Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Freude | Dezember 2010
Der Sitzstreik
von Hartmut Köhler

Der Himmel über der Insel klarte auf, als Betriebsdirektor Kuhrt den kleinen Salonwagen der Sylter-Ostbahn betrat. Die Sonne drückte ihre Strahlen durch die Wolken und brachte leichte Wärme mit. Der Frühling sendete dem Besuch aus Flensburg einen freundlichen Tag. Eine Stunde vorher hatte der Bahnvorsteher Bohn seinen Chef vor dem Munkmarscher Fährhaus empfangen. Zu dritt, mit dem Direktionssekretär Korben im Schlepp, hatte man die Reparaturen am Wartesaal inspiziert und wollte nun nach Westerland fahren.
„Nun, Bohn, was liegt heute noch an?“, fragte Kuhrt.
Er setzte seine Brille und den Hut ab, während der Bahnvorsteher ein gefaltetes Papier aus der Brusttasche seiner Jacke zog.
„In Westerland kann sich der Herr Direktor vom Fortschritt am Bau des Lokomotivschuppens überzeugen und am Abend erwartet uns der Ortsvorstand von Westerland im Conversationshaus.“
Der Bahnvorsteher faltete den Zettel wieder zusammen und steckte ihn nun in ein graues Notizbuch, das bisher zwischen den Köpfen seiner Jacke gesteckt hatte.
Sekretär Korben hatte den Worten gelauscht und räusperte er sich.
„Da fehlt mir doch ein Punkt, Herr Bohn“, sagte er. „Sollte nicht auch die Beschwerde des Hennerk Simonson behandelt werden?“
Der Vorsteher wippte auf seinen Hacken und schüttelte den Kopf.
„Die Beschwerde wurde von Simonson heute Morgen zurück genommen“, grinste Bohn. „Dann ist er, sehr früh muss ich sagen, auf Dienst gegangen.“
Direktor Kuhrt mischte sich ein.
„Ist dieser Simonson nicht unser Streckenläufer?“
„Jawohl, Herr Direktor.“
„Was führte er für eine Beschwerde an?“, fragte Kuhrt neugierig.
„Er will Hochzeit halten und sagte, dass sein Lohn für eine Feier nicht reicht.“
„Hochzeit? So, so“, murmelte Kuhrt. „So ist er noch jung? Ich kenne ihn nicht.“
Bohn strich sich über seinen Schnauzbart.
„Er geht auf die Vierzig zu und wurde von meinem Vorgänger eingestellt. Und nun will er ein junges Ding heiraten.“ Der Vorsteher kam näher an seinen Chef heran. „Mit Verlaub, Herr Direktor, von beiden weiß man, dass sie ein wenig dumm im Kopf sind.“
„Ein einfältiger Streckenläufer?“, stutzte Basilius Korben. „Das kann doch nicht angehen, bei solch einem wichtigen Posten.“
„Oh“, machte der Vorsteher und wedelte beruhigend mit der Hand, „seine Arbeit versteht er, obwohl er nie eine Schule von innen gesehen hat.“
Kuhrt kürzte die Sache ab.
„Er hat seine Beschwerde also zurück genommen“, sagte er. „Damit ist es für nun genug. Lassen wir ihm zur Hochzeit meinen Glückwunsch und einen Fresskorb zukommen.“
Pünktlich zog die Lok an und ließ bald den Mumkmarscher Hafen und den Ort hinter sich. Schnell fanden die drei Männer sich in einem Gespräch wieder und Bohn servierte sogar einen Schnaps.
Auf halber Strecke nach Westerland nahm die Geselligkeit aber ein jähes Ende. Der Lokführer gab mehrfache Signale und bremste dann abrupt Der Zug kam, begleitet von kreischenden Geräuschen, zum Stehen.
„Was zum Teufel …?“, grollte Kuhrt.
Bohn zuckte mit den Schultern, eilte aber zum Ausgang des Wagens und kletterte auf den Bahndamm hinunter. Kuhrt und der Sekretär, die ihm folgten, hörten ihn bald lauthals schimpfen. Und das Bild, was sich ihnen kurz darauf bot, konnte bizarrer nicht sein.
Ein nackter Mann saß zehn Meter vor der Lokomotive zwischen den Schienen und seine Kleider lagen auf einem Haufen, neben dem Gleis. Zwischen den Beinen bedeckte nur ein Strauch die endliche Blöße des Mannes.
