schluchzer, Freudenschluchzer, so heftig, dass sie nach Luft ringen musste. „Er kommt! Er kommt!“, rief sie und rannte dabei planlos in der Küche herum.
Am zwanzigsten oder einundzwanzigsten, mein Gott, das sind ja nur noch zehn Tage. Was waren zehn Tage für eine Frau, die seit eineinhalb Jahren ihren Mann nicht gesehen hatte?

Endlich beruhigte sie sich so weit, dass sie den Brief zu Ende lesen konnte.
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue, dich wieder zu sehen und endlich auch unseren Jungen.“
Doch, schluchzte Hildegard, doch, das kann ich.
„Ich denke, dass bei euch zuhause Schnee liegen wird. Hier am Atlantik ist es beinahe Frühlingswetter und es ist schwer, sich weihnachtliche Stimmung vorzustellen. Kaufe einen schönen großen Tannenbaum und rote Kerzen, so wie vor zwei Jahren. Diesmal werden wir mit dem Kind vor dem Baum sitzen, wunderbar.“

Sie wusste, dass sie diese wahnsinnige Freude nicht allein aushalten konnte. Und sie wusste auch gleich, wohin damit. Sie musste es Lotti erzählen. Lotti war die richtige. Lotti war ledig und wartete auf keinen Mann. Ihr konnte sie die freudige Nachricht mitteilen, ohne Schmerz auszulösen. Schnell packte sie ihr Kind dick eingemummelt in den Kinderwagen und zog los zur Straßenbahnhaltestelle. Lotti wohnte fünf Haltestellen entfernt. Als sie wieder nach Hause kam, hatte sich ihr Kopf entspannt, das Blut dröhnte nicht mehr so in den Schläfen. Lotti hatte sich so sehr mitgefreut, es war herrlich. Und Lotti hatte ihr fünf Päckchen Puddingpulver für den Kleinen eingepackt. Mit Freuden hatte sie dafür ihre Tabakmarken gegeben.

Dennoch konnte Hildegard in der ersten Nacht nicht schlafen. Sie war wie betrunken, Tagträume überfielen sie: Ihr Mann, der auf sie zu gerannt kommt und sie mit seinen starken Armen so wunderbar umarmt und küsst, ihr Mann, der sich zum ersten Mal über das Gitterbett beugt, in dem sein Sohn, ihr gemeinsamer Sohn, steht und den fremden Mann fragend anschaut.

Die folgenden Tage sahen eine beschwingte Hildegard, die ihre täglichen Pflichten summend und lächelnd versah, die ihrem Kind Weihnachtslieder vorsang und vom Papa erzählte, der bald kommen würde.
Noch vier Tage, noch drei Tage. Nun wurde ihr das Warten doch lang. Die Vorfreude, der sie nun freien Lauf gelassen hatte, begann schmerzhaft zu werden. Das Gemenge aus Sehnsucht und Freudentaumel ließ sie manchmal schwindelig werden, so dass sie sich setze musste, um Luft zu holen. Zwei Tage noch.
Am nächsten Morgen summte Hildegard wieder weihnachtliche Melodien, während sie im Wohnzimmer die roten Kerzen in die Kerzenhalter am Tannenbaum steckte. Jetzt war eigentlich Briefträgerzeit, aber seitdem sie die wunderbare, Freude bringende Nachricht erhalten hatte, hatte sie nicht wieder hinter der Gardine dem Herrn Plauschineit aufgelauert. Noch ein Brief würde nicht kommen. Er würde kommen. Er.
Es klingelte. Hildegard stutzte. Doch ein Brief? Sie legte die Kerzenschachtel auf den Teewagen und ging zur Wohnungstür. Sie öffnete – und erstarrte. Es war nicht Herr Plauschineit. Ein Wehrmachtsoffizier im Wintermantel stand kerzengerade vor ihr und blickte sehr ernst. „Nein“ schrie Hildegards Mund lautlos. Nein, schrie ihr Herz, das in Sekundenschnelle von einem Eismantel umgeben war.

Letzte Aktualisierung: 27.08.2016 - 13.23 Uhr
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