Ganz schön bissig ...
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Wasser | Januar 2011
Hunde, wollt ihr ewig leben?
von Hajo Nitschke

Nur Verrückte betreten das Haus Emmaus freiwillig. Ich bin so eine Verrückte: ich arbeite dort.

“… und musste ich feststellen, dass einige noch nach 21.00 Uhr ihre Fernsehgeräte eingeschaltet hatten. Liebe Freunde, das ist nicht der Weg, Energie zu sparen und unsere Umwelt zu schonen. Ich möchte nochmals mit allem Nachdruck …“

Das ist Karlchen, unser Sparkommissar. Natürlich reden wir den Heimleiter Karl Süßmund respektvoller an, aber insgeheim ist er das Karlchen. Ein Sonnenschein – wie er glaubt. Personal und Senioren denken anders, hören aber pflichtschuldig zu.
Mein Blick verharrt bei der stillen Idyllik des alten Ewald Vonderstück. Eigentlich eine Sitzgruppe, bestehend aus ihm und seinem vergreisten Labrador-Senn-Mix. Dieser liegt, einem schlafenden Plüschbären gleich, auf Vonderstücks Schoß, den weiß gefleckten Zottelkopf auf den Vorderläufen: Eine anrührende Pietà im Vortragssaal des Altenheims. Diesmal zucken die Läufe nicht wie sonst, wenn Männe träumt.

“Wir müssen lernen, über den Tag hinauszudenken, Freunde. Weg vom Überfluss, auch im Haus Emmaus. Wie viele Reste gehen an die Küche zurück, nicht wahr? In anderen Ländern verhungern Kinder! Einschränkung wäre ein Zeichen der Solidarität … Ich habe der Küche Anweisung gegeben, die Kalorien des Mittagsessens etwas …“

Hund und Herrchen wohnen auf meiner Etage. Ein köstliches Gespann. Weiß der Himmel, wer von beiden der Ältere ist, irgendwie leben beide nur noch aus Gewohnheit. Schleppen sich zäh dahin, zerknittert und verfaltet, aber unverdrossen. Und freundlich, selbst der Hund.
Sie haben die Inventur ihres Daseins abgeschlossen und sich im Geäst des Heimalltags behaglich eingerichtet.
Ins Seniorenstift dürfen die nicht Pflegebedürftigen ihre Haustiere mitnehmen, sofern gut dafür gezahlt wird. Wir haben auf meiner Etage eine Alten-WG und lassen so viel Selbständigkeit als möglich zu. Es könnte eigentlich alles bestens sein, wenn nur Karlchen nicht wäre. Dieser lebende Spartick! Dieses Sendungsbewusstsein: Energie sparen, Umwelt retten, Ressourcen ökonomisch nutzen, an die Armen und Hungernden denken … Karlchen, Prophet des Klimawandels, schneidiger Apologet der Selbstdisziplin, Messias der Armen …

Und doch ein Arsch!
„Schwester Frieda“, sagte er gestern Abend zu mir, „ich erwarte von meinen Leuten strikten Gehorsam. Sorgen Sie dafür, dass alle parieren, ja? Bei Zuwiderhandlung Meldung an mich. … Und der verlauste Köter auf Ihrer Etage – Besitzer ist der Vonderstück –: Ich habe festgestellt, dass das kleine Biest ein defektes Wasserwerk auf vier Dreckspfoten ist. Ständig muss ihm hinterhergewischt werden, aber er säuft wie ein Loch. Ich dulde diese Verschwendung von Wasser und Personalaufwand nicht länger. Morgen früh wird der Veterinär kommen. Mit einer Spritze, Frieda. Stellen Sie gefälligst den Vonderstück ruhig!“
Widerlicher Mensch, in dessen Seele höchstens elektrisches Licht brennt, wenn überhaupt.