„Wer ist dieser Kerl?“, fragte Korben mit angewidertem Blick.
„Unser Streckenläufer“, gab Bohn an und blickte in den Himmel, denn den nackten Simonson wollte er nicht ansehen.
Kuhrt drängte sich zwischen seine beiden Mitarbeiter hindurch und baute sich vor dem Nackten auf.
„Was machst du da, Kerl?“, fragte er mit grollendem Ton. „Steh sofort auf!“
Simonsen sagte nichts, lächelte nur.
„Hat dir irgendetwas den Verstand oder die Sprache genommen? Antworte!“
Mit seinem lächelnden Gesicht sah Simonsen auf.
„Der Herr Rat kennt mich, oder?“
„Ich bin Betriebsdirektor Kuhrt. Und ich weiß, dass du unser Streckenläufer bist. Was soll dieses nackige Theater?“
Simonson zuckte mit den nackten Schultern.
„Der Herr Rat hat meinen Gesprächswunsch abgelehnt. Deshalb sitze ich hier.“
„Abgelehnt? Mann, du selbst hast das Gespräch nicht mehr gewollt.“
„Wer sagt das?“
„Dein Vorsteher.“
Kuhrt drehte sich um und sah wie Bohn langsam drei Schritte zurück wich.
„Was ist hier los?“, brüllte der Direktor.
Der Vorsteher und Korben zuckten zusammen, doch Simonson lächelte weiter.
„Herr Bohn hat gestern meine Bitte abgelehnt, weil Sie, Herr Rat, so sagte er, keine Zeit haben.“
„Verdammt!“, fluchte Kuhrt. „Kommen Sie hier heran Bohn und erklären Sie das!“
„Ich wollte dem Herrn Direktor eine Unnützlichkeit vermeiden.“
„Sie wollten was?“, fragte Kuhrt und sein Blick verdunkelte sich. „Ich sehe hier eher, dass Sie mir als Vormund vorweg gelaufen sind.“
„Ich …“
„Schweigen Sie besser!“, riet Kuhrt und sah wieder den nackten Streckenläufer an. Er atmete dreimal tief durch – was ihm schon immer bei plötzlicher Aufregung geholfen hatte - und vermied nun auch das einfache Du. „Sie wollten mich sprechen? Es ging um einen besseren Lohn, wie ich hörte.“
Simonson sah, an dem Direktor vorbei, Bohn an.
„Sagt er das?“
„Ja! Ist es nicht so?“
„Nein“, antwortete der Streckenläufer, „darum ging es mir nicht.“
„Was war dann das Anliegen?“
Simonson zeigte auf den Stapel Kleider neben dem Gleis.
„Das dort ist fast meine einzige Habe, Herr Rat. Eine Hose, zwei Schuhe, eine alte Uhr. In meiner Kate habe ich noch eine zweite Hose und ein zweites Hemd.“
Kuhrt nickte, sein Blick jedoch schien verwirrt.
„Gut. Aber was hat das mit der Sylter-Ostbahn zu tun?“
Der Streckenläufer holte tief Luft.
„Als ich bei meinem Vorgesetzten, dem Herrn Vorsteher, war, bat ich ihn darum, dass ich für die Arbeit Kleidung erhielte. Wissen Sie, Herr Rat, ich lebe bescheiden und mein Lohn reicht für Essen und Trinken. Doch wenn ich nun heirate, muss ich mit den verschlissenen Hemden vor den Altar treten. Eine Jacke habe ich nicht, im Winter gehe ich mit einer Decke um die Schultern vor die Tür. Sie, als mein Dienstherr, sollen mir genehmigen, dass ich, als Streckenläufer der Sylter Bahn, so vor den Altar treten darf.“
„Ich verstehe“, sagte Kuhrt nach einer kurzen Denkpause. „Also brauchen Sie doch mehr Lohn.“
„Nein.“
„Was dann?“
Simonson seufzte.
„Sehen Sie, Herr Rat, ich mag diese Arbeit. Ich glaube, dass sie wichtig ist. Nein, nein. Mehr Lohn möchte ich nicht verlangen. Das sagte ich auch dem Herrn Vorsteher.“
„Und was sagte er?“
„Kennen Sie das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern?“
„Ja! Wieso?“
„Genau das sagte er, der Herr Vorsteher: Kennst du das Märchen? Von des Kaisers neuen Kleidern? Geh doch nackt zum Altar, dann weiß deine Liebste was sie bekommt und dem Herrgott ist es egal, sah er doch schon Adam nackt.“
„Bitte?“
„So sagte er mir. Deshalb bin ich nun hier, um von Ihnen, Herr Rat, zu erfragen, ob ich nackt vor dem Altar treten kann.“
Hennerk Simonson stand auf und der Strauch fiel zu Boden.
