Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Ingo Pietsch IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Wasser | Januar 2011
Auge um Auge
von Ingo Pietsch

Der Fremde betrat den Saloon und schritt zielstrebig auf die Theke zu.
Niemand interessierte sich für den Unbekannten. Durchreisende waren hier keine Seltenheit.
Es wurde weiter Karten gespielt, lautstark geredet und auch der Pianospieler machte keine Pause.
Hier drinnen war es kaum kühler als in der prallen Sonne.
Mit seiner wettergegerbten Kleidung unterschied sich der Fremde kaum von den Einheimischen.
Einzig der knöchellange helle Ledermantel wirkte bei dem Wetter etwas ungewöhnlich.
Der Reisende machte es sich auf einem Barhocker bequem und nahm seinen Hut ab.
Der Barkeeper trocknete ein Glas ab und fragte dabei: „Was darf es sein Fremder?“
Mit durchdringendem Blick und rauer Stimme antwortete er: „Einen Whiskey.“
„Wie ist es mit der Bezahlung? Nicht alle Gäste schaffen es noch ihre Schulden zu begleichen, ehe sie mit den Füßen voran nach draußen getragen werden.“ Der Barkeeper blickte einmal in die Runde.
Der Fremde griff in seine Manteltasche und zog einen Silberdollar hervor. Er knallte ihn mit der flachen Hand auf die Theke.
Ohne Eile stellte der Keeper ein Glas vor den Unbekannten und goss die bernsteinfarbene Flüssigkeit ein.
Nach einem kurzen Nippen sagte der Fremde: „Und ich hätte gerne ein Glas kaltes Wasser.“
Plötzlich herrschte Stille im Saloon. Kein Gerede mehr, kein Gläserklirren und sogar der Pianospieler hatte mit seinem Geklimper aufgehört.
Alle starrten zur Theke. Jeder wusste, dass sich unter dem Schankraum ein in den Fels getriebener Lagerraum befand. Dort stand immer ein Fass mit klarem Wasser, das durch das Gestein schön kühl gehalten wurde. Es konnte nur für teures Geld erstanden werden, da das erfrischende Nass in dieser heißen Gegend gekühlt sehr selten war.
Der Barkeeper stützte sich auf seine Ellbogen und rieb einen Zeigefinger und Daumen gegeneinander.
Der Fremde streifte die linke Mantelseite zurück und entblößte dabei einen silbernen Revolver mit elfenbeinenem Griff. Daneben hing am Gürtel ein faustgroßer Beutel. Er löste und öffnete ihn. Dann zog er zwei kleine Goldnuggets heraus und legte sie neben das Whiskeyglas.
Der Barkeeper nahm sie und hielt sie gegen das Licht. Er nickte dem Fremden zu und machte Anstalten zur Bodenluke zu gehen.
Es war immer noch totenstill, als sich eine weitere Person an den Tresen gesellte:
Ein Mann, gerade dem Jugendalter entwachsen - ein flaumiger Schnurbart, strubbelige Haare und Aknenarben im Gesicht. Breitbeinig stellte er sich neben den Fremden und stemmte demonstrativ die Hände in die Hüften, knapp über den Griffen seiner Pistolen.
Leises Knarren und Quietschen von Stühlen, die aus der Nähe der Bar geschoben war zu vernehmen.
Auch der Barkeeper war stehengeblieben und hatte sich umgedreht.
Der Fremde saß weiterhin regungslos vor seinem Whiskeyglas, als würde er das provozierende Auftreten gar nicht bemerken.
„Hey Mister! Sie haben da einen schönen Revolver. So einen hätte ich auch gerne!“ , lispelte er und präsentierte seine viel zu großen Schneidezähne aus Gold in einem ungepflegten Gebiss.
„Und Ihren Beutel finde ich auch interessant.“
Der Unbekannte nippte an seinem Glas und verhielt sich weiterhin still.
Aufgebracht, nicht beachtet zu werden, sagte der junge Mann: „Wissen Sie eigentlich, warum ich in drei Bundesstaaten gesucht werde?“
Der Fremde antworte ihm, ohne ihn anzusehen: „Hast du dich vielleicht verlaufen oder jemanden zu tode qequatscht?“
Verhaltenes Gelächter schallte durch den Raum. Der Barkeeper ging langsam rückwärts, um sich in Sicherheit zu bringen.
Dem jungen Mann quollen die Augen aus den Höhlen und seine Finger fingen über den Pistolen zu zucken an.
Die Saloontür wurde aufgestoßen und der Sheriff trat hinkend ein. Bevor er die gefährliche Situation entschärfen wollte, lud er seine Schrottflinte durch.
„Billy, regel das draußen!“ , sagte er nicht gerade selbstsicher.
Billy sah dem Sheriff ins Gesicht und dann auf sein steifes Bein.
„Sheriff, wollen Sie schon wieder Ärger mit mir?“
Der leckte sich ungeduldig über die Lippen. „Ich will nur, dass du meine Stadt verlässt. Also raus jetzt mit euch!“