… und habe, Ihr Einverständnis voraussetzend, bereits zehn Prozent Ihrer Einlagen oder Ihrer Taschengelder einem Sonderkonto ‚Umwelt’ zugeführt … Ruhe, Ruuuhe bitte! ... Danke. Wer will, kann unser Haus jederzeit verlassen. Ich kann den Unmut verstehen, aber wir können so nicht weitermachen. Müssen umdenken. Fleisch nur sonntags, Schluss mit den Brötchen, und Kaffee brauchen wir auch nicht. Einfaches Leitungswasser löscht den Durst genauso – solange wir es noch besitzen. Sie glauben gar nicht, wie viel Liter Wasser für die Erzeugung Ihrer Tasse Kaffee mit Würfelzucker nötig sind. – Selbstbeschränkung, die schwerste der Kardinaltugenden! Aber wir werden das schaffen. Wir gemeinsam. Ab heute ist der heilige Wettstreit eröffnet, wer im Hause Emmaus die größte Energie-Effizienz aufweist. Wissen Sie, liebe Freunde, was ‚Erden’ sind?“

Ich weiß es mittlerweile: ‚Erde’ ist die aus vielen Faktoren zusammengesetzte Maßeinheit für den klima- und umwelteffizienten Grundumsatz eines Menschen. Der Amerikaner verbraucht pro Jahr fünf Erden, der Deutsche zwei, und da wir nur eine Erde haben, muss das Haus Emmaus das alles ausgleichen. Manchmal denke ich, Karlchen ist wahnsinnig geworden, so, wie der den apokalyptischen Fliehkräften nachgibt. Ein Botschafter des Leitungswassers, ein Fanatiker, der nur noch Wasser predigt.

Der kleine Männe ist mir lieb geworden. Hat zwar seine eigene Maßeinheit, aber man kann sich kein lieberes Tier vorstellen. Diese alten, wissenden Augen! Die Freude bei jeder Begegnung. Nicht Karlchen, sondern Männe ist der Sonnenschein. Streicheleinheiten sind da unausweichlich, und sie hinterlassen ein Lächeln im eigenen Gesicht. Jeder, außer Karlchen, hat den Wuschelkopf ins Herz geschlossen. Wenn nur besagte „Maßeinheit“ nicht wäre! Männe ist wirklich ein Wassertank auf Beinen, leider einer mit ständiger Leckage. Herr Vonderstück sagt, das sei dem Hund schon im Welpenalter so gegangen, er habe die ganze Wohnung seines damaligen Herrn bewässert. Im Alter habe sich die Undichtigkeit wieder eingestellt. Was früher die Wohnung war, ist jetzt also eine ganze Etage im Seniorenstift. Aber auch sämtliche Büsche und Bäume im Park, nur dass Männe das Indoorpinkeln bevorzugt.

“An dieser Stelle, liebe Mitbewohner, noch etwas zum Fahrtendienst. Aus Gründen der Umweltschonung wird er gestrichen. Wir haben die Verantwortung für eine saubere Natur. Sie werden sich daran gewöhnen. Ein Rundgang durch unsere Parkanlagen kann auch etwas Schönes sein und vermeidet den Ausstoß von Kohlendioxid.“

Die Spuren von Männes Sprinkleranlage sind nichts im Vergleich zur viermal am Tag stattfindenden Hauptdarbietung. Die letzte abends vor dem Schlafengehen, in Herrn Vonderstücks Nasszelle. Es ist schier unglaublich, welche Wassermassen dort niederrauschen. Sorge vor einem Feuer brauchen wir nicht zu haben, denn wir haben Männe: Feuerwehr überflüssig. Ich hab die beiden gestern Abend besucht, war dabei, als Männe aufstand, um sich seinem Wasserumsatz hinzugeben. ‚Niagarafälle’, sag ich nur. Und Männe ist als Wasserwerfer ein Naturphänomen, gegen jede medizinisch-geriatrische Logik. Man sollte ihn zum Unesco-Weltkulturerbe ausrufen. Stattdessen hatte er gänzlich unausgezeichnet seine letzte Nacht vor sich.

