Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Jubilum | Februar 2011
Zehn Jahre nach der Großen Entladung
von J. Th. Thanner

Kurz vor Sonnenuntergang fand er beim wiederholten Stöbern in einem leerstehenden Haus eine Mappe. Sie enthielt die Familienpapiere der Leute, die einst hier gelebt hatten. John Fontana hieß der Vater, Marion Elizabeth die Mutter. Das Ehepaar hatte zwei Kinder: David und Suzanne; bei ihrem Tod waren sie zwölf und neun gewesen. Die Familiendaten waren fein säuberlich in den amtlichen Formularen festgehalten.
Er drehte die ID-Karte des Vaters in den Fingern. John … ein so schöner Name, dachte er. Ein Name, der ihm gefallen hätte. Er hätte sich John nennen können, wenn er damals schon daran gedacht hätte, seinen Namen zu ändern.
Er seufzte und spickte die Karte davon; sie segelte in weitem Bogen über den Unrat und Schutt und verschwand in der Dunkelheit einer Zimmerecke. Draußen verglühten gerade die letzten Sonnenstrahlen. Die Dunkelheit drängte sich aus den Ecken und Winkeln hervor und breitete sich im Zimmer aus. Er stolperte über ein paar Mauerbrocken durch den Hausgang ins Freie.
Die Straße lag als dunkelgraues Band vor ihm. Er wanderte sie entlang, bis er das Rauschen des Flusses hörte. Dann bog er nach links ab. Das Unterholz vermochte ihm nichts entgegenzusetzen. Es knackte und knirschte, als er sich durch das kniehohe Geäst drängte.
Der Fluss brauste und störte seine Gedanken. Als er das Ufer erreichte, glitzerte das Mondlicht auf den Wellen. Er vernahm etwas, das wie der Schrei einer Frau klang, doch dann dachte er, dass ihm seine Fantasie einen Streich spielte. Etwas trieb an ihm vorbei. Ein Baumstamm oder ein Stück Holz … er konnte es nicht genau erkennen.
Er riss sich das Hemd vom Leib und sprang ins Wasser. Eisige Kälte stach auf ihn ein. Mit kraftvollen Schwimmbewegungen bewegte er sich im Wasser rasch und leicht; wie eine der Forellen, die er letzten Samstag gefangen hatte. Er stach hinein und glitt durch die Kälte, und dann hatte er den Baumstamm erreicht. Es war kein Baumstamm. Er klammerte sich mit nassen, kalten Fingern an das Gestrüpp, das einem großen Vogelnest ähnelte, zog und zerrte daran. Beinahe schien es, er würde sich mit beiden Händen wie über den Rand eines Bootes hochstemmen und mit dem Oberkörper ins Innere fallen lassen. Doch dann fiel er ins Wasser zurück und begann mit der freien Hand Richtung Ufer zu rudern, mit der andern zog er das Nest hinter sich her.
Wieder ertönte ein Schrei, und diesmal war er fast sicher, dass es sich um eine Frau handelte. Doch es konnte auch ein Nachtvogel gewesen sein.
Er erreichte das Ufer, taumelte aus dem kalten Wasser und zerrte das ausgefranste Boot hinter sich her. Im Nachtwind fror er erbärmlich. Er merkte, wie er am ganzen Körper zu zittern begann. Sein Hemd lag weiter flussaufwärts, wahrscheinlich unwiederbringlich verloren.
Er griff ins Nest und holte das nackte Baby heraus. Er spürte die Wärme auf seiner Brust, als er es an sich drückte, diese wohlige, rettende Wärme, von der ihm nach viel mehr verlangte. Er erschrak; ihm fiel ein, dass er dem Baby die Lebenskraft entzog. Wenn er sich weiterhin an dem Kind wärmte, würde es auskühlen und sterben. Angst überfiel ihn; die Angst, dem Kind bereits zuviel von seiner Wärme geraubt zu haben. Er streckte es auf Armlänge von sich und betrachtete es im weißen Mondlicht. Es sah ihn unsicher an und quäkte und bewegte die kleinen Ärmchen, die Beinchen und das Köpfchen.
Er nahm es in sanften Griff und rannte los, durch das Dickicht, das zu beiden Seiten des Flusses stand.
Als er die Straße erreichte, hörte er einen Schuss und erneut den verzweifelten Schrei einer Frau – diesmal war er sich sicher –, der erstarb, und er hörte ihn nicht wieder.
Er lief, und sein Oberkörper trocknete im Nachtwind, und er presste das Baby an seine Brust und folgte der Straße. Sie führte zunächst in die leere Stadt mit ihren leeren Häusern und den leeren, nutzlos am Straßenrand abgestellten Fahrzeugen, aber dann führte sie weiter, aus der Stadt hinaus, wurde schmaler. Den Teer durchzogen hier viele Risse, aus denen Gras und Straßenblumen wucherten. Er lief, bis er nicht mehr laufen konnte, dann sank er an den Straßenrand und schnaufte und japste. Er legte das Baby auf den Boden und beugte den Oberkörper schützend darüber.
Zwischen seinen heftigen Atemzügen lauschte er in die Dunkelheit. Keine ungewöhnlichen Geräusche drangen heran. Weder das Dröhnen von Motoren, noch Schritte, noch Schreie, noch sonst etwas. Auch keine Schüsse mehr.
Als er wieder Luft bekam, stand er auf und lief weiter, das Baby an seiner Brust. Es weinte, und er spürte die Tränen auf seiner Haut. Kleine, warme Tränen, der Beweis für das Leben, das er in Händen hielt.
Er erreichte das Dorf. Er rief und schrie, und rannte die Straße entlang.
Sie kamen aus ihren Häusern und Hütten und sahen ihn, der sich wie toll gebärdete.
Was ist los? fragte seine Frau. Sie trat hinter ihn und legte ihre warme, kleine Hand auf sein Schulterblatt.
Er fuhr herum und präsentierte ihr, was er bei sich trug.
Seine Frau riss die Augen auf, und im Mondlicht konnte er sehen, wie sie aufleuchteten.
Die Dorfbewohner umringten ihn. Sie staunten.
Was ist das? fragte seine Frau mit zitternder, hoher Stimme, obwohl sie es ahnte.
Heute auf den Tag genau ist es zehn Jahre her, sagte er, und wir leben noch. Er ist der Beweis, dass wir weiterleben werden.
Jemand legte eine Decke um seine nackten Schultern; sie musste an einem Ofen gehangen haben, denn er spürte ihre wohlige Wärme und nahm sie dankbar auf. Er presste das Baby an die Brust und sagte: Sein Name ist John. Meine Frau und ich nehmen ihn auf.
Die Dorfbewohner murmelten freudig, niemand widersprach. Die Augen der wenigen Frauen, die seit der Großen Entladung Kinder geboren hatten, leuchteten. Sie freuten sich mit ihm und seiner Frau. Eine lief und holte warme Milch, eine andere brachte ein kleines Kleidungsstück, in die das Baby gesteckt wurde.
Seine Frau packte ihn an der Hand und zog ihn ins Haus. Lass uns mit der Planung für das Fest beginnen, sagte sie. Morgen feiern wir.


© J. Th. Thanner, Februar 2011



Letzte Aktualisierung: 18.02.2011 - 13.27 Uhr
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