„Mein Gott, bedecken Sie sich.“ Der Direktor kratzte sich am Kopf. „Ich weiß aber trotzdem nicht, was Sie wollen. Es gibt für jeden Arbeiter Kleidergeld. Damit sollte es recht sein.“
Als der Direktor sich nun umsah, erkannte er eine seltsame Röte im Gesicht des Bahnvorstehers Bohn.
„Ich habe doch Recht, oder?“
„Äh“, kam es über Bohns Lippen. „Simonson bekommt den Zuschlag nicht.“
Nun drehte sich auch der Sekretär Korben um. Er kannte alle Vorschriften auswendig und legte die Stirn kraus.
„Die Dienstanweisungen nehmen die Streckenläufer nicht aus.“
„Das ist schon richtig“, sagte Bohn leise. „Aber der Vertrag mit dem Arbeiter Simonson lautet anders.“
Korben kratzte sich mit seinem Bleistift hinter dem Ohr.
„Das verstehe ich nicht, denn diese Klausel steht in jedem Vertrag.“
„Nicht in seinem!“
Kuhrt platzte jetzt der Kragen und nach drei kurzen Schritten stand er Nase an Nase vor dem Vorsteher.
„Sagen Sie mir sofort, was Sie damit meinen!“
Bohn suchte nach Worten.
„In seinem Vertrag ist diese Klausel gestrichen worden und das Geld geht schon immer an das Bahnhofsbüro.“
„Also in die Tasche des Vorstehers? In Ihre Tasche?“ Kuhrt schnaufte. „Habe ich Recht?“ Er drehte sich wieder zu dem nackten Simonson um. „Sie bekommen Ihr Geld. Dann können Sie in neuen Kleidern heiraten.“
„Ich heirate schon morgen.“
Kuhrt warf erneut einen wütenden Blick auf Bohn. Der Vorsteher stand mit hängenden Schultern neben der Lok.
„Gehen Sie mir aus den Augen“, zischte Kuhrt.
Der Vorsteher drehte sich um und begann schnellen Schrittes zu gehen, doch Sekretär Korben hielt ihn auf.
Der Sekretär flüsterte dem Direktor der Sylter Bahn etwas ins Ohr. Dieser grübelte kurz, lächelte dann und nickte.
„Simonson“, sprach er dann den Streckenläufer an. „Ich kann nicht erlauben, dass Sie nackt heiraten, sondern in einer Bahnuniform.“
„Habe ich nicht.“
„Ja“, sagte Kuhrt. „Doch wenn ich eine für Sie hätte? Auch wenn diese Uniform eine Nummer zu groß wäre? Ich meine, Ärmel kann man umkrempeln und Hosenbeine nach innen umschlagen.“
Hennerk Simonsons Körper reckte sich selbstbewusst.
„Oh, ich wäre so froh und stolz. Und meine Braut würde sicher voller Freude neben mir stehen.“
Kuhrt gab seinem Sekretär ein Zeichen und Korben befahl laut: „Bohn, ziehen Sie Jacke und Hose aus. Legen Sie alles auf den Boden, sorgfältig gefaltet. Und Ihre Mütze legen Sie obenauf.“
Der Vorsteher sah den Sekretär verständnislos an und zögerte.
„Machen Sie schon“, bellte Korben. „Oder soll Ihnen der Lokführer helfen? Kräftig genug scheint er mir.“
Langsam verstand Bohn und noch langsamer zog er sich die Uniform aus, legte sie auf den Boden. In Schuhen und Socken neben der Lok stehend, versuchte er sich mit Armen und Händen zu bedecken.
„Warum so verschämt, Bohn?“, fragte Kuhrt. „Erwarteten Sie doch von dem Streckenläufer, er solle nackt heiraten? Nun reichen Sie Simonson Ihre Uniform und dann dürfen Sie ganz kaiserlich nach Westerland fahren. Sogar vorne auf der Lokomotive.“

Letzte Aktualisierung: 16.12.2010 - 17.51 Uhr
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