Der alte Notar ist Prostatiker, die beiden haben sich auch wassermäßig aneinander gewöhnt. Er ist Männes liebevoller Besitzer, Streichler und Fütterer, Männe dankt es ihm mit Hilfestellung beim Wasserlassen. Ein Bild für die Götter gestern! Ich erlebte den modus operandi durch die Tür mit, die Herr Vonderstück weit aufgelassen hatte. Ein Zweibeiner vor seinem Klosettbecken, stöhnend, erfolglos, und in der Duschkabine daneben ein Vierbeiner, der mit fast spiritueller Aufmerksamkeit sein Motto ‚Wasser marsch!’ umsetzte. Akustisch derart animiert, marschierte es nun auch in die WC-Öffnung. Erst langsam, dann aber sehr zufrieden stellend, bis Herr und Hund in kongenialer Annäherung gleichermaßen erleichtert und mit einem zweistimmigen Aufseufzen die Toilette verließen. Von dem Veterinärsbesuch wagte ich nicht zu berichten.

Dann war es soweit. Ich werde den Ablauf nie vergessen: Der Tierarzt stellte bei Männe heute Morgen neben einigen anderen Leiden Krebs fest und zog „auf Anordnnng“ traurig die letale Spritze auf. Ewald Vonderstück saß wimmernd im Sessel, rang die knotigen, altersfleckigen Hände und verrenkte sich den Hals, um hinter dem Rücken des Todspritzers einen letzten Blick auf den treuen Begleiter zu werfen. Ein langer Weg des Tieres sollte zu Ende gehen, Herr Vonderstück hatte mir einige Etappen aufgezählt.

Als die Erstbesitzerin verstarb, war Männe in die Hände eines Beamten gewechselt, der unter tragischen Umständen ums Leben kam. Dessen Haushälterin nahm ihn auf, und als diese starb, gab es niemanden mehr, der sich um das Tier hätte kümmern können. Die Familie war verstreut, einige lebten nicht mehr, und es war auch kein Geld mehr da für ein Hundeasyl. So hatte sich dann der Ruheständler, ein Freund der Familie, des Tieres angenommen, aber jetzt sollte es ein Ende haben.

Das Valium wirkte bei Ewald nur langsam, und die Spritze hatte immer noch keine Wirkung bei Männe gezeigt, als dieser sich plötzlich erhob. Was heißt ‚erhob’? Er stemmte die Hinterläufe mühselig wie ein Dreizehenfaultier auf den Boden, dann folgten in Zeitlupe die Vorderläufe, zuletzt schaffte er es, seine stützende Schnauze vom Teppich zu lösen und sich zitternd zu einem Gesamtbild des Elends in Positur zu stellen. Doch das Zittern verschwand, die Haltung wurde fester, der Blick klarer, und Männe trottete durch die wie immer offene Toilettentür, um – ja, wahrhaftig, um wie immer der Welt seine gesammelten Wasservorräte zu schenken! Wir standen wie vom Donner gerührt, als das Tier zufrieden und würdevoll wie Deus ex Machina zurückkehrte und erst dem Veterinär, dann Herrn Vonderstück schwanzwedelnd die Hand leckte. So etwas habe er noch nie erlebt, meinte der Tierarzt. Ich auch nicht.

“… und damit möchte ich diesen Abend beenden und Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit danken. Schon die alten Griechen wussten, dass Selbstbeschränkung die höchste Tugend ist. Eifern wir ihnen nach, liebe Freunde! Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Abend – und vergessen Sie nicht: Um 21.00 Uhr das Fernsehen aus und um 22.00 Uhr das Licht!“

Die Hausbewohner strömen murmelnd aus dem Saal. Ewald Vonderstück drückt mir die Hand, Männe schenkt mir einen verschlafenen, aber reizenden Hundeblick, so dass ich nicht anders kann, als ihm den Kopf zu streicheln. Karlchen schaut mich wütend an. Er weiß nichts davon, dass ich mich während seines Vortrags in seinem Büro zu schaffen machte, in welches er sich nun begibt. Er wird wie immer seinen Château Latour trinken. In Maßen natürlich, denn der kostet ein Vermögen. Sein Chauffeur wird mit dem vollgetankten Chevrolet in einer Stunde vor dem Haus warten: Zeit genug für einen guten Schluck. Karlchen wird es kaum merken, dass der Wein heute Abend und die nächsten Tage ein wenig nach Wasser schmecken wird. Nach einem ganz besonderen.

Letzte Aktualisierung: 11.01.2011 - 13.06 Uhr
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