Die Hauptstraße war geräumt worden. Die Pferde befanden sich hinter den Häusern, die Geschäfte waren geschlossen und alle Bewohner hatten sich in ihre Häuser zurückgezogen, um das Duell aus sicherer Entfernung zu beobachten.
Die Sonne stand hoch am Himmel. Der Wind wirbelte trockenen Staub auf und wehte einen abgestorbenen Busch zwischen den beiden Duelllisten über den Boden.
Zehn Yards trennten den Fremden und Billy.
Billy machte wellenförmige Bewegungen mit seinen Fingern direkt über den Griffen seiner Waffen.
Der Fremde hatte seinen Mantel ausgezogen und hielt seine linke Hand über dem Revolver mit dem elfenbeinernen Griff.
Billy starrte die ganze Zeit über auf die linke Hand, da sich an der rechten Hüfte nur ein paar kleine Taschen befanden.
Minuten vergingen, nichts geschah.
Der rechte Arm des Fremden fuhr langsam auf seinen Rücken. Dort steckte, vor Billys Blicken geschützt, sein zweiter Revolver.
Während er den Arm zurückschnellen ließ, spreizten sich Billys Finger und er wollte seine Waffen ziehen.
Der Fremde war schneller. Ehe er die Griffe berühren konnten, schallte schon ein Schuss durch die Straße und Billy wurde nach hinten geworfen.
Als er zu Boden fiel, breitete sich eine Staubwolke um seinen Körper aus.
Billy krümmte sich vor Schmerzen und fasste sich an die rechte Schulter. Ein glatter Durchschuss. Billy schrie wie ein kleines Kind um Hilfe.
Der Fremde hatte seinen Mantel wieder umgeworfen und kniete neben Billy.
Alle Anwohner waren aus den Häusern gekommen und versammelten sich um den Verletzten.
Der Fremde öffnete eine der Taschen an seinem Gürtel und zog eine Zange hervor.
Er hielt Billys Kopf fest und zog ihm beide goldenen Zähne.
Diese verstaute er in seinem Beutel mit den Nuggets.
Billy wimmerte nur noch und war keiner Bewegung mehr fähig.
Der Sheriff ließ die Handschellen klicken: „Im Namen des Gesetzes verhafte ich dich, Billy the Kid!“
Der Fremde begab sich wieder in den Saloon. Er wartete, bis der Barkeeper wieder seinen Platz eingenommen hatte und verlangte sein Glas kaltes Wasser.
Als er es bekommen hatte, schüttete er es sich über den Kopf. Erfrischt trank er seinen Whiskey aus, setzte seinen Hut wieder auf und verließ die Stadt.

Letzte Aktualisierung: 23.01.2011 - 18.16 Uhr
Dieser Text enthält 6214 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2019 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.